Eine App hilft berufstätigen Eltern beim Aufbau eines kostengünstigen Betreuungskreises

Von Chris Welsch

Eefje Cottenier löst gern Probleme – so gern, dass sie es zu ihrem Beruf gemacht hat. In Kortrijk im belgischen Flandern betreibt sie von zu Hause aus einen sozialen Inkubator, um Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden.

Aber das anstrengende Leben mit eigenem Unternehmen, zwei Kindern und einem Ehemann forderte seinen Preis: Cottenier fühlte sich zunehmend ausgebrannt. Sie sprach mit anderen Eltern und stellte fest, dass es nicht nur ihr so ging. Es war offensichtlich: Die Suche nach einer sicheren und bezahlbaren Kinderbetreuung beschäftigt fast alle berufstätigen Eltern.

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„Ich sah, dass jedes Problem nach Schema F abgehakt wird“, sagt Cottenier. „Da gibt es Regeln und anonyme Dienstleistungen gegen Bezahlung, damit Ihnen jemand eine Mahlzeit kocht oder sich um Ihre Kinder kümmert. Unser System ist seelenlos geworden. Ich finde, wir sollten besser die betroffenen Menschen fragen, was sie brauchen.“

Nach dieser Philosophie baute Cottenier zusammen mit anderen Eltern ein kooperatives Betreuungsnetz auf, das den Bedürfnissen ihrer eigenen Familie und der Familien in ihrer Nachbarschaft entsprach. Zunächst schaffte sie in einem Teil ihres Hauses Platz für die Kinderbetreuung. Anschließend optimierten Cottenier und ihre Mitstreiter über drei Jahre das Konzept, an dem sich 250 Familien beteiligten. Zwei bis drei Eltern beaufsichtigen jetzt 12 bis 14 Kinder außerhalb der Schulzeit in einem freien Raum in einer Schule oder einem Gemeindezentrum. Nach den ersten Erfahrungen einigten sich die Beteiligten auf eine einfache Zeitregelung: Mit jedem geleisteten Betreuungstag verdient sich ein Elternteil vier Betreuungstage für die eigenen Kinder. So ist ein Vertrauenskreis für alle entstanden, die dabei mitmachen – für Cottenier ein großer Gewinn.

Eine App für kostengünstige Kinderbetreuung

Als sich das Konzept herumsprach, kamen bald Anfragen von anderen Eltern, die ein eigenes Betreuungsnetz aufbauen wollten. Das gab den Anstoß für Cokido – ein Angebot, das an der Basis ansetzt und Familien aus der Nachbarschaft zusammenbringt, um eine gemeinsame Kinderbetreuung aufzubauen. Die Organisation kümmert sich um geeignete Räumlichkeiten und arbeitet dazu mit lokalen Behörden, Einrichtungen und Arbeitgebern zusammen.

Cokido wird mittlerweile von 1 600 Familien in Flandern genutzt. Hinzu kommen erste Pilotgruppen in Italien, Ungarn, Griechenland und selbst im fernen Neuseeland.

Der Erfolg von Cokido wurde vom EIB-Institut im Rahmen des Wettbewerbs für Soziale Innovation gewürdigt. Cokido zählte 2020 zu den 15 Finalisten des Wettbewerbs, an dem innovative soziale Unternehmen teilnehmen, die gesellschaftliche Probleme angehen.

Als Sozialunternehmen bietet Cokido eine App, eine Versicherung sowie Unterstützung und Konzepte für Familien, Arbeitsstätten und andere Gruppen und Einrichtungen, die das System nutzen wollen. Für Unternehmen und Behörden ist das Angebot attraktiv, weil es im Vergleich zur herkömmlichen Tagesbetreuung sehr günstig ist. Cokido berechnet zwischen 30 und 50 Euro pro Jahr und Familie und 8 500 Euro pro Jahr und Gruppe für die Verwaltung von Cokido-Programmen für Unternehmen oder andere Einrichtungen. 

Covid-19 hat das Problem für die Familien noch verschärft. „In der Krise haben viele Menschen erkannt, dass Schulen mehr leisten als nur Kinder zu unterrichten“, sagt Cottenier. „Als sie geschlossen wurden, mussten Eltern und Arbeitgeber sich plötzlich den ganzen Tag um die Kinder kümmern, und zwar jeden Tag. Das brachte uns viel neues Interesse.“

Cokido bietet außerdem einen unerwarteten Zusatznutzen: Es eröffnet wirtschaftliche Chancen und Bildungsmöglichkeiten für Frauen, die sich dem Betreuungsnetz anschließen. „Mir war nicht bewusst, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Belgien so ein großes Problem ist“, so Cottenier. „Viele Frauen können weder arbeiten noch eine Ausbildung machen, weil das zeitlich nicht mit der Tagesbetreuung für ihre Kinder passt. Jetzt nutzen einige Mitglieder ihre neu gewonnene Freizeit, um sich Arbeit zu suchen oder Kurse zu belegen.“

In der Betreuung lernen die Kinder auch verschiedene Familienformen und Lebensweisen kennen. Für Cottenier ein weiterer Vorteil, der sie an die eigene Kindheit erinnert. „Wenn ich als Kind bei Freunden war, sah ich, wie es in anderen Familien zuging – dass es noch weitere Möglichkeiten gab“, erzählt sie.

Zeit schenken statt Geld bezahlen

Anneliese Loosveldt ist selbstständige Unternehmerin in Kortrijk und hat zwei Söhne im Alter von sieben und zwei Jahren. Sie ist seit drei Jahren bei Cokido und findet, dass es ihren Kindern richtig guttut, vor allem dem jüngeren Sohn, der etwas scheu ist. Die Jungs lernen die anderen Kinder und Eltern der Gruppe in einem sicheren Umfeld gut kennen. Ihre Söhne mögen es, wenn sie einmal in der Woche in der Cokido-Gruppe mit dabei ist. „Sie freuen sich richtig darauf und sind ziemlich stolz, dass ihre Mutter da ist.“

Loosveldt erzählt, dass sich auch Eltern der Gruppe anschließen, die erst seit Kurzem in Belgien sind. „Wir hatten eine Frau aus Uganda – es war interessant, wie sie mit den Kindern umging, und den Kindern gefiel das auch“, erinnert sie sich. „Es ist eine Chance, ein paar Brocken einer neuen Sprache zu lernen, und öffnet die Augen für andere Lebensweisen.“

Für Loosveldt ist die Teilnahme an Cokido auch eine Gelegenheit, sich stärker vor Ort zu engagieren. „Ich habe mich früher mehr an Aktionen beteiligt und ehrenamtlich geholfen, aber mit Kindern wird das schwierig. Cokido bietet eine wunderbare Möglichkeit, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Normalerweise verwenden wir unsere Zeit darauf, Geld zu verdienen“, sagt sie. „Hier sehen wir, wie wertvoll Zeit an sich sein kann.“