Der Europäische Garantiefonds hilft zwei innovativen Unternehmen wieder auf die Beine und zieht andere kleine Firmen mit

Oft heißt es: Kleine Unternehmen sind das Rückgrat der europäischen Wirtschaft. Kein Wunder. Schließlich zählen 99 Prozent aller Firmen in der Europäischen Union zu den kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) und geben mehr als 100 Millionen Menschen Arbeit. Aber viele von ihnen haben in der Pandemie schwer gelitten. 70–80 Prozent mussten 2020 hohe Umsatzeinbußen verkraften.

„Über Nacht fiel der Umsatz praktisch auf null, weil die wenigen Kunden, wie wir noch hatten, ihre Reisen verschoben oder stornierten“, sagt Travis Pittmann, Mitgründer und Chief Executive von TourRadar. Die Reisetech-Firma betreibt eine Onlineplattform, über die Kunden mehrtägige Trips in mehr als 190 Ländern buchen können. Auf der Plattform kommen über 2 500 Anbieter zusammen, darunter viele kleine Veranstalter, die ihre Reisen sonst nur schwer an internationale Kunden vermarkten können. Aber die weltweiten Reisebeschränkungen legten die meisten dieser Anbieter praktisch lahm, sagt Pittman. „Sie mussten sich von einem erheblichen Teil ihrer Leute trennen, auch von vielen einheimischen Guides.“

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Auf der Plattform kommen über 2 500 Anbieter zusammen, darunter viele kleine Veranstalter, die ihre Reisen sonst nur schwer an internationale Kunden vermarkten können. ©TourRadar

Die Europäische Investitionsbank unterstützt TourRadar mit 14 Millionen Euro über eine sogenannte Venture-Debt-Finanzierung unter dem Europäischen Garantiefonds. Der Fonds hilft europäischen Unternehmen in der Pandemie, damit sie ihr Personal halten und sogar wachsen können. Venture Debt wird wie Beteiligungskapital zurückgezahlt, aber ohne dass die Gründer dafür Anteile abgeben müssen. Mit dem Geld kann TourRadar seine Plattform weiterentwickeln und mit besserem Machine Learning die Ranking- und Suchgenauigkeit optimieren.

„Dann kann TourRadar seine Vorschläge noch gezielter auf die einzelnen Nutzer zuschneiden und ihnen die passendsten Produkte anbieten“, erklärt Aleksandar Mihajlovic, der sich bei der Europäischen Investitionsbank um die Finanzierung kümmert.

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Auf ins Abenteuer: TourRadar bietet mehr als 50 000 Reisen auf der ganzen Welt an ©TourRadar

Neustart nach dem Stillstand

Der Tourismus ist eine der am stärksten von der Pandemie betroffenen Branchen. Die Zahl der Auslandsreisenden brach massiv ein: von 1,4 Millionen im Jahr 2019 auf 400 Millionen im Jahr 2020. Um wieder auf die Beine zu kommen, musste das Wiener Unternehmen sich neu erfinden.

„Wir beschlossen, unsere Plattform für Onlineanbieter und traditionelle Reisebüros zu öffnen. Damit können sie jede der 50 000 Reisen buchen, die wir anbieten“, sagt Pittman. „So haben sie Zugriff auf die besten lokalen Angebote für ihre Kunden, und unsere Veranstalter vor Ort können ein breiteres Publikum erreichen.“

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Die internationalen Reisebeschränkungen legten die meisten Veranstalter praktisch lahm. ©TourRadar

Viele glauben, Reisebüros gehören der Vergangenheit an. Aber allein in den Vereinigten Staaten verzeichneten sie 2021 einen Kundenzuwachs von 76 Prozent im Vergleich zu vor der Pandemie. Die Washington Post erklärte 2021 gar zum „Jahr des Reisebüros“. Die Informationsflut und ständig andere Reisebeschränkungen drängen die Kundschaft zurück zu den Reisebüros und ihrer Beratung. „Wir sehen darin eine echte Chance, diesen großen Markt zu erschließen“, so Pittman.

„Im Durchschnitt dauert es 27 Tage ab Beginn der Suche, bis jemand eine Reise bucht“, sagt Pittman. „Diese Zeit wollen wir so weit wie möglich verkürzen.“

Von Formularen zu Apps

Ein noch besseres Beispiel für diese symbiotische Beziehung zwischen kleineren Unternehmen ist Sennder, Europas führende Spedition: Das Unternehmen ist Spezialist für Kurzstrecken-Transporte und bietet Versendern Zugang zu einer angeschlossenen Flotte von 12 500 Lkw, die kleinen unabhängigen Frachtführern gehören.

Durch die Pandemie brach in weiten Teilen der Branche das Geschäft ein – aber Sennder erwies sich als krisenfest. „Als die EU-Länder Reisebeschränkungen verhängten, kamen viele kleine Transportfirmen in Schwierigkeiten. Sennder hat jedoch langfristige Verträge mit großen Versendern. Deshalb hat es seine kleinen Partner nicht so hart getroffen“, erklärt Mihajlovic von der EIB, der auch an der diesem Projekt beteiligt war.

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Der Frachtverkehr ist noch längst nicht digitalisiert. Viele kleine Firmen arbeiten weiter mit Papierformularen. Sennders Software ist ein Schritt in die Zukunft für eine sehr traditionelle Branche.

Die Europäische Investitionsbank hilft dem Unternehmen mit Venture Debt in Höhe von 35 Millionen Euro für die Entwicklung einer Frachtsoftware, die Versender und Spediteure miteinander verbindet.

„Der Frachtverkehr ist noch längst nicht digitalisiert. Viele kleine Firmen arbeiten weiter mit Papierformularen. Sennders Software ist ein Schritt in die Zukunft für eine sehr traditionelle Branche“, sagt Mihajlovic. „Durch die Digitalisierung und Automatisierung macht sie die Abläufe effizienter und senkt die CO2-Emissionen.“

Innovation in Zeiten von Corona

Laut der EIB-Investitionsumfrage 2020 hat fast die Hälfte der EU-Unternehmen (45 Prozent) in der Coronakrise Investitionen zurückgestellt oder ganz gestrichen. TourRadar und Sennder gehören dank dem Europäischen Garantiefonds nicht dazu.

Um die grüne und digitale Wende zu schaffen, muss die Wirtschaft auch in der Pandemie innovativ bleiben. TourRadar und Sennder gehen mit gutem Beispiel voran, aber sie sind nicht allein. Mit im Schlepptau haben sie die kleinen Firmen, die ihnen geholfen haben zu wachsen.