Montenegro erneuert nach 40 Jahren eine der malerischsten Bahnstrecken Europas

Lucija Filipović fährt fast jedes Wochenende mit dem Zug nach Hause – von der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica, wo sie arbeitet, nach Nikšić. „Ich fahre gern mit dem Zug“, erzählt sie. „Im Sommer fahre ich mit der Familie immer ans Meer. Aber die Züge werden immer leerer. Man kann sich auf die Bahn ja nicht mehr verlassen.“

Die Eisenbahn war seinerzeit eine der größten Errungenschaften Montenegros. Heute rottet das einst größte und teuerste Infrastrukturprojekt im ehemaligen Jugoslawien vor sich hin. Mithilfe der Europäischen Investitionsbank soll das Schienennetz nun wieder auf Vordermann gebracht werden. Im letzten Jahr genehmigte die EIB 20 Millionen Euro für die Sanierung der Strecke von Bar nach Vrbnica an der serbischen Grenze. Weitere Gelder kommen aus der Investitionshilfe der EU und dem Investitionsrahmen für den Westbalkan. Mit dem Projekt unterstützt die Bank auch die Ziele der Resilienzinitiative.

Renaissance eines hochmodernen Schienennetzes

Als 1976 die Eisenbahnstrecke zwischen der serbischen Hauptstadt Belgrad und der Hafenstadt Bar im Südwesten Montenegros eröffnet wurde, war sie nicht nur technisch auf der Höhe der Zeit. Sie zählte auch zu den schönsten Europas.

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Einweihung der Bahnstrecke Belgrad–Bar, 1976 ©Orjen/Wikimedia Commons

Eine malerische Kulisse für Titos Blauen Zug, der die 167 Kilometer lange Strecke als erster befuhr. Königin Elisabeth II. und der äthiopische Herrscher Haile Selassie zählten zu den Staatsgästen, die der jugoslawische Machthaber in seinem Luxuszug empfing.

Doch schon in den 1990er-Jahren wurde die chronische Unterfinanzierung zu einem mächtigen Bremsklotz. Heute muss man für die einst siebenstündige Fahrt fast elf Stunden einplanen. Immer wieder kommt der Zug nur im Schneckentempo voran, weil die Strecke in so einem schlechten Zustand ist. Auf der montenegrinischen Seite wurde nie etwas ausgebessert, und das merkt man. Deshalb nehmen immer weniger Menschen den Zug: 1987 waren es fast 2 Millionen, 2016 gerade noch 1,2 Millionen. Auch die Frachtmengen sanken von fast 4 Millionen Tonnen auf 1,4 Millionen Tonnen.

Montenegro stellt die Weichen für die Zukunft

Deshalb ist das Engagement der EU so wichtig. „Die Zuschüsse summieren sich auf 20 Millionen Euro. Damit finanziert die EU fast 90 Prozent des 45 Millionen Euro teuren Projekts“, sagt Dubravka Nègre, die bei der EIB für den Westbalkan zuständig ist.

Die Kredite und Zuschüsse sollen Montenegro bei der Vorbereitung auf den EU-Beitritt helfen. Das bekräftigte auch Erweiterungskommissar Johannes Hahn im Februar bei einem Besuch vor Ort: „Wir wollen den Westbalkan unterstützen. Die EU investiert in die Entwicklung ihrer künftigen Mitglieder.“

Landschaftlich reizvoll, technisch anspruchsvoll

Unter Eisenbahnliebhabern ist Montenegro vor allem für seine landschaftlich reizvolle Bahnstrecke durch die dramatische Morača-Schlucht bekannt. Sie führt über die höchste Eisenbahnbrücke Europas – das Mala-Rijeka-Viadukt. Bis 2001 war es sogar die höchste Eisenbahnbrücke der Welt, dann bauten die Chinesen eine noch höhere.

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Das Mala-Rijeka-Viadukt – die höchste Eisenbahnbrücke Europas ©Shutterstock

Rund ein Drittel der Stecke auf der montenegrinischen Seite verläuft durch Tunnel oder über Viadukte, was die Instandhaltung sehr schwierig macht. Die Reparatur und Modernisierung wird also kein Kinderspiel.

„Das Projekt ist sehr umfangreich: Der Bahnhof Podgorica erhält eine neue Signalanlage, Böschungen, Brücken und Tunnel müssen instandgesetzt werden, und alle Arbeiten müssen überwacht werden“, erklärt Lucija Filipović. Sie muss es wissen, denn sie ist die stellvertretende Geschäftsführerin von ŽICG, dem Unternehmen, das für die Instandhaltung des Schienennetzes in Montenegro zuständig ist.

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Arbeiten am Schienennetz in Montenegro ©Railway Infrastructure of Montenegro

Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, können die Geschwindigkeitsbegrenzungen aufgehoben werden, und die Züge werden wieder verlässlicher fahren, versichern die Verantwortlichen. Laut Filipović ist die Signalanlage, die ausgetauscht werden soll, noch die gleiche wie bei der Inbetriebnahme vor 40 Jahren. „Es ist, wie wenn man von einem Mobiltelefon der ersten Generation auf ein modernes Smartphone umsteigt“, sagt sie. Außerdem wird der Zugverkehr dadurch viel sicherer.

Ein Zug nach Europa

Das Projekt bringt Montenegro viele Vorteile: Während der Arbeiten entstehen im Land 1 000 Arbeitsplätze, und auch die Handelsbeziehungen vor allem zu Serbien und Rumänien sowie der Tourismus profitieren. Außerdem bringt das moderne Schienennetz den Ausbau des Hafens von Bar voran. Dort könnte die Umschlagsmenge nach Einschätzung von Nègre von heute 1,2 Millionen Tonnen in den nächsten Jahren auf über 2 Millionen Tonnen steigen.

„Mit Investitionen in das Bahnnetz schaffen wir sicherere, sauberere und schnellere Verkehrswege und binden die Menschen in diesem Land an die Nachbarländer und die Europäische Union an.“

  • Debravska Nègre