Christoph Weiss, Ökonom bei der Europäischen Investitionsbank

Wir alle kennen diese Erfolgstories: Ein paar Freunde tüfteln in der Garage an einer neuen Geschäftsidee. Dann gründen sie damit ein Unternehmen und kommen ganz groß raus. Über kurz oder lang haben sie Tausende Mitarbeiter und ein dickes Bankkonto.

Nicht so in Europa. Innovationsträger sind hier vor allem ältere und größere Unternehmen. Daran ist an sich nichts auszusetzen. Aber warum ziehen die kleinen Jungunternehmen nicht mit? Forschung, Entwicklung oder Innovation stehen bei ihnen oft gar nicht auf dem Programm.

Zu diesem Ergebnis kam auch die EIB bei ihrer Investitionsumfrage von 2016, an der Tausende Unternehmen verschiedener Branchen aus allen 28 EU-Ländern teilnahmen. Gemeinsam mit der KU Leuven und der Europäischen Zentralbank veröffentlichten wir unsere Umfrageergebnisse vergangenes Jahr in „Young SMEs: Driving Innovation in Europe?”.

Für unsere Studie untergliederten wir Unternehmen in fünf Gruppen:

  1. Forschungsferne Unternehmen (52 Prozent) – sie investieren kaum in FuE (weniger als 0,1 Prozent des Umsatzes) und entwickeln keine Innovationen
  2. Adopter (26 Prozent) – sie investieren kaum in FuE (weniger als 0,1 Prozent des Umsatzes), übernehmen aber verfügbare Innovationen
  3. Entwickler (5 Prozent) – sie investieren in FuE, führen aber (noch) keine Innovationen ein
  4. Inkrementelle Innovatoren (10 Prozent) – sie investieren in FuE und führen auch Innovationen ein, die für das Land oder das Unternehmen neu sind, sich auf dem Weltmarkt jedoch schon etabliert haben
  5. Innovationsführer (7 Prozent) – sie investieren in FuE und führen ganz neue Produkte und Verfahren ein

Die Abbildungen zeigen, dass große, alteingesessene Firmen tendenziell innovativer sind als kleine und mittlere Jungunternehmen (weniger als zehn Jahre alt)

Abbildung 1: Innovationsprofile und Unternehmensgröße (gewichtete Anteile) copyrightAuhor
Abbildung 1: Innovationsprofile und Unternehmensgröße (gewichtete Anteile)
Abbildung 2: Innovationsprofile und Alter des Unternehmens (gewichtete Anteile copyrightAuhor
Abbildung 2: Innovationsprofile und Alter des Unternehmens (gewichtete Anteile
Abbildung 3: Innovationsprofile nach Alter und Größe (gewichtete Anteile) copyrightAuhor
Abbildung 3: Innovationsprofile nach Alter und Größe (gewichtete Anteile)

Was sagen diese Ergebnisse aus? Anhaltspunkte liefern hier die Modelle des bekannten Ökonomen Joseph Schumpeter, der Ende der 1930er-Jahre die Grundprinzipien der Innovationsökonomie aufstellte. Schumpeter unterstrich dabei die Rolle von Jungunternehmern in Nischenmärkten. Seine Theorie: Kleine Jungunternehmen bringen neue und bessere Verfahren oder Produkte auf den Markt und verdrängen so Unternehmen mit älteren oder weniger effizienten Produkten. Mit neuen Technologien und Innovationen fordern diese Unternehmen etablierte Firmen heraus. Schumpeter bezeichnete diesen Prozess als „schöpferische Zerstörung“ – ein Motor des wirtschaftlichen Fortschritts.

Das funktioniert jedoch nur, wenn erfolgreiche Markteinsteiger zu großen Playern heranwachsen. Die älteren Unternehmen müssen umstrukturieren oder werden vom Markt verdrängt. In der EU funktioniert das aber offensichtlich nicht so gut. Wie die jüngste Forschung zeigt, gibt es in Europa viel mehr statische Unternehmen als in den USA – Firmen, die weder wachsen noch schrumpfen. Und diese Stagnation geht mit einem geringeren Produktivitätswachstum einher.

Schumpeter nannte noch einen zweiten Wachstumsmechanismus: Nach seinem Mark-II-Modell profitieren große, etablierte Unternehmen vom Rückkopplungseffekt des Wissens, das sie in bestimmten Technologiebereichen und Märkten angesammelt haben. Genau das passiert offenbar derzeit in Europa.

Warum gibt es eigentlich so wenige innovative Jungunternehmen in Europa?

Unsere Investitionsumfrage stützt sich auf die Angaben einzelner Unternehmen. Wir konnten natürlich die Unternehmen nicht einfach fragen, warum sie nicht innovativer sind. Stattdessen haben wir die Antworten unterschiedlich innovativer Unternehmen auf bestimmte Fragen verglichen. In erster Linie wollten wir von ihnen wissen, was sie daran hindert, (mehr) zu investieren.

Interessanterweise sahen eher die Unternehmen Hindernisse, die bereits in FuE investieren – vermutlich weil sie bereits Erfahrungen mit riskanten Investitionen gemacht hatten. Problematisch war für sie unter anderem, eine Nachfrage für neue Produkte oder Dienstleistungen zu schaffen, Kapital aufzunehmen und geeignete Fachkräfte zu finden.

Leider erklärt das immer noch nicht, warum forschungsferne Unternehmen passiv bleiben. Viele haben wahrscheinlich einfach kein Interesse an Innovationen. Deshalb sollten wir uns lieber den Unternehmen zuwenden, die trotz aller Hindernisse in Innovationen investieren. Denn die haben den Sinn und Zweck erkannt. Und die Politiker in Europa sollten sich fragen, wie wir diesen Unternehmen dabei helfen können, innovativer zu werden und mehr zu bewirken.

Junge, innovative Kleinunternehmen kommen nur selten an Kredite. Aufschluss liefert jedoch vor allem der Blick auf lang etablierte Unternehmen. Wie bereits erwähnt, funktioniert das Modell der „schöpferischen Zerstörung“ nach Schumpeter nur, wenn kleine, innovative Firmen zu großen Unternehmen heranwachsen. Doch wie kommt es, dass so manches innovative Kleinunternehmen auch nach zehn Jahren noch nicht weitergekommen ist? Ein Vergleich mit älteren, großen Unternehmen bringt erhebliche Unterschiede zutage. Bei fast jedem zweiten etablierten, innovativen Kleinunternehmen dämpfen der Fachkräftemangel und die unsichere Zukunft die Investitionsbereitschaft. Und rund ein Drittel beklagt den Mangel an Finanzierungen, die Besteuerung sowie die Regulierung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes. Für die befragten Großunternehmen sind diese Faktoren – vor allem die fehlenden Finanzierungen – weniger problematisch. Insgesamt 58 Prozent der etablierten, innovativen Kleinunternehmen investieren weniger, weil das Geld fehlt. Bei den großen Unternehmen sind es nur 40 Prozent.

Unserer Ansicht nach könnte hier ein besserer Umgang mit öffentlichen Zuschüssen helfen. Innovationsführer erhalten mit einer größeren Wahrscheinlichkeit mehr Zuschüsse, bereinigt nach länder- und sektorspezifischen Effekten. Daran zeigt sich, wie wichtig dieses Instrument für die Innovationspolitik der EU ist. Kleine Unternehmen erhalten nicht zwangsläufig häufiger Zuschüsse. Wäre dies der Fall, könnten sich innovative Kleinunternehmen besser entwickeln. Innovationsstrategien, die den Zugang zu Finanzierungen verbessern sollen, müssen sich deshalb an junge, innovative Kleinunternehmen richten.

Die Idee, dass Innovationen in der Garage entstehen, ist zwar schön und gut. Das Problem ist nur, dass bedeutende Innovationen irgendwann Geld kosten – für neue Mitarbeiter, Ausrüstung und ein Finanzpolster, falls eine Idee nicht funktioniert. Wenn ein junges Unternehmen also neben seiner tollen Idee nicht auch noch bündelweise Bargeld in der Garage hortet, wird es vermutlich auch in zehn Jahren noch dort sitzen.