Digitale Kraftgeräte und Software aus München katapultieren Fitnessstudios ins 21. Jahrhundert

Komplizierte Geräte, schmuddelige Umgebung, schlechte Luft. Und Spaß machte es auch nicht.

Das war der Eindruck von Philipp Roesch-Schlanderer, als er vor acht Jahren erstmals ein Fitnessstudio betrat. Er war als Austauschstudent an der Columbia University in New York und hatte sich vorgenommen, mit Ergometer, Laufband und Gewichten seine überflüssigen Pfunde abzutrainieren.

„Was ich vorfand, war ein in die Jahre gekommenes, muffiges Kellerstudio. Die Ausrüstung veraltet, die Atmosphäre verstaubt. Von der Vielzahl an Geräten und den ganzen Einstellmöglichkeiten war ich schlichtweg überfordert. Mir war rätselhaft, wie ein Sportstudio in der Schwarzenegger-Ära stehen bleiben konnte, während sich die Welt durch Technik rasant veränderte“, erinnert sich Roesch-Schlanderer.

Vernetzung von Apps und Geräten

Aus dieser Erfahrung entstand eine Idee. Roesch-Schlanderer kehrte nach Deutschland zurück und gründete eGym – ein Unternehmen, das Apps, Software und moderne Fitnessgeräte mit Cloud-Anbindung anbietet. Das Ziel: ein interaktives Training, das auch noch Spaß macht. eGym ging 2013 an den Start und hat inzwischen 18 vollelektronische Geräte entwickelt, die sich automatisch auf den Nutzer einstellen und maßgeschneiderte Trainingsprogramme bieten. Heute setzen über 1 000 Fitnessstudios in Europa und den USA auf die Technologie von eGym.

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Philipp Roesch-Schlanderer (links) und Florian Sauter gründeten eGym, weil Fitnessstudios den Anschluss an die Digitalisierung verpasst hatten. ©eGym

Die Vision von eGym: die breite Masse von der Couch ins Fitnessstudio holen.

„Die Zielgruppe des Unternehmens sind nicht die Bodybuilder“, erklärt Antonello Locci, der als Volkswirt bei der Europäischen Investitionsbank arbeitet. „eGym will eine weitaus größere Gruppe ansprechen: Menschen, die ein zusätzliche Portion Motivation brauchen und auf Innovationen anspringen.“

Im Dezember gab die EIB eGym einen Kredit über 25 Millionen Euro. Damit will das Unternehmen weitere innovative Fitnessprodukte entwickeln, in Forschung investieren, die Produktionskapazitäten erweitern und neue Kundengruppen erschließen. Das Geld stammt aus dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen. Mit diesem Programm bekämpft die EU das niedrige Investitionsniveau in Europa. Sie fördert innovative Unternehmen, die als riskant gelten, weil ihre Technik oft noch in den Kinderschuhen steckt. Diese Art von Wachstumskapital, das Unternehmen wie eGym für ihren Erfolg brauchen, gibt es bei der Hausbank oft nicht.

Fitnessmarkt der neuen Art

Auch wenn der Fitnessmarkt hart umkämpft ist: Der für das eGym-Projekt zuständige Kreditreferent der EIB, Cristian Antoci, sieht die Zukunft von eGym optimistisch. Denn das Unternehmen beweist, dass ein neuer Markt für Fitness existiert.

„Fast jeder hat es schon erlebt: Man geht ins Fitnessstudio, sieht die ganzen perfekt durchtrainierten Körper und ist erst einmal abgeschreckt. Die Motivation schwindet rapide, und den nächsten Besuch erspart man sich lieber“, beschreibt Antoci das typische Szenario. „Die Geräte, Software und App von eGym versprechen hingegen Spaß. Wer trainieren möchte, hält einen kleinen Chip an das Gerätedisplay und muss nur noch der Anzeige auf dem Monitor folgen. Ergebnisse und Feedback sind sofort verfügbar. Dieses Training hat Suchtfaktor.“

Das Angebot von eGym:

  • 18 elektrische Kraftgeräte für alle großen Muskelgruppen
  • Fitnesssoftware, die automatisch Trainingspläne erstellt – auf die Ziele und den Fitnessgrad des Studionutzers abgestimmt
  • eGym Apps für Fitnesstrainer und Mitglieder, damit beide Seiten besser kommunizieren können
  • eGym ONE, eine Open-Cloud-Plattform, um Geräte anderer Hersteller in das Trainingssystem von eGym einzubinden

Vernetzt – immer und überall

„Das wirklich Innovative bei eGym ist, dass alle Komponenten vernetzt sind, ganz gleich, wo trainiert wird“, so der Gründer Roesch-Schlanderer. „Das Gerät erkennt den Trainierenden – es passt sich sofort an seine Krafttests an und berücksichtigt beispielsweise persönliche Ziele für den Muskelaufbau oder Gewichtsverlust.“

Der Widerstand wird nicht durch Gewichte, sondern mit Elektromotoren erzeugt. Über die Displays können Mitglieder ihr Trainingsprotokoll sehen, sich mit Freunden verbinden und Daten auf Smartphones oder Wearables wie Fitbit und Jawbone synchronisieren. Mit der Fitness App sammelt der Kunde nicht nur Punkte für das Training im Studio, sondern auch für andere sportliche Aktivitäten.

Spielerisch fit werden

Damit Kunden nach der ersten Euphorie nicht wieder frustriert das Handtuch werfen, setzt eGym auf Gamification, das heißt auf die Nutzung von Spielprinzipien: Durch spieltypische Elemente wie Punkte, Ranglisten und Spielregeln werden die Nutzerinnen und Nutzer motiviert.

„Bevor es eGym gab, war Studiotraining wie Fußball ohne Tore schießen“, findet Roesch-Schlanderer. „Kennen Sie etwas Langweiligeres?“

Bei eGym wird auf den Gerätedisplays eine digitale Trainingskurve angezeigt. Der Nutzer muss während seiner Bewegung innerhalb dieser Kurve bleiben. Gleichzeitig sammelt er mit einem Ball – ähnlich wie bei Pac-Man – Punkte ein. Je mehr Punkte er bekommt, umso größer und leuchtender wird der Ball.

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Wie bei Pac-Man: Auf dem Display des eGym Geräts bewegt sich ein Ball durch den Kurvenverlauf und „frisst“ Punkte. ©eGym

Es klingt nach Spielerei, aber ...

Gamification kling albern, doch es funktioniert, versichern Roesch-Schlanderer und die EIB-Experten. Im Fitnessbereich helfen solche Motivationstricks.

„Für die Studios ist es sehr schwierig, die Mitglieder bei der Stange zu halten“, sagt Antoci. „Viele Neukunden springen nach wenigen Wochen wieder ab.“

30 bis 40 Prozent derjenigen, die Mitglied in einem Fitnessstudio werden, geben wieder auf.

„Hier liegt eine der größten Herausforderungen für Fitnessstudios“, erklärt Roesch-Schlanderer. „Ein Kunde, der sein Trainingsziel nicht erreicht oder die Motivation verliert, hört auf. Damit ist dauerhaftes Wachstum für Studioinhaber fast unmöglich.“

eGym setzt seine Fitnessphilosophie auch intern um. Natürlich werden die mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem gesunden Lebensstil ermutigt, der aber alles andere als spaßfrei ist. Im Münchner Büro gibt es kostenloses Obst, und über die Zahl der gegessenen Bananen wird Statistik geführt (rund 160 wöchentlich). Doch auch Kaffee und Bier werden gratis ausgeschenkt, und gelegentlich macht eGym sogar Pfannkuchen mit Sirup für alle. Auf eine Kleiderordnung verzichtet das Unternehmen übrigens.

„Sagen Sie es nicht weiter – hinten in meiner Schreibtischschublade habe ich einen geheimen Schokoladen- und Keksvorrat,“ gibt Roesch-Schlanderer zu. „Ich sage immer: Iss so viel Schokolade, wie du willst – und fang‘ dann mit dem eGym-Programm an!“