Die Chirurgie ist mehr als eine medizinische Disziplin, und weit mehr als das Aufschneiden und Zusammennähen menschlichen Gewebes. Sie ist ein wichtiger Pfeiler der medizinischen Grundversorgung. Dennoch bleibt sie für viele Menschen rund um den Globus unerreichbar und unbezahlbar.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht der Autoren wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
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Die meisten Gesundheitssysteme sind bis heute nicht weit genug entwickelt, um alle Menschen zu erreichen, und in Ländern mit niedrigen bis mittleren Einkommen gibt es chirurgische Leistungen oft nur in der Großstadt.
Herausforderung für das Gesundheitswesen weltweit
Laut einem Bericht der Lancet Commission on Global Surgery aus dem Jahr 2015 müssen 28–32 Prozent aller Erkrankungen weltweit operativ behandelt werden. Etwa fünf Milliarden Menschen (rund 70 Prozent der Weltbevölkerung) haben jedoch keinen Zugang zu sicherer und bezahlbarer chirurgischer Versorgung, so die Kommission. Die Mehrheit dieser Menschen lebt in Entwicklungsländern, und dort im ländlichen Raum.
Mit Kollegen aus der Orthopädie und der plastischen Chirurgie war ich im Rahmen des FLYSPEC-Programms regelmäßig im sambischen Hinterland unterwegs. Häufig wurden wir gerufen, um einen Notkaiserschnitt durchzuführen oder schwere nachgeburtliche Blutungen zu stillen. In den ländlichen Gesundheitszentren waren wir das einzige medizinisch qualifizierte Personal – und das immer nur für jeweils drei Tage.
Noch verzweifelter ist die Lage bei speziellen Operationen. Viele Kinder, die auf dem Land mit deformierten Gliedmaßen zur Welt kommen, können wegen der weiten Entfernungen nicht zur Schule gehen und leiden somit lebenslänglich unter einem Problem, das eigentlich im frühen Kindesalter behoben werden könnte. Auch hartnäckige Knocheninfekte, die ebenfalls häufig sind, ließen sich chirurgisch gut behandeln. Bei den Erkrankten entwickeln sich chronische Wunden, und nicht selten werden sie von Gesundheitspersonal ohne chirurgische Ausbildung falsch behandelt. Ein erfahrener Chirurg bräuchte für den Eingriff drei Stunden – damit wäre der Patient komplett geheilt.
Chirurgie: Keine One-Man-Show
Chirurgische Versorgung ist stets eine Teamleistung, bei der Vertreter unterschiedlicher Spezialisierungen zusammenarbeiten. In vielen Ländern fehlt es allerdings an chirurgischen Ausbildungsstätten, an Operationssälen sowie an der Ausrüstung, die für teures Geld aus entwickelten Ländern importiert werden muss. Diese Herausforderungen lassen sich nur mit gemeinsamen Anstrengungen und guter Führungsarbeit auf nationaler Ebene und vor Ort bewältigen.
Aus Schwäche wird Hoffnung
Aus politischen Absichtserklärungen sollen nun Gesundheitsprogramme hervorgehen, die allen Menschen zugutekommen. Deshalb stellen viele WHO-Mitgliedsländer derzeit eigene Geburtshilfe- und Anästhesiepläne auf. Vier afrikanische Länder südlich der Sahara verfügen bereits über einen solchen Plan (Sambia, Äthiopien, Tansania und Senegal) und viele andere (darunter Ruanda, Simbabwe, Mosambik, Madagaskar) arbeiten noch daran. Neben dem großen Thema der operativen Behandlung von Krankheiten sollten die Pläne den Ländern auch helfen, andere Gesundheitsfragen anzugehen, etwa im Hinblick auf die UN-Entwicklungsziele.
Der Ausbau der chirurgischen Versorgung stärkt die Primärversorgung und ist eine der praktisch umsetzbaren Möglichkeiten, um eine universale Versorgung in einem Land zu erreichen. Begleitend dazu sind unbedingt auch Verbesserungen in den Labors, bei den medizinischen Bildgebungsverfahren, bei Bluttransfusionen und bei den Überweisungsverfahren nötig. Darüber hinaus brauchen wir neue Finanzierungslösungen für das Gesundheitswesen, eine bessere Verfügbarkeit von Grundmedikamenten und Gesundheitsinformationen sowie eine bessere Steuerung und Regulierung des Gesundheitswesens. Nach dem Ausbruch von Ebola 2014 in Westafrika wurde ein „schwaches Gesundheitssystem“ als Hauptfaktor dafür identifiziert, dass sich das Virus derart ausbreitete und so schwer unter Kontrolle bringen ließ.
Chirurgie als Entwicklungsmaßnahme
Viele Entwicklungsländer tun sich auch schwer damit, ihre jungen Menschen mit den Fähigkeiten auszustatten, die für das Land nützlich sind. Hierzu hat die 2016 gegründete UN-Kommission für Gesundheit, Entwicklung und wirtschaftliches Wachstum drei Leitlinien formuliert, wie sich Gesundheitsversorgung und Wirtschaftswachstum stärken lassen:
1. Ein Wandel beim Gesundheitspersonal und seiner Ausbildung könnte ein Wirtschaftswachstum beschleunigen, an dem alle teilhaben, und die Chancengleichheit im Gesundheitsbereich fördern.
2. Neue Arbeitsplätze für Gesundheits- und Nichts-Gesundheitspersonal ermöglichen eine breite Versorgungsabdeckung; diese ist unabdingbar für ein Wirtschaftswachstum, an dem alle teilhaben, und für eine nachhaltige Entwicklung.
3. Eine Reform der Finanzierung und der Rechenschaft im Gesundheitswesen, mit besonderem Fokus auf qualifizierten Gesundheitsdienstleistern, kann eine Ära der internationalen Zusammenarbeit und des Engagements für wirtschaftliche und menschliche Sicherheit einläuten.
Eine gesunde Bevölkerung ist Voraussetzung für wirtschaftlichen Wohlstand. Bessere Gesundheitssysteme und der Zugang zu chirurgischer Versorgung können in den Entwicklungsländern die Lebenserwartung erhöhen und Diskriminierung infolge unbehandelter Behinderungen entgegenwirken. Das hat auch Auswirkungen auf die sozioökonomischen Systeme.
Die Bank der EU fördert Projekte mit dem Ziel, Menschen überall mit wirksamen, sicheren und bezahlbaren Gesundheitsleistungen zu versorgen.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht der Autoren wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
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