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    Infrastrukturlösungen: Urbane Mobilität neu gedacht

    Der Stadtverkehr bekommt nach Corona eine neue Richtung. Unser Experte für urbane Mobilität beschreibt, wie gesunde und nachhaltige Städte nach der Pandemie aussehen – mit sicherer Mobilität für Menschen und Güter

    Die Pandemie hat die Digitalisierung der Arbeit beschleunigt. Telearbeit ist jedoch nicht für alle möglich. Viele Menschen müssen ihre Arbeit an einem konkreten Ort verrichten. Und auch wer von zu Hause arbeitet, ist gelegentlich unterwegs. Die Wege ändern sich, aber die Mobilität innerhalb der Städte bleibt wichtig.

    Viele Menschen haben während der Coronapandemie den Individualverkehr bevorzugt. Andere sind zu Fuß gegangen oder Rad gefahren. Wie können wir die Menschen davon überzeugen, wieder auf Züge und Busse umzusteigen, damit die Straßen nicht wieder von Autos und Motorrädern verstopft werden?

    Seit der Pandemie haben auch die Städte erkannt, dass sie die Gesundheit in den Mittelpunkt ihrer Verkehrsplanung stellen müssen. Die Pandemie könnte Städte sogar dazu bringen, in einen besseren öffentlichen Verkehr zu investieren, der schneller, zuverlässiger und komfortabler ist.

    Homeoffice: Kurze Ausnahme oder Revolution?

    Ein verstärkter Umstieg auf Telearbeit nach der Pandemie könnte das Verkehrsaufkommen dauerhaft verringern – allerdings wahrscheinlich weniger als angenommen. Denn der Arbeitsweg macht weniger als ein Drittel des öffentlichen Personenverkehrs aus.

    Auch wenn während der Pandemie mehr von zu Hause aus gearbeitet wurde, kann nur ein kleiner Teil der Erwerbstätigen im Homeoffice arbeiten, vor allem hoch qualifizierte Büroangestellte. Für alle anderen Berufsstätigen bleibt die Verkehrsinfrastruktur ein wichtiger Bestandteil der Stadtentwicklung.

    Auch die Europäische Investitionsbank musste, wie viele andere Einrichtungen, quasi über Nacht ihre gesamte Belegschaft ins Homeoffice schicken. Bei der EU-Bank war die Erfahrung weniger traumatisch als erwartet. Unsere Arbeit konnte fast nahtlos weitergehen, obwohl nur ein kleiner Prozentsatz der Mitarbeitenden zuvor Telearbeit gemacht hatte.

    Dank der guten Konnektivität und der leistungsfähigen internen IT-Systeme konnten die Geschäfte der Bank relativ normal weiterlaufen. Viele andere Unternehmen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Firmen, die bereits viele Mitarbeiter im Homeoffice beschäftigten, wie die Tech-Giganten Google und Twitter, hatten es nicht eilig, ihre Leute zurück ins Büro zu holen.

    Kein Wunder. Je weiter die Menschen vom Büro entfernt wohnen, desto lieber arbeiten sie von zu Hause aus. Das französische Statistikamt INSEE zeigt, dass drei Prozent der französischen Erwerbstätigen regelmäßig im Homeoffice arbeiten. Bei Pendlern mit einem Arbeitsweg von unter fünf Kilometern sind es weniger als zwei Prozent, bei Pendlern mit einem Arbeitsweg von über 50 Kilometern dagegen mehr als acht Prozent.

    Die neuen Mobilitätsmuster könnten die Verkehrsbetriebe zwingen, ihr Angebot neu zu bewerten und ihre Geschäftsmodelle in Frage zu stellen, da sich ihre Einnahmen verlagern: von Pendlern mit Monatskarten im Abo auf eine weniger vorhersehbare Nutzung. Das ist auch für Geldgeber wie die EIB von Bedeutung, da sich die Kreditprofile ihrer Darlehensnehmer ändern könnten.

    Eine dauerhafte Verlagerung hin zu mehr Homeoffice könnte die Verkehrsunternehmen veranlassen, ihr gesamtes Netz zu überdenken. Statt radialer Verbindungen zwischen Wohngebieten und Geschäftszentren könnte es künftig mehr kreisförmig verlaufende Routen zwischen Wohngebieten, Schulen und Einkaufszentren geben.

    Allerdings ist noch nicht abzusehen, wie nachhaltig die Verlagerung sein wird.

    Veränderte Verkehrsnachfrage

    Nach den Zahlen aus den Google-Mobilitätsberichten sank die Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln zu Beginn der zweiten Coronawelle in den größten Volkswirtschaften der EU nur um 20 Prozent. Der Verkehr an den großen Verkehrsknotenpunkten ging um 30 bis 40 Prozent zurück, der Verkehr zum Arbeitsplatz um 20 bis 30 Prozent.

    Eine weltweite Umfrage der Verkehrs-App Moovit zeigte 2021, dass in einigen Städten bis zu ein Drittel der Menschen wegen der Pandemie nicht mehr den öffentlichen Nahverkehr nutzten – und das nicht nur in Hauptstädten wie Berlin. In der griechischen Stadt Thessaloniki mieden 34 Prozent der Menschen aus Angst vor Covid-19 öffentliche Verkehrsmittel, und fast 70 Prozent gaben an, sie wünschten sich mehr Busse auf den Straßen, damit die Fahrzeuge nicht so überfüllt sind.

    Der unmittelbare Rückgang der ÖPNV-Nutzung während der Pandemie hat einige Betreiber hart getroffen. Sinkende Einnahmen setzen sie unter Druck und verschlechtern ihre Kreditwürdigkeit. Möglicherweise müssen sie aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden – Mittel, die dann für Investitionen in umweltfreundlichere Verkehrsangebote fehlen würden.

    Der Verkehr ist für fast ein Viertel der CO2-Emissionen in Europa verantwortlich. Künftige Investitionen müssen sich daher darauf konzentrieren, die Verkehrssysteme von fossilen Brennstoffen auf saubere Energien umzustellen. Dank neuer Technologien ist das möglich. Städte können heute grüner und intelligenter geplant und umgebaut werden als je zuvor.

    ©Timelynx/Shutterstock