Von Juan Bofill

Die Meere sind durch vieles bedroht, unter anderem durch Plastikmüll. Aber Plastikmüll ist eine Gefahr, die wir eindämmen können, wenn wir uns wirklich anstrengen.

Jahr für Jahr gelangt mehr Plastik in die Meere – in vielen Ländern fast unkontrolliert, weil eine geeignete Abfallwirtschaft fehlt. Was als harmlose Wasserflasche im Regal beginnt, landet später auf der Straße oder im Park, bevor es nach einem langen Weg durch die Flüsse bis ins Meer gelangt. Covid-19 hat das Problem noch verschärft, weil Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken nicht ordnungsgemäß entsorgt wird.

Plastik ist eine erhebliche – aber zu bewältigende – Gefahr für die Umwelt. Wir arbeiten daran, Lösungen für dieses wachsende Problem zu finanzieren.

Weltweit werden Plastikabfälle auf Straßen und Hinterhöfen, in Flüssen, an Stränden und in Küstengebieten „entsorgt“.

Mit der Pandemie nimmt der Plastikmüll noch zu

Rund zehn Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr im Meer. Im Mittelmeer sind es laut dem World Wildlife Fund 570 000 Tonnen im Jahr – das sind fast 34 000 Plastikflaschen pro Minute. Wie viel Plastik heute in den Meeren schwimmt, ist schwer zu schätzen. Die Umweltschutzgruppe Ocean Conservancy geht von rund 150 Millionen Tonnen aus.

Wenn Plastikmüll nicht ordnungsgemäß entsorgt wird, landet er auf Straßen und Hinterhöfen, in Flüssen, an Stränden und in Küstengebieten. Er verstopft die Kanalisation und verursacht mehr Schäden durch Überschwemmungen in Städten.

Mit der Coronakrise verschärft sich das Plastikproblem jetzt noch weiter. Wenn ein Prozent der Milliarden Masken, die produziert werden, achtlos weggeworfen wird, verschmutzen bis zu zehn Millionen Masken pro Monat die Umwelt, schätzt der World Wildlife Fund. Hinzu kommt: Ein Großteil der Schutzausrüstung für die Allgemeinheit und Gesundheitskräfte, wie Handschuhe, Gesichtsmasken und Kittel, sind Einwegprodukte auf Kunststoffbasis – einmal getragen und ab in den Müll.

Die unsichtbare Gefahr

Ein großer Teil des Plastiks gelangt weltweit in Form von Partikeln mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern in die Meere. Solche Partikel finden sich häufig in Wassertieren, die das Mikroplastik mit der Nahrung aufnehmen. Das Thema ist noch nicht umfassend erforscht, aber klar ist: Mikroplastik stellt eine unmittelbare Gefahr für das Leben im Wasser dar und kann indirekt Organismen schädigen, die Meerestiere essen – also auch Menschen.

In der Europäischen Union gelangt Mikroplastik vielfach über das Regen- oder Abwasser in die Kanalisation und wird von dort zu Kläranlagen geleitet, die bis zu 99 Prozent der Kleinstpartikel herausfiltern. Das Mikroplastik verbleibt im Klärschlamm, und weil dieser Schlamm oft als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird, können die Partikel über den Oberflächenabfluss wieder ins Wasser geraten. Ein Teil des Mikroplastiks im Schlamm kann so also in die Wasserwege gelangen, obwohl es zuvor in Kläranlagen beseitigt wurde.

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Primäres Mikroplastik wird vielen Produkten gezielt zugesetzt, beispielsweise als Mikrokügelchen in Zahnpasta und Sonnencreme. Es entsteht aber auch durch Reifenabrieb auf der Straße oder wenn Kleidung in der Waschmaschine aneinander reibt. Von sekundärem Mikroplastik spricht man, wenn Kunststoff im Wasser in kleinere Teile zerfällt – etwa, wenn Fischnetze aus Nylon im Meer zurückbleiben. Außerdem gibt es noch den größeren Kunststoffmüll, wie Plastikflaschen. Dieses sogenannte Makroplastik ließe sich durch eine sachgemäße Abfallbewirtschaftung eindämmenMikroplastik dagegen ist eine fast unsichtbare Gefahr, die nicht leicht zu bannen ist. Viele Lösungen, um diese winzigen Partikel aus den Wasserwegen herauszuhalten, stecken noch in der Entwicklung.

Viele technische Lösungen, um diese winzigen Partikel aus den Wasserwegen herauszuhalten, stecken noch in der Entwicklung.

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Textilien, Reifen und Staub

Laut der Weltnaturschutzunion gelangt das meiste Mikroplastik vom Land ins Meer, und zwar über Regenwasser und unbehandelte Abwässer (96 Prozent) oder mit dem Wind (4 Prozent).

Hauptquelle der Verschmutzung durch Mikroplastik sind nicht weggeworfene Flaschen, sondern Textilien, Reifen und Stadtstaub. Sie machen über 80 Prozent des Mikroplastiks aus, das Umwelt und Meere belastet.

So gelangt Mikroplastik in Wasserwege:

  • Abgelöste Straßenfarbe, Reifenabrieb und Stadtstaub werden in Wasserwege gespült
  • Kunststoffpaletten rutschen von Schiffscontainern ins Meer
  • Fischnetze und andere Textilien werden im Meer entsorgt
  • Waschmittel und Kosmetika gelangen ins Abwasser
  • Schiffslack löst sich im Wasser ab

Was ist so schlimm an ein bisschen Plastik?

Es gibt Hinweise darauf, dass Mikroplastik Wassertieren schadet. Fische verwechseln Kunststoffpartikel oft mit Nahrung. Das Plastik kann ihren Verdauungstrakt blockieren, sodass er falsche Signale zur Nahrungsaufnahme an das Gehirn der Tiere sendet. Eine Wasserschildkröte kann sterben, wenn sie eine Plastiktüte frisst, aber kleinere Partikel sammeln sich im Verdauungssystem an, ohne das Tier zu töten. Mikroplastik gelangt überdies in die Nahrungskette, wenn Menschen Fisch oder Meeresfrüchte essen.

Wenn weniger Mikroplastik in den Gewässern schwimmt, müssen weniger Meerestiere sterben, und sie können sich stärker vermehren. Das wäre gut für die Fischerei und die Aquakultur und käme auch der Gesundheit der Menschen zugute.

Wenn weniger Mikroplastik in den Gewässern schwimmt, müssen weniger Meerestiere sterben, und sie können sich stärker vermehren.

Europas Pläne gegen Mikroplastik

Der Plastikmüll wird weiter zunehmen, vor allem in einkommensschwächeren Ländern, in denen die Wirtschaft wächst. Deshalb ist es wichtiger denn je, mehr gegen die Umweltverschmutzung durch Plastik zu tun. Wir müssen überall auf der Welt die Abfallbewirtschaftung verbessern und ärmeren Ländern helfen, das Problem in den Griff zu bekommen. Die Europäische Union räumt der Verringerung des Plastikmülls hohe Priorität ein und arbeitet an entsprechenden Rechtsvorschriften und Konzepten, unter anderem:

  • einem neuen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft, in dem die Europäische Kommission verbindliche Anforderungen an das Recycling und die Abfallreduzierung für Produkte wie Kunststoffverpackungen vorschlägt. Der Plan ist ein erster Ansatz zur Einschränkung des absichtlichen Zusatzes von Mikroplastik in Produkten. Er fordert auch Maßnahmen, um in allen Phasen des Produktlebenszyklus verstärkt Mikroplastik zu reduzieren. Beispielsweise sollen Vorschriften geprüft werden, die dafür sorgen, dass weniger Mikroplastik aus Reifen und Textilien freigesetzt wird.
  • einer Aktualisierung der Abwasserrichtlinie mit erweiterten Vorschriften für Mikroplastikabfälle und andere Schadstoffe. Ziel der Richtlinie ist, die Umwelt vor der Einleitung kommunaler und industrieller Abwässer zu schützen.
  • einer Überarbeitung der Trinkwasserrichtlinie, die vorläufig genehmigt wurde. Sie soll sicherstellen, dass Wasservorräte für Trinkwasser regelmäßig auf Mikroplastik untersucht werden. Treten Probleme auf, müssen die Länder geeignete Lösungen vorschlagen.

Das ist ein Anfang, aber wir müssen noch viel mehr tun und weitere Strategien entwickeln, wie wir Mikroplastik wieder einsammeln, wenn es bereits in die Umwelt gelangt ist. Moderne Kläranlagen können bis zu 99 Prozent, also fast das gesamte Mikroplastik (das hauptsächlich von Textilien stammt), aus dem Abwasser herausfiltern.

In der Europäischen Union werden bereits mindestens 90 Prozent der Abwässer auf diese Weise gereinigt. Das Mikroplastik wird herausgefiltert und verbleibt im Klärschlamm. Dieser Klärschlamm wird allerdings überwiegend als Dünger verwendet, verbrannt oder auf Deponien verbracht. Das entspricht nicht den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft und wird in Zukunft nicht mehr erlaubt sein.

Wenn das gesamte Regen- und Abwasser weltweit gesammelt würde und wir vermeiden, dass es in Gewässer gelangt, könnten wir das meiste Mikroplastik abfangen, bevor es die Meere erreicht. Eine Aktualisierung der EU-Vorschriften zum kommunalen Abwasser und Trinkwasser wird uns in dieser Hinsicht einen großen Schritt voranbringen.

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Was kann die EIB tun?

Wir müssen mehrere Milliarden Euro pro Jahr in die Hand nehmen, um allein in der Europäischen Union das Mikroplastik in der Umwelt zu reduzieren. Der Privatsektor hat oft nicht die richtigen Anreize für entsprechende Investitionen, weil Unternehmen die zusätzlichen Kosten nicht vollständig über höhere Preise wieder hereinholen können. Der öffentliche Sektor ist dringend gefordert, Mikroplastik zu regulieren, Emissionsstandards zu verschärfen und günstige Finanzierungen anzubieten, damit der Wassersektor an der richtigen Stelle investieren kann.

Im Jahr 2017 verabschiedete die Europäische Investitionsbank eine Neuausrichtung ihrer Finanzierungen für den Wassersektor, um mehr Mittel für Wasserversorger, Bewirtschafter von Wasserressourcen und Nutzer von Industrieabwässern bereitzustellen.

2018 brachte die Bank gemeinsam mit der Agence Française de Développement und der deutschen Entwicklungsbank KfW die Clean Oceans Initiative auf den Weg. Bis 2023 wollen die drei Einrichtungen bis zu zwei Milliarden Euro an Krediten, Zuschüssen und technischer Hilfe für Projekte bereitstellen, die Verunreinigungen (besonders Plastik und Mikroplastik) aus Wasserwegen entfernen, bevor sie ins Meer gelangen.

Die Bank arbeitet auch mit der Europäischen Kommission, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und vielen anderen privaten und öffentlichen Einrichtungen zusammen, um das Problem Mikroplastik anzugehen. Sie beteiligt sich regelmäßig an Zusammenkünften und Foren auf der ganzen Welt, die sich mit der Säuberung und dem Erhalt der Wasserwege und Ozeane befassen.

Die Europäische Investitionsbank ist einer der größten multilateralen Geldgeber für den Wassersektor. Wir finanzieren mit vielen Milliarden Euro Wasserprojekte in aller Welt. Klima und Umwelt bleiben trotz der Coronapandemie weit oben auf unserer Agenda – wir dürfen jetzt nicht nachlassen!

Juan Bofill ist Senior Water Engineer bei der Europäischen Investitionsbank