Auf einer der meistbefahrenen Bahnstrecken Aserbaidschans gehören gefährliche Situationen zum Alltag. Das soll sich jetzt ändern. Die wichtigste Ost–West-Achse des Landes führt von der Hauptstadt Baku und ihrem Hafen am Kaspischen Meer nach Böyük Kesik an der Grenze zu Georgien. Sie erstreckt sich über 500 Kilometer und ist Teil des Mittelkorridors, der Europa und China per Bahn verbindet.
Gebaut wurde die Trasse in den 1970er-Jahren, mitten durch Städte, Dörfer und weites Land. An 76 gesicherten und ungesicherten Bahnübergängen können Menschen, Fahrzeuge und Tiere die Schienen überqueren. Der Wechsel von der einen Seite auf die andere gehört zum Alltag, aber er ist nicht ungefährlich.
Kinder überqueren die Gleise auf dem Schulweg. Vieh läuft ins Gleisbett. Autofahrer fahren noch schnell auf die andere Seite, wenn der Zug naht. Rettungsfahrzeuge verlieren Zeit. In zwanzig Monaten kam es zu 36 Zusammenstößen mit Vieh. 97-mal kollidierten Menschen mit Zügen, 15 Personen starben dabei.
Die Aserbaidschanische Bahn wandte sich daher an die Beratungsteams der EIB: Sie wollte herausfinden, wie der Korridor für alle sicherer werden kann. Das EPIC-Team (Fazilität für Investitionen in Konnektivität im Rahmen der Östlichen Partnerschaft) der Bank arbeitet an Konnektivitätsprojekten in Aserbaidschan.
Risiken prüfen, Optionen abwägen
Zusammen mit Mitarbeitenden der Aserbaidschanischen Bahn fuhr das EPIC-Team die gesamte Strecke ab. An jedem kritischen Übergang stoppten sie: um zu verstehen, wie der einzelne Übergang genutzt wird und wo die größte Gefahr lauert.
„Am meisten beeindruckt hat mich, wie engagiert unsere Kolleginnen und Kollegen aus Aserbaidschan bei der Sache waren“, sagt Denis Jakubik, der das EPIC-Team leitet, „und wie interessiert sie an unseren Erfahrungen in Europa sind.“
Die Arbeit folgte einem einfachen Prinzip: Wenn Züge und Menschen nicht aufeinandertreffen, passieren auch keine Unfälle. Entsprechend suchten die Teams nach Möglichkeiten, Kreuzungspunkte von Straße und Schiene zu beseitigen: mit Brücken, Unterführungen und Zäunen.
Jeder Bahnübergang wurde kartiert und dokumentiert. Mit allen Details, wie und wann er genutzt wird. Auf dieser Basis ließen sich Übergänge vergleichen und besonders gefährliche identifizieren.
Wirtschaftliche Überlegungen halfen, realistisch zu priorisieren: Was ist machbar und in welcher Reihenfolge? Für die kritischsten Querungen bereitete das EPIC-Team zudem fachliche Vorgaben für Variantenanalysen und die Detailplanung vor.
Dann skizzierten die EPIC-Fachleute zwei Optionen:
- 1. Zäune und Unterführungen für Nutztiere sowie der Rückbau von acht besonders gefährlichen Querungen (geschätzte Kosten: 50 Millionen Euro)
- 2. Die gleichen Maßnahmen, aber für 17 Querungen (geschätzte Kosten: 90 Millionen Euro)
Beide Optionen sehen vor, den Bahnverkehr von den Wegen der Menschen und Tiere zu trennen. Sie unterscheiden sich vor allem in Umfang und Kosten. Die Aserbaidschanische Bahn weiß jetzt, wo die Risiken liegen, welche Maßnahmen möglich sind und welche Investitionen dafür notwendig wären.