Wie JASPERS die Region Andalusien bei frauen- und familiengerechten Verkehrslösungen berät

Von Alberto González Sánchez, Maja Roginska und Carmen Niethammer

Der Verkehrssektor ist ein wichtiger Motor unserer Gesellschaft und für die Mobilität von Menschen, Gütern und Ideen essenziell. Derzeit jedoch muss er vielfältige Herausforderungen bewältigen: Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Modernisierung und Resilienz.

Im nachhaltigen Verkehr spielen Frauen die Hauptrolle: Überwiegend Frauen nutzen nachhaltige Verkehrsmittel. Die andalusische Sozialerhebung 2011 zur Mobilität in Ballungsräumen zeigt, dass 65 Prozent der Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel sowie 59 Prozent der Fußgänger in Andalusien Frauen sind. Anders bei der Pkw-Nutzung: Frauen sitzen seltener am Steuer als Männer (41 gegenüber 59 Prozent) und sind häufiger Beifahrerinnen (71 gegenüber 29 Prozent). Diese Ergebnisse werden auch von neueren Studien bestätigt, etwa vom Verkehrsentwicklungsplan für den Großraum Granada und von der Durchführbarkeitsstudie für den Stadtbahnausbau in (beide in Arbeit). Der Durchführbarkeitsstudie zufolge sind 65 Prozent der Fahrgäste der Stadtbahn von Granada Frauen.

Die Fahrtzwecke und damit auch die Bedürfnisse von Frauen und Männern unterscheiden sich ebenfalls erheblich voneinander. Den Daten aus Andalusien zufolge stehen die meisten Fahrten von Frauen im Zusammenhang mit der Begleitung von Kindern (65 Prozent), Einkäufen (63 Prozent) oder Gesundheitsangelegenheiten (61 Prozent). Bei Männern überwiegen Pendelfahrten (58 Prozent), Geschäftsreisen (81 Prozent) und Freizeit (58 Prozent).

>@EIB

Wer nachhaltige Verkehrspläne und Mobilitätsstrategien entwickelt, muss also Frauen und ihre Bedürfnisse ins Zentrum der Planung stellen, Darüber hinaus sind Frauen meist nicht nur die Hauptnutzerinnen nachhaltiger Mobilität (ÖPNV, Fußverkehr), sie denken auch mehr an die Folgen für die Umwelt. Aus diesem Grund sind sie eher zu einem Umstieg auf nachhaltige Verkehrsmittel bereit.1   

1.     Wo liegen die größten Herausforderungen?

Der Verkehr ist ein Katalysator für Wirtschaftswachstum. Im Jahr 2015 machten verkehrsbezogene Ausgaben rund zwei Prozent des weltweiten BIP aus. Der Verkehr bietet Zugang zu Arbeitsplätzen, Bildung und Gesundheitsversorgung. Er verbindet Güter und Dienstleistungen mit den Märkten und ist ein wichtiger Wachstumsmotor.

Obwohl vor allem Frauen von einer nachhaltigen Mobilität profitieren, spiegelt sich dies in den Verkehrsplänen, -strategien und -projekten oft nicht wider. Um dieses Problem zu beheben, müssen die Bedürfnisse von Frauen stärker berücksichtigt werden, insbesondere in folgenden Bereichen:

  • Mobilitätsverhalten und Erwartungen: Dies umfasst die Kombination verschiedener Mobilitätsmuster, Fahrtzwecke, Verkehrsmittel und Fahrtzeiten. Frauen (oder Männer), die kleine Kinder zu Fuß zur Schule bringen, legen wahrscheinlich mehr Wert auf Verkehrssicherheit (und damit auf verkehrsberuhigende Maßnahmen) als Männer (oder Frauen), die zur Hauptverkehrszeit mit dem Auto pünktlich zu einem wichtigen Termin kommen wollen.
  • Physische Anforderungen: von der Höhe, in der Griffe und andere Elemente der Infrastruktur angebracht sind (Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer), bis zum Zugang zu sanitären Anlagen.
  • Sicherheitsaspekte: Wie das Europäische Institut für Gleichstellungsfragen berichtet, „sind Frauen im öffentlichen Verkehr mehr um ihre Sicherheit besorgt als Männer. So vermeiden Frauen beispielsweise Nachtfahrten bei schlechter Beleuchtung, weil sie körperliche und/oder sexuelle Übergriffe fürchten. Ebenso können überfüllte öffentliche Verkehrsmittel das Risiko sexueller Belästigung erhöhen“, was die Mobilitätsentscheidungen von Frauen beeinflusst.
  • Teilhabe am Arbeitsmarkt: Europaweit sind derzeit 67 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer erwerbstätig. Mit anderen Worten, es besteht ein geschlechtsspezifisches Beschäftigungsgefälle von 12 Prozent.2. Im Verkehrssektor sind lediglich 22 Prozent der Beschäftigten Frauen, die meisten in Verwaltungspositionen. Weniger als 5 Prozent arbeiten als Pilotinnen, Lkw-Fahrerinnen, Lokführerinnen oder in der Seefahrt.3 In Andalusien sind gerade einmal 17 Prozent der Beschäftigten im Landverkehr Frauen.4
  • Der 2019 veröffentlichte Bericht über Gewalt gegen weibliche Beschäftigte in der Verkehrswirtschaft, der sich auf eine Umfrage unter europäischen Verkehrsbeschäftigten stützt, enthält alarmierende Hinweise darauf, dass Frauen überall in Europa einem hohen Maß an Gewalt am Arbeitsplatz ausgesetzt sind. 25 Prozent der befragten Frauen meinen, dass Gewalt gegen Frauen im Verkehrssektor regelmäßig vorkommt, und 26 Prozent glauben, dass Belästigung im Verkehrssektor „zum Job dazu gehört“.

Daran etwas zu ändern, hat für die andalusische Regionalregierung und die Europäische Investitionsbank hohe Priorität. Mit dem Gesetz zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter5 sorgt Andalusien dafür, dass Gleichstellungsbelange bei der Planung von Verkehrssystemen berücksichtigt werden.

„Die Talente und Fähigkeiten von Frauen sind Schlüsselfaktoren, um unsere Ziele für die wirtschaftliche Erholung, nachhaltige Entwicklung und den Übergang zur Klimaneutralität zu erreichen“, so Marifran Carazo, Ministerin für Infrastrukturentwicklung der andalusischen Regionalregierung. „Gläserne Decken zu durchbrechen, ist nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern auch unsere Pflicht, wenn wir die Gesellschaft stärken wollen. Unser Recht auf Gleichstellung beruht nicht darauf, dass wir mutig, kompetent oder kompetitiv sein können, sondern allein darauf, dass wir Menschen sind.“

Aus Sicht der Europäischen Investitionsbank ist Geschlechtergerechtigkeit ein Grundwert der Europäischen Union und eines der zentralen UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung.

„Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist zwar ein Kernprinzip der Europäischen Union, sie ist aber noch lange nicht verwirklicht“, so Ursula von der Leyen. „In der Wirtschaft, in der Politik und in der Gesellschaft als Ganzes können wir unser Potenzial nur entfalten, wenn wir all unsere Kompetenzen und unsere Vielfalt voll ausschöpfen. Nur die Hälfte unserer Bevölkerung, unserer Ideen oder unserer Energie einzusetzen, reicht nicht aus“, betonte sie.

Im Jahr 2016 verabschiedete die Bank der EU die erste Strategie der EIB-Gruppe zur Gleichstellung der Geschlechter und zum wirtschaftlichen Empowerment von Frauen und legte Gender-Aktionspläne dazu vor. Der Europäischen Investitionsbank ist es auch ein zentrales Anliegen, Gleichstellungsaspekte in allen von ihr geförderten Projekten zu berücksichtigen.

„Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der Lösung des Klimaproblems: Sie gründen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmen, interessieren sich mehr für Energieeffizienz und investieren eher in erneuerbare Energien“, so EIB-Präsident Werner Hoyer. „Doch obwohl sie so viel bewirken könnten, haben Frauen wesentlich mehr Schwierigkeiten, an Geld für ihre Investitionen zu kommen. Hier kann die EIB helfen.“

Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der Lösung des Klimaproblems: Sie gründen mit größerer Wahrscheinlichkeit auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmen, interessieren sich mehr für Energieeffizienz und investieren eher in erneuerbare Energien

  • Werner Hoyer, EIB-Präsident
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2.     Wege zur Lösung: Frauengerechtes Planen

Gendersensible Lösungen im Verkehr zu finden heißt, die lokalen Besonderheiten zu berücksichtigen und sich dabei auf belastbare Analysen und Diagnosen zu stützen, etwa nach Geschlecht aufgeschlüsselten Nutzerdaten. Die Lösungen müssen multidimensional sein und sich an den Zielen einer übergreifenden Gleichstellungsstrategie orientieren. Einige Beispiele für geschlechtergerechte Maßnahmen werden hier vorgestellt. Sie betreffen Mobilitätsbedürfnisse, Sicherheit, Bezahlbarkeit und die Beschäftigung im Verkehrssektor.

  • Erfassung und Analyse geschlechterdifferenzierter Nutzerdaten, um die Bedürfnisse weiblicher und männlicher Nutzer des Verkehrssystems zu verstehen.
  • Maßnahmen zur Befriedigung der unterschiedlichen Bedürfnisse müssen sowohl physische Elemente (Infrastruktur, Zugänglichkeit, geschlechtergerechte Gestaltung) als auch die Angebotsseite in den Blick nehmen. So kann es notwendig sein, Taktfrequenzen außerhalb der Hauptverkehrszeiten zu erhöhen oder Routen anzupassen, um die Erreichbarkeit von Schulen, Kindertagesstätten und Lebensmittelgeschäften zu verbessern. All diesen Maßnahmen sollten eingehende Konsultationen mit Nutzern aller Geschlechter, Altersgruppen und Ethnien vorausgehen.
  • Die Sicherheit im öffentlichen Verkehr lässt sich durch eine Vielzahl von Maßnahmen erhöhen: bessere Beleuchtung, Videoüberwachung, weibliches Sicherheitspersonal, Notrufknöpfe oder Notruf-Apps, Bedarfshaltestellen und Verlegung/Wiederanbindung isolierter Haltestellen. Sehr wichtig ist außerdem die Schulung des Personals, damit es auf Situationen von (sexueller) Belästigung und Beschwerden über Belästigung angemessen reagiert. Fahrgäste sollten ermutigt werden, Vorfälle von Gewalt und Belästigung zu melden. Die Erfassung solcher Daten, einschließlich des Orts der Vorfälle, kann dazu beitragen, zielgerichtet weitere Maßnahmen zu ergreifen.
  • Öffentliche Verkehrsmittel werden häufig überwiegend von Frauen genutzt, wie das Beispiel Andalusien zeigt. In Verbindung mit der insgesamt geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen scheint die Bezahlbarkeit öffentlicher Verkehrssysteme ein Schlüsselfaktor für die Geschlechtergerechtigkeit zu sein. Zu den Maßnahmen, die Verkehrsmittel erschwinglicher machen können, gehören Monats-/Jahreskarten, Zuschüsse und Ermäßigungen für bestimmte Gruppen sowie eine Deckelung des Betrags, den Familien für öffentliche Verkehrsmittel zahlen müssen (z. B. in Abhängigkeit von der Anzahl der in einem Haushalt lebenden erwerbstätigen Erwachsenen).
  • Zugang zu ausreichenden, sauberen und sicheren Sanitäranlagen ist ein wichtiger Faktor für Frauen und Menschen, die mit Kindern unterwegs sind. Oft wird der für Toiletten vorgesehene Platz je zur Hälfte zwischen Frauen und Männern aufgeteilt. Frauen brauchen jedoch bis zu 2,3 mal so lange wie Männer für die Toilettenbenutzung. Sie machen außerdem die Mehrheit der älteren und behinderten Menschen aus, zwei Gruppen, die tendenziell mehr Zeit auf der Toilette benötigen. Schließlich können 20–25 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter ihre Periode haben und müssen daher möglicherweise Tampon oder Binde wechseln. Aus all diesen Gründen führt eine 50-50-Aufteilung des verfügbaren Toilettenraums effektiv zu längeren Wartezeiten für Frauen beim Zugang zu Sanitärräumen. Besondere Berücksichtigung verlangen auch die Bedürfnisse von Eltern, die mit Kindern unterwegs sind. Für sie muss genügend Platz vorgesehen werden.
  • Potenzielle Ungleichgewichte bei der Beschäftigung von Frauen und Männern im Verkehrssektor sollten durch Einstellungs- und Auswahlverfahren abgebaut werden. Beispiele sind gezielte Werbekampagnen, die Frauen ermutigen, sich zu bewerben; eine geschlechtersensible Unternehmensführung und Personalpolitik, etwa durch gleiche Entlohnung, Kinderbetreuungseinrichtungen vor Ort, flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle; oder eine angemessene Ausstattung des Arbeitsplatzes, etwa durch persönliche Schutzausrüstung und -kleidung, Fahrerkabinen sowie ausreichende und sichere Umkleide- und Sanitärräume.

3.     Beratungsleistungen der EIB: Die Rolle von JASPERS

Die Regionalregierung von Andalusien und die Europäische Investitionsbank arbeiten gemeinsam an der Planung und Entwicklung eines regionalen Mobilitätssystems, das die Bedürfnisse von Frauen in den Vordergrund stellt.

Die Einbeziehung von Gleichstellungsaspekten in Verkehrspläne und -projekte ist ein wesentlicher Bestandteil der Beratung, mit der die EIB die Region Andalusien unterstützt. Die Beratung erfolgt im Rahmen von JASPERS, einer gemeinsamen Initiative der EIB und der Europäischen Kommission, die Hilfe bei der Entwicklung von Projekten, Strategien, Plänen und Programmen leistet und so eine raschere Inanspruchnahme von EU-Mitteln fördert.

Die JASPERS-Studie analysiert die Lage in Andalusien und schlägt eine Methodik vor, um Gleichstellungsaspekte in den Verkehrsplänen andalusischer Städte zu berücksichtigen. Die Methodik wurde zwar für einen konkreten Standort und eine bestimmte Art von Plan entwickelt, doch kann sie leicht an andere Verkehrs- und Mobilitätspläne angepasst werden.

Die Regionalregierung von Andalusien hat diese Methodik übernommen und wird sie demnächst in ihren Plänen für Cordoba, Almeria und Sevilla umsetzen. Weitere Beratung zu Genderaspekten bietet JASPERS bei der Entwicklung der Durchführbarkeitsstudien für öffentliche Verkehrsprojekte.

Alberto González Sánchez ist Verkehrsexperte in der Abteilung Beratung strategischer Verkehr der Europäischen Investitionsbank.  Maja Roginska ist Senior Transport Economist in der Abteilung Strategische Eisenbahnen der Bank. Carmen Niethammer ist Expertin für Genderfragen im Referat Sozialpolitik der EU-Bank.


  1. 2020 CIVITAS Policy Note.
  2. Women's situation in the labour market | European Commission (europa.eu)
  3. EUR-Lex - 52020SC0331 - EN - EUR-Lex (europa.eu)
  4. Auf der Grundlage der Daten des spanischen Nationalen Statistikinstituts (INE) für die ersten drei Quartale 2021.
  5. Das Regionalgesetz 12/2007 zur Förderung der Geschlechtergleichstellung enthält unter Artikel 50 „Stadt-, Wohnungs- und Verkehrsplanung“ folgende Bestimmungen: „Die öffentliche Mobilitäts- und Verkehrspolitik zielt vorrangig darauf ab, Fahrtzeiten zu verkürzen und wohnortnahe Fahrtwege zu ermöglichen, die die Organisation des Familienlebens erleichtern.“