EIB-Präsidentin Nadia Calviño hielt die Keynote auf dem Forum 2024 der EIB-Gruppe. Darin betonte sie die Bedeutung der EIB-Gruppe mit Blick auf Herausforderungen wie Energiewende, Digitalisierung und Versorgungssicherheit bei kritischen Technologien und Rohstoffen und gab Einblicke in die Ergebnisse der Investitionsumfrage der EIB.

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Es gilt das gesprochene Wort.


Ich freue mich sehr, Sie heute hier begrüßen zu dürfen. Ich möchte mit Ihnen, den Stakeholdern der Europäischen Investitionsbank-Gruppe, über Lösungen für die Herausforderungen sprechen, vor denen Europa und die Welt derzeit stehen. Und über den Beitrag, den die EIB-Gruppe zu diesen Lösungen leisten kann und leisten wird.

Die letzten Jahre waren nicht einfach. Erst kam die Pandemie, dann der russische Einmarsch in die Ukraine und als Folge der Energiepreisschock. All das hat Europa enorm zugesetzt.

Doch Europa hat sich besser geschlagen als viele erwartet hatten.  

Nach der Pandemie haben wir eine kräftige Erholung gesehen, mit hoher Beschäftigung, finanzieller Stabilität und solventen, rentablen Unternehmen.  

Dies ist ein bemerkenswerter Kontrast zu früheren Krisen, denken Sie nur an die große Finanzkrise oder die Staatsschuldenkrise. Zugleich beweist es die Effizienz der institutionellen Entwicklung der EU in den letzten zehn Jahren.

  • Der wesentliche Unterschied dieses Mal waren nicht nur die massiven öffentlichen Interventionen – es war die bemerkenswerte Koordination unserer Gegenmaßnahmen. Europa hat geeint gehandelt. Wir haben mit dem SURE-Instrument den Mitgliedstaaten gemeinsam geholfen, Arbeitsplätze zu erhalten. Wir haben den Europäischen Garantiefonds aufgelegt, bei dem die EIB-Gruppe eine Schlüsselrolle gespielt hat. Und wir haben das Aufbauinstrument Next Generation EU für mehr Investitionen und Reformen ins Leben gerufen. So haben wir Arbeitsplätze erhalten und Unternehmen, Haushalte und die Wirtschaft als Ganzes geschützt. Und so konnten wir strukturelle Folgeschäden vermeiden und die sehr starke Erholung bei den Investitionen ermöglichen.
  • Wir haben bei der Beschaffung zusammengearbeitet, erst bei den Impfstoffen, dann bei der Gasversorgung.
  • Immer wieder haben wir die Ukraine unterstützt, die unter der russischen Invasion leidet. Erst gerade haben wir diese Entschlossenheit und Einigkeit wieder unter Beweis gestellt.
  • Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, um den Übergang zu Netto-Null erfolgreich zu meistern – mit dem Grünen Deal, REPowerEU und all den anderen neuen Instrumenten.

Das sind die zentralen Schlussfolgerungen des Investitionsberichts der Europäischen Investitionsbank, unserer wichtigsten jährlichen Publikation, die heute vorgestellt wurde. Der Bericht zeigt sehr deutlich:

  • Die Erholung verläuft schnell.
  • Öffentliche und private Investitionen zeigen sich trotz höherer Energie- und Kreditkosten erstaunlich robust und stützen die Transformation der Wirtschaft weiter.
  • Die europäischen Unternehmen treiben die Digitalisierung entschlossen voran. Rund 70 Prozent nutzen mittlerweile moderne Digitaltechnologien.
  • Der Anteil der Unternehmen, die in Energieeffizienz investieren, ist seit 2021 von 37 Prozent auf 51 Prozent gestiegen. Ich finde das bemerkenswert.

Die Krise war dank der koordinierten europäischen Reaktion nicht so folgenschwer wie viele erwartet hatten. Das ist eine gute Nachricht und eine Lektion für die Zukunft.

Während sich das Wirtschaftswachstum abschwächt und die geopolitische Lage immer komplexer wird, stehen wir vor zahlreichen Herausforderungen: die digitale und grüne Wende, die rückläufige Globalisierung, die ungünstige demografische Entwicklung und eine zunehmende soziale Spaltung in so vielen unserer Gesellschaften. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Kräfte bündeln. Dass wir uns den Aufgaben gemeinsam stellen. Die Europäische Investitionsbank kann und wird eine wichtige Rolle dabei spielen, Lösungen für diese Herausforderungen auf den Weg zu bringen. Dabei können wir antizyklisch vorgehen und tun das auch. Denn wir fördern derzeit Investitionen in einem Umfeld höherer Zinsen und nachlassender Nachfrage – in der EU und weltweit.

Wenn wir die Transformation beschleunigen wollen, brauchen wir dauerhafte Investitionen. Wir brauchen sie für mehr Innovationen und neue Technologien, für unsere physische und wirtschaftliche Sicherheit und um unsere Lieferketten bei kritischen Technologien und Rohstoffen zu sichern. All das ist entscheidend für Europas Gegenwart und Zukunft – für unsere Wettbewerbsfähigkeit und für das Wohl der Menschen hier. Und all das erfordert Investitionen. Nicht nur Investitionen in Technologien, in die Entwicklung neuer Verfahren und in die Dekarbonisierung unserer Industrien. Wir müssen auch in unsere soziale Infrastruktur investieren, in Bildung und Ausbildung, Gesundheit und bezahlbaren Wohnraum, gerade in schwächeren Regionen. Es gibt gute und gewichtige Gründe dafür, die Kohäsionspolitik sehr ernst zu nehmen und den Kohäsionsgedanken fest in der Europäischen Investitionsbank-Gruppe zu verankern.

Bei alledem können wir auf unseren Stärken aufbauen. Wir verfügen über außergewöhnliches technisches Know-how. Die herausragenden Leistungen der Bank und ihre Erfahrung mit großen Infrastrukturprojekten und im Bereich der grünen Wende sind ein echtes Asset und wirken als Katalysator. Wenn die Europäische Investitionsbank ein Projekt fördert, dann schließen sich viele andere öffentliche und private Investoren an.

Ein weiteres Asset ist unser solides AAA-Rating dank unserer starken Kapitalausstattung. Damit können wir weiteres Kapital mobilisieren und mit innovativen Finanzierungen Veränderungen anschieben. Mit dem Europäischen Investitionsfonds haben wir eine sehr kreative Tochter und ein sehr nützliches Instrument, um kleine und mittlere Unternehmen zu fördern und Start-ups auf die Erfolgsspur zu bringen.

Unsere hervorragenden Ergebnisse im Jahr 2023 sind eine solide Grundlage für die Zukunft.

Die Finanzierungen von knapp 88 Milliarden Euro, die wir letztes Jahr unterzeichnet haben, werden voraussichtlich rund 320 Milliarden Euro an Investitionen anstoßen. Sie werden 400 000 Unternehmen erreichen und 5,4 Millionen Arbeitsplätze schaffen oder sichern. Das ist beeindruckend und eine sehr gute Ausgangsbasis für die Zukunft.

20 Milliarden Euro unserer Finanzierungen gingen an kleine und mittlere Unternehmen in der EU – das Herzstück unserer Wirtschaft. Diese Zahl möchte ich wirklich betonen, denn oft, wenn es um Vorzeigeprojekte geht, denken wir an die großen Akteure, dabei unterstützt die EIB-Gruppe auch sehr viele kleine. Wir haben 97 000 kleine und mittlere Unternehmen analysiert, und unsere Analysen zeigen, dass diese Firmen drei Jahre nach dem Erhalt von EIB-Krediten acht Prozent mehr Beschäftigte hatten als vergleichbare Betriebe. Und mit unseren Venture-Debt-Finanzierungen helfen wir großen Start-ups, weitere Geldgeber zu finden. So kommen sie am Ende auf zweieinhalb Mal mehr Fremdmittel als ihre Konkurrenten und können daher schneller wachsen.

Das ist Wirkung, und diese Zahlen bestärken uns darin, künftig noch mehr zu tun – und das mit mehr Tempo.

Wir sind die Klimabank der EU. Mit der Rekordsumme von 49 Milliarden Euro haben wir letztes Jahr deutlich über die Hälfte unserer Finanzierungen für Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit vergeben – das sind 10 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Wir sind auf gutem Weg, bis zum Ende dieses Jahrzehnts wie versprochen 1 Billion Euro an Investitionen zu mobilisieren.

Dass Europa diese Investitionen dringend braucht, um sich aus seiner Energieabhängigkeit zu lösen und sich mit günstiger und zuverlässiger erneuerbarer Energie zu versorgen, brauche ich nicht zu betonen.

Auch außerhalb der EU haben wir uns stark für die europäischen Ziele eingesetzt. Das reichte von globalen Projekten wie Impfstoff-Fabriken in Afrika über lokale Investitionen wie die U-Bahn in Agra, die in den kommenden Tagen eingeweiht wird, bis zur Unterstützung der Ukraine. Mit diesen Investitionen schaffen wir nachhaltige, resiliente und wohlhabendere Volkswirtschaften auf der ganzen Welt, aber – und das ist genauso wichtig – sie sind auch der Schlüssel zu echten Nord-Süd-Partnerschaften in dieser Zeit der geopolitischen Polarisierung.

Unsere hervorragenden Ergebnisse sollten uns mit Zuversicht nach vorne blicken lassen.

Nehmen wir etwa die grüne Wende. Europa war auf diesem Gebiet von Anfang an Vorreiter, und wir haben technisch immer noch die Nase vorn. Die EIB ist für ihr Know-how in diesem Bereich bekannt und als Klimabank eine feste Größe. Allein in diesen ersten vier Wochen des Jahres 2024 haben wir wegweisende Projekte unterzeichnet oder genehmigt, Stichwort: grüner Wasserstoff, zirkuläre Batterieproduktion, Solarmodule und Dekarbonisierung emissionsintensiver Branchen.

Die Entwicklung der grünen EU-Taxonomie und des Markts für grüne Anleihen zeigt, dass europäische Standards zu weltweiten Standards werden können. Und das ist die Grundlage für eine grüne Wirtschaft, die auch qualifizierte Jobs schaffen kann und bessere Bedingungen für die Menschen.  

Diese Chance müssen wir nutzen. Wir müssen gemeinsam einen erfolgreichen und fairen Übergang sicherstellen. Einen Übergang, mit dem wir heute qualifizierte Arbeitsplätze schaffen und morgen eine bessere Welt für die nachkommenden Generationen. Und dessen Wirkung auch vor der eigenen Haustür spürbar ist, für die Menschen und Gesellschaften in der ganzen EU.

Das Gleiche gilt für die Digitalisierung, technische Innovationen und die Skalierung von Start-ups im Bereich disruptiver Technologien. Ich könnte jede einzelne unserer Herausforderungen analysieren und würde jedes Mal zum gleichen Ergebnis kommen: Die Europäische Investitionsbank-Gruppe kann und wird mehr tun. Und dabei muss sie mit anderen zusammenarbeiten, um Erfolg zu haben.

Zum Abschluss einige Gedanken zum Thema Partnerschaften. Dies ist eine meiner obersten Prioritäten, seit ich mein Amt bei der EIB-Gruppe angetreten habe: die engere Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament sowie anderen Institutionen. Mit unseren Anteilseignern, den Mitgliedstaaten, mit nationalen und multilateralen Entwicklungsbanken, mit unseren internationalen Partnern und mit dem Privatsektor und der Zivilgesellschaft.

Gemeinsam können wir etwas bewegen, können wir Dinge verändern.

Und deshalb ist das Forum der EIB-Gruppe so wichtig. Es gibt uns die Möglichkeit, miteinander zu sprechen, uns zuzuhören, gemeinsam nachzudenken und unsere Fähigkeiten zusammenzubringen. Mit diesem positiven Fazit möchte ich schließen. Ich habe hier von Ihnen wirklich wertvolle Anregungen für unsere künftige Strategie erhalten. Ich hoffe, dass wir beim nächsten Forum sagen können: Die Gespräche haben uns geholfen, die Herausforderungen für Europa gemeinsam anzugehen.

Vielen Dank!