Onlinehandel im Lockdown beflügelt polnisches Robotikunternehmen, das in Warschau zu neuem Innovationshub beitragen könnte

Kacper Nowicki arbeitete während der Dotcom-Blase in Kalifornien bei Google und war beim Einstieg in die revolutionäre Technologie des maschinellen Lernens dabei. 2016 las er einen Forschungsartikel über tiefe neuronale Netze zur Steuerung von Robotern. Ihm war sofort klar, dass dieser Aspekt der künstlichen Intelligenz das nächste große Thema in der Technologiebranche sein könnte.

Um tiefer in die Materie einzusteigen, nahm er zwei Experten mit ins Boot: Marek Cygan, der schon Wettbewerbe für Algorithmen und maschinelles Lernen gewonnen hatte, und Tristan d'Orgeval, mit Erfahrung im Management von Start-ups. Gemeinsam gründeten sie das Robotikunternehmen Nomagic mit Sitz in Warschau.

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Kacper Nowicki, Marek Cygan und Tristan d’Orgeval (von links nach rechts), die Gründer des Warschauer Robotikunternehmens ©Nomagic

Die Entwicklung von KI-Software und ihre Integration in Industrieroboter ist nicht billig, vor allem nicht inmitten einer globalen Pandemie. „Man muss massiv in Forschung und Entwicklung investieren, um ein effizientes und zuverlässiges Produkt zu entwickeln, das für die Lagerlogistik geeignet ist“, sagt Tristan d'Orgeval, Chief Operating Officer von Nomagic.

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Mit der Software von Nomagic arbeitet der Roboter autonom mit wenig Aufsicht und „lernt“, wie ein bestimmter Artikel zu handhaben ist. Dieses Wissen wird dann sofort an alle anderen Roboter im Warenlager übertragen ©Nomagic

Polnische Robotertechnik macht Schluss mit Picking

Als George C. Devol, ein Erfinder aus Kentucky, 1954 den ersten modernen Roboter entwickelte, war die Industrie nicht interessiert. Heute gehört die Robotik zu den weltweit am schnellsten wachsenden Branchen. Die meisten Roboter setzen Dinge zusammen und führen sich wiederholende Tätigkeiten aus oder erledigen Arbeiten, die für Menschen zu gefährlich sind. Ihr Einsatzradius wächst rasant.

In modernen Warenlagern umfassen die meisten manuellen, von Menschen ausgeführten Tätigkeiten das sogenannte „Picking“: Waren werden aus einer Box entnommen und in eine andere gelegt. So öde das erscheint, es muss von Menschen erledigt werden. Grund: Die meisten modernen Roboter können Artikel in einem Container, der Hunderttausende potenziell unterschiedlicher Artikel enthält, nicht richtig identifizieren. Nomagic löst dieses Problem. Es bietet KI-basierte Software für Standard-Roboterarme an, die es den Robotern ermöglicht, eine breite Palette von Produkten zusammenzustellen.

Bei seiner Software nutzt Nomagic tiefe neuronale Netze. „Sie lassen den Roboter autonom mit wenig Aufsicht arbeiten und Wissen über die Handhabung eines bestimmten Artikels sammeln. Dieses Wissen überträgt sich sofort auf alle anderen Roboter im Lager“, erklärt Philippe Hoett, Senior Equity Investment Officer bei der Europäischen Investitionsbank (EIB), die im November einen Kredit an Nomagic vergab.

Die Roboter von Nomgic können Produkte entnehmen, prüfen, analysieren und ablegen und damit repetitive und mühsame Tätigkeiten von Menschen übernehmen. „Wir kombinieren drei Komponenten: unsere neuronalen Netze, die wir für autonome Tätigkeiten entwickelt haben, unsere cloudbasierte Robotik-Plattform für die Fernüberwachung und -steuerung und unsere Hardware, die sich für viele Produkte und Tätigkeiten eignet“, so Marek Cygan, Chief Technology Officer von Nomagic. „Diese Kombination macht den Unterschied.“

Vorteile tiefer neuronaler Netze:

  • bessere Ergebnisse bei unstrukturierten Daten wie Texten, Bildern usw.
  • keine Kennzeichnung der Daten erforderlich
  • hohe Effizienz bei der Erzielung hochwertiger Ergebnisse
  • keine unnötigen direkten Kosten
  • sie sind hoch skalierbar, weil sie riesige Datenmengen verarbeiten können

Venture Debt für polnisches Robotikunternehmen

Nomagic ist das erste Unternehmen in Polen, für das die Europäische Investitionsbank Venture Debt unter dem Paneuropäischen Garantiefonds bereitstellt. Der Garantiefonds wurde von der EIB-Gruppe eingerichtet, um kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vor den Folgen der Covid-19-Krise zu schützen. KMU wie Nomagic fehlt es an Finanzierungen für Wachstumsinvestitionen, und die Pandemie hat ihre Situation noch verschlimmert. „Wir haben schnell erkannt, dass wir Hilfe brauchen“, sagt Nowicki, CEO von Nomagic. „Die EIB wiederum hat erkannt, dass für Forschung und Entwicklung in Europa Geld benötigt wird, und unser investiertes privates Kapital ergänzt. Das war großartig.“

Der Europäische Garantiefonds soll über Garantien von bis zu 25 Milliarden Euro bis Ende 2021 in den teilnehmenden EU-Ländern 200 Milliarden Euro mobilisieren. „Dank des Fonds kann die Bank mehr Risiken übernehmen und Kredite an coronageschädigte Unternehmen vergeben“, so Hoett, der das Darlehen an Nomagic betreut.

Mit dem Kredit kann sich das Unternehmen auf Forschung und Entwicklung konzentrieren und sein Projekt in größerem Maßstab umsetzen, ohne sich um die Folgen der Pandemie zu sorgen. „Wir freuen uns sehr, dass wir mithilfe der EIB unsere Forschung weiter finanzieren und diese innovative Technologie in Europa aufbauen können“, sagt Nowicki

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Als europäischer Technologie-Pionier könnte Nomagic den digitalen Zusammenhalt in Polen fördern ©Nomagic

Durch die Pandemie beflügelt

Die Pandemie hat den gestiegenen Innovations- und Digitalisierungsbedarf in Europa verdeutlicht und damit genau dem Marktsegment von Nomagic neues Wachstum beschert. „Seit Beginn der Pandemie boomt der Onlinehandel. Das Marktpotenzial ist riesig – eine enorme Chance für Robotikunternehmen wie Nomagic“, so Fouad Bitar, Senior Industry Advisor bei der EIB.

Das wachsende Interesse am Onlinehandel eröffnet dem polnischen Unternehmen neue Möglichkeiten. „Nach Ausbruch der Pandemie gingen die Online-Bestellungen durch die Decke. Jedoch wurde es immer schwieriger, den Arbeitsschutz des Lagerpersonals zu gewährleisten“, sagt Tristan d'Orgeval von Nomagic. „Deshalb interessierten sich immer mehr Firmen für unser Produkt.“ 

Mit seinem Projekt ist Nomagic auch Vorreiter in der europäischen Technologiebranche. „Wir sind daran gewöhnt, Technologien aus den USA und anderen außereuropäischen Ländern zu verwenden. Aber wir entwickeln ein ganz neues Produkt, von dem Europa als erstes profitieren wird“, so Kacper Nowicki.

Das Projekt birgt auch Potenzial für die Region. Nomagic könnte hochspezialisierte Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung schaffen und den digitalen Zusammenhalt in Polen fördern. Das Unternehmen sponsert bereits ein Roboter-Lernlabor an der Universität Warschau, und Marek Cygan, CTO des Unternehmens, unterstützt das Robotikprogramm des Masterstudiengangs. „Das FuE-Team von Nomagic wird mit seinem wachsenden Know-how das gesamte Technologie-Ökosystem in der Region stärken. Nomagic wird Warschau und Polen helfen, sich als europäische Drehscheibe für Technologieunternehmen zu profilieren und neue Investoren in Mitteleuropa anzuziehen“, sagt Iwona Biernat, Investment Officer bei der EIB.