Von lebensrettenden Krebstherapien bis hin zu innovativer digitaler Technologie – durch Forschungsausgründungen gelangt die Forschung aus dem Labor auf den Markt.

Angelita Rebollo ist eine lebenslustige Spanierin. Unter ihrer E-Mail-Signatur steht: „Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Tequila und Salz.“ Und sie ist eine brillante Wissenschaftlerin mit einem Forscherdrang, den sie zum Töten nutzt – von Krebszellen, versteht sich.

In ihrem Labor an der Université Pierre et Marie Curie im altehrwürdigen Pitié-Salpêtrière Hospital nahe der Seine mitten in Paris hat Rebollo eine Methode entwickelt, um bestimmte Funktionen von Proteinen zu blockieren, die eine gesunde Zelle in eine Krebszelle verwandeln. Die Therapie könnte Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen helfen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass sie zunächst bei Eierstockkrebs und schweren Formen von Brustkrebs eingesetzt wird. Anders als bei der nebenwirkungsreichen Chemotherapie, die auch viele gesunde Zellen angreift, werden bei Rebollos gezielter Behandlung nur die kranken Zellen zerstört.

Die Wissenschaftlerin begann vor 17 Jahren in Madrid, sich mit diesem Forschungsthema zu befassen. Mittlerweile hat sie mit einigen anderen Wissenschaftlern renommierter französischer Forschungseinrichtungen das Unternehmen PEP-Therapy gegründet. Der Firmenname leitet sich aus den Molekülen her, die im Zentrum ihrer Forschung stehen: in Zellen eindringende Peptide. Unter dem Dach von PEP-Therapy soll aus dem wissenschaftlichen Durchbruch ein Medikament hervorgehen, das Leben retten kann.

„Wir haben das Unternehmen gegründet, damit wir die Früchte unserer Forschung vom Labortisch ans Krankenhausbett bringen können“, erklärt Rebollo. „Wir wollen ein Molekül entwickeln, das vielen, vielen Menschen hilft.“

Erster Fonds für Forschungsausgründungen in Frankreich

Angelita Rebollo in ihrem Labor

Angelita Rebollo in ihrem Labor

PEP-Therapy wurde mit 1 Million Euro vom Quadrivium 1-Fonds unterstützt, der als erster französischer Beteiligungsfonds Gründungskapital in den Bereichen Biotechnologie und digitale Technologien bereitstellt. Die Projekte, in die er investiert, stammen aus rund einem Dutzend universitärer Forschungseinrichtungen oder damit verbundenen Instituten in Frankreich. Vorbild für dieses Modell waren Universitäten in den USA. In Europa fand es die meisten Nachahmer im Vereinigten Königreich. Dagegen ist es in Frankreich ein Novum. „Es war nicht ganz einfach, dieses Konzept in Frankreich einzuführen“, meint Philippe Tramoy, der bei Quadrivium 1 für das Life-Sciences-Portfolio zuständig ist. „Wir sind die Vorreiter. Deshalb stehen wir unter Beobachtung – alle wollen sehen, ob es funktioniert.“

In den USA verwerten Universitäten ihre Forschungsergebnisse schon lange in eigenen Spin-offs. Genentech wurde 1976 von einem Biochemiker der University of California in San Francisco gegründet und 2009 für 46,9 Milliarden US-Dollar von einem schweizerischen Unternehmen übernommen. Die Suchmaschine Lycos begann als wissenschaftliches Projekt an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und fand 2010 für 36 Millionen US-Dollar einen neuen Eigentümer. Finanziell ist es für Universitäten letztlich meist vorteilhafter, ein Produkt selbst zu entwickeln, anstatt die Rechte zur Verwertung ihrer Forschungsergebnisse an große Unternehmen zu verkaufen. Ein weiterer Vorteil: Wenn die Wissenschaftler an den Forschungsausgründungen beteiligt sind, ist die Versuchung für sie geringer, eine besser bezahlte Stelle in der Privatwirtschaft anzunehmen.

Hilfe vom Investitionsplan für Europa

Außerhalb der USA gab es besonders im Vereinigten Königreich viele Spin-offs aus Universitäten mit einem Wert von Hunderten Millionen Pfund. Im vergangenen Jahr vergab die Europäische Investitionsbank 50 Millionen Pfund Sterling an Imperial Innovations. Dieses Unternehmen verwertet hauptsächlich Forschungsergebnisse vom Londoner Imperial College und bringt sie in Biotechnologie- und Life-Sciences-Firmen zum Einsatz. Bereits 2013 hatte die EIB an Imperial Innovations ein Darlehen von 30 Millionen Pfund Sterling vergeben. Auch an anderen britischen Hochschulen gibt es erfolgreiche Fonds, die in Ausgründungen investieren, etwa in Oxford, in Cambridge und am University College London.

In Frankreich jedoch war der Quadrivium 1 ein Novum, als er im Dezember 2013 an den Start ging. Verwaltet wird er von einem Team von Seventure Partners und finanziert von mehreren Investoren, darunter von der Bpifrance, einer Tochter der Caisse des Dépots. Am 29. April erhielt der Fonds eine Kapitalspritze von 20 Millionen Euro vom Europäischen Investitionsfonds, der zur EIB-Gruppe gehört. Damit verfügte der Quadrivium 1 über ein Volumen von insgesamt 56 Millionen Euro.

Hinter der Beteiligung des EIF stand diejenige Komponente der Investitionsoffensive für Europa, die für die Förderung von Innovationen zuständig ist: der Europäische Fonds für strategische Investitionen.

Unterschiedliche Kulturen

Vor der Gründung des Quadrivium 1 hatte Tramoy hauptsächlich mit Beteiligungen an US-Unternehmen und Firmen in anderen Teilen Europas zu tun. Er war sich keineswegs sicher, ob Forschungsausgründungen auch in Frankreich funktionieren würden. „Es ist eine Frage der Einstellung und der Kultur. Wenn man in den angelsächsischen Ländern ein Unternehmen bewertet, schaut man auf seine zukünftigen Einnahmen. In Frankreich dagegen zählen die zurückliegenden drei Jahre“, erklärt er. „Man blickt also praktisch nur auf die Oberfläche des Sees, nicht aber in seine Tiefe.“

Er ist überzeugt: Wenn sich die Beteiligungen von Quadrivium erfolgreich entwickeln, wird sich diese Einstellung ändern. Bislang hat der Fonds in acht Unternehmen investiert:

Alle diese Unternehmen haben ihre Wurzeln in einer oder mehreren der zwölf Forschungseinrichtungen, die der Quadrivium im Blick hat:

Der Quadrivium 1 will sich an nur 16 bis 20 Unternehmen beteiligen. Allerdings plant Tramoy auf längere Sicht bereits einen zweiten Fonds. Quadrivium 1 dagegen konzentriert sich ganz auf die nächsten Entwicklungsphasen seiner bereits übernommenen Beteiligungen. Dies ist beispielsweise im Bereich Life Sciences sehr wichtig, wo es viele Jahre dauert, bis ein Produkt den Weg vom Labortisch ans Krankenbett zurückgelegt hat, wie Angelita Rebollo es ausdrückt.

Der Schlüssel zum Erfolg für Forschungsausgründungen: ein starker Partner

Antoine Prestat, CEO von PEP-Therapy

Antoine Prestat, CEO und Mitbegründer von PEP-Therapy

PEP-Therapy führt nun Studien durch, mit denen die Sicherheit des Wirkstoffs bestätigt werden soll. Danach folgen die klinischen Tests. Es wird jedoch drei Jahre dauern, bis das Unternehmen den klinischen „Machbarkeitsnachweis“ für sein Produkt liefern kann. Dann wird es die Lizenz zur Nutzung seines Wirkstoffs an ein großes Pharmaunternehmen verkaufen, das die letzten Entwicklungsphasen übernimmt. Rebollo und ihre Kollegen müssen vielleicht acht Jahre warten, bis aus ihrem Forschungsergebnis ein echtes Medikament geworden ist, wenngleich es in dieser Zeit bereits im Krankenhaus erprobt wird. „Es ist wirklich ein langer Weg“, meint Antoine Prestat, ein Biologe mit einem MBA und Mitbegründer und Chief Executive von PEP-Therapy. „Ein Fonds wie der Quadrivium spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Seine Kontakte zu Forschungs- und öffentlichen Einrichtungen ebenso wie zu Start-up-Unternehmen sind unschätzbar. Die Leute dort verstehen den Prozess und erkennen das Potenzial.“

Nach seiner ersten Beteiligung an PEP-Therapy rechnet der Quadrivium 1 damit, auch die nächste Entwicklungsphase mitzufinanzieren. Dies wiederum wird es PEP-Therapy erleichtern, noch mehr Geld von Investoren einzuwerben, die das Engagement des Fonds als ein Signal für die guten langfristigen Aussichten des Unternehmens werten. Tramoy betont: „Ein Fonds muss wirklich ein starker Partner sein. Wenn sich ein Start-up positiv entwickelt, muss der Fonds es auch in der nächsten Phase finanzieren können. Das schafft Vertrauen und bringt weitere Investoren an Bord.“

Die ökonomische Seite der wissenschaftlichen Forschung ist Angelita Rebollo nicht entgangen. Immerhin gab sie ihre Stelle in Madrid auf, weil Forschungsmittel in Spanien knapp waren. In Paris kam sie erst nach Zwischenstationen in Deutschland und Belgien an. „Das Kapital von Quadrivium hilft uns, die Entwicklungsphasen finanziell zu überstehen“, erklärt sie. „Wir brauchten das Geld, um dieses Molekül zu finden – ein Molekül, das hoffentlich Leben retten wird.“

Das ist jeden investierten Euro wert.