Im Corona-Lockdown kommt Bildung leicht zu kurz. Deshalb handelten Marokko und Tunesien schnell

Junge Menschen genießen ihre Selbstständigkeit. Die Freiheit im Lockdown plötzlich zu verlieren, ist nicht einfach. Wafa Harir studiert an der Euromed-Universität im marokkanischen Fes Digital Engineering und künstliche Intelligenz. Sie weiß, wie es ist, wenn das Studentenleben von heute auf morgen aufhört und einem zu Hause fast die Decke auf den Kopf fällt: „Ich fühlte mich einsam, wurde träge und entwickelte Ängste.“

Als Marokkos Unis und Schulen im März wegen der Pandemie schließen mussten, setzte die Euromed-Universität alles daran, auf digitale Lehrformate umzustellen. Das Studieren von zu Hause war aber für viele nicht einfach, auch nicht für Wafa Harir, die in Boulmane lebt, einem kleinen Dorf etwa 100 Kilometer südlich von Fes. „Die Internetverbindung war langsam, Websites brachen immer wieder zusammen“, erzählt sie. Noch dazu sind mobile Daten, auf die viele Studierende angewiesen sind, sehr teuer.

Wafa Harir und mit ihr mehr als 400 weitere Studierende der Universität hatten weder einen eigenen Laptop noch einen zuverlässigen Internetanschluss. Die Universität stellte einen Sonderantrag auf Hilfe von der Europäischen Union. Gemeinsam mit der EIB hatte diese bereits den Bau der Universität finanziert. Die Europäische Investitionsbank und die EU-Delegation in Marokko spendeten 500 000 Euro von der Europäischen Kommission, damit Schülerinnen und Schüler ebenso wie Studierende von daheim aus lernen können.

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The Euromed University of Fes in Morocco ©DR

„Die Covid-19-Pandemie stürzte viele Studierende ins Ungewisse“, meint Didier Bosman, Senior-Ingenieur bei der EIB, der viel Zeit in das Projekt investiert hat. „Wir wollten nicht wieder zum Status quo zurück, sondern begabten jungen Menschen eine neue Normalität bieten, in der sie lernen und ihren Weg machen können.“

Trotz des zunehmenden Bildungsnotstands kommt die Hilfe für Kinder und junge Menschen manchmal zu kurz, wenn Länder und Institutionen die Pandemiebekämpfung planen. Für Didier Bosman war der Gedanke, dass Hunderte Studierende während des Lockdowns keinen Zugang zu Bildung haben, unerträglich.

Einige Wochen nach der EU-Spende wurden 420 Laptops geliefert – mit unbegrenztem Internetzugang für ein Jahr. Sie gingen an Studierende der Euromed-Universität, die ohne Computer in abgelegenen Gebieten mit schlechter Internetanbindung leben.

Wir wollten nicht wieder zum Status quo zurück, sondern begabten jungen Menschen eine neue Normalität bieten, in der sie lernen und ihren Weg machen können.

Chancen für Jungen und Mädchen

Die Krise hat bestehende Ungleichheiten in den Bildungssystemen verschärft. So haben Jungen zum Beispiel viel eher einen eigenen Laptop als Mädchen. Bei dem marokkanischen Projekt standen deshalb besonders Studentinnen im Vordergrund, die einen Computer und einen Internetzugang brauchten.

Die 21-jährige Nouhayla Chahm studiert im vierten Jahr Bauingenieurwesen an der Universität Fes. Möglich macht ihr das ein Stipendium. Der kostenlose Laptop motivierte sie zusätzlich. „Die Universität und die Europäische Union haben mir Mut und Energie gegeben, um weiterzumachen. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie. Dank ausgezeichneter Noten darf sie den Laptop mindestens drei Jahre behalten.

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Nouhayla Chahm, student with top grades at the University of Fes, can keep her free laptop for at least three years. ©Euromed University

Die Laptops wurden im April und Mai verteilt. Weil die EU, die EIB und der marokkanische Staat den öffentlichen und den privaten Sektor schnell wieder auf die Beine bringen wollen, wurde der Zuschuss viel schneller als üblich genehmigt und ausbezahlt. Die Universität kaufte mit dem Geld außerdem einen 3-D-Drucker, um Hunderte wiederverwendbare Masken und Einwegfilter für Studierende und das Universitätspersonal zu drucken.  

Die Universität und die Europäische Union haben mir Mut und Energie gegeben, um weiterzumachen. Dafür bin ich sehr dankbar

Schule statt Straße

Der französische Schriftsteller Victor Hugo sagte einmal, wer eine Schule eröffnet, schließt ein Gefängnis. In Tunesien gehen mehr als ein Drittel aller 17- und 18-Jährigen nicht in die Schule. Dabei ist der Schulbesuch die beste Möglichkeit, Jugendliche von der Straße fernzuhalten.

Die Wiedereröffnung der Schulen war für Tunesien eine der größten Herausforderungen während und nach den landesweiten Lockdowns. Als die internationale Schule in Tunis im September verkündete, dass sie wieder Präsenzunterricht anbieten würde, freute sich Imen Maarouf: „Das waren für mich seit Monaten die besten Neuigkeiten.“ Andere wie Fares Bouhejbu erschraken regelrecht: „Ich hatte seit Monaten keinen Stift mehr angerührt.“ Maarouf und Bouhejbu besuchen beide die internationale Schule.

 

 

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The International School in Tunis. ©Euromed University

Wir finanzieren nicht einfach Gebäude, wir finanzieren Bildung. So sichern wir die Zukunft der nächsten Generation.

Diese 1999 erbaute multikulturelle öffentliche Schule wird im Rahmen eines Modernisierungsplans gerade umfassend saniert. Fast ein Drittel aller weiterführenden Schulen in Tunesien sollen auf den neuesten Stand gebracht werden. Das 220 Millionen Euro teure Projekt wird vom tunesischen Staat, der EIB und der Kreditanstalt für Wiederaufbau finanziert. Die Europäische Union vergibt einen Zuschuss.

Nach einem monatelangem Lockdown war die Wiedereröffnung der Schulen mit angemessenem Hygienekonzept kein leichtes Unterfangen. Vor dem Sommer – die Schülerinnen und Schüler standen kurz vor den Abschlussprüfungen – bat das tunesische Bildungsministerium dringend um Hilfe, weil es nicht genug Masken und Handdesinfektionsmittel gab, um alle schützen.

EIB-Ingenieur Bosman trat erneut auf den Plan. Er wusste, dass von dem Darlehen der Bank für die Schulsanierung acht Millionen Euro übrig geblieben waren, weil der tunesische Dinar an Wert verloren hatte. Kurzerhand schlug er deshalb vor, einen Teil dieses Gelds in dringend benötigtes Schutzmaterial für Tunesiens Schulen zu investieren.

Die KfW und die Europäischen Union waren sofort einverstanden. In nur einer Woche wurden 750 000 Masken und 102 500 Liter Desinfektionsmittel für 240 000 Schülerinnen und Schüler sowie 160 000 Beschäftigte bestellt.

„Wir mussten schnell handeln“, sagt Didier Bosman. „Und dafür konnten wir dank der ausgezeichneten Zusammenarbeit aller Beteiligten das verbliebene Geld verwenden.“

Die Menschen müssen sich über mehr als nur Schulgebäude Gedanken machen, meint Sami Mimita, Leiter der technischen Hilfe der EIB für die Schulmodernisierung in Tunesien. „Wir finanzieren nicht einfach Gebäude“, sagt er. „Wir finanzieren Bildung. So sichern wir die Zukunft der nächsten Generation.“