Suche starten De menü ClientConnect
Suche starten
Ergebnisse
Top-5-Suchergebnisse Alle Ergebnisse anzeigen Erweiterte Suche
Häufigste Suchbegriffe
Meistbesuchte Seiten

    Luigi Spinola

    IN KREATIVEM LICHT: GESCHICHTEN AUS OUARZAZATE
    Autorentexte für die Europäische Investitionsbank, gefördert durch die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität der Europäischen Union


    Am Horizont könnte sich allerdings etwas Anderes abzeichnen: eine Energiegemeinschaft als Keimzelle für eine euro-mediterrane Gemeinschaft.

    1.      An den Grenzen zu Noor

    (Ouarzazate – Marokko) Von Westen, von der Oase der Siedlung Tasselmante heraufkommend, sticht über den Überresten der einst von Juden bewohnten Mellah der Solarturm von Noor (Licht auf Arabisch) ins Auge. Die Kasbah ist jetzt eine Ruine, es sind keine Juden mehr da und auch sonst ist zwischen den Dattelpalmen und den Mandelbäumen fast niemand zu sehen. Nur zwei kauernde Frauen, die miteinander schwatzen, Gerstenkörner kauen und Unkraut jäten. Als ich es wage sie anzusprechen, drohen sie mir scherzhaft mit dem Sichelmesser. Statt einer Antwort, bekomme ich eine Kostprobe noch unreifer Mandeln. Männer sind keine in Sichtweite. „Sie arbeiten auswärts, hüten das Vieh oder haben vielleicht einen Job in der Stadt. Hier in den Gärten arbeiten die Frauen, so ist die Arbeit innerhalb der Familie aufgeteilt“, erklärt mir Salma, die mich durch die engen Gassen der Oase führt.

    In Tasselmante leben etwa 500 Familien, verteilt auf vier kleine douar. Das sind Häusergruppen in Pisé-Bauweise, dem Gemisch aus Stroh und Stampflehm, aus dem fast alle Gebäude entlang der „Straße der 1000 Kasbahs“ gebaut sind. So nennt die Tourismuswerbung den langen Streifen, der sich in der südlichen Region von Draa-Tafilalet am Rand der marokkanischen Sahara entlangschlängelt. Wir befinden uns an der Grenze zum Areal des Solarwärmekraftwerks Noor III, dem avantgardistischsten Teil der gigantischen Anlage. Initiiert hat sie König Mohammed VI., der aus Marokko eine solare Supermacht machen will.

    Wir befinden uns an der Grenze zum Areal des Solarwärmekraftwerks Noor III, dem avantgardistischsten Teil der gigantischen Anlage. Initiiert hat sie König Mohammed VI., der aus Marokko eine solare Supermacht machen will.

    „Anlagen dieser Art werden für gewöhnlich mitten im Nichts errichtet“, erklärt Deon Du Toit, ein riesenhafter Bure, der für die Arbeit hier aus Südafrika kam. „Da sind wir! Willkommen im Nichts“, empfängt er uns lachend. Auf dem Modell am Eingang des Kraftwerks Noor I – Anfang 2016 in Betrieb gegangen – ist Tasselmante nur eine sanfte Kräuselung im Sand. Es scheint das Schicksal der Oase zu sein, von der künftig größten Solaranlage der Welt, die eine Fläche von der Größe der Hauptstadt Marokkos, Rabat, einnehmen wird, verschluckt zu werden. Aber noch streifen sich die beiden Welten bloß, weder geraten sie aneinander, noch verschmelzen sie miteinander.

    Sicherlich, die Skyline des Dorfes hat sich verändert, seit auch die Arbeiten an Noor III begonnen haben. Es fehlt nur noch der Solar-Receiver, dann wird der in Bau befindliche Turm, der die Mellah überragt, mit einer Gesamthöhe von 247 Metern der höchste von ganz Afrika und der hellste weltweit sein. Wenn Ende dieses Jahres die 7400 flachen Solarspiegel (oder Heliostate), von denen ein jeder die Größe eines Tennisplatzes hat, zum ersten Mal die Sonneneinstrahlung an die Spitze des Turmes reflektieren, wird man dies auch in Tasselmante merken. „Die Temperatur wird fast 600 Grad erreichen, es wird wie eine kleine Sonne sein, ein besserer Vergleich fällt mir nicht ein“, wagt sich mit einer für ihn seltenen poetischen Note der Ingenieur Tarik Bourquouquou von MASEN (Maroccan Agency for Solar Energy) hervor, der für die Solaranlage verantwortlichen marokkanischen Agentur. „Das Licht wird sehr weiß sein“, beharrt er, „es wird unmöglich sein, lange hinzuschauen.“

    Auf etwas abstrahlendes Licht hofft auch Ouarzazate, die einzige richtige Stadt in der Gegend, etwa 15 Kilometer südlich von Noor. Seit längerem schon lebt Ouarzazate von Tourismus und cineastischer Phantasie. Sie vermarktet sich geschickt als „Das Tor zur Sahara“. Das erste Filmteam kam 1939 und drehte dort Die Wüstenkarawane. Bis heute bessern sich hier viele ihr Gehalt als Komparsen auf. Mohammed ist Touristenführer, hat aber schon mit Brad Pitt und George Clooney gedreht. „Sie nehmen mich, weil ich das Gesicht eines Bösewichts habe, ich funktioniere“, bekräftigt er von sich überzeugt. Man kann ihm nur schwer widersprechen. Auch der Fahrer Abdu, ein Nachfahre von Sklaven, die vor Jahrhunderten von der anderen Seite der Sahara hierher verschleppt wurden, hatte einige kleinere Jobs am Set, angefangen vom Gladiator bis zu Alexander.

    „Ouallywood“ ist das Land von Wüstenhelden, von Spionagegeschichten, vor allem aber von biblischen Sandalenfilmen. Auch abseits der drei Filmstudios hat man das Bedürfnis, an die Mauern zu klopfen, um sicher zu sein, dass sie echt sind. Sogar ein Tor am Eingang zum prächtigen Ksar von Ait Bennhadou, einem touristischen Prunkstück dieser Gegend an der Straße nach Marrakesch, ist aus Styropor, eine Reminiszenz ans Set von Lawrence von Arabien. Auch Noor könnte schon bald selbst zur Filmkulisse werden. Dabei bräuchte es noch nicht einmal Spezialeffekte, um die Zukunft zu erzählen. „Ich habe gehört, sie wollen hier einige Szenen für Desert Storm drehen, den neuesten Film von Jackie Chan“, sagt Mohammed, der auf ein neues Jobangebot hofft – schon allein um einen Blick hinter den Zaun werfen zu können.

    Neugierig sind auch die Touristen. „Immer häufiger fragen sie nach einer Besichtigung von Noor. Vielleicht können wir das Kraftwerk bald in unsere Tour nach Merzouga zu Füßen der Sanddünen Erg Chebbi aufnehmen, den einzigen beiden großen Sahara-Dünen in unserem Teil der Wüste“, sagt Fatima und wedelt mit dem Flyer der Agentur Desert Dream. Noch ist der Zutritt kompliziert, man benötigt eine Sondergenehmigung. Vor allem kommen Wissenschaftler und Experten, um Noor zu besichtigen. Nur wenige Einheimische haben die Absperrungen zum Solarkraftwerk passiert. „Auch ich habe es nur aus der Ferne gesehen,“ bestätigt Fatima.

    So bleibt für Ouarzazate und Umgebung, das direkt vor den Toren des Solarkraftwerks liegt, Noor eine riesige Terra incognita. Sollte die Anlage für die Bewohner eine Chance darstellen, so ist ihnen noch nicht recht klar, wie sie diese nutzen können. Sicherlich, die Wirtschaft wurde etwas belebt, im Bereich der Zulieferung tut sich etwas – insbesondere in der Logistik – und einige Einheimische, die nach Norden ausgewandert waren, sind zurückgekehrt. Manch einer aus Tasselmante konnte auch ein Stück Land an das Kraftwerk verkaufen. Und dank eines Projekts der NGO Agrisud, einem Partner von MASEN, bringt die Bestellung der Oasengärten mehr Gewinn. Dennoch ist unter den Einwohnern unzufriedenes Grummeln zu vernehmen. Sie merken nämlich, dass Noor ihr Leben bereits verändert hat. Und von dieser Veränderung, die von hier aus ihr Licht in weite Ferne, über die Wüste im Süden und das Meer im Norden hinaus strahlen lassen könnte, möchten sie auch ihren kleinen Teil abbekommen.

    Sicherlich, die Wirtschaft wurde etwas belebt, im Bereich der Zulieferung tut sich etwas – insbesondere in der Logistik – und einige Einheimische, die nach Norden ausgewandert waren, sind zurückgekehrt.

    2.      Die Männer des Lichts

    „Die Mehrzahl derjenigen, die in der Anlage arbeiten, sind Fremde“, brummelt Mahmoud. „Sie kommen aus Rabat und Casablanca.“ Er stammt selbst ursprünglich aus einem 70 Kilometer von Ouarzazate entfernten Bergdorf. „Zunächst hieß es, dass 75 Prozent der Arbeitsstellen an die lokale Bevölkerung gehen. So ist es aber nicht. Man kommt auf nicht einmal 20 Prozent. Uns geben sie sowieso nur die einfachsten Arbeiten, handwerkliche Tätigkeiten und Jobs im Sicherheitsbereich. Dabei gäbe es qualifiziertes Personal, wir haben in Ouarzazate Schulen für Ingenieure und Techniker, aber sie suchen lieber in der Ferne, sogar im Ausland. Ich habe gehört, dass jetzt auch noch Inder kommen sollen. Zuerst waren die Spanier da: Die haben Noor I gebaut und sind wieder gegangen. Jetzt gibt es Tausende von Chinesen. Sie sind es, die den Turm bauen“, sagt er mit enttäuschter Miene.

    Als ich Tarik Bourquouquou die Worte von Mahmoud wiederhole, schüttelt er lächelnd den Kopf. Er kenne diese Unzufriedenheit, aber die Sache verhalte sich anders, erklärt er: „Heute sind zirka 80 Prozent der Arbeitskräfte in Noor Marokkaner, und die Hälfte davon kommt hier aus der Gegend.“ Der Großteil der angebotenen Arbeit betrifft den Bau der Anlage, nach Inbetriebnahme braucht ein Solarwärmekraftwerk nur noch wenige Techniker. Auf der Baustelle von Noor I haben 2 000 Personen gearbeitet, jetzt, wo die Anlage in Betrieb ist, sind es nur noch 70.“ Auf den aktuellen Baustellen von Noor II und Noor III sind es hingegen 6 000. Nach der Mittagspause sehen wir an den Eingangstoren nur schweigsame Chinesen in blauen Overalls vorbeiziehen. Vielleicht kommt Jackie Chan ja für sie vorbei.

    „Einer von fünf Arbeitern ist Chinese, insgesamt sind es ca. 1 200“, sagt Tarik Bourquouquou. „Das sind nicht wenige, ich weiß. Aber am Bau der Anlage ist ein chinesisches Unternehmen beteiligt. Zuvor waren aus genau demselben Grund die Spanier hier“, erklärt der Ingenieur und illustriert die Zusammensetzung des multinationalen Teams, das das marokkanische Projekt unterstützt und durchführt. Bei den Geldgebern überwiegen die europäischen Akteure, angeführt von der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Union über die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität. Beteiligt sind auch die französische Agence Française de Développement und die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau. Zusammen haben sie etwa 60 Prozent der Mittel bereitgestellt. Der Rest kam von der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank.

    Die Ausschreibungen für den Bau und den Betrieb der Kraftwerke (und zwar für 25 Jahre, danach geht alles an MASEN über) hat der saudische Gigant ACWA Power gewonnen, der für die erste Phase von Noor I ein spanisches Konsortium als Partner hatte. An die Seite der Spanier von Sener traten dann für Noor II und III die von Mahmoud mit Skepsis beäugten Chinesen von Sepco III.

    „Für die kritische Phase des Baus müssen wir auch einige kluge Köpfe aus dem Ausland einfliegen, weil extreme Fachkompetenz benötigt wird. Diese wird dabei an das lokale Personal weitergegeben“, erklärt Tarik Bourquouquou. Auch er selbst hat seine Wurzeln hier, obwohl er in Casablanca aufgewachsen ist und dann mit Eni, dem italienischen Mineralöl- und Energiegiganten, durch die ganze Welt reiste: „Ich war in Mexiko, in Afrika und in Kanada. Vor drei Jahren bin ich nach Hause zurückgekehrt“, erzählt er. Es gefällt ihm, sich als einen Flüchtling aus der Welt des Erdöls zu betrachten, der Zuflucht bei den erneuerbaren Energien gefunden hat. Und er ist nicht der Einzige. „Es gibt viele Leute hier, die aus anderen Sektoren der Energiebranche kommen, aus dem Mineralölbereich wie ich oder aus dem Nuklearsektor“, sagt er. „Für uns ist das eine Investition in die berufliche Zukunft, weil in Zukunft die Sonnenenergie die fossilen Brennstoffe ablösen wird, daran habe ich keinen Zweifel“, bekräftigt Tarik Bourquouquou, während er zum Kontrollraum hinaufgeht, von dem aus Noor I gesteuert wird.

    Unter uns bewegen sich 500 000 Parabolspiegel von 12 Metern Höhe, angeordnet in 800 Reihen, gleich Sonnenblumen bis zum Sonnenuntergang. Sie bündeln das Licht auf transparente Rohre, in denen ein diathermisches Öl die Energie aufnimmt und zu einem Wärmetauscher transportiert. In Kontakt mit Wasser erzeugt die glühend heiße Flüssigkeit dort Dampf, welcher die Stromgeneratoren antreibt. Ein Teil der Wärme wird in riesigen thermischen Speichern gesammelt und dann genutzt, wenn die Sonne nicht scheint. Das Kraftwerk ist eine Maschine, die wie von alleine zu funktionieren scheint – immer unter der Voraussetzung, dass die mit dem Betrieb beauftragten Menschen nicht von den Elementen zur Strecke gebracht werden, die das Leben in der Sahara bestimmen: Sonne, Sand, Wasser und Wind.

    3. Der Tag und die Nacht

    „Wenn ich nachts mal nicht einschlafen kann, ist die einzige Sorge, die mich umtreibt, dass am nächsten Tag die Sonne beschließen könnte, nicht aufzugehen“, sagt Deon Du Toit. Und lacht wieder. Seine Annahme ist wenig realistisch. Fehlendes Licht ist ein seltenes Ereignis in der Sahara. Tarik Bourquouquou erinnert an den isländischen Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der im Jahr 2010 für Monate den Himmel über Europa verdunkelte. Aber dabei handelt es sich um nicht viel mehr als Beschwörungsformeln. Ouarzazate wurde nicht zufällig ausgewählt. „Wir haben als erstes von Satellitenbetreibern Daten über die auf der Erde auftreffende direkte Sonneneinstrahlung (Dni – Direct normal irradiation) gekauft. Das ist die entscheidende Messgröße, um einen guten Ort für eine Solarwärmeanlage zu finden“, erklärt Tarik. „Nach einer ersten Vorauswahl haben wir an die Orte kleine Wetterstationen gebracht, um zusätzliche Informationen zu erhalten. Zugleich wurden andere Faktoren ausgewertet, die sich auf die Kosten auswirken: Wie nah ist die Straße? Woher bekommt man Wasser? Wie ist der Erdboden beschaffen? Dies hier war der perfekte Ort. Also haben wir angefangen, Grund zu kaufen. Viel Grund.“

    In der Sahara gibt es zirka 2 500 kWh/m2 Sonneneinstrahlung im Jahr. Die Sonne scheint mehr als 3 000 Stunden und wer in diesen Breiten verweilt, dem sind mehr oder weniger 330 Schönwettertage garantiert. Wir erwischen einen der anderen 35 Tage. Während wir die Anlage besichtigen, ziehen nach und nach Wolken am Himmel auf. Der Wind wird stärker. In der Kontrollzentrale sind die Techniker wachsam. Das „Gehirn“ von Noor ist direkt mit der nahegelegenen Wetterstation verbunden und stets bereit, auf jede Veränderung zu reagieren, auch den Stecker zu ziehen, wenn der Himmel sich verdüstert oder ein Sandsturm aufzieht.

    Der Sand stellt eine Bedrohung dar. Die Leistung jedes einzelnen Spiegels wird fortwährend überwacht. 99 Prozent der Sonneneinstrahlung sollten reflektiert werden. Wenn der Prozentsatz zu stark absinkt, müssen die Spiegel mit Wasser gereinigt werden. Es braucht viel Wasser, um ein Solarwärmekraftwerk zu betreiben. Es wird gebraucht, um den Dampf zu erzeugen, der die Stromgeneratoren antreibt. Es wird gebraucht, um die Turbinen zu kühlen. Und es wird gebraucht, um die Spiegel zum Glänzen zu bringen. In einem Land wie Marokko, in dem die Wüste sich weiter auszubreiten droht, kann dies ein Problem darstellen.

    Der Sand stellt eine Bedrohung dar. Die Leistung jedes einzelnen Spiegels wird fortwährend überwacht. 99 Prozent der Sonneneinstrahlung sollten reflektiert werden. Wenn der Prozentsatz zu stark absinkt, müssen die Spiegel mit Wasser gereinigt werden.

    Noor bezieht sein Wasser aus einem künstlichen See, der sich etwa zehn Kilometer östlich der Anlage befindet, inmitten einer wunderschönen Mondlandschaft in den Bergen. Das Wasser wird nachts zum Kraftwerk gepumpt, tagsüber herrscht fast vollkommene Stille. Beim Blick von einer über dem See aufgehängten metallenen Plattform kann ich flüchtig zwei Fische sehen, andere Lebensformen sind nicht zu entdecken, außer dem hoch aufgeschossenen Ingenieur Mouhssine Ait Ali, ein weiterer Umsteiger. „Ich war in einem schmutzigen Sektor tätig, ich habe in der Petrochemie gearbeitet“, sagt er.

    „Der See wurde in den frühen 1970er-Jahren angelegt, mit dem Bau des Staudamms El Mansour Eddahbi am Wadi Draa“, erzählt er. „Er dient dazu, die Region mit Trinkwasser zu versorgen und die Felder zu bewässern.“ Das Hinzukommen von Noor habe keinen Krieg ausgelöst, versichert er. „Das Kraftwerk braucht weniger als ein Prozent der Jahreskapazität des Bassins, 50 Prozent geht in die Landwirtschaft. Es gibt gar nicht so wenig Wasser in der Wüste“, versichert er. Das mag wohl so sein, dennoch wird zur Wassereinsparung in den neuen Kraftwerken von Noor komprimierte Luft zum Kühlen der Turbinen benutzt werden, obwohl dies kostspieliger ist. Zudem sind die Forscher dabei, eine neue Methode des dry cleaning zu entwickeln.

    Mit Sonnenuntergang kehren die Spiegel in ihre morgendliche Ausgangsposition zurück. Jeden Abend queren die Lastwagen der Putztruppe die Anlage und reinigen die am stärksten verschmutzten Spiegel. Aber auch während der Nacht produziert die Anlage weiter Energie. Darin besteht der große Vorteil von Solarwärmeanlagen gegenüber Fotovoltaikanlagen. Die Technologie der Strahlungsbündelung oder des CSP (Concentrating Solar Power) macht es möglich, die Sonnenwärme in riesigen Speichern zu akkumulieren, die eine Lösung aus geschmolzenem Salz enthalten (Salzschmelzen aus Kalium- und Natriumnitrat). So kann Noor auch nachts oder an trüben Tagen, wenn die Sonne von Wolken verdeckt ist, Strom erzeugen.

    „Die Solarwärmeanlage löst das entscheidende Problem der Speicherung von Strom“, betont seit Jahren Carlo Rubbia, einer der Väter der CSP-Technik. „Es geht um die gleiche Funktion wie sie ein Staudamm hat, womit bei einem Wasserkraftwerk Energie gespeichert und deren Freisetzung reguliert werden kann. Bei Fotovoltaik und Windkraft ist dies nicht möglich.“

    Es war der italienische Nobelpreisträger für Physik, der die Salzschmelzen einführte. Dem Aussehen nach ähnelt die geruch- und farblose Flüssigkeit Wasser. Wenn sie „kalt“ ist, liegt die Temperatur der Salze bei etwa 300 Grad. In Noor I erreicht sie fast 400 Grad. In Noor III, wo alle Spiegel die Sonne direkt auf den Strahlungsabsorber an der Spitze des Turms konzentrieren – womit die diathermischen Öle, die auf höchstens 400 Grad erhitzt werden können, ausscheiden –, wird die Temperatur 585 Grad erreichen. Die Speicherkapazität steigt damit auf acht Stunden, und auch die Nacht wird erleuchtet sein.

    Schon heute ist es möglich, nur mittels der Sonne Strom rund um die Uhr zu erzeugen. „In Chile und in Südafrika machen dies einige Anlagen. Es gibt dafür zwei verschiedene Wege: Entweder vergrößert man das Volumen der Salze oder man erhöht ihre Temperatur“, erklärt Tarik Bourquouquou. Das Problem der schwankenden Sonneneinstrahlung, der wunde Punkt der Solarenergie, ist technisch gelöst. Der Blick der Wissenschaftler geht darüber hinaus. Die Flüssigkeit der Zukunft könnte eine Wolke aus fließendem Sand sein, womit der größte Nachteil der Salzschmelzen überwunden wäre: Verlieren sie an Wärme, werden sie fest und verstopfen die Rohre. Die Technologie ist in permanentem Wandel, auch, und nicht zuletzt, um die Kosten zu senken. Der Rest ist wirtschaftliches Kalkül, politischer Wille und geopolitische Vision.

    4.      Der Preiskampf

    „Der Maßstab unseres Erfolgs ist der Preis pro Kilowattstunde (kWh)“, fasst Deon Du Toit zusammen. „Das ist unser Kampf.“ Noch ist der Preis hoch. Mit Noor II sinkt er zwar auf 14 Dollar-Cent, aber Kohle liegt bei 0,03 Dollar und bei der Windkraft sind es 0,05 Dollar. Auch Fotovoltaik (PV) kostet weniger. „Das stimmt zwar, aber nach Sonnenuntergang produziert sie nicht mehr und muss also mit einem Gas- oder Kohlekraftwerk kombiniert werden, was den Preis wiederum erhöht. Oder man verbindet CSP und PV, wie wir das mit Noor IV, einer Fotovoltaikanlage, machen werden.“

    Auch der Vergleich mit Kohle wird durch „manipulierte“ Preise verfälscht, beteuert der Südafrikaner. „Die Gleichung ist unvollständig. Kritiker der Solarenergie stellen in den Vordergrund, dass für die Spiegel große Flächen benötigt werden. Im Vergleich zu den verheerenden Auswirkungen einer Kohlegrube ist das aber wenig. Auch das muss in den Preis mit eingerechnet werden.“ Die Solartechnik hat zudem noch unerschlossene Entwicklungsmargen, fährt Du Toit fort. „Über die fossilen Brennstoffe wissen wir mittlerweile alles, aber hier befinden wir uns auf neuem, noch zu erforschendem Terrain. Man braucht sich doch nur den enormen Fortschritt von Noor III gegenüber Noor I ansehen.“

    Bei wachsendem Markt sinken die Preise schneller, und zwar dank der Vorteile der Skaleneffekte. Laut Schätzungen der International Renewable Energy Agency (IRENA) verringert sich bei jeder Verdoppelung der installierten Leistung der Preis um etwa 20 Prozent. Gleichzeitig wächst das Vertrauen der Banken, welche die Risikoaufschläge für Kredite reduzieren und so die installierte Leistung auf Rekordhöhe schnellen lassen. Eine positive Wechselwirkung, durch die die Sonnenenergie innerhalb von weniger als zehn Jahren zu einer preisgünstigeren Energiequelle werden könnte als Kohle.

    Der Wettlauf mit den fossilen Brennstoffen ist in vollem Gange. „Wir kommen immer näher“, bestätigt Bourquouquou. In einigen Fällen waren die Preise bereits niedriger. 2016 sind in Chile und den Vereinigten Arabischen Emiraten die Angebote für die Stromerzeugung aus Sonnenenergie unter 3 Cent pro kWh gesunken, das heißt sie waren niedriger als die im globalen Vergleich durchschnittlichen Kosten bei Kohlekraftwerken. Mitte dieses Jahres kam von einer Stromauktion für eine Anlage in der Wüste von Rajasthan in Indien die Nachricht von einem neuen Preissturz bei der Fotovoltaik auf bis zu 2,62 Rupien pro kWh (0,015 Cents). Das bedeutet eine Senkung um 40 Prozent gegenüber dem vorigen Rekord. Auch in diesem Fall ist der Preis für Solarenergie niedriger als der für Kohlestrom (3,20 Rupien). Das ruft auch in Noor Jubel hervor. „In dieser Phase ist der Erfolg von einem von uns ein Fortschritt für uns alle“, erklärt Bourquouquou. „Wir stehen alle in der Schuld der Pioniere und der ersten Anlagen in Südspanien und im Westen der USA. Und wir folgen auch weiter dem, was anderswo passiert. Jedes neue Projekt profitiert von den Fortschritten seiner Vorgänger. Wir haben es hier mit einem der wenigen Sektoren zu tun, wo es von Vorteil ist, die technologischen Innovationen miteinander zu teilen. Denn je mehr Anlagen dieser Art es gibt, desto stärker fallen die Preise und umso mehr werden die Banker in die Solarenergie investieren“, schließt er. So war die Wende in Indien finanziell, nicht technologisch: Die Banken haben die Kreditkosten drastisch gesenkt und den Investitionen vertraut. Entscheidend war auch die Rolle der Regierung, die den Investoren Garantien geboten und den Erwerb von Grundstücken erleichtert hat.

    Diese Unterstützung fehlte den italienischen Pionieren teilweise, die dennoch in der Geschichte der Solarthermie einen bedeutenden Rang einnehmen: angefangen von Alessandro Battaglia, der Ende des 19. Jahrhunderts als Erster auf die Idee kam, Heizkessel und Spiegel zu trennen und den „multiplen Solarkollektor“ erfand, bis hin zu Giovanni Francia, der zwischen 1960 und 1980 die ersten Prototypen mit flachen Spiegeln auf dem Genueser Hügel Sant’Illario baute und auf dessen Anregung die weltweit erste Anlage mit einem zentralen Turm in der Nähe der sizilianischen Stadt Catania gebaut wurde. Ebenso auf Sizilien, in Priolo Gargallo im Herzen der Petrochemie von Syrakus, ging 2010 das Sonnenwärmekraftwerk Archimedes in Betrieb, das Carlo Rubbia entworfen und durchgesetzt hatte. Dabei handelt es sich um das erste Kraftwerk mit Salzschmelze-Technologie und integriertem Kombiprozess. Die letzte technologische Erneuerung, die auf Sizilien erfolgte, ist wenige Monate alt: Der Konzern Magaldi nahm in San Filippo del Mela eine Anlage in Betrieb, in der Wärme in einem fluidisierten Sandbett gespeichert wird.

    Die italienische Geschichte der Solarthermie ist die zukunftsweisender Pilotanlagen mit geringer Leistung. Das ist ein Paradox in einem Land, das bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien führend ist. Konzerne und Wissenschaftler, die ihrer Zeit voraus waren, haben neue Wege eröffnet, die ein vielleicht zu konservatives Finanz-, Industrie- und politisches System noch nicht mit Entschlossenheit eingeschlagen hat.

    5.      Der grüne Weg

    Auf globaler Ebene ist die Förderung von Solarenergie Teil der 2015 in Paris eingegangenen Verpflichtung, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf unter 2 Grad zu begrenzen. Der Zuwachs der erneuerbaren Energien auf einen Anteil von 36 Prozent am globalen Energiemix bis zum Jahr 2030 brächte laut IRENA die Hälfte der zum Erreichen des Ziels notwendigen Emissionsminderung. Der Rest dürfte durch höhere Energieeffizienz erreicht werden. Der rasche Übergang zu einer CO2-armen Gesellschaft hätte, so die internationale Organisation, auch wirtschaftliche Vorteile: Die Verdoppelung der Quote der erneuerbaren Energie führe zu einem Zuwachs des weltweiten BIP um etwa 1,1 Prozent. Syrien, Nicaragua und die Vereinigten Staaten beteiligen sich nicht am Pariser Abkommen. Die anderen 194 Staaten der Welt gehen diesen Weg weiter.

    Es ist ein grüner Weg, wie ihn Marokko seit einigen Jahren eingeschlagen hat. Angetrieben wurde das Land von der Notwendigkeit, schwer auf ihm lastende Kosten zu reduzieren. Das Land führt 94 Prozent seines Energiebedarfs aus dem Ausland ein, und die nationale Nachfrage verdoppelt sich alle zehn Jahre. Um dem Rechnung zu tragen, wird Noor neben Ouarzazate weiter expandieren und neue Kraftwerksanlagen, die verschiedene Techniken der Sonnenenergienutzung verwenden (CSP und PV), in Midelt, Tata, Laâyoune und Boujdour eröffnen. Heute liefert Noor I mit einer Leistung von 160 Megawatt den für den täglichen Verbrauch von zirka 600 000 Personen notwendigen Strom. Bis 2020 soll die Solarenergie in Marokko eine installierte Leistung von 2 Gigawatt erreichen, von denen auf die vier Kraftwerke in Ouarzazate 580 Megawatt entfallen. Neben Solarenergie investiert Marokko in Wasser- und Windkraft: Einer der größten Windparks Afrikas befindet sich in Tarfaya, das ebenso am Rande der Sahara gelegen ist, fünf weitere sind im Bau.

    Wenn alles nach Plan läuft, wird sich der marokkanische Energiemix radikal verändern: Bis zum Jahr 2030 soll mehr als die Hälfte (52 Prozent) des Verbrauchs aus erneuerbaren Energien bereitgestellt werden: zu gleichen Teilen aus Wasser, Sonne und Wind. Bis zum selben Jahr hat sich Rabat auch verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen um 32 Prozent zu reduzieren. Die Unabhängigkeit von ausländischen Lieferanten geht Hand in Hand mit den Ambitionen, sich als glaubhaftes Modell für umweltverträgliche Nachhaltigkeit zu positionieren. Zum Ausdruck gebracht wurde dies bereits während der COP 22, der 2016 in Marrakesch abgehaltenen UN-Klimakonferenz zum weltweiten Temperaturanstieg. Allein der Solarplan bringt Einsparungen von 3,7 Tonnen CO2 im Jahr. Das reicht aber nicht.

    Wenn alles nach Plan läuft, wird sich der marokkanische Energiemix radikal verändern: Bis zum Jahr 2030 soll mehr als die Hälfte (52 Prozent) des Verbrauchs aus erneuerbaren Energien bereitgestellt werden: zu gleichen Teilen aus Wasser, Sonne und Wind.

    Der grüne Weg Marokkos reicht von der Verbannung der Plastiktüten über die Schaffung von 200 Hektar Wald bis hin zum Projekt der „nachhaltigen Moschee“, deren erstes Ziel die energetische Modernisierung von 600 Kultstätten bis zum Jahr 2019 ist (sie werden mit LED-Lampen, Fotovoltaikanlagen und Solarpanelen ausgestattet). Die Koutoubia-Moschee, die schönste und älteste von Marrakesch mit ihrer fast 900-jährigen Geschichte, wurde bereits nach den neuen Vorgaben saniert.

    Das Projekt zielt weniger auf die energetischen Ziele oder die Nebeneffekte im Sinne der green economy als auf einen kulturellen Wandel. Um den Begriff der ökologischen Nachhaltigkeit bekannt zu machen, hat das Ministerium für islamische Angelegenheiten neben den Imamen auch die Mourchidates, den weiblichen Klerus, einbezogen, der nach den Attentaten von Casablanca im Jahr 2003 im Zuge der von Rabat eingeleiteten Reform des nationalen Islam eingesetzt wurde, um einem weiteren Anstieg der Zahl der Extremisten entgegenzuwirken. In der besten aller vorstellbaren Welten, wenn vielleicht auch unrealisierbar, brächte der grüne Weg Marokko also auch Frieden und Stabilität. Und er könnte weit über die Grenzen des Landes ausstrahlen.

    6.      Die Geopolitik der Sonne

    Fragt man die Männer von Noor, wo der ganze, von der Solaranlage produzierte Strom hingehen wird, reagieren sie etwas steif: „Er wird von Marokko gebraucht, es geht um eine nationale Strategie, die den Bedürfnissen des Landes Rechnung trägt“, antwortet Tarik Bourquouquou, ergänzt aber: „Im Fall einer Überproduktion und bei Nachfrage aus dem Ausland könnte man den Strom auch exportieren, nach Europa und anderswo. Dies sind aber Entscheidungen, die an der Spitze getroffen werden. Wir liefern die Energie an den Stromverteiler. Die strategischen Entscheidungen liegen nicht in unserer Kompetenz. Da müssen Sie weiter oben nachfragen, in Rabat“, empfiehlt er.

    Der Rest der Welt interessiert sich schon seit längerem für die auf Nordafrika einfallenden Sonnenstrahlen. Es ist mehr als ein Jahrhundert vergangen (es war im Sommer 1913), seit der geniale nordamerikanische Erfinder Frank Shuman am Ufer des Nil, etwa fünfzehn Kilometer südlich von Kairo, das erste Solarwärmekraftwerk der Geschichte in Betrieb nahm. Vor den Augen der verwunderten britischen Kolonialelite versorgte die Parabolspiegelanlage die Pumpanlage, welche die an den großen afrikanischen Fluss angrenzenden Baumwollfelder bewässerte.

    Dabei scheint es ein eher naheliegender als visionärer Einfall zu sein, die für teures Geld aus den fernen britischen Bergwerken herbeigeschaffte Kohle durch die Sonne vor Ort zu ersetzen. Aber Shumans Blick ging bereits darüber hinaus, er richtete sich auf die Sahara und die Möglichkeit, für alle Strom zu erzeugen. Er war überzeugt, dass „die Menschheit endlich die direkte Sonnenenergie nutzen muss, oder in die Barbarei zurückfallen wird“. Wenig später wird sein Projekt durch das Grauen des Ersten Weltkriegs abgebrochen. Aber mit der Zeit brachte die fatale Kombination aus wiederkehrenden Ölpreisschocks, der Sorge um die globale Erderwärmung und den verschiedenen Nuklearunfällen die Sonne der Sahara als attraktive alternative Energiequelle erneut ins Gespräch.

    Nach dem Nuklearunfall von Tschernobyl rechnete der deutsche Physiker Gerhard Knies aus, dass die Wüsten der Erde in sechs Stunden mehr Energie von der Sonne empfangen, als die Menschheit in einem Jahr verbraucht. Die Sonne scheint für alle, argumentiert Knies, und ein Krieg um die Sonne, vergleichbar den Konflikten um Erdöl, ist nur schwer vorstellbar. Knies addierte das zu den anderen Vorteilen der Sonnenenergie und fragte sich unter der aus der UdSSR herannahenden radioaktiven Wolke, wie zuvor Shuman, ob „die Gattung Mensch tatsächlich zu dumm ist, um diese Ressource zu nutzen.“

    Der deutsche Physiker machte einfach weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Etwa zwanzig Jahre später führten die Anstrengungen von Knies zur Gründung der Stiftung DESERTEC, deren Ziel der Bau eines Netzes von Solar- und Windparks in der Sahara ist, die wiederum mit Übertragungskabeln der neuesten Generation mit Europa verbunden sind.

    Die ersten Schätzungen von Knies gingen davon aus, dass eine Fläche der Sahara von der Größe Wales ausreicht, um ganz Europa mit Strom zu versorgen. Etwas bescheidener fiel dann das Projekt aus, bis 2050 15 Prozent des Strombedarfs Europas zu decken, nachdem zunächst die Erzeugerländer mit Strom versorgt wurden. Für die konkrete Umsetzung des Vorhabens wurde die Desert Industrial Initiative (Dii) gegründet, ein internationales Konsortium mit deutschem Antrieb (zu den ersten Mitgliedern zählen E.ON, Munich Re, Siemens und die Deutsche Bank). Einige Jahre später, auch unter dem Eindruck von Fukushima – was den Atomausstieg Deutschlands beschleunigte – gibt DESERTEC grünes Licht für die erste Projektphase: den Bau einer Solaranlage bei Ouarzazate, in der marokkanischen Sahara.

    Die ersten Schätzungen von Knies gingen davon aus, dass eine Fläche der Sahara von der Größe Wales ausreicht, um ganz Europa mit Strom zu versorgen.

    Es war die Geburtsstunde von Noor sowie eines Vorhabens, das zunächst nach Tunesien und Algerien, dann nach Ägypten, Syrien, Libyen und Saudi-Arabien expandieren sollte. DESERTEC hatte für das Projekt das vornehmlich französische Konsortium MEDGRID als Partner gefunden, das ein euro-mediterranes Stromnetz mit Hochspannungskabeln zwischen den beiden Küsten konstruieren sollte. Der strategische Motor der Initiative war der Mittelmeer-Solarplan, der von der damals frisch gegründeten Union für den Mittelmeerraum beschlossen wurde. Die im Solarplan von 2008 anvisierten Ziele waren hochgesteckt: Mit Gesamtinvestitionen von geschätzten 80 Milliarden Euro bis 2020 sollte eine installierte Leistung von 20 Gigawatt erreicht werden, von der ein Teil (dreiviertel) den lokalen Bedarf deckt und der Rest nach Europa exportiert wird.

    Von da an ist aber nur Noor von sich aus gewachsen, und zwar im Rahmen der nationalen Strategie Marokkos. DESERTEC hingegen wurde aufgelöst, auch als Opfer einer neuen Periode der Instabilität, die, nach den Versprechungen des Arabischen Frühlings, einige der Partner an der Südküste getroffen hat. In Zeiten neuer Mauern ist auch das größte Projekt der euro-mediterranen Integration im Sande verlaufen. Aber Rabat zeigt noch Interesse.

    „Die Einbindung Marokkos in das regionale und euro-mediterrane Stromnetz ist einer der Kernpunkte unserer Strategie,“ erklärt der Sprecher von MASEN Maha El Kadri. Deswegen haben wir aus Überzeugung sowohl den Mittelmeer-Solarplan als auch DESERTEC unterstützt. DESERTEC gibt es jetzt nicht mehr, und unser nationaler Plan hat das Konzept in vielen Bereichen bereits überholt, aber das Ziel bleibt. Betrachtet man unsere Position, sind wir dazu bestimmt, eine Pionierrolle beim Energieaustausch im euro-mediterranen Raum einzunehmen.“

    Noch ist die Infrastruktur allerdings schwach. Bis heute verbindet nur eine Doppelleitung für 1,4-GW-Wechselstrom über die Straße von Gibraltar die beiden Kontinente. Das Netz wird jedoch ausgebaut. „Unsere Strategie setzt auf eine Doppelachse: Richtung Europa und Richtung Afrika. Nord- und Westafrika werden mit dem alten Kontinent verbunden sein“, versichern sie in Rabat. Ein Verbund mit Portugal ist bereits in Arbeit, der mit Spanien wird intensiviert. Von dort aus soll Strom nach ganz Europa weitergeleitet werden, falls das von Brüssel vorgegebene Zehn-Prozent-Ziel für den Stromverbund bis 2020 eingehalten wird. An der Südküste gibt es bereits ein Verbundnetz der Maghreb-Staaten: Marokko ist verbunden mit Algerien und Algerien mit Tunesien. Und der geplante Verbund mit Mauretanien öffnet der Energie, die aus der Sahara kommt, die Tore nach Westafrika, vielleicht auch darüber hinaus.

    „Die Solarrevolution ist afrikanisch“, unterstreicht Deon Du Toit stolz. „Heute weist Marokko den Weg, und dort unten sind es wir Südafrikaner, aber dazwischen liegt der Kontinent teils noch im Dunkeln. Das Licht von Noor müsste auch dorthin gelangen.“ Die Zusammenarbeit beim Strom könnte auch die volle politische Wiedereingliederung von Rabat in den Kontinent begünstigen. Erst kürzlich erfolgte die Rückkehr in die Afrikanische Union, aus der das Land vor 33 Jahren (als diese noch Organisation für Afrikanische Einheit hieß) wegen des Westsaharakonflikts ausgetreten war.

    An der nördlichen Mittelmeerküste bestehen die Argumente für den Solarplan auf dem Papier weiter. Außer der Diversifizierung des Energiemix, um die Abhängigkeit von wenigen Lieferanten zu verringern, könnten die Richtung Afrika ausgeworfenen Kabel den Europäern helfen, die selbstgesetzten Ziele zur Eindämmung der Klimaerwärmung zu erreichen, indem der Anteil des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen erhöht wird. Ist das ein Vorhaben, an dem noch Interesse besteht?

    Ein gutes Zeichen ist der aus Europa kommende Investitionsfluss. Für die Europäische Union und die Europäische Investitionsbank (EIB), ihre Einrichtung für Finanzierungen, steht ein Projekt wie Noor am Schnittpunkt zwischen ihrer Nachbarschaftspolitik und dem wachsenden Fokus auf eine grüne Ökonomie im Allgemeinen sowie die erneuerbaren Energien im Besonderen (die EIB ist der größte multilaterale Finanzakteur im Bereich der „Klimafinanzierungen“). Am Horizont könnte sich allerdings etwas Anderes abzeichnen: eine Energiegemeinschaft als Keimzelle für eine euro-mediterrane Gemeinschaft.

    Am Horizont könnte sich allerdings etwas Anderes abzeichnen: eine Energiegemeinschaft als Keimzelle für eine euro-mediterrane Gemeinschaft.

    Nach einer langen Zeit des Stillstands bewegten sich kürzlich auch die nationalen Regierungen. Ende 2016 unterzeichneten Marokko, Deutschland, Spanien, Frankreich und Portugal ein Abkommen über den Handel mit erneuerbaren Energien. „Jetzt haben wir eine Road Map für eine regionale Zusammenarbeit mit Europa. Das ist ein neuer Impuls“, sagt man in Rabat. Im Januar 2017 zeigte sich bei einem Gipfel in Barcelona auch wieder die Union für den Mittelmeerraum. Von dem großartigen politischen Gebilde, das Nicolas Sarkozy vor zehn Jahren entwarf, ist nicht mehr viel geblieben. Aber man spricht erneut über eine verstärkte Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Raum. Einfach ist der Dialog nicht.

    Zum Misstrauen der Europäer, die sich in ihrer Festung verschanzen, kommt der Verdacht der Araber, einige Partner vom anderen Ufer des Meeres könnten noch überkommene Projekte zur Ausbeutung afrikanischer Ressourcen im Kopf haben. So gesehen war der Arabische Frühling nicht vergebens. Eine Gemeinschaft, sollte sie zustande kommen, kann sich nicht nur um die Bedürfnisse und Sorgen der Europäer drehen.

    Heute geht es nicht bloß um ein Projekt, sondern um eine Chance, auch wenn man sich schwertut, sie zu erkennen. Es bräuchte erneut das pragmatische Vorgehen, welches es damals möglich machte, Stein für Stein das gemeinsame Haus des alten Kontinents zu bauen. Die Europäer haben vor über sechzig Jahren damit begonnen: Durch die Zusammenarbeit in der Gemeinschaft für Kohle und Stahl haben sie sich daran gehindert, erneut Krieg gegeneinander zu führen. Das Sonnenlicht, das auf die Sahara fällt, könnte der Anfang einer neuen Geschichte sein und einen neuen Weg in den heute abgeschotteten Mittelmeerraum eröffnen.

    Übersetzung: Arnold A. Oberhammer