Zwei polnische Glasfaserprojekte sollen den digitalen Wandel auf dem Land und die regionale Wirtschaft fördern – und auch etwas für die Umwelt tun

Polens Mitte und der Nordosten sind schön. Die glasklaren Flüsse und schmucken Städtchen locken viele Reisende. Für einen stabilen Internetzugang sind die dichten Wälder, die gewundenen Täler und die Seen der Region allerdings ein Hindernis.

Das gilt vor allem in Zeiten, in denen zunehmende Telearbeit und andere wichtige Digitaldienste schnelle Geschwindigkeiten erfordern. Zwei polnische Unternehmen wollen dieses Problem lösen – mit neuen Glasfasernetzen auf dem Land. „Wir machen etwas völlig Neues am polnischen Markt“, verrät Jacek Wiśniewski von Nexera. Sein Unternehmen verlegt digitale Netze in Gegenden, in die sich bisher niemand vorgewagt hat.

Auch Światłowód Inwestycje (S.I.) hat das ländliche Polen im Blick und will es fit für die digitale Zukunft machen. Bis 2025 werden beide Unternehmen Fibre-to-the-Home(FTTH)-Anschlüsse, also Glasfaserhausanschlüsse, für mehr als 3,1 Millionen Privathaushalte, Unternehmen und Schulen legen: S.I 2,4 Millionen und Nexera 0,7 Millionen. Magdalena Russyan, CEO von S.I.: „Wir wollen die Digitalisierung der polnischen Wirtschaft pushen und die digitale Kluft überwinden.“

Aber Glasfasernetze sind teuer. Ihre Leitungen müssen bis in jedes Haus gelegt werden. Daher unterstützt die Europäische Investitionsbank Nexera und S.I. jeweils mit einem Kredit. Denn es geht um eine wichtige Zukunftstechnologie für Europa – und die soll auch die Gebiete erreichen, die Investoren eher meiden.

>@Nexera
It is not easy installing fibre networks as they require attaching each house to a physical strand of fibre ©Nexera

Schnelle, umweltfreundliche Netzanbindung auf dem Land

Bei einem FTTH-Netz werden die Glasfaserleitungen bis direkt in die Privathaushalte oder Unternehmen gelegt. Verbindungsqualität und -geschwindigkeit sind deutlich besser als bei herkömmlichen Kabel- oder DSL-Anschlüssen. Typische physikalische Hindernisse in ländlichen Gegenden, wie etwa Hügel oder dichte Wälder, bremsen das Signal nicht. Im Vergleich zu älteren Anschlüssen ist Glasfaser bis zu 100 Mal schneller.

Außerdem ist Glasfaser umweltfreundlicher. Denn die FTTH-Technik senkt den Energieverbrauch und verbessert die CO2-Bilanz. „Glasfasernetze sind pro Gigabyte etwa fünfmal energieeffizienter als ältere Kupfernetze“, sagt Monika Tenerowicz, Leiterin Media Relations bei Orange Polska. Zudem müssen beim Netzausbau keine Leitungen ausgetauscht werden, und auch die Wartungskosten sind minimal, weil die Glasfaserleitungen nicht verfallen. „Glasfaser ist die Zukunft“, sagt Tenerowicz.

Welche Vorteile bietet ein FTTH-Netz?

  • mehr Bandbreite
  • größere Zuverlässigkeit
  • mehr Zukunftssicherheit
  • größere Kosteneffizienz
  • Mehrwer

Europäische Unterstützung für polnische Glasfaserprojekte

Der großflächige Ausbau von Glasfasernetzen erfordert massive Investitionen. In ländlichen Gegenden, die deutlich weniger dicht besiedelt sind, lassen sich die Kosten nicht auf Millionen Kunden verteilen. „Wenn Sie ihr Netz ausbauen und Endkunden anschließen wollen, brauchen Sie Geld“, sagt Wiśniewski.

Dafür gibt es die Europäische Investitionsbank. Ihr 76-Millionen-Euro-Kredit für Nexera ist über den Europäischen Fonds für strategische Investitionen durch eine Garantie aus dem EU-Haushalt gedeckt. „Damit kann die EIB auch riskante Projekte stärker fördern, die ihre eigene Risikotragfähigkeit übersteigen“, erklärt Pawel Lewandowski, Kreditreferent bei der EIB für Polen. Mit dem Geld von der EIB kann Nexera bis 2023 rund 530 000 Privathaushalte und 1 400 Schulen anschließen.

Im August vergab die EIB außerdem rund 130 Millionen Euro an S.I., mit denen das Unternehmen seine ehrgeizigen Ziele erreichen will: den Anschluss von 2,4 Millionen Haushalten und ein schnelleres Internet in Groß- und Kleinstädten.

>@Światłowód Inwestycje
“We aim to further contribute to the digitisation of Polish economy and help tackle the existing digital divide,” says Magdalena Russyan ©Światłowód Inwestycje

Glasfaser als Motor für Digitalisierung und Zusammenhalt

Polen gehört bei der Digitalisierung zu den Schlusslichtern in Europa. Das bekommen besonders die Menschen in den ländlichen Gegenden zu spüren. An Telemedizin oder Telearbeit ist hier nicht zu denken. Auch Online-Unterricht für Jugendliche und Studierende ist nur begrenzt möglich. „Corona hat die Nachfrage nach schnellem Internet in den Städten und auf dem Land steigen lassen“, sagt Magdalena Russyan von S.I. „Wir haben daher beschlossen, unser Glasfasernetz auszubauen.“

Die Projekte von Nexera und S.I. haben enormes Potenzial für die Regionalentwicklung. Sie könnten den wachsenden Datenhunger in den ländlichen Gebieten stillen, wo schnelle Verbindungen für Freizeit, Bildung, Kommunikation und Arbeit gebraucht werden. „Mit den Glasfasernetzen bekommen Gesundheitsversorgung und Bildung in diesen Regionen neue Impulse“, glaubt Anders Bohlin, Sektorspezialist bei der Europäischen Investitionsbank. „Das wird die Digitalisierung dort grundlegend beschleunigen.“

Die Projekte könnten auch die regionale Wirtschaftsentwicklung stärken – ganz im Sinne der EIB, die den Auftrag hat, den Zusammenhalt in der EU zu fördern, indem sie die Unterschiede zwischen den Regionen verringert. „Mit Glasfaser haben die Menschen die Möglichkeit, auch auf dem Land von zu Hause zu arbeiten“, sagt Bohlin. „Dadurch ergeben sich neue Arbeits- und Schulungsmöglichkeiten, und es könnten neue Firmen entstehen, die die Region im Blick haben. Das macht ländliche Gebiete attraktiver und wettbewerbsfähiger.“