Die Nanosatelliten der bulgarischen Firma EnduroSat bieten Wirtschaft und Forschung Sensoren und Ausrüstung für den Weltraum zum kleinen Preis. Dank dem Paneuropäischen Garantiefonds kann das kleine Unternehmen mit Venture Debt von der EIB auch in der Pandemie weiter wachsen

Von einem 25 Quadratmeter großen Dachboden in Sofia aus startete der bulgarische Nanosatelliten-Anbieter EnduroSat 2015 ins All. Mit einem Team von vier hellen Köpfen und Raycho Raychev, dem heute 38-jährigen Gründer und CEO von EnduroSat. Raychev hatte die jungen Leute bei einem neuen Weltraumprogramm kennengelernt, das er fünf Jahre zuvor mit ins Leben gerufen hatte. „Alle, mit denen wir anfingen, kamen aus unserem Studienprogramm“, erzählt er. „Es war damals das einzige Hochschulangebot, das Studierende in Bulgarien auf eine Karriere in der Raumfahrt vorbereitet.“

EnduroSat wurde mit dem schlichten Ziel gegründet, den Weltraum für die Wissenschaft und Unternehmen aus aller Welt leichter zugänglich zu machen. „Wir glauben, dass der universelle Zugang zum Weltall das Leben auf der Erde grundlegend verbessern könnte“, sagt Raychev, der zunächst Geschichte studierte, bevor er sich ganz auf die Chancen im Weltraum konzentrierte. „Ich wollte immer beides: unsere eigene Gesellschaft und Zivilisation verstehen und den Weltraum erforschen. Schon als Kind träumte ich davon, ein Raumschiff zu bauen und damit ins All zu fliegen.“

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Raycho Raychev, Gründer und CEO, EnduroSat ©EnduroSat

EnduroSat eröffnet mit seinen hochflexiblen, vielseitig einsetzbaren Nanosatelliten Wirtschaft und Wissenschaft neue Chancen in der Weltraumforschung. Die Satelliten können für jede Mission neu programmiert werden. Ihre Stärke ist die flexible Software, sodass die Hardware nicht jedes Mal neu angepasst werden muss. So können die winzigen Satelliten mehrere Missionen mit der gleichen Hardware absolvieren. Und bald soll auch eine innovative Plattform für den Datenaustausch hinzukommen.

„Normalerweise ist ein Satellit auf einen bestimmten Sensor zugeschnitten“, erklärt Raychev. „Das sind Einzelstücke, wie Rolls Royce. Aber wir machen es anders: Unsere Satellitenplattform kann verschiedene Sensoren und Elektronik mitnehmen, ohne dass wir jedes Mal die Hardware wechseln müssen. Wir können die Leistung unserer Satelliten anpassen und während der gesamten Mission Updates und Verbesserungen vornehmen. Wir brechen mit dem Prinzip „Ein Satellit, eine Mission“ und können dadurch gewaltige Kosten- und Leistungsvorteile bieten.“

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Bau eines softwaredefinierten Nanosatelliten von EnduroSat ©EnduroSat

Flexible Flotte von Nanosatelliten

Über den Shared Satellite Service können Kunden bei EnduroSat auch Satelliten mieten, um Sensoren und Instrumente ins All zu bringen und dort einzusetzen. Damit sparen sie sich eine eigene Flotte und kommen für weniger Geld bei kleinerem Risiko in die erdnahe Umlaufbahn.

Der Ansatz von EnduroSat bringt auch Umweltvorteile, weil für gleich viele Anwendungen weniger Satelliten ins All gebracht werden müssen und dort unterwegs sind. Also fallen weniger CO2-Emissionen beim Start und weniger Weltraumschrott an.

Die wichtigsten Innovationen von EnduroSat:

  • Multimissions-Nanosatelliten mit mehreren Sensoren, sodass weniger Satelliten und Starts benötigt werden
  • Flexible Satelliten, die durch Software-Updates modifiziert werden und keine Anpassung der Hardware erfordern
  • Shared Satellite Service, über den die Kunden Ausrüstung günstig mieten können
  • Space App Store, in dem Kunden Weltraumdaten voneinander kaufen und zusammenführen können, um bessere Erkenntnisse zu gewinnen

Krisenhilfe von der EIB

Aber wie so viele Unternehmen, die von komplexen Lieferketten abhängig sind, stellte die Coronapandemie den jungen Satellitenanbieter aus Bulgarien vor große Probleme: Zu verschobenen Raketenstarts und Engpässen bei Bauteilen kamen logistische Probleme beim Transport von Fachleuten und Material. Um das alles finanziell zu bewältigen, wandte sich EnduroSat an die Europäische Investitionsbank.

Die Bank stellte Risikokapital von bis zu zehn Millionen Euro bereit – abgesichert durch den Paneuropäischen Garantiefonds, den EU-Länder als Hilfsinstrument für pandemiegeschädigte Unternehmen geschaffen haben.

Damit kann EnduroSat die Krise überstehen und weiter Satelliten und innovative Angebote entwickeln, wie den Space App Store, in dem Kunden bald Daten oder Nutzungszeiten voneinander kaufen können.

„EnduroSat passt gleich zu mehreren Förderzielen der Bank“, sagt Luis Cervera Lozano, der als Kreditreferent an der Finanzierung mitwirkte. „Es ist ein innovatives kleines Unternehmen, das im strategisch wichtigen Raumfahrtsektor tätig ist und unter der Pandemie zu leiden hat. Damit sind gleich drei Finanzierungskriterien der Bank erfüllt.“

EU-Prioritäten im Weltraum

Die Raumfahrtindustrie zählt zu den strategischen Prioritäten der Europäischen Union. Der einst von staatlich geförderten Einrichtungen dominierte Sektor ist gerade stark im Wandel, weil technologische Fortschritte Marktchancen für neue, private Unternehmen eröffnen. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission beschäftigt die europäische Raumfahrtwirtschaft in Fertigung und Dienstleistungen über 230 000 Fachkräfte und hatte 2017 einen Wert von rund 53 bis 62 Milliarden Euro.

Für jeden Euro, der in die Raumfahrt investiert wird, fließen laut der Europäischen Weltraumorganisation im Schnitt sechs Euro in die Wirtschaft zurück. Der Sektor hat also eine ganz wesentliche Bedeutung für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Hochtechnologie-Jobs. Außerdem schlummern in den Technologien im Orbit und ihren Anwendungen auf der Erde Wettbewerbsvorteile für viele andere Branchen – von der Schifffahrt, Luftfahrt, Land- und Rohstoffwirtschaft über die Versicherungs- und Finanzwirtschaft bis hin zur Logistik. Weltraumtechnologien sind auch wichtig für die Beobachtung des Klimawandels und die Kontrolle von Naturkatastrophen wie Waldbränden.

Die Bank unterstützt den Raumfahrtsektor seit den 1980er-Jahren, vor allem mit umfangreichen Darlehen an große europäische Satellitenbetreiber und Raketenhersteller. Seit 2020 fördert sie auch aufstrebende „New Space“-Scale-ups in der EU mit Venture Debt. Die ersten Darlehen gingen an Spire Global in Luxemburg und D-Orbit in Italien; EnduroSat in Bulgarien ist der dritte Raumfahrtkunde im Venture-Debt-Portfolio der EIB.

Außerdem unterstützt die Bank den europäischen New-Space-Sektor durch ihre Beratungsdienste, die sie in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission anbietet. Über ihr Space Finance Lab bringt sie Firmen mit Geldgebern zusammen und verschafft ihnen damit Zugang zu geduldigem Kapital von der EIB und aus anderen Quellen.

„Es ist fantastisch, dass sich die EIB für die Raumfahrt interessiert, die künftig Jahr für Jahr eine größere Rolle spielen wird“, findet Raychev von EnduroSat. „Wir leben in einer globalisierten Welt, in der viele spannende Wirtschaftssektoren stark von Weltraumdaten abhängen. Der Weltraum ist schon jetzt ein strategischer Sektor und wird noch mehr Arbeitsplätze und eine bessere Zukunft für alle schaffen. Dass die Bank das erkannt hat, ist wirklich ermutigend. In den nächsten Jahren werden wir unsere Marktpräsenz ausbauen und hoffentlich beweisen, dass Mittel- und Osteuropa starke, innovative Raumfahrtunternehmen hervorbringen kann.“