„Wenn die Kernfusion klappt, brauchen wir eigentlich keine anderen Energiequellen mehr.“
Invested by Europe ist ein Podcast über die europäische Wirtschaft. Von Wohnraum, Energie und Innovation bis hin zu Infrastruktur, Sicherheit und Verteidigung: Fachleute verraten in jeder Folge, wo die großen Herausforderungen liegen. Wir wollen wissen, was sich ändert, welche Lösungen es gibt und wie Europa in seine Zukunft investiert.
Darum geht es in dieser Folge
Kernfusion ist der Prozess, der die Sonne und alle anderen Sterne zum Leuchten bringt. Wenn zwei Atomkerne zu einem verschmelzen, geht nach Einsteins Formel E=mc² etwas Masse verloren. Gleichzeit werden dabei enorme Mengen an Energie freigesetzt.
Kernfusion funktioniert zwar schon im Labor, ist aber noch nicht praxistauglich. In dieser Folge von Invested by Europe erklärt Franz Derler, Kreditreferent bei der Europäischen Investitionsbank, wie Kernfusion geht und warum sie so wichtig ist, was Kernfusion für Europa bedeutet und wie Investoren an das Thema herangehen.
Kurzfassung
Falls die Kernfusion klappt, hätte das enorme Bedeutung für unsere Energiesysteme. Theoretisch könnten wir damit nahezu unbegrenzte Mengen an sauberer Energie erzeugen. In der Praxis brauchen wir jedoch in den nächsten Jahrzehnten auch noch andere Quellen wie Erneuerbare und Kernspaltung. Denn unser Energiehunger wächst rasant, und bestehende Anlagen mit bewährter Technologie werden ganz sicher nicht von heute auf morgen stillgelegt. Gleichzeitig könnten Kohle, Öl und Gas deutlich an Bedeutung verlieren, falls Kernfusion künftig für die stabile Grundlast sorgt.
Kernfusion fällt unter Deeptech, also Technologien, die nicht schrittweise Verbesserungen, sondern grundlegende wissenschaftliche Durchbrüche bringen. Für Investoren ist Kernfusion etwas völlig anderes als erneuerbare Energien oder Kernspaltung – bewährte Technologien mit guter Regulierung und kalkulierbaren Renditen. Bei der Kernfusion braucht es hingegen Geldgeber mit langem Atem, die bereit sind, auf künftige Meilensteine zu setzen. Entsprechend anders ist auch das Investorenprofil: öffentliche und private Risikokapitalgeber, Staatsfonds und andere Geldgeber, die langfristig in Technologien investieren, bei denen im Erfolgsfall enorme Renditen winken.
Bei der Kernfusion gibt es aktuell zwei Ansätze:
• Magnetfusion, bei der extrem heißes Plasma von starken Magnetfeldern eingeschlossen wird
• Trägheits- oder Laserfusion, bei der ein Hochleistungs-Laser das Fusionstarget komprimiert
Bei beiden Ansätzen entstehen letztlich Wärme und Strom. Und in beide wurde in letzter Zeit massiv investiert. In den vergangenen fünf Jahren sind mehr als 10 Milliarden US-Dollar in private Fusionsprojekte geflossen, hauptsächlich in die Magnetfusion. Das meiste Geld hat bisher Commonwealth Fusion Systems eingesammelt. Das US-Unternehmen setzt auf Tokamak-Reaktoren – riesige Anlagen, die mit starken Magnetfeldern Plasma einschließen.
Europa hat das Know-how, um künftig bei der Kernfusion mitzumischen. Allerdings ging bisher nur ein kleiner Teil der weltweiten privaten Investitionen an europäische Unternehmen. Aber die Dynamik ist da: Firmen wie Proxima Fusion und Marvel Fusion haben zuletzt große Finanzierungsrunden mit namhaften Investoren abgeschlossen.
Der Durchbruch bei der Kernfusion könnte Lösungen für Klima, Wirtschaft und sogar für die globale Geopolitik liefern. Manche sagen, mit der Kernfusion könnten wir die Hälfte aller weltweiten Probleme lösen.
Fazit
- Bei der Kernfusion verschmelzen Atomkerne miteinander und setzen dabei enorme Energiemengen frei.
- Im industriellen Maßstab könnte Kernfusion die weltweiten Energiesysteme grundlegend verändern.
- Europa hat das Know-how, muss sich aber jetzt im Wettbewerb noch besser positionieren.
Unser Gast
Franz Derler kam 2015 zur Europäischen Investitionsbank und berät seit 2022 den Fonds des Europäischen Innovationsrats zu Investments im Bereich Kernfusion. Heute leitet er die Aktivitäten des Fonds in diesem Sektor. Franz Derler hat Erfahrung mit der Finanzierung von Deeptech-Start-ups und ist auf innovative Energietechnologien spezialisiert. Er hat einen Master in Finanzwissenschaften der Universität Liechtenstein und trägt den Titel Chartered Financial Analyst (CFA).
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