Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends läutete der große Teilchenbeschleuniger für europäische Innovationen eine neue Ära ein.

Im Palazzo dei Conservatori auf dem von Michelangelo prachtvoll umgestalteten Kapitolshügel unterzeichneten Vertreter von sechs europäischen Nationen am 25. März 1957 die Römischen Verträge. Das Vertragswerk, das auch die Artikel zur Gründung der Europäischen Investitionsbank enthält, war – wie ein Historiker es formulierte – „eine Erklärung der guten Absichten für die Zukunft”. Über einen Zeitraum von zwei Wochen veröffentlichen wir eine kleine Auslese von Geschichten zum sechzigsten Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge – eine Geschichte für jedes Jahrzehnt der Entwicklungsgeschichte der Bank. Diese Geschichten dokumentieren, wie die EIB dazu beigetragen hat, gute Absichten Wirklichkeit werden zu lassen.

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Endlich war es soweit. In einem 27 km langen Tunnel wurde ein Teilchenstrom von riesigen Steuermagneten auf seiner Kreisbahn gehalten, während leistungsstarke Linsen ihn fokussierten. Im Kontrollraum des LHC, des Großen Hadronen-Speicherrings, der Europäischen Organisation für Kernforschung sprang Dr. Frédérick Bordry aufgeregt von seinem Stuhl. Ein Vierteljahrhundert nach dem Beginn der Vorarbeiten hatten sie die Bedingungen reproduziert, die kurz nach dem Urknall herrschten. Bordry und seine Kollegen konnten die Kollision zweier Protonenstrahlen beobachten, die mit Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprallten. Freudig erhob der Leiter der Technologieabteilung ein Glas Champagner, um den Erfolg der internationalen Forschungseinrichtung an der französisch-schweizerischen Grenze zu feiern. „Wow! Wir haben es wirklich geschafft“, dachte Bordry, der heute Direktor für Beschleuniger ist. „Dies ist ein Riesenschritt hin zu einem tieferen Verständnis dessen, was Materie ausmacht.“

Das war im März 2010. Doch der Ursprung des Universums und die Eigenschaften der Materie lassen sich nicht mit einem Schlag enträtseln. Jahrzehnte der Vorbereitung gingen diesem Moment voraus. Wie die anderen Wissenschaftler am CERN (so die französische Abkürzung des ursprünglichen Namens der Forschungseinrichtung) weiß auch Bordry, dass noch unendlich viel Arbeit vor ihnen liegt. Das Projekt soll bis mindestens Ende der 2030er Jahre laufen. „Wir können nun ungefähr vier Prozent der Masse des Universums erklären“, erläutert er. „Das ist zwar ein großer Erfolg, aber es beantwortet nur einen Bruchteil unserer Fragen. Als Nächstes wollen wir herausfinden, was es mit der Dunklen Materie auf sich hat.“ Ungeachtet dessen haben die Erkenntnisse und Techniken, die im Rahmen der Grundlagenforschung am CERN gewonnen wurden, bereits zur Gründung einer Reihe von Startup-Unternehmen geführt. Ein Teil der Forschungsergebnisse steht außerdem privaten Unternehmen unter Lizenz zur Verfügung. Daneben plant das CERN, sein Unternehmensgründungsprogramm in Zusammenarbeit mit anderen Forschungsinstituten und Hochschulen weiter auszubauen.

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Einzigartig für die Bank

Genau dies hatte sich die EIB vorgestellt, als sie dem CERN 2002 ein Darlehen von 300 Millionen Euro gewährte, um einen Teil des Baus des LHC zu finanzieren. In diesem Jahrzehnt wandte sich die Bank verstärkt der Förderung der Innovation zu. Dies war zunächst eine Reaktion auf den Beschluss des Europäischen Rates im Jahr 2000, eine umfassende wissensbasierte Wirtschaft in Europa zu schaffen. Die Pläne des Rates wurden zwar letztlich durch den Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 durchkreuzt, aber bis dahin hatte die EIB ihre Finanzierungsziele im Bereich Innovation für das gesamte Jahrzehnt bereits mehr als erfüllt. Von allen Projekten, die die EIB in jenem Jahrzehnt finanzierte, war das am CERN zweifellos das wissenschaftlich anspruchsvollste. Doch profitierten auch viele andere Vorhaben  vom verstärkten Engagement der EIB in diesem Bereich. „Verglichen mit den früheren Projekten der Bank war dieses Engagement wirklich einzigartig“, meint Aristomenis Pofantis, stellvertretender technischer Berater in der Abteilung Innovative Industrien der EIB. „Die Bank betrat damit Neuland.“

Die Forschung, die das CERN in jenem Jahrzehnt der Innovation hervorgebracht hatte, machte es der Bank leicht, dem Forschungszentrum 2016 einen weiteren Kredit von bis zu 250 Millionen Schweizer Franken zu gewähren. „Mit diesem neuen Darlehen wird das so genannte HL-LHC-Projekt (der High Luminosity Large Hadron Collider) finanziert, durch das die Luminosität und damit die Leistungsfähigkeit des bestehenden Beschleunigers erhöht werden soll“, erklärt Juan de Pierpont, der als hauptverantwortlicher Kreditreferent den zweiten Darlehensvertrag mitbetreute. „Mit unserer Finanzierung ermöglichen wir es dem CERN, seine Investitionen zu beschleunigen.“

Und dies funktioniert so: Die am CERN beteiligten 22 Mitgliedstaaten stellen der Forschungseinrichtung einen jährlichen Haushalt von 1,2 Milliarden Schweizer Franken zur Verfügung. Dieses Budget steht fest und sieht auch bei einem höheren Mittelbedarf im Zusammenhang mit größeren neuen technologischen Vorhaben keine Mehrzuwendungen vor. Um die mit der geplanten Modernisierung verbundenen Sonderausgaben zu decken, nimmt das CERN das Darlehen der EIB in Anspruch und zahlt die Mittel später aus seinem regulären Haushalt zurück. „Ohne die EIB hätten wir uns an Geschäftsbanken wenden müssen“, sagt Catherine Spencer, Finanzchefin des CERN. „Die Bedingungen und Modalitäten der EIB sind jedoch viel besser auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten und daher attraktiver für uns.“

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Wissenstransfer

In der Fachwelt sorgte das CERN mit seiner Entdeckung des Higgs-Bosons für einige Schlagzeilen. Dieses Teilchen ist mit einem Mechanismus verknüpft, durch den Elementarteilchen ihre Masse erhalten. Trotz des hoch theoretischen Charakters dieser Entdeckung hat die Arbeitsgruppe Wissenstransfer am CERN auf der Grundlage dieser Forschungen bereits 16 neue Unternehmen gegründet. Auch die breitere Öffentlichkeit profitiert von den Ergebnissen der Forschung. So sind zum Beispiel die Hochvakuumsysteme für die Heiz- und Klimaanlage auf dem Dach des Genfer Flughafens ein Spin-off der im LHC eingesetzten Vakuumtechnologie. In Italien und Österreich werden Protonentherapien für die Krebsbehandlung entwickelt, während in Frankreich die Hochfeldmagnete des CERN für Anwendungen in der Neurologie genutzt werden.

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Errungenschaft des CERN die Welt nachhaltig verändert hat. Schließlich war es ein britischer Wissenschaftler am CERN, der 1989 das Worldwide Web erfand. Laut Thierry Lagrange, Direktor der Abteilung Industriebeziehungen, ist das nächste Projekt schon in Planung. In Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen, Universitäten und Unternehmen möchte das CERN eine Initiative mit dem Namen ATTRACT auf den Weg bringen. Ziel dieser Initiative ist es, Mittel aus dem Privatsektor für die Finanzierung von Projekten zu mobilisieren, bei denen Ideen aus der wissenschaftlichen Arbeit umgesetzt werden.

Möglicherweise wird sich die EIB an der Finanzierung dieses Programms beteiligen. Schließlich hat die Bank seit ihrem ersten (und zunächst einmaligen) Darlehen für ein Großforschungsprojekt am CERN schon weitere hoch komplexe Forschungsvorhaben finanziert, darunter zum Beispiel:

  • 2009: Die Erweiterung der Forschungseinrichtung Sincrotrone Trieste. Darlehen über 20 Millionen Euro für den Ausbau der Forschungskapazität des Freie-Elektronen-Lasers am Synchrotron-Elektronenbeschleuniger in Triest, Italien. Der Laser erzeugt ultrakurze Lichtpulse im UV- bis Röntgenbereich mit Spitzenleistungen im Gigawatt-Bereich und liefert damit extrem helle Strahlungsquellen. Dies ermöglicht die stroboskopische Untersuchung dynamischer Phänomene auf molekularer Ebene. 2004 hatte sich die Bank bereits mit einem Darlehen von 60 Millionen Euro an der Finanzierung der Modernisierung des bestehenden Synchrotrons beteiligt.
  • 2015: Die Europäische Synchrotonstrahlungsanlage (ESRF). Darlehen über 65 Millionen Euro zur Modernisierung der Europäischen Synchrotronstrahlungsquelle ESRF in Grenoble, Frankreich, mit dem Ziel, die Kohärenz und Brillanz der erzeugten Röntgenstrahlung zu optimieren und zu steigern. Diese Strahlung wird in der Forschung mit Photonen für ein breites Spektrum mikroanalytischer Verfahren verwendet.
  • 2016: Die Europäische Spallationsquelle (ESS). Darlehen über 100 Millionen Euro für den Aufbau einer internationalen Forschungsinfrastruktur im schwedischen Lund und in Kopenhagen. Da die ESS im Vergleich zu den bestehenden Anlagen hundert Mal hellere Neutronenstrahlen liefert,  bietet dieses Projekt die Möglichkeit, mit Hilfe der Neutronenstreuung Werkstoffstrukturen und -bewegungen auf molekularer Ebene zu beobachten. Forschern in verschiedenen Disziplinen eröffnen sich so neue Möglichkeiten, etwa in den Lebenswissenschaften, der Ökologie, der Energieversorgung, im Verkehr und im Maschinenbau sowie in der Physik, der Chemie und sogar in der Archäologie.