Wissensaustausch hilft Entwicklungsländern aus der Wasserkrise

Thomas Van Gilst und Marco Beroš

Wissen und Erfahrung teilen – das ist harte Arbeit. Wer verstehen will, was ein Kunde braucht, und dann die richtigen Fachleute zusammenbringen will, muss viel Zeit und Recherche investieren.

Die Wasser- und Sanitärkrise beeinträchtigt das Leben von Abertausenden Menschen überall auf der Erde. Wir müssen also handeln, und ein zentraler Mosaikstein heißt Wissensaustausch. Das Grundwissen, um Wasser fürs Überleben zu finden, haben die Menschen seit jeher. Die Herausforderungen von heute erfordern jedoch Fachwissen, das nicht überall ohne Weiteres vorhanden ist. Damit auch Menschen in armen, abgelegenen Gegenden sauberes Wasser und eine adäquate Sanitärversorgung erhalten, müssen wir eine immense Wissens- und Erfahrungslücke füllen.

Die Weltbevölkerung und die Verstädterung nehmen rapide zu. Mit unserem Verbrauch können die natürlichen Ressourcen nicht mehr mithalten. In ärmeren Ländern müssen Wasserbehörden ihre Projekte ohne große Budgets und Schulungen stemmen. Weniger entwickelte Länder brauchen mehr Investitionen und Beratung für gute Wasser- und Sanitärprojekte als derzeit verfügbar sind.

Innerhalb und außerhalb Europas

Die Europäische Investitionsbank ist insofern einzigartig, als sie innerhalb und außerhalb der Europäischen Union aktiv ist. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir zu hohen Standards in der öffentlichen Versorgung beigetragen und dabei einen großen Schatz an Erfahrungen und Expertise gewonnen. Unsere Expertinnen und Experten verfügen über das Rüstzeug, um schwächeren Projektträgern beizuspringen. Gemeinsam mobilisieren sie das Know-how, das Städte und Gemeinden brauchen, um bedarfsgerechte Projekte vorzubereiten und umzusetzen. All dies selbstverständlich nach unseren Standards für die Auftragsvergabe sowie ökologische und soziale Aspekte.

Als einer der größten Geldgeber des Wassersektors stellte die Europäische Investitionsbank in den vergangenen zehn Jahren 33 Milliarden Euro als Darlehen, Zuschüsse und technische Hilfe für über 300 Projekte weltweit bereit. In Afrika vergab die Bank in diesem Zeitraum knapp zwei Milliarden Euro für Wasser- und Abwasservorhaben. 29,6 Millionen Menschen dürften allein durch die im Jahr 2020 unterzeichneten Projekte sicheres Trinkwasser erhalten und 15,5 Millionen eine bessere Sanitärversorgung.

Fähigkeiten, Wissen, Tools

Bei den meisten Projekten außerhalb der Europäischen Union müssen wir vor allem technische Hilfe und Kompetenzaufbau planen und mobilisieren. Bevor wir Finanzierungsverträge abschließen, schauen wir genau hin: Hat der Kunde die Fähigkeiten und das Wissen, die Tools und die Ausrüstung und auch sonst alle Ressourcen, um das Projekt fertigzustellen und langfristig zu betreiben?

Im Wassersektor ist öfter Land unter. Von der Leistung der Kläranlagen über Versorgungsunterbrechungen, Leckagen, Verunreinigungen bis hin zur Gebührenabrechnung – Probleme gehören zur Tagesordnung. Und Wasser von A nach B zu bringen, kostet. Ein Kubikmeter wiegt 1 000 Kilo. Weite Entfernungen und Höhenunterschiede zwischen Quelle und Kran lassen sich nur mit teuren Pumpen überwinden, die jede Menge Energie verbrauchen. Keine Frage: Eine schwache Leistung treibt die Kosten in die Höhe.

>@David Blumenfeld
Trinkwasserstelle in einem Slum in Nairobi, Kenia ©David Blumenfeld

Neue Stadt, neuer Plan

Ob Fluss, See oder Quelle – wo das Wasser herkommt und welche Infrastruktur besteht, ist in jeder Stadt und Region anders. Nationale Netze wie bei Strom oder Telekommunikation sucht man vergebens. In der Regel sind Wasserversorgung und Abwasserentsorgung lokal oder auch regional organisiert. Manchmal werden dafür einfach eine Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt abgestellt. Entsprechend spärlich ist das vorhandene Know-how, vor allem in ärmeren Ländern, und die Erfahrung mit großen Investitionsprojekten fehlt weitgehend. Gute Ingenieure suchen ihr Glück zudem eher in Ministerien oder im Privatsektor. Deshalb sind technische Hilfe und lokaler Kompetenzaufbau das A und O, um gute Projekte vorbereiten und durchführen zu können. Durch den Wissenstransfer sparen die Versorger bares Geld. Über formale Weiterbildung oder On-the-Job-Training lernen Mitarbeiter der Stadtwerke und Ingenieurinnen von entsandten Expertinnen und Experten Möglichkeiten für die Projektkonzeption kennen und werden mit den Best Practices für die Durchführung sowie neuer Software vertraut gemacht. Mit diesem Know-how können sie bessere Verfahren einführen, die die operative Effizienz und die finanzielle Tragfähigkeit ganz erheblich steigern.

Unser 45-Millionen-Euro-Darlehen für ein besseres Wasser- und Sanitärsystem am tansanischen Ufer des Viktoriasees illustriert, wie Wissensaustausch die Kompetenzen von Behörden verbessern kann. In der Region Mwanza, inmitten von Hügeln und riesigen Felsblöcken, ist die Wasser- und Sanitärversorgung eine echte Herausforderung: Viele Menschen leben in informellen Siedlungen auf engstem Raum zusammen, und Infrastruktur wie Rohrleitungen gibt es kaum. An Ansatzpunkten für technische Hilfe fehlte es also nicht.

Weil in den nächsten Jahren ein stattliches Bevölkerungswachstum zu erwarten ist, bestärkten wir die regionalen Entscheider, ihr Projekt an diesem Bedarf auszurichten. Andere Varianten wären billiger gewesen, hätten das Problem aber nur in die Zukunft verlagert. Hunderttausende Menschen freuen sich jetzt über sicheres Trinkwasser und ein besseres System für die Sammlung und Aufbereitung des Abwassers. Am Viktoriasee ist die Gefahr durch Krankheiten und andere Gesundheitsgefahren denn auch deutlich gesunken.

Mehr Erfahrung, weniger Risiko

Moldau ist ein aktuelles Beispiel, wie technische Hilfe ein Land auf sehr lange Sicht stärken kann. Mit unserer Hilfe entstand dort der erste Hochwasserplan. Es ging vor allem um Krisenbereitschaft. Sollte die Region nochmals von einer Flutkatastrophe heimgesucht werden wie vor gut zehn Jahren, will man besser gewappnet sein. Wir halfen, eine Vorabbewertung der Hochwasserrisiken und Gefahrenkarten auszuarbeiten, Hochrisikogebiete zu identifizieren, Ziele für den Umgang mit Flutgefahren zu definieren und einen Investitionsplan zu erstellen. Das hieß auch, dass 3 000 Kilometer Hochwasserschutz und 5 000 Dämme und Reservoirs auf den Prüfstand kamen.

Auf unterster Ebene stellt Wissensaustausch sicher, dass bereits früh die richtigen Entscheidungen getroffen werden, um falsche Wege erst gar nicht einzuschlagen. Er sorgt dafür, dass wir in die richtige Richtung blicken, bei der Planung alle Optionen berücksichtigen und am Ende nachhaltig und bedarfsgerecht bauen. So sorgt der Wissensaustausch dafür, dass wir das Leben der Menschen heute und auf lange Sicht schützen und ihren Alltag verbessern.

Thomas van Gilst ist Leiter der Abteilung Wassersicherheit und Resilienz bei der Europäischen Investitionsbank, Marco Beroš Lead Engineer für Wasser.