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Die Bedrohung der Biodiversität wird oft von der Klimakrise überlagert, obwohl die Artenvielfalt für die Ziele des europäischen Grünen Deals von grundlegender Bedeutung ist und beides eng zusammenhängt, so der Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank Ambroise Fayolle.

„Um unsere Klimaziele zu erreichen und einen transformativen Wandel zu forcieren, müssen wir Biodiversität künftig in allen Strategien und Maßnahmen durchgängig berücksichtigen“, erklärte Fayolle beim Weltnaturschutzkongress am 7. September 2021 in Marseille.

Vier Tage zuvor rief Vizepräsident Fayolle beim Forum de Giverny die Wirtschaft auf, nicht nur ihren CO2-Fußabdruck, sondern auch ihren Biodiversitäts-Fußabdruck zu berechnen: „Es liegt im strategischen Interesse der Unternehmen, biodiversitätsbedingten Risiken für die Stabilität ihres Geschäfts Rechnung zu tragen und sie mit ehrgeizigen Aktionsplänen zu mindern.“

Die Instrumente der Europäischen Investitionsbank für das Risikomanagement und die Folgenabschätzung in den Bereichen Klimawandel und Biodiversität weisen zahlreiche Gemeinsamkeiten auf, so Fayolle.

Zusammen mit Marie-Claire Daveu, Direktorin für nachhaltige Entwicklung beim französischen Luxuskonzern Kering, Maud Lelièvre, Präsidentin des französischen IUCN-Komitees, und Romain Mouton, Präsident des Cercle de Giverny, hat EIB-Vizepräsident Fayolle seine Sicht in einem Gastbeitrag für Les Echos ausführlich dargelegt. Nachstehend finden Sie den vollständigen Text.

Biodiversität und Klima – zwei Fronten in einem Kampf

Mit dem Weltnaturschutzkongress im September in Marseille und der 26. UN-Klimakonferenz im November in Glasgow finden 2021 zwei Großereignisse statt, auf denen wichtige Weichen für die Zukunft unseres Planeten gestellt werden.

Der jüngste Bericht des Weltklimarats macht die Dringlichkeit des Klimanotstands deutlich und bekräftigt die Warnung des Weltbiodiversitätsrats von vor zwei Jahren, dass über eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind. Auch Frankreich bleibt davon nicht verschont. Laut Roter Liste der IUCN zählt es mit 1 742 Arten, die weltweit bedroht sind, zu den zehn Ländern der Welt, in denen die meisten gefährdeten Arten leben.

Der Schutz der Biodiversität wird heute oft von der Klimakrise überlagert. Dabei sind beide Themen enger miteinander verbunden als je zuvor: Ökosysteme sind wichtige Klimastabilisatoren, und der Klimawandel zählt zu den größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt. Die internationale Naturschutzgemeinschaft hat sich unter Federführung der IUCN mobilisiert und setzt auf eine effektive Zusammenarbeit aller Stakeholder, des öffentlichen und des privaten Sektors, damit ehrgeizige, konkrete Maßnahmen in Angriff genommen werden.

Ein Bekenntnis auf höchster Ebene muss die Umstellung auf neue Wirtschaftssysteme einleiten, die dem Erhalt natürlicher Lebensräume verpflichtet sind. Nur wenn ein Fahrplan mit klaren Vorgaben ausgearbeitet und umgesetzt wird, den sämtliche Akteure mittragen, können alle die eigenen Auswirkungen auf die natürlichen Ökosysteme analysieren und reduzieren.

Für Unternehmen ist es laut Weltwirtschaftsforum strategisch wichtig, biodiversitätsbedingten Risiken für die Stabilität des eigenen Geschäfts Rechnung zu tragen und sie mit ehrgeizigen Aktionsplänen zu mindern.

Eine wirksame Strategie muss die gesamte Liefer- und Wertschöpfungskette berücksichtigen. Ohne Rückverfolgbarkeit über den Entstehungsprozess und Lebenszyklus lassen sich direkte und indirekte Auswirkungen eines Produkts oder einer Dienstleistung kaum erkennen und bewerten.

Es liegt im strategischen Interesse der Unternehmen, biodiversitätsbedingten Risiken Rechnung zu tragen und gegenzusteuern.

Nur über einen bereichsübergreifenden Dialog können wir wirksame Strategien zum Erhalt der Biodiversität umsetzen – ein Kriterium, das bei nachhaltigkeitsbewussten Investoren zunehmend im Vordergrund steht. Finanzinstrumente haben ihre transformative Kraft mithilfe verlässlicher, überprüfbarer ESG-Daten unter Beweis gestellt. Sie sind zentral, um Investorengelder in nachhaltige Anlagen zu leiten. Gleichzeitig stehen Regierungen in der Pflicht, die biologische Vielfalt zu fördern, möglicherweise auch durch Steueranreize.

Die Politik sollte mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie etwa bei öffentlichen Ausschreibungen strenge Umweltauflagen macht. Je mehr öffentliche Einrichtungen diesen Weg einschlagen, umso erfolgreicher wird er sein. Regionen, Departements und Gemeinden müssen alle an einem Strang ziehen – eine langfristige Wirkung stellt sich nur ein, wenn alle bis hin zur untersten Ebene mitmachen.

Große wie kleine und öffentliche wie private Akteure können unter dem gemeinsamen Ziel wirtschaftliche Effizienz und Umweltleistung vereinen. Wir hoffen, dass in den kommenden Monaten ehrgeizige Entscheidungen fallen, die entschlossene Maßnahmen nach sich ziehen. Wir haben die Möglichkeit und die Pflicht, das Ruder herumzureißen und unser Wirtschaftsmodell komplett umzubauen. Weil Diversität die Grundlage für die Stabilität unseres großartigen Planeten ist, müssen wir das Lebendige in all seinen Formen in den Mittelpunkt rücken und bewahren.

Der Gastbeitrag wurde ursprünglich in französischer Sprache in Les Echos veröffentlicht.