Neue Belege für die wachsende digitale Kluft und mögliche Verlierer

Von Désirée Rückert und Christoph Weiss

Artikel basierend auf The growing digital divide in Europe and the United States, EIB Working Paper 2020/07

Im Unternehmenssektor verbreiten sich digitale Technologien sehr schnell – das reicht von der Online-Bereitstellung digitaler Produkte und Dienstleistungen über Roboter in der Produktion, das Internet der Dinge (IoT), Big Data und künstliche Intelligenz (KI) bis hin zu Software-Anwendungen wie digitale Systeme für Backoffice-Tätigkeiten.

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt und entfaltet dabei sowohl kreative als auch destruktive Kräfte. Ein Grund, weshalb sie von Ökonomen und Entscheidungsträgern heftig diskutiert wird. Optimisten sind der Meinung, dass sie Wachstum und Produktivität ankurbeln und eine vierte industrielle Revolution auslösen wird. Konkrete Belege für eine derart deutliche Produktivitätssteigerung gibt es bislang jedoch nicht. Gleichzeitig befürchten viele Menschen, die Digitalisierung könnte eine disruptive Wirkung haben und zu einer stärkeren Polarisierung der Wirtschaft führen: Von den Vorteilen würden nur einige wenige sogenannte „Superstars“ profitieren, während viele andere Unternehmen und Arbeitskräfte als Verlierer dastünden.

Die wachsende digitale Kluft zwischen den Unternehmen, die Technologien einsetzen und denen, die keinen Zugang dazu haben, hat auch Folgen für das immer größere Produktivitätsgefälle. Wenn europäische Unternehmen nicht in der Lage sind, neue digitale Technologien in ihre Geschäftsmodelle einzubeziehen, werden sie auf der Strecke bleiben – selbst in den Sektoren, in denen sie derzeit noch führend sind, etwa im Automobilsektor. Es wächst die Sorge, dass EU-Unternehmen in nicht-digitalen Sektoren bei der Einführung digitaler Technologien hinterherhinken, vor allem im Dienstleistungssektor. Das deckt sich auch mit dem schwachen Produktivitätswachstum in der Europäischen Union.

Die Befürchtungen sind wahrlich berechtigt. Gleichzeitig lässt sich bislang nur unzulänglich belegen, in welchem Maße Unternehmen in den EU-Ländern und in den USA digitale Technologien einsetzen. Neue Belege für eine wachsende digitale Kluft liefert eine kürzlich durchgeführte Umfrage, in der europäische und US-amerikanische Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor zu ihren Digitalisierungsaktivitäten befragt wurden.

Unternehmen, die bereits digitale Technologien nutzen, sind eher bereit, weiter in die Digitalisierung zu investieren.

Insgesamt wollen rund 60 Prozent der Unternehmen in den kommenden drei Jahren verstärkt in digitale Technologien investieren. Nur 47 Prozent der im verarbeitenden Gewerbe tätigen EU-Unternehmen, die derzeit keine digitalen Technologien einsetzen, wollen in die Digitalisierung investieren, während über 60 Prozent der digitalen Unternehmen in diesem Bereich mehr Investitionen planen. Im Dienstleistungssektor sind die Unterschiede noch größer.

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Prozentanteil der Unternehmen, die in den nächsten drei Jahren verstärkt in digitale Technologien investieren wollen, nach Digitalisierungsintensität ©DR

In unserem Forschungsartikel identifizieren wir Digitalisierungsprofile, die auf der aktuellen Nutzung digitaler Technologien und zukünftigen Investitionsplänen basieren. Wir zeigen, dass diese Profile auf eine wachsende digitale Kluft hinweisen. Kleine verarbeitende Unternehmen und ältere kleine Dienstleistungsunternehmen setzen eher keine digitalen Technologien ein und werden dies auch in Zukunft nicht tun.

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Digitale Kluft in der Unternehmenslandschaft ©DR

Digitale Unternehmen wachsen eher und schaffen häufiger Arbeitsplätze

Wir untersuchen auch den Zusammenhang zwischen Digitalisierungsprofilen und verschiedenen Messgrößen für die Unternehmensleistung, darunter Beschäftigungszuwachs, Innovationstätigkeit und Gewinnaufschlag. Unternehmen, die ihre Digitalisierung mit Investitionen vorantreiben, werden eher neue Arbeitsplätze schaffen; Unternehmen, die nicht investieren, dürften jedoch weniger wachsen. Unternehmen, die nicht beabsichtigen, in die Digitalisierung zu investieren oder ihre Investitionen in diesem Bereich zu erhöhen („dauerhaft nicht-digitale/gleichbleibend digitale Unternehmen“) werden eher keine neuen Arbeitsplätze schaffen. Dagegen dürften Unternehmen, die verstärkt in digitale Technologien investieren – „Einsteiger“ und „Wegbereiter“ („Aufholer“ und „Schrittmacher“) – mehr neue Stellen schaffen.

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Prozentanteil der Unternehmen, die neue Arbeitsplätze schaffen, nach Digitalisierungsprofil ©DR

Wir bezeichnen Unternehmen als „nicht innovationsaktiv“, wenn sie nicht in FuE oder in andere Bereiche investieren, um neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen zu entwickeln oder einzuführen. Diese Unternehmen sind nicht an inkrementellen oder radikalen Innovationen beteiligt und nutzen auch keine Innovationen, die anderswo entwickelt wurden. Unternehmen, die bei der Digitalisierung hinterherhinken, sind daher eher „nicht innovationsaktiv“.

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Prozentanteil der „nicht innovationsaktiven“ Unternehmen, nach Digitalisierungsprofil ©DR

Viele der „dauerhaft nicht-digitalen“ Unternehmen in der EU geben an, dass der fehlende Zugang zu externen Finanzierungen ein Haupthindernis für Investitionen ist.

Fehlende externe Finanzierungen scheinen EU-Unternehmen stärker an Investitionen zu hindern als Unternehmen in den USA. Anders als in den USA nennen in der EU deutlich mehr „dauerhaft nicht-digitale“ Unternehmen den fehlenden Zugang zu Finanzierungsmitteln als Haupthindernis. Dies zeigt, dass die Entscheidungsträger in der EU vorrangig den Zugang zu Finanzierungen verbessern sollten, um dauerhaft nicht-digitalen Unternehmen den Weg in die Digitalisierung zu ebnen.

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Prozentanteil der Unternehmen, die den fehlenden Zugang zu externen Finanzierungen als Haupthindernis für Investitionen nennen ©DR