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    Von Caroline Ogutu

    Ingenieure können logisch denken, sind aber nicht kreativ – so die landläufige Meinung. Der Klimawandel stellt mich als Bauingenieurin bei Entwicklungsprojekten vor große Probleme. Sie zu lösen, verlangt Kreativität, und zwar nicht weniger als in den klassischen Kreativberufen.

    Kreativität ist ein menschliches Bedürfnis, ein zentraler Bestandteil unserer Evolution. Gewiss, sie ist kein Grundbedürfnis wie Wasser, aber Entwicklung ist eine Art Evolution von Gesellschaften und Volkswirtschaften. Jedes Mal muss ich eine neue, maßgeschneiderte Lösung finden, wie wir die Menschen mit Wasser und Sanitäreinrichtungen versorgen.

    In Afrika ist jedes Wasserprojekt einzigartig. Wir müssen verschiedene Wege gehen, damit sie alle nachhaltig sind und den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen.

    >@Mwanza Urban Water Supply and Sanitation Authority
    ©Mwanza Urban Water Supply and Sanitation Authority
    >@Mwanza Urban Water Supply and Sanitation Authority
    ©Mwanza Urban Water Supply and Sanitation Authority

    Kreative Höhen und Niederungen

    Am meisten forderten uns in Mwanza die informellen Siedlungen, in denen bislang jede Abwasserentsorgung fehlte.

    Es gab nicht viel mehr als Behelfsanlagen vor Ort, wie Grubenlatrinen. Normalerweise findet man geplante Siedlungen eher in höheren Lagen und die informellen Siedlungen hauptsächlich in den Niederungen. Nur in Mwanza ist das anders. Da liegen die armseligen Behausungen dicht an dicht in den Hügeln oberhalb der Stadt, ohne jede Infrastruktur und angelegte Straßen. Das macht die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung schwierig.

    Zum einen fließen die Abwässer von den informellen Siedlungen ohne jeden Anschluss an einen Abwasserkanal die Hügel hinab. Und zum anderen haben die Siedlungen kein fließend Wasser, weil entsprechende Anschlüsse fehlen und die Bewohner sich die Gebühren nicht leisten können.

    Unsere Idee: vereinfachte Abwasserentsorgung

    Und so funktioniert es: Die vereinfachte Abwasserentsorgung beruht in hohem Maße auf der Sensibilisierung und Mobilisierung der örtlichen Bevölkerung. Mit Unterstützung von UN-Habitat gründeten wir sogenannte Multi-Stakeholder-Foren in den einzelnen Siedlungen. Ihnen gehören neben Vertretern der Verwaltung und Gesundheitsbeauftragten auch Anwohner an, die freiwillig mitmachen. Die Hauptaufgabe der Foren besteht darin, den Menschen bewusst zu machen, wie wichtig eine umweltgerechte Abwasserentsorgung ist. Genauer gesagt: Sie sollen dazu gebracht werden, ihre Toiletten an die Kanalisation anzuschließen. Die Foren vermitteln auch bei Streitigkeiten in der Bauphase.

    Wie läuft das konkret ab? Das Forum ordnet die Anwohner Gruppen von etwa zehn Häusern zu, die für ihre eigene Abwasserentsorgung verantwortlich sind. Jede Gruppe muss ihre Toiletten und Behausungen an eine Sammelstelle anschließen. Ab da verlegt der örtliche Versorger MWAUWASA eine Hauptleitung und Nebenleitungen, die die Abwässer von den Sammelstellen in die schon vorhandene Kanalisation leiten.

    Die Menschen in Afrika müssen ihre eigenen Konzepte entwickeln und sie selbst umsetzen, damit die Lösungen wirklich nachhaltig sind.

    Wir lassen die Leute mit der Aufgabe auch nicht allein. Die vereinfachte Abwasserentsorgung beruht wirklich auf dem Engagement vor Ort. Das Forum und unsere Beraterinnen und Berater klären in regelmäßigen Zusammenkünften über die Bedeutung der Sanitäranlagen auf. Sie erklären den Menschen, warum sie bessere Toiletten brauchen und wie sie die Anschlüsse in Schuss halten. Wir finanzieren auch den Bau und die Instandhaltung. Und der Versorger liefert das Material für die Anschlüsse, die von einem beauftragten Unternehmen gelegt werden. Ein Mitglied pro Anwohnergruppe übernimmt jeweils die Leitung und sorgt dafür, dass die Anschlüsse intakt bleiben.

    So binden wir die Menschen vor Ort mit ein. Sie stehen hinter dem Projekt, weil wir bei all den Treffen zusammen mit UN-Habitat viel Aufklärungsarbeit leisten. Die Anwohner sind an Baubeschlüssen beteiligt und überwachen das Ganze. Aber natürlich sind sie nicht die Einzigen, die davon profitieren. Der Versorger erhält Zugang zu den informellen Siedlungen und erzielt mit den Anschlüssen zusätzliche Einnahmen. Für die Stadt insgesamt ist es gut, dass die Abwässer von den Hügeln nicht mehr in die weiter unten liegenden Gebiete fließen.

    Als die Finanzierung stand, wussten wir, was zu tun war, und konnten dabei schon die künftigen Bedürfnisse der Menschen einplanen. Das macht die Lösung nachhaltig.

    Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der gerade jetzt besonders wichtig ist: Die Wasserstellen, Handwaschstationen und die Hygieneaufklärung in Schulen und in der Gemeinde haben das Bewusstsein der Menschen geschärft, sodass sie besser auf die Bedrohung durch Covid-19 vorbereitet sind.

    Das 104-Millionen-Euro-Projekt wurde mit 45 Millionen Euro von der Europäischen Investitionsbank und 45 Millionen von der Agence française de développement finanziert. Die restlichen 14,5 Millionen Euro steuerte der tansanische Staat bei. Die Europäische Investitionsbank leistete außerdem technische Hilfe, die aus Zuschüssen der Europäischen Union finanziert wurde.

    Diese technische Hilfe war sehr wichtig. Noch bevor das Projekt begann, finanzierten wir einen Entwicklungsplan, um den aktuellen und künftigen Wasserbedarf zu ermitteln. Einen ebensolchen Plan erstellten wir für die Sanitärversorgung. Als die Finanzierung dann stand, wussten wir, was zu tun war, und konnten dabei schon die künftigen Bedürfnisse der Menschen einplanen.

    Das macht die Lösung nachhaltig.

    Versorgung informeller Siedlungen in Kampala

    Unser Gesamtkonzept für Kampala war nicht das gleiche wie für Mwanza. Ebenso brauchten wir für die informellen Siedlungen dort eine andere Lösung als in Mwanza.

    Ein Grund war, dass sich die Behausungen in Kampala in tiefen Lagen befinden und nicht auf Hügeln, wie in Mwanza. Gleichwohl ging es auch hier darum, weniger verunreinigtes Wasser in diesen Siedlungen zu haben, um Krankheiten zurückzudrängen, und 200 000 Menschen an eine Sanitärversorgung anzuschließen.

    Unsere Idee: Waschblocks

    Und so funktioniert es: Auf einem öffentlichen Gelände errichten wir eine Sanitäranlage. Daneben könnte man beispielsweise ein Restaurant oder einen Laden ansiedeln. Ein privater Betreiber kümmert sich um die Sanitäranlage und hält sie sauber. Den Anwohnern, die sie nutzen, berechnet er dafür eine geringe Gebühr. Außerdem kann er mit den Einnahmen aus dem benachbarten Geschäft den Betrieb der Anlage mitfinanzieren.

    Der Betreiber hat so einen Anreiz, die Anlage in Schuss und die Nutzungsgebühr niedrig zu halten. Dann kommen mehr Kunden in seinen Laden und er verdient dort mehr Geld. Um die Lizenz für sein Geschäft zu behalten, muss der Betreiber außerdem bei der behördlichen Prüfung zeigen, dass er sich gut um die Sanitäranlage kümmert. So bleibt sie auf Dauer in einem guten Zustand.

    Das löst ein Problem, das häufig auftritt, wenn mit fremden Mitteln Sanitäranlagen gebaut werden: Sie verrotten, weil niemand sie instand hält. Nach wenigen Jahren sind die Anlagen defekt oder mutwillig zerstört. Mit den Waschblocks in Kampala haben wir einen kreativen Weg gefunden, langfristig funktionsfähige Sanitäreinrichtungen bereitzustellen, ohne sie danach mit viel Geld instand halten zu müssen.

    >@KfW Bildarchiv
    ©KfW Bildarchiv
    >@KfW Bildarchiv
    ©KfW Bildarchiv

    Wichtige kreative Entwicklungslösungen

    Diese Projekte sind wichtig, damit Afrika wirklich Fortschritte in der Entwicklung macht. Wenn wir nur eine Standardlösung importieren, wird das niemals nachhaltig sein. Wichtig ist, dass die Infrastruktur gepflegt und gewartet wird und dass das Material dafür vor Ort erhältlich ist. Die Menschen in Afrika müssen ihre eigenen Konzepte entwickeln und sie selbst umsetzen, damit die Lösungen von Dauer sind.

    Ohne diese Nachhaltigkeit wird Afrika auf Dauer abhängig von denen bleiben, die ihre Lösungen liefern. Dann werden die Menschen dort nicht in der Lage sein, eigenständig instand zu halten, was vor Ort am besten passt.

    >@DR
    ©DR

    Ich werde oft gefragt, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe.

    An der Uni waren wir nur drei Frauen unter 40 Männern im Ingenieurstudium. Hoch- und Tiefbau ist in Kenia eine Männerdomäne. Die Leute reagieren bis heute überrascht, wenn sie hören, dass ich Bauingenieurin bin. Sie fragen mich, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe. Die Antwort ist: Ich möchte sehen, wie Infrastruktur entsteht, die unsere Entwicklung voranbringt.

    Ich wollte etwas bewegen, in meinem Umfeld und in der Gesellschaft hier. Wir müssen in diesem Teil der Welt noch viel entwickeln. Dazu wollte ich meinen Teil beitragen. Ich helfe beim Aufbau von Infrastruktur und bringe Ideen für kreative Entwicklungslösungen ein. Mein Job gefällt mir immer besser. Es erfüllt mich, die Gesichter der Menschen zu sehen, wenn sie erstmals in ihrem Leben fließend Wasser haben. Das spüre ich immer wieder.

    Bei der Europäischen Investitionsbank habe ich auch einen Überblick, was die Länder in Ostafrika brauchen und wo dort investiert wird. So kann ich eine Pipeline mit Projekten aufbauen, die das ergänzen, was bereits läuft.

    Caroline Ogutu ist Wassertechnikerin in der Abteilung Wassersicherheit und Resilienz der Europäischen Investitionsbank. Sie arbeitet im Außenbüro der Bank in Nairobi.