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    Der öffentliche Verkehr ist enorm wichtig – für einen grünen Wiederaufbau, die Dekarbonisierung, lebenswerte Städte und eine nachhaltige Mobilität in dicht besiedelten Städten. Im Ringen um ihre Klimaziele brauchen die Länder deshalb Lösungen für einen modernen öffentlichen Nahverkehr.

    Dafür müssen Städte langfristig investieren und ihre gesamte Mobilität umgestalten. Ob ein Verkehrsprojekt erfolgreich ist, hängt aber nicht nur vom Geld ab. Das Angebot muss auch attraktiv und passgenau sein, damit die Menschen es annehmen.

    Der öffentliche Verkehr muss sich im Alltag durchsetzen. Sonst bleibt die Nachfrage gering, und die Investition wird letztlich ein Flop. Aus diesen Überlegungen heraus bat uns Zyperns Hauptstadt Nikosia, ihr geplantes Straßenbahnprojekt zu prüfen.

    Wir stellten fest, dass in Nikosia der motorisierte Verkehr den Ton angibt – keine gute Voraussetzung für die Straßenbahn und natürlich auch schlecht für Umwelt und Gesundheit. Deshalb empfahlen wir der Stadt, zunächst mit einem besseren Bus-Angebot mehr Menschen zum Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen, damit sich die Investitionen in hochmoderne Verkehrsinfrastruktur später lohnen.

    ©BestPhotoPlus/Shutterstock

    Die Straßenbahn als Ideallösung

    Als mögliche Lösung schwebt Nikosia eine Straßenbahn vor. Geplant ist ein 14,5 Kilometer langes Netz mit drei Linien, das die wichtigsten Zentren im Großraum verbindet: Agios Dometios, Strovolos, Aglantzia, Dali, Latsia, Nikosia und Engomi.

    In einer modernen Stadt bieten Straßenbahnen viele Vorteile. Sie nehmen weniger Platz weg, denn in eine Bahn passen so viele Fahrgäste wie in zwei große Busse oder 174 Autos. Das lässt mehr Raum für Fußgänger, Radfahrer und alternative Mobilitätslösungen wie Bikesharing. Außerdem verringert sich der Straßenverkehr um bis zu 14 Prozent.

    Die Straßenbahn ist auch gut für die Umwelt. Laut Defra stoßen Autos mehr als dreimal so viel CO2 aus wie Straßenbahnen. Mit der Tram könnten die Menschen in Nikosia endlich aufatmen.

    Auch die Wirtschaft profitiert. Denn eine neue Tram ist ein sichtbare, dauerhafte Investition in eine zukunftsfähige Stadt. Als Dublin eine Straßenbahn bekam, stiegen die Immobilienpreise direkt um 10 bis 20 Prozent.

    Und schließlich bieten Straßenbahnen berechenbare Fahrzeiten und bringen die Menschen sicher zu wichtigen Einrichtungen wie Einkaufszentren und Krankenhäusern. All das macht die Tram zu einer zuverlässigen, hochwertigen Alternative zum Auto.

    Hürden auf dem Weg zu einem effektiven Straßenbahnnetz

    Der Aufbau eines größeren Tramnetzes birgt jedoch Risiken, und zwar von Anfang an. Bevor es mit dem Bau überhaupt losgeht, müssen die Verantwortlichen den Streckenverlauf und Haltestellen festlegen, Umweltstudien durchführen, Konzepte erarbeiten und sich um alle erforderlichen Planungs- und Umweltgenehmigungen kümmern. Das kann Jahre dauern. Die eigentliche Bauphase ist dann vergleichsweise kurz.

    Doch auch beim Bau gibt es Hindernisse. Oft müssen Versorgungsleitungen umverlegt oder Straßen neu gebaut werden. Dazu kommen Tunnel, Brücken, Gleise und Haltestellen. In einem dicht besiedelten Gebiet wie Nikosia können solche Bauarbeiten die Mobilität, Wirtschaft und Lebensqualität einschränken.

    Je nach den örtlichen Gegebenheiten können die Baukosten erheblich variieren, etwa wenn der Boden den Tunnelbau erschwert oder Abschnitte unterirdisch oder als Hochbahn gebaut werden müssen. Mancherorts ist so ein Projekt nicht teuer. Doch bei schwierigen Bedingungen steigen die Kosten schnell auf das Zehnfache oder noch mehr.
    ©Construction of the railway./Shutterstock

    Deshalb wandten sich die Behörden von Nikosia 2018 an JASPERS, eine Initiative der Europäischen Investitionsbank und der Europäischen Kommission für technische Hilfe, und baten um eine unabhängige Prüfung ihres Straßenbahnprojekts. JASPERS ermittelte mehrere operative, technische und finanzielle Risiken, die bei der Projektvorbereitung gezielt zu berücksichtigen sind. Als größte Hürde erkannte unser Team jedoch die geringe Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel – genau das, weswegen die Stadt das Projekt überhaupt ins Rollen gebracht hatte.

    Schritt für Schritt

    Eine Straßenbahn funktioniert nur da, wo

    • der öffentliche Verkehr gut/zunehmend genutzt wird
    • der Bedarf nicht gut mit Bussen gedeckt werden kann
    • die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bereits erfolgreich gefördert wird

    Kurzum: Der öffentliche Verkehr muss schon eine gewisse Stammkundschaft haben, die durch das neue – und bessere – Tramangebot weiter wachsen kann.

    In Nikosia ist das nicht der Fall. Das öffentliche Verkehrsnetz ist dürftig und wird nur von denen genutzt, die kein Auto haben.

    Daher empfahl JASPERS, schrittweise vorzugehen, damit sich die Straßenbahn in Nikosia letztlich auch durchsetzt. Zunächst muss der aktuelle Projektvorschlag überarbeitet und ein endgültiges Konzept ausgearbeitet werden, das der Tram auf der Straße mehr Platz einräumt und so ihre Erfolgsaussichten verbessert. Außerdem muss das Konzept der Umgebung und den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Sobald der Streckenverlauf feststeht, sollten dort Busse eingesetzt werden, um mehr Interesse am öffentlichen Verkehr zu wecken und ihn attraktiver zu machen. Die Busse würden auch das nötige Fahrgastaufkommen generieren – die Grundvoraussetzung für weitere Investitionen und den Erfolg der Straßenbahn. Je mehr Busspuren und Haltestellen und je besser die Fahrkarten- und Infosysteme, desto mehr Fahrgäste. Und desto näher rückt damit auch die Tram.

    Wie gut – und attraktiv – das Angebot ist, hängt stark von Taktung, Fahrpreis und Zuverlässigkeit ab. Nur wenn öffentliche Verkehrsmittel sicher, verlässlich und effizient sind, werden sie auch tatsächlich genutzt. All das entscheidet über den Erfolg eines Straßenbahnprojekts. Ohne die nötige Akzeptanz wird die Stadt mit ihrer Tram nicht viel erreichen. Doch wenn sie in die bestehende Infrastruktur investiert, kann sie die Menschen dazu bringen, Auto und Motorrad stehen zu lassen. Und dann ist Nikosia auch reif für die Straßenbahn.