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    Liz Jensen

    IN KREATIVEM LICHT: GESCHICHTEN AUS OUARZAZATE
    Autorentexte für die Europäische Investitionsbank, gefördert durch die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität der Europäischen Union


    Das Licht an der Spitze des Turms wird zu gleißend sein, um es mit bloßem Auge zu betrachten.

    Zuhause: der Ort, an dem man dauerhaft lebt, besonders als Mitglied einer Familie oder eines Haushalts. Synonyme: Habitat, Heim, Wohnsitz, Herkunftsort, Wiege, häuslicher Raum.

    Ich kenne eine Gletscherforscherin, die einen Großteil ihrer Zeit im ewigen Eis verbringt. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hat Birgitte selbst einige Teile des Klimapuzzles gefunden und erforscht. Sie weiß, wie und wo sie sich in das zukünftige Bild unseres Heimatplaneten einfügen, auch wenn sie manchmal wünschte, sie wüsste weniger. Doch wie viele in ihrem Kollegenkreis verkörpert sie ein sehr menschliches Paradoxon.

    Ob man im überbevölkerten und sich rasch erwärmenden Anthropozän noch ein Kind bekommen sollte, ist für Wissenschaftlerinnen wie sie keine rhetorische Frage, sondern ein schweres Dilemma. Nach längerer Gewissensprüfung entschied sich Birgitte dafür – obwohl sie weiß, dass ihr Sohn, lange bevor er das ihm von Futurologen prognostizierte gesegnete Alter von 100 Jahren erreicht, in einer vollkommen veränderten, größtenteils unbewohnbaren Welt leben wird. Als ich sie frage, was sie bewogen hat, sich auf dieses existenzielle Wagnis einzulassen, verstummt sie für eine Weile.

    „Biologie“ ist die kurze, einfache Antwort, sagt sie schließlich. Allerdings kann man sich über die Biologie hinwegsetzen, und manche tun dies auch. Die längere, schwierigere Antwort lautet „kognitive Dissonanz“.

    Francis Scott Fitzgerald sagte einmal: „Ein Test für außerordentliche Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Ideen gleichzeitig zu verfolgen, ohne dabei verrückt zu werden.“

    Birgitte besitzt außerordentliche Intelligenz. Und sie benutzt sie täglich, um sich in zwei Hälften zu teilen.

    Die eine Seite, die Wissenschaftlerin, ist scharfsichtig und verzagt.

    Die andere Seite, die Mutter, ist blind. Und besitzt ein tiefes, großes Urvertrauen.

    Im April 2015 wirbelten Stürme in der Sahara Sandwolken auf, die 2000 Meilen bis nach Südengland geweht wurden, wo sie als „Blutregen“ niederfielen. Mehrere Wochen war London von einer feinen roten Sandschicht überzogen. Dieses Naturphänomen fiel mit einer Hitzewelle zusammen, und die Kombination von Saharastaub, Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft und Schadstoffen aus Verkehr und Industrie ließen die Luftbelastung auf einen Rekordwert ansteigen. Das Hauptgesprächsthema in diesen ungewöhnlich heißen Apriltagen war jedoch nicht die triste, alltägliche Realität einer schmutzigen, von fossilen Energieträgern angetriebenen Welt, sondern der aufregend-verrückte Niedergang des roten Staubs.

    Der Blutregen.

    Der undurchdringliche, rötliche Himmel.

    Die Bäume, Straßen, Autos und Gebäude, die von einer feinen Sandschicht bedeckt waren.

    Zwei Jahre später – inzwischen wurde Artikel 50 aktiviert, und ein gespaltenes Post-Brexit-Großbritannien steht im Begriff, sich von Europa abzukoppeln – ist London erneut in Rot getaucht. Kein rostroter Saharastaub diesmal, sondern das Rot des „guten alten Englands“ mit seinen unverwechselbaren Briefkästen, seinem nationalen Erbe und dem Logo von Virgin. Rot sind auch die lebensgroßen Pappaufsteller der „Royal Beefeater“, der königlichen Leibwache, die Plastikspardosen in Form der typischen englischen Telefonzellen und die Union-Jacks, die Regenschirme, Boxershorts, Schürzen und Mauspads zieren. Es ist, als hätte seit dem Referendum eine unbändige Sehnsucht nach Gestern den Blick auf die Zukunft gefärbt.

    Ich ergreife die Flucht.

    Am Flughafen Heathrow kaufe ich an einem Stand mit der Aufschrift Rehydration – welch cleverer, zynischer Marketing-Gag – eine Plastikflasche mit Wasser. Zu Millionen landen sie täglich auf Müllhalden oder in Meereswirbeln, oder sie werden an die Küsten pazifischer Inselatolle gespült, wo Einsiedlerkrebse sich in den Köpfen von Plastikpuppen häuslich niederlassen. Während ich im Flugzeug kleine Schlucke daraus trinke, lese ich einen Artikel über „Prepper“ – Menschen, darunter viele Milliardäre aus dem Silicon Valley, die sich mit Bunkern, Stacheldrahtzäunen, Munition und Flugpisten auf globale Katastrophenszenarien vorbereiten. Da sie wissen, wie das System funktioniert, ist ihnen klar, dass im Katastrophenfall – in welcher Form dieser auch eintreten mag – keine Regierung der Welt helfen kann. Die Abkürzung der US-Katastrophenschutzbehörde FEMA verdrehen sie spöttisch in: „Foolishly Expecting Meaningful Aid“, was man mit „einfältige Hoffnung auf wirksame Hilfe“ wiedergeben könnte.

    Wie die Einsiedlerkrebse haben die Prepper ihren Puppenkopf auf einem fernen Atoll gefunden.

    Sie sind bereit, ihn wieder mit Leben zu füllen und sein neues Gehirn zu werden.

    Frage: Welches sind die ersten Anzeichen dafür, dass unser Zuhause seine gewohnte „Heimeligkeit“ verliert?

    Dass es gespenstisch erscheint?

    Bedroht wird?

    In Flammen steht?

    Trotz vieler Hinweise wie unberechenbare Jahreszeiten, aussterbende Wildtiere, biblische Stürme, saure Meere und eine grüne Antarktis ist nicht jeder bereit, sich die zunehmende „Unheimlichkeit“ unserer Welt – die Dänen sprechen von „uhygge“ – einzugestehen. Während ich den Artikel über die Prepper lese, wird mir jedoch klar, dass gleichgültig, wie vehement wir uns als Individuen sträuben mögen, unser kollektives Unterbewusstsein – nennen wir es die Schwarmintelligenz unserer Spezies – nicht untätig geblieben ist.

    Es hat ebenfalls fleißig Vorbereitungen getroffen.

    Seit der Beschreibung der Sintflut im Gilgamesch-Epos des alten Mesopotamiens begleiten uns Geschichten der Apokalypse – Geschichten, die einem ständigen Wandel unterliegen, genau wie die Ängste der aufeinanderfolgenden Epochen. Der Stoff für die Alpträume meiner Generation war der nukleare Holocaust. Ungefähr zu jener Zeit strahlte die BBC das mehrteilige Fernsehdrama The Survivors über die Überlebenden einer verheerenden Seuche aus. Dies gab bereits einen Vorgeschmack auf Epidemien wie AIDS, den Rinderwahnsinn BSE, die Vogel- und Schweinegrippe, SARS, Ebola, Zika und was sonst die öffentlichen Gesundheitswesen künftig noch herausfordern wird. Um die Jahrtausendwende löste der Y2K-Bug neue Ängste aus. Heute sind Cyberangriffe und dadurch verursachte Systemausfälle keine hypothetische Möglichkeit mehr. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann und wo sie stattfinden und wie groß der angerichtete Schaden ist. Dies gilt ebenso für die Auswirkungen menschengemachter Umwelt- und Klimakatastrophen.

    Blickt man zurück, wird klar, dass alle diese Ängste schon laufend in Büchern, Comics, Filmen und Computerspielen, der Massenware unserer Popkultur, aufgegriffen wurden. Die Mad Max-Trilogie, aus der eines der erfolgreichsten Videospiele des Genres hervorgegangen ist, stammt aus dem Jahr 1979. Vor gut einem Jahrzehnt tauchten die ersten darwinistischen Reality-Shows auf, bei denen die Kandidaten in den Dschungel geschickt werden, um Wurzeln auszugraben, Insekten zu vertilgen, Urin zu trinken und frustrierte Tränen zu vergießen. Jeder, der Filme wie The Walking Dead oder The Road gesehen hat, der Margaret Atwoods MadAddam-Trilogie oder Emily St. John Mandels Das Licht der letzten Tage kennt oder schon einmal Rage oder Metro 2033 gespielt hat, hat sich bewusst oder unbewusst mit einem Entwurf der Zukunft auseinandergesetzt.

    Im heutigen Zeitalter grotesker Wunschvorstellungen und beklemmender Alpträume sind Unterhaltung und Untergang miteinander verwobene Glieder einer Eskapismus-Industrie. Sie zeigen uns, wie wir unserer Welt entweder entfliehen oder sie sie zerstören.

    Manche Reisen sind kurz, andere lang. Als mein Flugzeug zum Landeanflug auf den Flughafen der marokkanischen Wüstenstadt Ouarzazate ansetzt, lese ich einen Bericht über eine andere Wüste, einen Planeten, der 4,2 Lichtjahre von uns entfernt liegt. Der erdähnliche Himmelskörper Proxima Centauri B könnte, so erfahre ich, unter einer Reihe verschiedener Annahmen für seine Umlaufbahn flüssiges Wasser aufweisen.

    Die Schlagzeile nennt zwei Möglichkeiten: Gluthölle oder zukünftige Heimat.

    Werfen wir eine Münze.

    Dennoch klafft hier eine Lücke. Wo ist die Apokalypse selbst in diesen Vorher- und Nachher-Fantasien? In vielen dieser Narrativen wird sie so kurz wie möglich abgehandelt oder ganz übergangen: ein fait accompli. Wir haben kein Problem, unsere Notfalltasche für ein weltveränderndes Ereignis zu packen. Und manche sind geradezu begierig darauf, sich den Postkollaps vorzustellen. Fast ohne es zu merken, haben wir jedoch in dem Bemühen, diese zwei Rahmen auszufüllen, den mittleren Teil des Triptychons ausgeblendet, jenen Teil, in dem das Große Ereignis – das Unheimliche oder uhyggelige – passiert und Millionen und Abermillionen sterben.

    In Christopher Marlowes elisabethanischem Drama Doktor Faustus gibt es einen Moment, in dem Faustus den Teufel fragt, warum er auf der Erde und nicht in der Hölle sei.

    „Wie kömmts, dass du jetzt aus der Hölle bist?“ fragt er.

    Mephistopheles antwortet: „Was? Hier ist Hölle, ich bin nicht aus ihr.“

    Die 15 Millionen Grad heiße Plasmakugel, die wir Sonne nennen, entstand vor 4,6 Milliarden Jahren aus einer durch die Galaxie treibenden Gas- und Staubwolke, die zu einem Nebel kollabierte und schließlich unser Sonnensystem bildete. Wenige Organismen auf der Erde können ohne die extrem heißen Verschmelzungsreaktionen in ihrem Inneren überleben. Wir wissen dies intuitiv und verstandesmäßig. Kein Wunder also, dass alte Kulturen von den Ägyptern bis zu den Azteken unseren gleißenden Leitstern als etwas ansahen, das gefürchtet, verehrt und angebetet werden musste, und kein Wunder, dass er zu Tausenden von Mythen und Erzählungen anregte. Es ist auch kein Wunder, dass eine dieser Erzählungen zu den bekanntesten Narrativen der Menschheitsgeschichte über Schuld und Strafe gehört.

    Die 15 Millionen Grad heiße Plasmakugel, die wir Sonne nennen, entstand vor 4,6 Milliarden Jahren aus einer durch die Galaxie treibenden Gas- und Staubwolke, die zu einem Nebel kollabierte und schließlich unser Sonnensystem bildete. Wenige Organismen auf der Erde können ohne die extrem heißen Verschmelzungsreaktionen in ihrem Inneren überleben.

    Spiel mit dem Feuer: hauptsächlich verwendet, um jemanden vor einer Handlung zu warnen, die zu unangenehmen Ergebnissen für einen selbst oder für andere führen kann.

    Als Prometheus den Frevel begeht, das Feuer vom Berg Olymp zu stehlen, kommt er damit der heimlichen Neigung des Menschen zur Pyromanie entgegen. Er weiß um den erregten Schauer, den der intelligente Affe empfindet, wenn er aus trockenem Laub Feuer entfacht, wenn er ein Streichholz entzündet oder wenn er zusieht, wie die Seiten eines brennenden Buches zu schwarzen, welligen Rändern verkohlen. Er weiß, dass sich die Intelligenz des Affen durch die Verknüpfung von Feuer und Energie, Feuer und Wissen, Feuer und Leben, Feuer und Tod potenzieren wird und dass diese Verknüpfung Macht verleiht. Aber wen kümmert es? Prometheus ist auf sorglose Weise großzügig: Er könnte der Gott des laissez-faire sein. Er hat das Gefühl, dass alles gut gehen wird. Und wenn nicht, was könnte spannender sein? Soll Homo sapiens seine Höhlen beleuchten, seine Paläste und Hütten beheizen, Tintenfische grillen, Weihrauch, Wälder und Ketzer verbrennen, mit Holzkohle Kunstwerke erschaffen, chemische Elemente verschmelzen, Heimlichkeit und hygge erzeugen, Beweise vernichten, den benzingetriebenen Verbrennungsmotor erfinden, die Atombombe bauen, die Welt verkohlen.

    Vom erzürnten Zeus an einen Fels geschmiedet und zur Strafe von einem Adler heimgesucht, der täglich seine Leber frisst, zahlt Prometheus einen hohen Preis dafür, dass er den Göttern das Feuer entwendete. Macht und Wissen sind austauschbar. Stiehlt man eines von beiden, landet man unweigerlich in einer Welt der Schmerzen. Ist nicht genau das die Moral all solcher Narrative, angefangen von der Vertreibung aus dem Paradies bis zu Frankenstein und unzähligen Marvel-Comics?

    In einem weit zurückliegenden Stadium der mehrere Milliarden Jahre alten Geschichte unseres Planeten gehörte der Teil der marokkanischen Wüste, zu dem ich unterwegs bin – nicht weit vom Ursprung des Saharasands entfernt, der London rotfärbte –, zum riesigen Ozean Thetys. Während die Zeitalter vergingen, verschoben sich die tektonischen Platten, und über Zeiträume, die so schwindelerregend lang sind, dass wir sie uns kaum vorstellen können, prallten Landmassen aufeinander und drifteten wieder auseinander. Um eine Ahnung von der Größenordnung zu bekommen, können wir einen Arm ausstrecken und folgenden Vergleich anstellen: Wenn meine Achselhöhle der Urknall ist, dann markiert der letzte Millimeter meines mittleren Fingernagels den Beginn der Menschheit. Die Felsmalereien der ersten menschlichen Siedler zeigen Antilopen und Rinder. Mit der Ausbreitung und Intensivierung der Landwirtschaft wurde aus der einstmals fruchtbaren Landschaft jedoch Steppe und später Wüste. Die Berber erklären sich diesen ökologischen Wandel mit einer Legende, in der sich der unbändige Drang des menschlichen Gehirns, Geschichten zu erzählen und Mythen zu spinnen, widerspiegelt. Danach ist die Wüste der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln könne.

    Die Umgebung der hübschen, terrakottafarbenen Stadt Ouarzazate im Antiatlas-Gebirge ist geprägt von gefurchten Hochplateaus, den sogenannten Hammadas, und Schotterebenen, die von rotem Geröll übersät sind. Die Landschaft ist von einer herben, baumlosen, abweisenden Schönheit. Es gibt Salzsenken – urzeitliche Überreste des Tethysmeeres, wie mir ein Einheimischer erzählt – und ausgetrocknete Flussbetten. Auf den ersten Blick wirkt sie leer, aber hier und da wächst und gedeiht es in den Rinnen und Spalten allen Widrigkeiten zum Trotz – künstlich an manchen Stellen, still und verstohlen an anderen und wiederum woanders wild, beharrlich und erfinderisch. Eidechsen huschen über Bewässerungsrohre. Handgefertigte Ziegel aus Stroh und Lehm trocknen in der Sonne. Die schwarzen Kommas an den Hängen sind Ziegen. Hier und da liegen verstreut die Überbleibsel von Tausenden Filmsets herum. Lawrence von Arabien wurde hier gedreht, Babel und Asterix und Obelix. Dort, wo Wasser von den Ausläufern des Atlasgebirges herabrinnt, singen die Bauern von plötzlich sprießenden grünen Flecken. In einem verfallenen jüdischen Dorf wässert ein alter Berber seine Kräuter.

    Die Szene könnte aus einem früheren Jahrhundert stammen, gäbe es nicht den Pylon, die fotovoltaische Straßenlaterne und dahinter einen im Bau befindlichen Betonturm. Von hier macht die Anlage nicht viel her. Kein Wunder, dass der alte Berber ihr keine Aufmerksamkeit schenkt, während er sein Basilikum, sein Zatar und seine Minze pflegt.

    Vom Aussichtsturm auf dem Gelände des weltweit größten und ehrgeizigsten Solarkomplexes „Noor“ („Licht“ auf Arabisch) begreife ich jedoch allmählich die fast halluzinatorisch anmutende Größenordnung dessen, was hier entsteht. Wie albern, dass mir ausgerechnet der völlig antiquierte englische Ausruf „Cor Blimey“ herausrutscht. Als Abkürzung der Redewendung „God blind me“ ist er jedoch auch schon wieder passend – Gott blende mich. Ein endloser, spiegelnder See aus Glas breitet sich vor mir aus. Auf einer steinigen Fläche, die von Geröll befreit wurde, sodass sie eben wie ein Pfannkuchen ist, erheben sich endlose Reihen von Parabolspiegeln in den wolkenlosen Himmel und reflektieren die gleißende Sonne. Etwas an diesem glitzernden Anblick, eine Luftspiegelung vielleicht, erinnert an die klassische Fata Morgana der Wüste, die Vorspiegelung von unerreichbarem Wasser, und damit an das längst vergangene Thetysmeer.

    Vom Aussichtsturm auf dem Gelände des weltweit größten und ehrgeizigsten Solarkomplexes „Noor“ („Licht“ auf Arabisch) begreife ich jedoch allmählich die fast halluzinatorisch anmutende Größenordnung dessen, was hier entsteht.

    Doch ein Wimpernschlag und dieser Eindruck ist verschwunden. Alles, was ich jetzt sehe, sind die unumstößlichen Fakten dieses Projekts: Geld. Viel Geld! 2,4 Milliarden Euro. Energie: Sobald die Anlage fertiggestellt ist, werden hier fast rund um die Uhr insgesamt 580 Megawatt Strom erzeugt. Ehrgeiz: Hier entsteht nicht nur der größte Solarkraftwerk-Komplex des afrikanischen Kontinents, sondern der ganzen Welt.

    Der erste unter marokkanischer Leitung fertiggestellte Abschnitt des Projekts, Noor 1, ist bereits in Betrieb. Die 500 000 Spiegel der Anlage wurden so konstruiert, dass sie sich wie Sonnenblumen drehen, um der Sonnenbahn zu folgen. Bei voller Leistung versorgt die Anlage mehr als eine Million Anwohner mit Strom. Rechts von ihr schließt sich ein weiteres riesiges Gelände an, auf dem ihre noch größere, technisch weiterentwickelte Schwester, Noor 2, errichtet wird. Sie wird in Kürze eine Leistung von 200 Megawatt erzeugen und gemeinsam mit Noor 3 Stromüberschüsse in Länder wie Algerien und Spanien exportieren. Noor 3 beruht auf einem anderen technischen Konzept: Seine 7000 Spiegel sind nicht gekrümmt, sondern flach und bilden die gläserne Haut kippbarer Flächen, die auf Betonpfeiler montiert sind. Sobald alle drei Anlagen fertiggestellt sind, wird der Komplex zusammen mit dem traditionelleren Fotovoltaik-Kraftwerk Noor 4 eine Fläche von der Größe der marokkanischen Hauptstadt Rabat einnehmen.

    Das Projekt muss so ambitioniert sein, damit Marokko sein Ziel, bis 2030 rund 52 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen zu decken, erreichen kann. Doch wie alle hochkomplexen und kostspieligen Projekte wurde auch dieses kontrovers diskutiert und über einen langen Zeitraum entwickelt.

    Ursprünglich von dem europäischen multinationalen Konsortium Desertec geplant, um Strom in das europäische Netz einzuspeisen, scheiterte das Projekt nach wenigen Jahren. Infrastrukturelle Engpässe und Vorwürfe von Ressourcenausbeutung belasteten das Projekt. Es war Sturm und Drang. Begriffe wie „teuer“ und „utopisch“ machten die Runde.

    Der erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass Energie weder geschaffen noch vernichtet, sondern nur von einer Form in eine andere umgewandelt werden kann. Nach etlichen solcher Umwandlungsprozesse tauchten neue ausländische und inländische Akteure auf der Bildfläche auf, darunter die Europäische Investitionsbank, die Europäische Kommission mit ihrem Nachbarschaftsinvestitionsfonds, die Afrikanische Entwicklungsbank und der in seinem Land äußerst beliebte und sehr klimabewusste marokkanische König Mohammed, und der Bau konnte fortgesetzt werden. Nachdem das Projekt inzwischen erfolgreich auf den Weg gebracht wurde, mag der Vorwurf „utopisch“ nicht länger verfangen, aber Noor hat noch immer Kritiker. Während in Noor 1 ausschließlich einheimische Arbeitskräfte beschäftigt sind, wurden für Noor 2 vor allem spanische Fachleute und für Noor 3 ausschließlich Chinesen herangezogen. Zwar werden langfristig alle Kraftwerke des Noor-Komplexes von marokkanischen Ingenieuren und Arbeitskräften betrieben werden, doch bis dahin haben die Kritiker in geoökonomischer und beschäftigungspolitischer Hinsicht nicht ganz unrecht. Vor dem Hintergrund einer sich gefährlich überhitzenden Welt relativieren sich solche Bedenken jedoch vielleicht, und der Sicherheitshinweis in der Nähe des Eingangs zum Solarkomplex erhält eine tiefere Bedeutung als ökologische Warnung:

    Ein Fehler, den Sie bemerken

    und zu dessen Behebung Sie nichts unternehmen, wird

    zugleich Ihr Fehler.

    Der Ingenieur Tarik Bourquouquou, ein Überläufer der von ihm als „sinkendes Schiff“ bezeichneten Ölindustrie, führt mich herum und erklärt mir, wie das Kraftwerk funktioniert: Sonnenstrahlen erwärmen eine ölartige Flüssigkeit, die dann Wasser zum Sieden bringt, um Dampf zu erzeugen, mit dem eine Turbine angetrieben wird – ein Prozess, bei dem Wärme in mechanische und dann in elektrische Energie umgewandelt wird. Er vergleicht die Vorgänge in Noor 2 mit der Biologie eines Lebewesens, das von Licht lebt.

    „Die Spiegel sind seine Münder. Der Kontrollraum ist sein Gehirn, die Verbindungskabel sind sein Nervensystem und die Instrumente seine Augen“, erläutert er. Die Knochen des Organismus sind die Stahlstrukturen mit den starken Pumpen im Herzen der Anlage. Diese sorgen dafür, dass die Wärmeträgerflüssigkeit durch Rohre, die Adern gleichen, vom Solarfeld zur Dampferzeugung oder zu dem als Energiespeicher fungierenden Flüssigsalz befördert wird. Dieses Salz, das die Wärme etwa sieben Stunden lang speichern kann, ist das Körperfett. Gereinigt wird die Wärmeträgerflüssigkeit durch ein Filtersystem, das wie eine Niere funktioniert.

    Sein Vergleich erinnert mich an andere Geschöpfe, die einst hier lebten, an den Ruf der Wüste als Fossilienparadies und an die Überreste eines außergewöhnlichen Dinosauriers, die hier vor Kurzem gefunden wurden. Alle Dinosaurier sind spektakulär, aber der neu entdeckte, ans Wasser angepasste, fleischfressende Spinosaurus ist einzigartig mit seinen segelartigen Dornfortsätzen der Rückenwirbel, seinen Paddelfüßen und der Schnauze und dem Kiefer eines Krokodils. In einem Souk kaufte ich einen wunderschönen Trilobiten: Ich fühle das Gewicht von Äonen in meiner Tasche, als Tarik Bourquouquou und ich in einem Allradfahrzeug an Tausenden von Betonpfeilern vorbeiholpern, und ich frage mich, wie dieser Ort aussehen wird, wenn Birgittes Urenkel hundert Jahre alt sind. Gluthölle oder zukünftige Heimat?

    Noch ähnelt die Baustelle von Noor 3 einer riesigen Prärie, auf der sich eine Flachdach-Tankstelle an die andere reiht. Bis 2018 wird jedes Flachdach mit Glas verkleidet und in einem schrägen Winkel auf den Turm in der Mitte gerichtet sein. Ziel ist es, das Sonnenlicht auf seine Spitze zu lenken, um so Dampf und flüssiges Salz auf und ab zu bewegen und zur Energieerzeugung zu nutzen. Das Licht an der Spitze des Turms wird zu gleißend sein, um es mit bloßem Auge zu betrachten.

    Gott blende mich.

    Das Licht an der Spitze des Turms wird zu gleißend sein, um es mit bloßem Auge zu betrachten.

    „Der Turm wird erscheinen wie die Sonne“, sagt Tarik Bourquouquou.

    Ich möchte wissen, was schief gehen könnte. „Cyber-Kollaps?“

    „Das kann uns nichts anhaben“, sagt er. „Dies ist ein geschlossenes System.“

    „Eine Heuschreckenplage?“

    „Ebenso wenig ein Problem wie Sandstürme. Das Glas ist sehr widerstandsfähig. Außerdem gibt es bei Noor 1 ein Reinigungssystem, das Wasser von einem nahen Stausee verwendet.“

    „Woran also könnte das Projekt scheitern?“

    Er lacht. „Wenn die Sonne morgens nicht aufgeht.“

    Ah, die Sonne. Dies ist der Ausgangspunkt des ganzen Projekts: eine einzige Statistik. In sechs Stunden erhalten die Wüstenregionen der Welt genügend Sonnenenergie, um die ganze Welt einen Tag lang mit Strom zu versorgen.

    Auch Wind steht kostenlos zur Verfügung.

    Wenn es Wolken am tiefblauen marokkanischen Himmel gäbe, könnten sie dies mit einem weißen Ausrufezeichen bekräftigen.

    Noch ein Berber-Sprichwort: Eine Schwingung erweckt alle anderen Schwingungen eines bestimmten Klangs.

    Erneuerbare Energien sind so ein bestimmter Klang.

    Wir wollen nicht lange um den heißen Brei herumreden: Angesichts einer verschmutzten Umwelt, einer explosionsartig anwachsenden Bevölkerung und begrenzter Ressourcen wird der Heimatplanet des Menschen immer unheimlicher – und in Zukunft noch mehr. Die Frage, wie wir unsere existenzielle Geborgenheit zurückgewinnen können, hat zu allerlei drastischen Überlegungen und waghalsigen Plänen geführt. Wir könnten in Blasen leben wie die Prepper, wir könnten Schwefel- und Wassertröpfchen in die Stratosphäre bringen, um das Sonnenlicht abzulenken, wir könnten mithilfe einer Atombombe einen Vulkan in die Luft jagen und unter der kühlenden Ascheschicht Zuflucht suchen, oder wir könnten zum 4,2 Lichtjahre entfernten Planeten Proxima Centauri B aufbrechen, der Gluthölle oder eine zukünftige Heimat ist.

    Aber es gibt auch prosaischere Möglichkeiten des Überlebens. Bis Birgittes Sohn das Erwachsenenalter erreicht hat, könnten Jahrzehnte der intensiven Forschung und Investitionen von Milliarden von Euro dazu führen, dass dieselben Kernreaktionen, die einst das Leben auf der Erde entstehen ließen und es bis heute erhalten, unbegrenzte Fusionsenergie bei geringstmöglichem Risiko liefern. In der Zwischenzeit verbessert sich die Speicherkapazität von Solarbatterien beinahe täglich. Bald werden wir Kohlendioxid aus der Luft abscheiden, um Ziegel herzustellen. Der Hamburger aus Klonfleisch, der einst Millionen Dollar kostete, ist inzwischen für 14 Dollar zu haben. Angesichts des noch kaum angezapften Potenzials der Wellenenergie, der keineswegs ausgereizten Windenergie und der überall auf der Welt entstehenden Solarkraftwerke wie Noor könnten sich unsere wilden mentalen Katastrophenübungen als voreilig erweisen.

    „Vor langer Zeit“, so wird vielleicht Birgittes Sohn seiner kleinen Tochter erzählen, „hat uns der menschliche Einfallsreichtum vor dem Untergang bewahrt.“

    Erste Frage: Was geschieht, wenn das nicht rechtzeitig passiert?

    Zweite Frage: Was geschieht, wenn es noch rechtzeitig passiert?

    Dritte Frage: Wenn Sie nur eine Frage stellen könnten, welche wählen Sie?