Ein von der Bank der EU koordiniertes Research-Programm belegt die Wirkung der Mikrofinanz in Côte d’Ivoire und zeigt: Der Privatsektor kann einen großen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten.

Von Nina Fenton und Claudio Cali

Mikrofinanzinstitute sind derart gut im Geschäft, dass ihnen häufig gar keine Zeit bleibt, um auch die Wirkung ihrer Arbeit unter die Lupe zu nehmen. Deshalb hat sich die Europäische Investitionsbank der Aufgabe gestellt: Für einen Partner aus Côte d’Ivoire untersuchte sie, wo das Institut bereits erfolgreich arbeitet und wo Optimierungspotenzial besteht.

Die Première Agence de Microfinance Côte d’Ivoire (PAMF) versorgt Menschen ohne Zugang zu kommerziellen Banken mit Finanzdienstleistungen. Zu ihren Kunden gehören über 17 000 Kleinstunternehmen und Kleinbauern aus dem Norden und Zentrum von Côte d’Ivoire. Unterstützt wird die PAMF vom Luxembourg Microfinance Development Fund, der wiederum über die Europäische Investitionsbank Mittel aus dem Sonderrahmen für besonders entwicklungswirksame Finanzierungen für Afrika, die Karibik und den pazifischen Raum erhielt.

Die Europäische Investitionsbank förderte eine Wirkungsstudie, in der der Nutzen von Gruppenkrediten der PAMF untersucht wurde. Der Gruppenkredit ist eine Kreditform, bei der sich eine kleine Gruppe von Menschen, die einen Kredit erhalten wollen, solidarisch zusammenschließt. Dabei erhöht der Gruppendruck die Anstrengungen zur Rückzahlung. Gloria und Guylaine, zwei vielversprechende Wissenschaftlerinnen aus Ruanda und Kamerun, befragten 300 Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer und führten Interviews mit mehreren wichtigen Akteuren. Ihr Ergebnis:

  • Die PAMF zählt zu den wenigen Instituten, die die Kundschaft in den ärmsten Gebieten von Côte d’Ivoire erreicht. Ihr durchschnittlicher Kunde oder ihre Kundin lebt in einem Achtpersonenhaushalt und verfügt über keine oder allenfalls eine geringe Schulbildung.
  • Die PAMF verbessert die finanzielle Teilhabe. Über 94 Prozent der Kundschaft waren vor dem PAMF-Kredit von Finanzleistungen ausgeschlossen.
  • Die Kundschaft ist mit den Produkten und Dienstleistungen der PAMF zufrieden. Wiederholungskunden empfehlen die PAMF eher ihren Freunden und ihrer Familie als Neukunden. Die Zufriedenheit steigt demnach mit der Kundenbindung.
  • Die Kredite der PAMF sind ein „Sprungbrett“ für Wachstum und Diversifizierung. Die meisten Befragten, nämlich 80 Prozent, gaben an, ihren Kredit für Geschäftszwecke verwendet zu haben. Jeder Dritte konnte mit dem Geld mindestens eine zusätzliche Tätigkeit aufbauen, aus der er ein Einkommen erwirtschaftet.
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Dank der PAMF konnte ich zusätzlich zu meinem landwirtschaftlichen Betrieb, den ich bereits hatte, ein weiteres Geschäft gründen.

  • Kundin der PAMF
  • Die Kredite der PAMF steigern das Geschäftsergebnis. Die Studie ergab, dass sich mehrere Kredite nacheinander positiv und statistisch signifikant auf das wirtschaftliche und finanzielle Ergebnis von Kleinstunternehmen auswirken.

Meine Familie hat [jetzt endlich] ein Auskommen, ich bin so glücklich.

  • Kundin der PAMF

 

  • PAMF-Kredite erhöhen das subjektive Wohlbefinden und die Widerstandsfähigkeit. Kunden, die wiederholt Kredite erhalten haben, stufen ihr wirtschaftliches Wohlbefinden (Kombination aus wahrgenommener Einkommenssicherheit und wahrgenommener Verbesserung des Lebensstandards) höher ein und sind eher für die unerwarteten Wendungen des Lebens gerüstet.
  • Die Wirkung der Kredite ist bei Unternehmerinnen weniger ausgeprägt als bei Unternehmern. Frauen, die Hauptkundengruppe der PAMF, nehmen ihr wirtschaftliches Wohlergehen zwar tendenziell positiver wahr, aber männliche Kreditnehmer erzielen einen um 47 Prozent höheren Gewinn. Dies könnte eine Folge der gesellschaftlichen Normen und der Marktbedingungen sein, die den Erfolg von Unternehmerinnen in Côte d’Ivoire bremsen.

 

Mein Kredit brachte uns zwar als Gruppe voran, aber wir kämpfen noch sehr mit dem schwierigen Markt.

  • Kundin der PAMF

Lehren aus der Wirkungsstudie

Das Ergebnis der Studie bestärkte die PAMF und den Luxembourg Microfinance Development Fund: Sie bewirken Positives für unterversorgte Gruppen. Die PAMF erhielt durch die Studie der Europäischen Investitionsbank und des Global Development Network Informationen, die weit über das hinausgehen, was sie aus ihrem üblichen Kundenmonitoring erfährt.

Die konsequente Vorgehensweise der Wissenschaftlerinnen und technischen Experten ermöglichte der PAMF quantitative Einblicke in den Nutzen ihrer Kredite. Mit dem Studienergebnis kann sie die Wirkung ihrer Kredite gegenüber derzeitigen und künftigen Investoren belegen. Des Weiteren zeigte die Studie der PAMF und dem Fonds Bereiche auf, in denen die Wirkung noch optimiert werden kann. Beide wollen die wirtschaftliche Selbstbestimmung von Frauen weiter stärken und dafür sorgen, dass Frauen im größerem Umfang von den Krediten profitieren. Daneben suchen sie Wege, wie die Kundinnen und Kunden noch größere Investitionen vornehmen und so langfristig mehr verdienen können.

Höhere Kredite für erfolgreiche Kundengruppen, die bereits mehrere Kredite zurückbezahlt haben, könnten beispielsweise die Wirkung stärken, ohne das Risiko der PAMF zu erhöhen. Ausgewählte Personen kommen möglicherweise auch für ein kürzlich eingeführtes Kreditprodukt der PAMF infrage, das sich an kleine und mittlere Unternehmen richtet. Der Kreditbetrag ist etwas höher, und die Kunden würden keinen Gruppenkredit mehr erhalten, sondern einen Individualkredit.

Wirkungsstudien der EIB zu Impact Investments

Die Wirkungsmessung ist ein wesentliches Element des Geschäfts der Europäischen Investitionsbank in den Entwicklungsländern. Seit ihrer Gründung im Jahr 1958 hat die Bank über eine Billion Euro investiert – davon rund zehn Prozent in Projekte außerhalb der EU. Die Finanzierungen werden so ausgewählt und gestaltet, dass sie neben der finanziellen Nachhaltigkeit auch einen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nutzen bringen. Anschließend verfolgt die Europäische Investitionsbank die Entwicklungseffekte jedes einzelnen Darlehens – schließlich will sie wissen, was funktioniert und wie sich die Wirkung weiter verbessern lässt.

Zusammen mit dem Global Development Network hat die EIB ein Pilot-Programm für Wirkungsstudien im Privatsektor durchgeführt. Ziel der Studien ist es, den Nutzen der einzelnen Vorhaben besser zu verstehen. Das Programm geht über die Ergebnismessung, wie sie die Europäische Investitionsbank bei jedem Projekt durchführt, hinaus: Es erhebt Daten direkt bei den Menschen, die von den Vorhaben profitieren. Dafür sind Mitarbeiter vor Ort und ein Verständnis der lokalen Gegebenheiten notwendig. Deshalb wurden 30 vielversprechende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Entwicklungsländern mit Studien zu Impact-Investment-Projekten in der Region Afrika, Karibik und Pazifik beauftragt. Die Ergebnisse der ersten Runde lesen Sie hier.

Das Research wird auf die verschiedenen Arten von Impact Investments abgestimmt. Die Instrumente der Europäischen Investitionsbank reichen von direkten Beteiligungen in der Agrarindustrie über die Beteiligung an Risikokapitalfonds für innovative Unternehmen bis hin zu indirekten Krediten für Kleinstunternehmen über Mikrofinanzvehikel.

Die Wissenschaftler arbeiteten mit den Kundinnen und Kunden der Europäischen Investitionsbank zusammen, um ihre Geschäftsmodelle und Entwicklungsziele zu verstehen. Dann richten sie ihr Research so aus, dass es Antworten auf Fragen liefert, die für beide Seiten wichtig sind.

Das Programm zeigt, wie Research nach wissenschaftlichen Methoden die Wirkung voranbringen kann. Das Global Development Network hat weltweit anerkannte Expertinnen und Experten als Impact-Berater hinzugezogen. Sie sorgen dafür, dass die Studien höchsten Ansprüchen genügen und nach aktuellen wissenschaftlichen Methoden durchgeführt werden. Ihr „Gütesiegel“ gewährleistet, dass die Ergebnisse eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage bieten, um die Entwicklungswirkung der Europäischen Investitionsbank und ihrer Kundschaft zu stärken.

Die Europäische Investitionsbank will außerdem empirische Indizien liefern, die die Wirkungsthese der Impact Investments belegen – dass nämlich der Privatsektor ein wichtiger Motor für eine nachhaltige Entwicklung sein kann.

Nina Fenton und Claudio Cali sind Ökonomen bei der Europäischen Investitionsbank mit Schwerpunkt Impact Finance.