„Was Deeptech ausmacht, ist, dass die Lösung in der Technologie liegt – nicht nur im Geschäftsmodell.“
Invested by Europe ist ein Podcast über die europäische Wirtschaft. Von Wohnraum, Energie und Innovation bis hin zu Infrastruktur, Sicherheit und Verteidigung: Fachleute verraten in jeder Folge, wo die großen Herausforderungen liegen. Wir wollen wissen, was sich ändert, welche Lösungen es gibt und wie Europa in seine Zukunft investiert.
Darum geht es in dieser Folge
Deeptech wird häufig als Gegenteil von konventioneller oder „oberflächlicher“ Technologie beschrieben. Statt schrittweiser Verbesserungen bei Software oder Geschäftsmodellen basiert Deeptech auf wissenschaftlichen Durchbrüchen. Ziel ist es, konkrete Probleme zu lösen, die über längere Zeit bestehen.
In dieser Folge von Invested by Europe erklärt Jussi Hätönen, der bei der EIB für Investitionen des EIC-Fonds zuständig ist:
- was Deeptech wirklich bedeutet
- wie sie sich von klassischer Technologie unterscheidet
- warum die Entwicklung kostspieliger und langwieriger ist
- warum Deeptech für Europas Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Souveränität entscheidend ist
Kurzfassung
Deeptech erfordert intensive Forschung und Entwicklung und massive Investitionen. Es geht darum, völlig neue Technologien zu entwickeln – nicht nur bestehende neu anzuwenden. Anders als bei softwarebasierten Innovationen setzt Deeptech oft in einer sehr frühen Forschungsphase an. Das bedeutet längere Entwicklungszyklen und höhere technische Risiken.
Bei Deeptech-Investitionen gibt die Wissenschaft den Takt vor. Deshalb dauert es oft viele Jahre – zum Teil mehr als ein Jahrzehnt – bis sich der Erfolg zeigt. In manchen Fällen bleibt lange offen, ob die Technologie überhaupt funktioniert. Für die Beteiligten geht es um alles oder nichts. Daher ist hier die Finanzierung ebenso entscheidend wie die Forschung selbst. Besonders herausfordernd ist die Skalierungsphase: Unternehmen müssen oft Hunderte Millionen Euro einsammeln, obwohl die kommerzielle Validierung noch aussteht.
Deeptech ist bereits im Alltag angekommen. Durchbrüche zeigen sich:
- im Verkehr – mit Elektrofahrzeugen und selbstfahrenden Autos
- im Gesundheitswesen – mit neuen Therapien, die Lebensqualität und Heilungschancen verbessern
- in der Robotik – wo Exoskelette in Lagerhallen und Kliniken das sichere Heben schwerer Lasten ermöglichen, während der Mensch weiter im Mittelpunkt der Prozesse steht
Darüber hinaus ist Deeptech strategisch wichtig für Europas Zukunft. Deeptech steigert die Produktivität, erzeugt positive Spillover-Effekte für die gesamte Wirtschaft und hilft beim Aufbau von Innovations-Ökosystemen. Auch für Europas Souveränität ist sie zentral. Wer Schlüsseltechnologien kontrolliert, sichert sich Zugang zu wichtigen Teilen globaler Wertschöpfungsketten. In einer Welt, in der Technologie zunehmend zur Commodity wird, bleibt Europa so wettbewerbsfähig.
Doch die Risiken sind erheblich. Bricht die Finanzierung weg, obwohl die wissenschaftliche Grundlage solide ist, können vielversprechende Technologien ins Stocken geraten. Unterstützt Europa Deeptech nicht über den gesamten langen Entwicklungszyklus hinweg, drohen Abhängigkeiten von anderen Regionen. Deeptech richtig zu fördern, ist daher keine Option, sondern unverzichtbar für die wirtschaftliche Zukunft Europas.
Fazit
- Deeptech konzentriert sich darauf, mit wissenschaftlichen Durchbrüchen konkrete Probleme zu lösen
- Entwicklungszyklen sind lang, kapitalintensiv und von der Forschung abhängig
- Finanzierungsprobleme entstehen oft, bevor die wirtschaftliche Tragfähigkeit klar ist
Unser Gast
Jussi Hätönen leitet bei der EIB die für Investitionen des EIC-Fonds zuständige Abteilung. Er verantwortet strategische Beteiligungen sowie Risikokapital- und Quasi-Eigenkapital-Aktivitäten, die Europas Deeptech-Ökosystem stärken. Seit seinem Eintritt in die EIB im Jahr 2009 war er in leitenden Funktionen in den Bereichen Venture Debt und Wachstumskapital tätig. Aktuell verwaltet er den Fonds des Europäischen Innovationsrats (EIC-Fonds), den größten europäischen Risikokapitalfonds für Deeptech. Letzterer wurde von der Europäischen Kommission ins Lebens gerufen, um Technologieunternehmen in der Frühphase zu unterstützen. Jussi Hätönen promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Turku School of Economics. Seine berufliche Laufbahn begann er als Technologieberater für Start-ups und Wachstumsunternehmen.
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