Handy-App und intelligente Software erleichtern Flüchtlingen den Einstieg in einen für sie völlig neuen Arbeitsmarkt

Flüchtlinge und Einwanderer bringen oft Fähigkeiten und Erfahrungen eines langen Arbeitslebens in ihre neue Heimat mit. Meist haben sie es aber schwer, diese Talente bei Arbeitgebern anzubringen.

Auch haben sie nicht die Beziehungen und Freunde vor Ort, die bei der Arbeitssuche so wichtig sind.

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©EIB Institute

Das Amsterdamer Start-up SkillLab will das ändern und die Arbeitssuche „demokratisieren“, so Karim Bin-Humam, einer der Gründer des Sozialunternehmens. Dazu setzt es auf eine App mit künstlicher Intelligenz. Die App zeigt Arbeitsuchenden, wo ihre Stärken liegen und wie sie diese auf dem neuen Arbeitsmarkt einsetzen können. Durch Verträge mit öffentlichen Arbeitsvermittlungsdiensten und anderen Einrichtungen baut SkillLab das Angebot für seine Kunden weiter aus.

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Bin-Humam will die Arbeitssuche für Flüchtlinge und andere Menschen „demokratisieren“. (SkillLab) ©SkillLab

Einer der Nutzer der App ist Omar, der 2016 mit einem Sekundarschulabschluss aus dem Jemen in die Niederlande kam. Omar hatte in Saudi-Arabien im Einzelhandel und im Immobiliengeschäft gearbeitet, fand aber in seiner neuen Heimat keine Stelle. 2018 begann er, an zwei Tagen die Woche ehrenamtlich in einem Tierheim zu arbeiten, während er nebenbei weiter nach Arbeit suchte.

2019 absolvierte er über das Arbeitsamt der Stadt Amsterdam einen Qualifikationstest mit der App „SkillMap“ von SkillLab. Gemeinsam mit seinem Fallmanager fand er heraus, dass er aufgrund seiner Fähigkeiten für eine Laufbahn in der Logistikbranche infrage kam. Mit den per SkillMap generierten Bewerbungsunterlagen und -daten wandten sich Omar und sein Fallmanager an mögliche Arbeitgeber.

„Die App hat mir wirklich geholfen. Ich konnte meine Fähigkeiten in meiner Muttersprache genau analysieren und mich dann optimal präsentieren. Das war bei früheren Bewerbungsgesprächen nicht möglich“, sagt Omar.

Im März fand er einen Vollzeitjob bei United Parcel Service in den Niederlanden.

Fähigkeiten statt Jobbezeichnungen

„Ich wollte immer schon etwas für die Chancengleichheit machen“, sagt Bin-Humam. „Viele Jobchancen beruhen auf Abschlüssen, Hochschulen, Jobbezeichnungen, die einen bestimmten Status signalisieren. Flüchtlinge haben diesen Status nicht und werden dann oft übergangen, selbst wenn sie wertvolle Fähigkeiten zu bieten haben.“

Das 2018 gegründete Unternehmen SkillLab gehörte 2020 zu den Finalisten des Wettbewerbs für Soziale Innovation. Mit der Initiative fördert das EIB-Institut Unternehmen, die an Lösungen für gesellschaftliche Probleme arbeiten. SkillLab hat mehrere andere Auszeichnungen erhalten. So gehörte es 2019 zu den 20 Unternehmen, die bei einem Wettbewerb zu künstlicher Intelligenz und ihrem Einsatz zur Lösung gesellschaftlicher Probleme Fördergelder von Google erhielten.

Nicht nur Flüchtlinge nutzen die Software von SkillLab, sondern auch Menschen, die ihren Job verloren haben: wegen neuer Technologien, Outsourcing und anderer Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Die App von SkillLab funktioniert in 27 Sprachen, darunter Arabisch. Laut Karim Bin-Humam und Christoph Bretgeld, einem weiteren Gründer des Unternehmens, ist einer der Schlüssel zum Erfolg ihres Systems die Ausrichtung auf Fähigkeiten statt auf Jobbezeichnungen.

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Bretgeld sieht einen der Schlüssel zum Erfolg des SkillLab-Systems in der Ausrichtung auf Fähigkeiten statt auf Jobbezeichnungen. (SkillLab) ©SkillLab

„Eine Jobbezeichnung in einer Kultur kann in einer anderen für etwas komplett Anderes stehen“, sagt Bretgeld. „Fähigkeiten lassen sich leichter übersetzen.“

Ein weiterer Nutzen des SkillLab-Ansatzes ist für ihn das Gefühl der Selbstwirksamkeit und Würde, das Menschen bei ihrer Arbeitssuche gegeben wird.

„Unsere Datenbank umfasst knapp 14 000 Fähigkeiten“, sagt er. „Wenn uns jemand nach unseren Fähigkeiten fragt, würden Sie und ich uns wahrscheinlich schwertun, diese Frage zu beantworten. Mit KI klappt das aber besser, und die App weiß, welche weiteren Stärken normalerweise mit bereits festgestellten Fähigkeiten verbunden sind. Die App hilft den Leuten, ihre Kompetenzen und Erfahrungen genau darzustellen. Sie können damit sogar einen ansprechenden Lebenslauf in einer fremden Sprache erstellen.

Wachstum weltweit

Viele Arbeitssuchende – auch Menschen, die seit Jahren keinen Job mehr haben – wissen gar nicht, was für Fähigkeiten sie eigentlich haben. Die Hilfestellung dabei, das zu entdecken, gibt ihnen Selbstvertrauen, so Bretgeld. Jetzt wissen sie besser, was sie können, in welchem Bereich sie nach Arbeit suchen sollten und welche Aus- oder Weiterbildung sie für Arbeitgeber eventuell noch wertvoller macht.

Die Software von SkillLab hilft Arbeitsämtern und Jobvermittlern, ihre Ressourcen optimal zu nutzen – insbesondere wenn ein Großteil der Arbeit wegen der Coronapandemie im Home-Office erfolgt. Bin-Humam nennt als Beispiel ein Arbeitsamt in Thessaloniki, das eine große Zahl von Flüchtlingen bei der Arbeitssuche begleitet.

„Das ist für das Arbeitsamt mit monatlich 300 bis 400 neuen Arbeitssuchenden eine Herkulesaufgabe, schon allein wegen der Sprachbarriere, weil die meisten kein Griechisch sprechen.“ 

In nur zwei Jahren ist SkillLab auf ein Team von 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angewachsen. Für die ersten Monate des Jahres 2021 sind weitere Einstellungen geplant. Das Unternehmen hat Verträge in mehreren europäischen Städten, mit dem finnischen Staat und mehreren Ländern in Lateinamerika geschlossen. Daneben arbeitet es mit der Internationalen Arbeitsorganisation zusammen, die ihren Partnerorganisationen beispielsweise in Jordanien und Ägypten Lizenzen für die Nutzung von SkillLab bereitstellt.

Laut Bretgeld bringen einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von SkillLab Erfahrungen aus ehrenamtlichen Jobs mit. Sie hatten nach Möglichkeiten gesucht, mithilfe von Technologie mehr zu erreichen.

„Arbeit ist für die Menschen wichtig, weil sie ihnen Würde verleiht und Identität schafft“, sagt er. „Wir wollen den Menschen Chancen und Perspektiven geben und erreichen, dass sie an der Gesellschaft teilhaben.“