Ein junges Sozialunternehmen in Spanien liefert umweltfreundlich nach Hause und schafft Jobs für Menschen mit Behinderung

Von Chris Welsch

Es ist ein sonniger Donnerstag mitten in Madrid. Sara Bermejo schiebt ihren mit Paketen beladenen grünen Handwagen durch die engen Gassen um den Mercado Municipal de Barceló.

Im Vorbeigehen grüßt sie eine Ladeninhaberin, die in der Tür steht. An der nächsten Kreuzung winkt sie dem Fahrer eines Transporters zu, der auch auf seiner Runde unterwegs ist.

Beim Kinderschuhladen Leopotamo macht sie Halt, zieht rückwärts ihren Wagen ins Geschäft und holt ein Paar Schuhe ab, die für eine Kundin in einer anderen Stadt bestimmt sind.

Die 33-Jährige arbeitet für den Lieferdienst Koiki, der zwei Ziele verfolgt: Erstens, die CO2-Belastung in Städten mindern – dazu liefert Koiki hauptsächlich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Zweitens, Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung in Arbeit bringen.

„Ich habe mich für Koiki entschieden, weil ich das Konzept einfach gut finde“, erklärt Carmina Monferrer von Leopotamo. „Mein Laden ist sehr klein. Ich arbeite gern mit Leuten aus der Umgebung zusammen, weil ich mit ihnen über alles Mögliche reden kann. Die beim Lieferdienst sind wirklich nett und zu jeder Tageszeit erreichbar. Das klappt super mit denen.“

Erfolgreich in einer Nische

Die Idee für Koiki stammt von Aitor Ojanguren, der das Unternehmen 2014 gründete. Er erkannte den Bedarf für einen Nachbarschafts-Lieferdienst in den europäischen Ballungsstädten. Gleichzeitig sah er die Chance, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und sie besser zu integrieren. Außerdem bietet Koiki einen persönlichen Service, etwa die Lieferung zum Wunschtermin und immer durch die gleiche Person. Das können die großen Konkurrenten im Markt kaum leisten.

„Paris, London, Madrid – da ist überall ein großer Bedarf“, meint Ojanguren. „Das Konzept lässt sich leicht ausbauen, es kann überall funktionieren.“

Vor ein paar Jahren gewann Koiki auch den Wettbewerb für Soziale Innovation. Damit zeichnet das EIB-Institut jedes Jahr europäische Unternehmen aus, die in erster Linie soziale, ethische oder ökologische Ziele verfolgen.

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Koiki-Gründer Aitor Ojanguren vor dem Mercado Municipal de Barceló. ©Chris Welsch

Gutes Verhältnis zur Konkurrenz

Koiki liefert für Kunden, die ihre Produkte im Internet anbieten, aber auch für große Paketdienste wie DHL. Diese brauchen manchmal Hilfe, damit sie in den engen, verstopften Straßen alle ihre Lieferungen schaffen. Außerdem gelten für Transporter, die CO2 ausstoßen, in vielen Städten Verkehrsbeschränkungen – auch in Madrid. Dort sind seit 2018 wegen der Luftverschmutzung strenge Zufahrtsregeln in Kraft.

„Die großen Paketdienste sind Konkurrenten und Kunden zugleich“, sagt Ojanguren. „Unsere übrigen Kunden sind alle im Onlinehandel unterwegs – mit ihnen arbeiten wir direkt zusammen.“

Im belebten Mercado Barceló, der für seinen frischen Fisch, Obst und Gemüse bekannt ist, hat Koiki im zweiten Stock gegenüber einem Fischhändler seine Räume. Wenn die Kunden es wünschen, liefert das Unternehmen auch Fisch und andere Lebensmittel.

Koiki arbeitet mit staatlichen und nicht staatlichen Organisationen zusammen, die sich für Menschen mit Behinderung einsetzen. Sie helfen dem Unternehmen bei der Suche nach Personal für die Zustellung – den Koikis, wie sie intern heißen. Alle Koikis erhalten eine mobile App, mit der sie Barcodes einlesen, den Sendungsverlauf verfolgen und die Zustellung bestätigen. Koiki schult die Beschäftigten, dafür schicken die sozialen Einrichtungen eigens eine Betreuungskraft. Zusammen sorgen sie für ein stabiles Arbeitsumfeld, in dem die Koikis gut unterstützt werden.

„Wir sind wie eine Familie“, sagt Nerea Ortiz, die für das Geschäft im Raum Madrid zuständig ist. „Wir kennen alle unsere Koikis gut und sprechen jede Woche mit ihren Betreuungskräften und Familien.“

Bislang bietet Koiki seinen Lieferdienst in mehreren Städten in Spanien an, aber in Zukunft will Ojanguren auch in andere europäische Länder expandieren. In Spanien wächst sein Unternehmen rasant, was vor allem am boomenden Onlinehandel liegt.

Manchmal kann Koiki mit der Nachfrage kaum Schritt halten:

Der Standort Barceló arbeitet mit vier Koikis, die jeweils 40 Pakete am Tag zustellen, insgesamt also 160. „Aber gestern hatten wir 400 Pakete“, erzählt Ojanguren, und Ortiz fügt lachend hinzu: „Wir haben das am Ende geschafft, aber es war schon stressig.“ Wenn zu viel zu tun ist, vergibt Koiki einen Teil seiner Aufträge an Fahrradkuriere.

„Das letzte Jahr war unglaublich für uns“, so Ojanguren. „150 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr.“ Zum Jahresende 2018 hatte das Unternehmen 100 Beschäftigte.

Bermejo, eine der Koikis am Standort Barceló, ist seit neun Monaten als Vollzeitkraft dabei, nachdem sie zuvor vier Monate lang ausgebildet worden war.

Was ihr an der Arbeit am besten gefällt?

„Dass ich die Leute hier kenne und die Kunden. Dass ich eine Beziehung zu ihnen habe“, erklärt sie. „Ich kenne sogar die Hunde auf der Straße.“

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Nerea Ortiz, Aitor Ojanguren, ein Büromitarbeiter und Sara Bermejo bei Koiki im Mercado Municipal de Barceló in Madrid (von links nach rechts). ©Chris Welsch