In Ostafrika fördert ein Fonds für erneuerbare Energien Dorfgemeinschaften und gleiche Chancen für Frauen

Hochkonzentriert ist Hellen Sange an einem Holztisch im ostugandischen Kapworos an der Arbeit. Sie schneidert ihrer Nachbarin ein Kleid: „Mit dem Geld, das ich verdiene, kann ich mir bald ein Solarmodul leisten. Dann kann ich abends länger nähen.“

Die 53-Jährige will in den kommenden fünf Monaten rund eine Million Schilling (ca. 240 Euro) zusammensparen. Mit ihren Näharbeiten trägt sie nicht nur zum Familieneinkommen bei, sondern gewinnt auch mehr Selbstvertrauen und den Respekt der Dorfgemeinschaft. „Ich bin stolz und glücklich, dass ich jetzt eigene Einkünfte habe.“

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Hellen Sange ©DR

Hellen Sange ist eine von 55 Frauen, die einen neunmonatigen Schneiderkurs abgeschlossen haben. Das Geld dafür stammt von Frontier Energy, einem führenden Investor am ostafrikanischen Markt für erneuerbare Energien. Durch andere Frontier-Energy-Projekte wurden Frauen zu Hebammen und Köchinnen ausgebildet. Frontier will, dass Dorfgemeinschaften – und vor allem Frauen – von den Investitionen ebenso profitieren wie die Investoren, die die Energieprojekte finanzieren.

Der erste Frontier-Fonds verfügt über 60 Millionen Euro. 12 Millionen Euro davon stammen vom Globalen Dachfonds für Energieeffizienz und erneuerbare Energie (GEEREF), den die EIB berät. Der Nachfolgefonds Frontier Energy II konnte bis Ende 2018 227 Millionen US-Dollar einwerben. Mit den im März 2017 zugesagten 20,9 Millionen US-Dollar ist GEEREF wieder ein Ankerinvestor. 45 Prozent des Kapitals für den Frontier Energy II stellen private Geldgeber bereit – ein sehr positives Zeichen.

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Daniel Schultz ©DR

„Wir haben uns von Anfang an mit Projektentwicklung befasst“, so der Investitionsleiter und Mitbegründer von Frontier, Daniel Schultz. „Viele Märkte sind noch nicht reif für Investoren. Genau hier wollten wir sinnvolle Projekte starten. Glücklicherweise stand uns mit GEEREF gleich zu Beginn ein echtes Schwergewicht zur Seite.“

Aller Anfang ist schwer

Im Energiesektor fehlen langfristige Investitionen, weil die meisten Investoren die typischen Risiken des Frühstadiums der Projektentwicklung scheuen. Besonders Afrika südlich der Sahara leidet unter diesem Mangel: Über 50 Prozent der ländlichen Haushalte sind auf Kerosinlampen angewiesen. 2007 erkannten vier junge Dänen dieses Finanzierungsdefizit als Chance.

Vier Jahre lang studierten sie den Markt, erstellten einen Geschäftsplan und mobilisierten Mittel. Dann gründeten sie 2011 den DI Frontier Energy & Carbon Fund. „Der Anfang war hart. GEEREF stieg zu einem kritischen Zeitpunkt als Ankerinvestor ein. Hätte er nicht so früh Mittel zugesagt, hätten wir wohl Schiffbruch erlitten“, so Schultz.

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Aglaé Touchard Le Drian ©DR

Der von der EIB unterstützte Dachfonds GEEREF investierte als einer der ersten in Frontier. „Wir sind für private Investoren interessant, weil sie bei Renditezahlungen bevorzugt behandelt werden“, erklärt Aglaé Touchard-Le Drian, Senior Investment Manager für GEEREF. „Das Kapital wird für die Entwicklung von Erneuerbare-Energien- und Energieeffizienz-Projekten verwendet, sodass indirekt auch die Dörfer davon profitieren.“

„GEEREF will die Erde schützen und Gewinne erwirtschaften, vor allem aber den Menschen dienen. Auch die Gleichstellung von Mann und Frau ist uns im gesamten Investitionsprozess wichtig. Daran führt kein Weg vorbei, wenn wir langfristige Werte schaffen wollen.“

Die Mittel des ersten Frontier-Fonds sind vollständig vergeben: Sie gehen an sechs kleine Wasser-, Solar- und Erdwärmekraftwerke in Ostafrika, die insgesamt 139 Megawatt Strom erzeugen. Eines davon ist das 5-Megawatt-Wasserkraftwerk Siti im ostugandischen Distrikt Bilbo. Siti ist seit eineinhalb Jahren in Betrieb und nutzt die Fließgeschwindigkeit des Flusses Siti bei den Stromschnellen im Dorf Chesowari in der Nähe des Mount Elgon.

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Wasserkraftwerk Lubilia, Kawembe, Uganda ©Frontier

Ein Stück weiter flussabwärts wird in vier Monaten ein Kleinwasserkraftwerk mit einer Leistung von 16,5 Megawatt in Betrieb gehen. Im Westen nutzt eine 5,4-Megawatt-Anlage das Wasserkraftpotenzial des Flusses Lubilia, der in der Nähe des Dorfes Kawembe am Fuß des Ruwenzori-Gebirges einen Höhenunterschied von 264 Metern überwindet.

Mit Chancengleichheit zum Erfolg

Seit 2015 gibt es für jedes Erneuerbare-Energien-Projekt, das Frontier fördert, einen „sozialen Entwicklungsplan“ für das Dorf. Auch bei Frontier hat die Gleichstellung Priorität: Die Kenianerin Arundhati Inamdar Willetts stieß 2014 zum Frontier-Team, weil sie umfassende Erfahrung mit Umweltaudits und der Abschätzung sozialer Folgen hatte.

Als Frontier 2015 einen Community Liaison Officer suchte, war das die Chance für Keziah Kateregga. Zwei Jahre später übernahm sie mit 29 Jahren die Zuständigkeit für soziale Nachhaltigkeit. Heute arbeiten sechs Männer unter ihr – alle älter als sie.

Man muss die Familie als Ganzes sehen. Manche Männer glauben immer noch, ihre Frauen gehören ihnen so wie der Hausrat.

  • Keziah Kateregga
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Keziah Kateregga ©DR

Gleichstellung braucht Teilhabe

Die meisten GEEREF-Fonds müssen Grundstücke für die Projektdurchführung erwerben. Frontier ist da keine Ausnahme. Der Landerwerb ist für Fondsmanager und Projektentwickler immer eine Herausforderung, aber auch eine Chance, um die Bedingungen vor Ort zu verändern. Keziah Kateregga macht das möglich: „Man muss die Familie als Ganzes sehen. Manche Männer glauben immer noch, ihre Frauen gehören ihnen so wie der Hausrat.“

Normalerweise ist das männliche Familienoberhaupt der Landbesitzer. Dank Keziahs Team unterschreiben Frauen die Kaufverträge jetzt mit, und sie werden über alle Einzelheiten informiert. „Frauen haben schon viel erreicht – innerhalb und außerhalb der Familie.“

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George Owuor ©DR

Das anstrengende Wasserholen ist indes nach wie vor hauptsächlich Frauensache. „Wasser mag es zwar geben, aber wie kommt es ins Dorf?“, so George Owuor, der bei Frontier für Umwelt, Soziales und Governance zuständig ist und eng mit Inamdar Willetts zusammenarbeitet. In Lubilia Kawembe mussten die Frauen jeden Tag bei sengender Hitze mehrere Kilometer zur Wasserstelle gehen.

Jetzt nicht mehr. Dank Frontier gibt es einen Wasserzugang im Dorf, die Frauen können sich die langen Wege sparen und die Zeit zum Beispiel nutzen, um Kurse zu besuchen. „Wenn man Frauen die Möglichkeit zur Selbstbestimmung gibt, haben die Kinder ein Rollenvorbild in der Familie – davon profitieren sie auch in ihrem späteren Leben“, so George Owuor, der die Bauingenieurin Judith Uwamahoro für Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsbelange im Kleinwasserkraftwerk Rwaza in Nordruanda einstellte. Judith muss sich jeden Tag in einem männerdominierten Sektor durchsetzen.

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Annicent Busingye ©Frontier

Raus aus der Komfortzone

Andere Frauen beschäftigt Frontier im Betrieb und in der Wartung von Wasserkraftwerken, aus traditioneller Sicht ebenfalls Männerdomänen. Annicent Busingye leitet den Betrieb und die Wartung der Energieprojekte in Uganda. „Ich will den Frauen und Mädchen in meinem Land Vorbild und Mentorin sein, sie stärken, schützen und fördern.“

„Mein Job zwingt mich jeden Tag, meine Komfortzone zu verlassen, und das macht den Reiz aus! Wir haben Betriebsleiterinnen eingestellt und werden auch künftig Mädchen und Frauen im Betrieb und in der Wartung unserer Kleinwasserkraftwerke beschäftigen.“

Inzwischen ist Hellen Sange mit dem neuen Kleid fertig. Jede Naht sitzt perfekt!