Nach den Schriften des antiken Geschichtsschreibers Strabon nutzten die Salasser das Wasser im italienischen Aostatal für ihre Ländereien und Goldgruben. Das brachte Ärger, Auseinandersetzungen und einen blutigen Krieg, bis schließlich die Römer das Gebiet im Nordwesten des Landes einnahmen.

Auch danach bestimmte Wasser über die Jahrhunderte maßgeblich das Leben in der autonomen Bergregion – von der Feudalzeit, als der Landesherr den Grundherren die Rechte zur Wassernutzung gewährte, bis in die moderne Zeit, in der das Eigentum an Wasser und Wäldern an die Kommunen fiel. Und es ist auch heute noch so, da die Flüsse etwa 91 Prozent des Strombedarfs der Region decken. Keine andere italienische Region bezieht einen so großen Teil ihrer Energie aus erneuerbaren Quellen.

Das in den höchsten Bergen Europas gelegene Aostatal hat den Status einer autonomen Region und damit mehr Kontrolle über eigene Gesetze und Gelder als andere italienische Regionen. Genau genommen ist die Kontrolle über lokale Ressourcen wie Wasser sogar eine Bedingung dieser Autonomie.

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Der Notstand in Valgrisenche

Den Menschen im Aostatal sind Probleme im Umgang mit dem Wasser nicht fremd. Ein Beispiel ist die Beauregard-Talsperre bei Valgrisenche: Der 1957 gebaute Damm zur Anlage eines riesigen Stausees für Wasserkraft hatte massive Auswirkungen auf die Umgebung. Die umliegenden Dörfer mussten weichen, und ihr kulturelles Erbe verschwand mit ihnen.

Aber der Damm erzählt auch eine Geschichte von Evolution und Widerstandskraft. 2011 erhielt die Compagnia Valdostana delle Acque (CVA), der Energieversorger des Aostatals, 200 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank. Mit dem Kredit wollte die CVA Dämme und Wasserkraftwerke in der Region sanieren und neue Infrastruktur und Solaranlagen bauen.

Im Rahmen der Sicherheitsarbeiten wurde in den Jahren 2011 bis 2015 ein großer Teil der Beauregard-Talsperre wieder abgetragen. Damit schrumpfte der Damm in seiner sichtbaren Höhe von 72 auf 20 Meter und gab den Blick über das Tal wieder frei. Dies half, das historische Erbe der Gegend wiederherzustellen.

Mit den Arbeiten an dem Damm zeigt die Compagnia Valdostana delle Acque ihr Engagement für Nachhaltigkeit und Fortschritt, sagt Firmenchef Giuseppe Argirò. Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 erzeugt die Gesellschaft, die zu den größten Stromerzeugern Italiens zählt, ausschließlich regenerative Energie.

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Die Menschen haben ihr Tal wieder

Durch den Rückbau der Beauregard-Talsperre und andere Arbeiten hat sich auch die Tierwelt im Tal erholt. Außerdem wurden Wanderwege angelegt, die von heimischen Pflanzen gesäumt sind. Zudem haben sich besonders die Staudämme zu einem Touristenmagnet und einer Einkommensquelle entwickelt, die der lokalen Wirtschaft neuen Schub gibt.

Und die verlassenen Dörfer erzählen über die Kultur der Bergregion – das Wissen und die Traditionen der Menschen, die dort lebten.  Es gibt bereits Ideen und Pläne, sie als „Smart Villages“ wiederzubeleben.