Dämpfverfahren aus dem 19. Jahrhundert erobert die Landwirtschaft

Wenn Hans Kristian Westrum über die Anfänge seines Unternehmens SoilSteam International spricht, erzählt er zunächst von drei Landwirten in Südnorwegen: seinem Vater und zwei seiner Freunde.

Wie die meisten Bauern der westlichen Welt setzten sie 1995 auf ihren Feldern Pestizide und Fungizide ein. Das kostete viel Geld, bot jedoch keinen Schutz gegen Schädlinge, Unkraut und Pilzbefall – ganz im Gegenteil.

„Mein Vater war Idealist und arbeitete hart, wie die meisten Landwirte. Er musste stets noch Geld dazuverdienen und machte nie Urlaub“, sagt Westrum, CEO von SoilSteam.

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Sein Vater Kjell Westrum sah sich nach Alternativen um und stieß dabei auf ein Verfahren, das Unkraut und Pilze mit Dampf abtötet. Die Methode existiert schon seit dem 19. Jahrhundert und wird zum Teil heute noch in Gewächshäusern angewendet.

Von dem Verfahren überzeugt gingen die drei Freunde trotz ihres hektischen Alltags ein weiteres Projekt an – eine mobile Feldmaschine, die den Boden ohne Chemie bearbeitet.

In zehn Jahren entwickelten sie eine rollende Dämpfmaschine, die die Erde bis in eine Tiefe von 25 Zentimetern auf 80 Grad Celsius aufheizt. „Dass die drei keine Ingenieure waren, sah man dem Ding direkt an“, scherzt Westrum. „Aber es funktionierte.“

Für eine chemiefreie Landwirtschaft

80 Grad reichen aus, um Unkraut, Schädlinge wie Nematoden und verschiedene Pilze abzutöten, ohne den Boden komplett zu sterilisieren. Das Ergebnis war erstaunlich: Die Erträge stiegen zum Teil um 75 Prozent, und der Effekt hielt mehrere Agrarperioden an.

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Hans Kristian Westrum (SoilSteam) ©SoilStream

Westrum schloss zu dieser Zeit gerade sein Wirtschaftsstudium ab und beriet die Landwirte bei ihrem Vorhaben, eine Firma zu gründen. Doch als sein Vater 2013 unerwartet starb, kam das Projekt zum Stillstand.

„Die ganzen Papiere lagen auf dem Schreibtisch meines Vaters, und seine zwei Kumpels hatten keine Energie, um weiterzumachen. 2015 sagte ich zu meiner Frau, dass es eine Schande wäre, wenn all diese Arbeit umsonst war.“

Mit dem Segen der Freunde seines Vaters, Olav Wirgenes und Arvid Laksesvela, meldete er ein Patent für die von ihnen entwickelte Maschine an und gründete 2016 SoilSteam. Bislang hat die Firma vier Maschinen im Einsatz: drei auf Feldern in Europa und eine in Kalifornien, die Teil eines Forschungsprojekts der University of California-Davis ist. Bis 2022 sollen es 18 Maschinen sein und anschließend die Stückzahlen schnellstmöglich erhöht werden.

SoilSteam war einer der Finalisten des Social Innovation Tournament 2020. Mit dem Wettbewerb zeichnet das EIB-Institut Unternehmen aus, deren Projekte sich positiv auf die Gesellschaft auswirken.

Interesse aus dem Ausland

Steven A. Fennimore ist Forscher und Landwirtschaftsberater an der UC-Davis und befasst sich seit 2007 intensiv mit der Bodendämpfung. Für ihn hat das Verfahren eindeutig Vorteile, doch ist nach wie vor unklar, ob es auf den riesigen Anbaufeldern Nordamerikas funktioniert.

Er lud Westrum 2018 und erneut im Februar 2020 zu Gesprächen nach Kalifornien ein und stellte den Kontakt zu Driscoll's her, dem weltweit größten Beerenproduzenten. Der Forscher sieht in der Technologie von SoilSteam Potenzial und will die Maschinen unbedingt auf kalifornischen Feldern einsetzen, um sich selbst ein Bild zu machen.

„Das Interesse ist groß, weil Bio-Produkte beliebt sind“, sagt Fennimore, für den Dampf gegenüber Pestiziden noch viele weitere Vorteile bietet. „Der Einsatz von Pestiziden ist eine komplexe Angelegenheit – da sind Genehmigungen einzuholen, die Wetterbedingungen und natürlich die Toxizität zu berücksichtigen. Wenn man Felder bedampfen könnte, wäre es wie Pflügen oder Ernten. Man bräuchte keine speziellen Genehmigungen.“

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In Südnorwegen konnte Landwirt Oystein Fredriksen seinen Ertrag um 75 Prozent steigern, nachdem seine 12 Hektar Karottenfelder in der Nähe von Arendal im Herbst 2019 mit der SoilSteam-Maschine bearbeitet wurden. Und nicht nur das: Weil der Pilz, der Karotten befällt, größtenteils aus dem Boden entfernt wurde, waren die Karotten mehrere Monate länger haltbar. Für Fredriksen ist sein Boden ein kostbares Gut. Er achtet sehr darauf, dass die Erde ausreichend Nährstoffe enthält, damit qualitativ gute Karotten und damit gesunde Lebensmittel entstehen.

Er ist überzeugt: „Diese Technologie wird die Landwirtschaft nachhaltig verändern. Der einzige Nachteil ist, dass die Maschinen mit fossilen Kraftstoffen betrieben werden. Das Verfahren ist absolut effektiv.“ 

Die Herausforderungen sind enorm, doch Westrum lässt sich nicht entmutigen: „Die Welt da draußen ist riesig. Um alle Gemüse-, Obst- und Beerenfelder in Europa und Nordamerika zu dämpfen – und das alle fünf Jahre – bräuchten wir 15 000 bis 20 000 Maschinen.

2016 überlegten wir, wie wir die Landwirtschaft verändern und ein Game Changer werden könnten. Aber wir wagten nicht, es in der Öffentlichkeit auszusprechen. Das ist jetzt vorbei.“

Weitere Informationen über den Wettbewerb für Soziale Innovation des EIB-Instituts.