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Als Benoît Deper nach Europa zurückkam, hatte er mit Berufserfahrung bei der NASA und einem kalifornischen Satelliten-Start-up zwei naheliegende Optionen: die Europäische Weltraumorganisation ESA oder einen der großen Luft- und Raumfahrtkonzerne. Deper entschied sich für Tür Nummer drei: gründen.

„Mir fehlte einfach dieses innovative Frühphasen-Umfeld, das ich bei der NASA und in der Start-up-Szene rund um San Francisco erlebt hatte“, sagt Deper. „Ich dachte mir, solche Player brauchen wir doch auch in Europa. Aber die gab‘s noch nicht.“

Aus dieser Erkenntnis heraus gründete er 2018 Aerospacelab, eine der vielversprechendsten Space-Tech-Firmen Europas. Heute arbeiten dort rund 350 Menschen – und jede Woche kommen an die fünf dazu. Aerospacelab hat bereits zehn Satelliten in der Umlaufbahn und ehrgeizige Wachstumspläne für die kommenden Jahre.

Der Henry-Ford-Moment

Europas Weltraumbranche sei in einer vorindustriellen Zeitschleife gefangen, sagt Deper: „Es ist ein bisschen wie in der Automobilindustrie vor gut 100 Jahren, bevor Henry Ford die Fließbandfertigung einführte. Autos waren super teuer, die Qualität war relativ schlecht, und die Leute sagten: ‚So ist das eben.‘“

Die Herstellung von Satelliten bedeutet bisher komplexe Organisationsstrukturen, endlose Finanzierungsstufen und eine fragile Kette von Spezialzulieferern. Wenn nur einer davon ausfällt, können ganze Programme zum Erliegen kommen. Dann folgen jahrelange Verzögerungen und Budget-Überschreitungen in Millionenhöhe.

Aerospacelab löst das mit einer Kombination aus vertikaler Integration und Standardisierung. Das Unternehmen fertigt seine Komponenten intern – von Teleskopspiegeln über Solarzellen bis hin zu Leiterplatten. Nur Rohstoffe wie Titan und Aluminium kommen von externen Zulieferern. Damit hat das Unternehmen die vollständige Kontrolle über die Lieferkette und den Produktionszeitplan.

„Wir müssen nicht kleinen und mittleren Unternehmen hinterherlaufen, die diese Transformation erst noch durchlaufen müssen. Wir machen es einfach selbst“, sagt Deper. Das Ergebnis sind hochwertige Satelliten, die erheblich schneller und billiger hergestellt werden als traditionelle Modelle. Nicht weil sie weniger leistungsstark sind, sondern weil die Fertigung effizienter ist.

Eine Wette auf die Zukunft

Ein weiterer grundlegender Unterschied: Aerospacelab investiert, bevor die Kunden kommen. Normalerweise fängt ein Satellitenhersteller erst mit der Produktion an, wenn der Kaufvertrag unterzeichnet ist. Aerospacelab investiert schon vorher in Technologie-Entwicklung und sieht voraus, was die Kunden in zwei, drei Jahren brauchen.

„Unsere Wettbewerber, vor allem die alteingesessenen, fangen mit solchen Projekten erst an, wenn sie die Finanzierung haben“, sagt Deper. „Wir wetten auf die Zukunft und legen eigenfinanziert los, damit wir bereit sind, wenn die Kunden uns brauchen.“

Diese Strategie ist auch den Expertinnen und Experten bei der Europäischen Investitionsbank aufgefallen. „Der CEO hat uns sehr beeindruckt. Er ist ein Visionär“, sagt Luis Cervera Lozano, der bei der Europäischen Investitionsbank den Finanzierungsdeal strukturiert hat, den die Bank dieses Jahr mit Aerospacelab unterzeichnet hat. „Jahre vor der Konkurrenz hat er den Umstieg der Industrie von Nano- auf Mikro-Satelliten vorhergesehen. Er hat erkannt, dass Mikrosatelliten für die meisten Missionen ideal sind, weil sie ein optimales Verhältnis von Leistung und Wirtschaftlichkeit bieten. Vor allem hat er verstanden, dass Mikrosatelliten eine Produktion im industriellen Maßstab ermöglichen. Dabei fallen die hohen einmaligen Konstruktionskosten weg, die die Entwicklung von Nanosatelliten oft behindern.“

Die Strategie geht auf. Aerospacelab schickte vor Kurzem für die Europäische Weltraumorganisation ESA einen modernen Hyperspektral-Satelliten ins All. Der ist in der Lage, die chemische Zusammensetzung von Objekten auf der Erde offenzulegen. Das Auftragsbuch des Unternehmens wächst schnell. Einen Großteil machen Konstellationen aus. Das sind Gruppen von Satelliten, die zusammenarbeiten.

Wachsen mit europäischer Unterstützung

Um die wachsende Nachfrage bedienen zu können, baut Aerospacelab in der belgischen Stadt Charleroi seine eigene „Megafabrik“ – für die Massenfertigung von Satelliten zwischen 50 und 1 000 Kilogramm. Parallel zu dieser Expansion unterstützt die EIB das Unternehmen bei der Forschungs- und Entwicklungsarbeit für neue Satellitentechnologien mit 37,5 Millionen Euro an Venture Debt. Die Finanzierung läuft unter InvestEU, dem Flaggschiff-Investitionsprogramm der EU.

Der Venture-Debt-Kredit ergänzt Eigenkapitalbeteiligungen von Investoren und Bankfinanzierungen, mit denen Aerospacelab seine Fertigungskapazitäten ausbaut. Gleichzeitig kann das Unternehmen massiv in Forschung und Entwicklung investieren, ohne die Eigentumsanteile des Gründungsteams zu verwässern.

Mit der EIB-Finanzierung kann Aerospacelab sein Portfolio von Satellitenplattformen und Nutzlasten weiterentwickeln und die Anwendungsbereiche auf Telekommunikation und Erdbeobachtung ausweiten.

Geburt eines europäischen Champions

Aerospacelab will nicht nur kommerziell erfolgreich sein. Beim IRIS²-Projekt, einer geplanten Satellitenkonstellation der EU für sichere Kommunikation und Datenübertragungen, bewirbt sich Aerospacelab um den Auftrag für die erdnahe Umlaufbahn (LEO: Low Earth Orbit). Hier konkurriert das Start-up jetzt in der Endrunde direkt mit dem Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus. Wer den Zuschlag erhält, soll 2026 entschieden werden.

„Allein, dass wir unter den zwei Finalisten sind, ist für ein kleines Unternehmen wie unseres schon phänomenal“, sagt Deper.

Wirtschaftliche Chance und strategische Autonomie

Für Europa ist die Unterstützung von Unternehmen wie Aerospacelab mehr als nur eine wirtschaftliche Chance. Es geht um strategische Autonomie bei Weltraumtechnologien. Die Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern muss kleiner werden und der Kontinent muss in der Lage sein, im neu entstehenden „New Space“-Sektor mitzuhalten.

Deper fasst es in Zahlen: „Für den Schritt von einem Satelliten zu zehn Satelliten haben wir drei Jahre gebraucht. Ich vermute, das Wachstum vom 11. bis zum 1 000. Satelliten schaffen wir auch in drei Jahren.“

Wenn er recht hat, stehen wir vor einer Revolution des europäischen Weltraumsektors.


  • Lesen Sie mehr darüber, wie die EIB innovative europäische Weltraumfirmen unterstützt, zum Beispiel den Spezialisten für Laserkommunikation Cailabs und den Hersteller von Nanosatelliten Endurosat.