Die Rhodopen in Bulgarien: mehr als 2 000 Meter hohe Berge, tiefe Flussschluchten und steile Felsen auf einem Gebiet von knapp 15 000 Quadratkilometern, das im Süden bis nach Griechenland reicht. Das Gebirge ist einer der wichtigsten Brutplätze der Region für den weltweit gefährdeten Schmutzgeier und der einzige Brutplatz in ganz Bulgarien für den Gänsegeier.

Die Rhodopen sind außerdem einer von acht Pilotstandorten der Naturschutzbewegung Rewilding Europe, die zur Erhaltung der Natur völlig neue Wege geht: Während es die Bevölkerung zunehmend in die Städte zieht, schlägt Rewilding Europe genau die entgegengesetzte Richtung ein: Die Organisation sorgt in verlassenen ländlichen Gebieten wieder für funktionierende Ökosysteme – eine Grundvoraussetzung für biologische Vielfalt – und baut gleichzeitig neue, naturnahe Wirtschaftsstrukturen auf. Mit anderen Worten: Die Organisation macht Europa wieder wild. Und damit hat sie tatsächlich ein funktionierendes Geschäftskonzept gefunden. Ein Beweis dafür ist das Darlehen über 6 Millionen Euro, das die Organisation jüngst von der Europäischen Investitionsbank erhalten hat. Zu dem Darlehen trägt auch die Fazilität für Naturkapital bei, die gemeinsam von der Europäischen Kommission und der EIB ins Leben gerufen wurde.

„Es wird zunehmend erkannt, dass öffentliche Zuschüsse nicht ausreichen, um die Kosten von Naturschutzmaßnahmen zu decken. Glücklicherweise gibt es fundierte wirtschaftliche Argumente für Investitionen in die Natur“, erklärt Jane Feehan, die als Beteiligungsreferentin in der Abteilung Umwelt- und Klimafinanzierung der EIB arbeitet. „Rewilding Europe geht es in erster Linie um die Natur. Aber die Organisation hat auch ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt und ist mittlerweile so weit, dass sie neue Projekte jetzt mit Darlehen finanzieren kann.“

Von Geiern, Auerochsen und wilden Pferden

In Bulgarien baute die Organisation in den Rhodopen zusammen mit einheimischen Unternehmern einen naturnahen Lokaltourismus auf: Sie setzte Beobachtungsverstecke für die Wildtierfotografie instand, schulte örtliche Unternehmer und zeigte, welchen kommerziellen Wert Wildnis haben kann. Das übergeordnete Ziel der Organisation heißt „Rewilding“, d. h. sie will natürlichen Abläufen und wilden Arten wieder zu ihrer ursprünglichen Bedeutung verhelfen, damit die Natur stärker für sich selbst sorgen kann. Sie will der Vergiftung von Tieren, der Wilderei und tödlichen Stromschlägen durch Stromleitungen ein Ende setzen. Letztere haben dazu geführt, dass der Bestand an Gänsegeiern zwischenzeitlich auf nur noch zehn Paare geschrumpft ist.

Mit einer speziellen Hundestaffel will Rewilding Europe vergiftete Tiere und Giftköder aufspüren, die eine Gefahr für Geier darstellen können. Durch künstliche Nester sollen Mönchsgeier angelockt und zur Gründung neuer Kolonien bewegt werden. Und mit den örtlichen Energieversorgern arbeitet man gemeinsam an der Isolierung der Stromleitungen. Mit den Giftködern versuchten die Bewohner der Rhodopen, der Zahl der Wölfe Herr zu werden. Dann kam Rewilding Europe und siedelte Dam- und Rotwild in der Gegend an, damit die Wölfe mehr natürliche Beute vorfinden. Dies soll gleichzeitig Geier anlocken, denn die Überreste der Wolfsmahlzeiten sind für sie ein gefundenes Fressen.

Und wie hat die örtliche Bevölkerung darauf reagiert? „Wir beziehen die Menschen natürlich in unsere Arbeit mit ein“, erklärt Wouter Helmer, Leiter der zuständigen Abteilung von Rewilding Europe. „Es gibt immer weniger Schäfer in diesem Gebiet. Und die wenigen, die noch da sind, wissen, dass sich die Wölfe vor allem für das neue Wild und weniger für ihre Herden interessieren. Denn für Wölfe sind Wildtiere immer eine leichtere Beute.“

Die Menschen hier verstehen auch, dass ihnen die Bemühungen von Rewilding Europe zusätzliche Einkommensquellen eröffnen, denn sie locken Besucher aus der Hauptstadt Sofia und aus dem Ausland an. Sie können sich somit neben der Nutztierhaltung ein zweites Standbein im Gastgewerbe schaffen.

„Den Menschen ist klar, dass ein lebender Wolf für sie mehr wert ist als ein toter“, so Helmer weiter. „Unsere Arbeit führt also dazu, dass sie ihre Beziehung zur Natur neu überdenken. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber wir werden hier mindestens zehn Jahre bleiben und den Menschen unser gesamtes Know-how zur Verfügung stellen.“

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Gänsegeier in den Rhodopen. Foto: Staffan Widstrand/Rewilding Europe ©Staffan Widstrand/Rewilding Europe

Urzeitliche Tiere neu zum Leben erweckt

Touristisch haben die Rhodopen mehr zu bieten als nur Wildtierfotografie. Rewilding Europe hat sogar einen Safariveranstalter gegründet, die European Safari Company. Nun denken Sie sicher an wilde Tiere in Afrika und fragen sich, was die europäische Tierwelt Spektakuläres bieten könnte?

Hier kommt der Auerochse ins Spiel. Auerochsen sind die wilden Vorfahren unserer Hausrinder. Sie hatten beeindruckende Hörner, wurden bis zu 1,80 Meter groß und brachten mitunter fast eine Tonne Gewicht auf die Waage. In Höhlenmalereien sind sie ein beliebtes Motiv. Der griechischen Mythologie zufolge wählte Zeus diese Tierart, um die schöne Königstochter Europa zu ver- und entführen und gab so unserem Kontinent seinen Namen. Der Auerochse lebte im Erdzeitalter des Pleistozäns und starb vor rund 400 Jahren aus. Sein Gene leben jedoch bis heute in einigen alten Rinderrassen weiter.

Mithilfe dieser Rinder züchtet Rewilding Europe nun den Tauros, eine Art Auerochse, der in der Lage ist, in der Wildnis zu überleben. Das klingt nach einer echten Touristenattraktion, aber warum brauchen wir diese „Superkühe“, wie sie bereits genannt werden?

„Dazu müssen Sie wissen, wie die Ökosysteme in Europa funktionieren“, erklärt Helmer. „Voraussetzung für biologische Vielfalt sind vielfältige Landschaften – nicht nur Wälder, sondern auch offene, unbewaldete Flächen. Wir sind jetzt erstmals in der Geschichte an einem Punkt angelangt, an dem an vielen Orten keine Tiere mehr grasen. Es gibt also keine natürlichen Architekten mehr, die die Vielfalt natürlicher Weideflächen mit ihren Blumen, Vögeln und Schmetterlingen pflegen.

Dies war ursprünglich die Aufgabe von Tieren wie dem Auerochsen. Unterstützt wurden sie dabei – vor allem in den letzten Jahrtausenden – zum Teil von Bauern und deren Herden. Doch dieses Weiden auf Grünland wird, zumindest in seiner traditionellen Form, immer seltener.

„Von den jungen Menschen will kaum noch jemand als Schäfer oder Landwirt arbeiten. Daher gibt es große Gebiete ohne jedes Weidetier und auch ohne Hausrinder. Wir versuchen deshalb, die ursprünglichen Weidetiere zurückzubringen“, sagt Helmer.

99 Prozent der Gene der ursprünglichen Tiere sind laut Helmer immer noch in den Haustierrassen von heute zu finden. Das Tauros-Programm nutzt daher verschiedene, vom menschlichen Einfluss weitgehend unberührte Rassen, um robustere Rinder zu züchten, die in der Lage sind, alleine zu überleben. Bisher wurden mehrere Hundert Tiere gezüchtet, und ihre Wiederansiedlung in der Natur zeigt bereits erste vielversprechende Ergebnisse, wie uns Helmer bestätigt.

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Stier der zweiten Kreuzungsgeneration in der Zuchtstätte für Tauros/Auerochsen in den Niederlanden. Foto: Staffan Widstrand/Rewilding Europe ©Staffan Widstrand/Rewilding Europe

Eine tierische Bank

Die in den Rhodopen freigesetzten Wildpferde, der neue auerochsenartige Tauros und das Wisent – sie alle sind Teil einer weiteren Innovation von Rewilding Europe: der European Wildlife Bank. Diese Wildtierbank funktioniert fast wie eine echte Bank, erklärt Helmer.

„Sie leihen sich von der Bank beispielsweise eine Herde von 100 Wildpferden und lassen sie auf Ihrem Grund weiden. In fünf Jahren müssen Sie dann die Hälfte Ihrer Herde zurückgeben. Da sich die Herde in der Regel jedes Jahr um etwa 25 Prozent vergrößert, erhält die Bank 150 Tiere, und auch Ihnen bleiben 150“, so Helmer. „Das nenne ich mal eine gute Verzinsung.“

Wenn Sie der Bank nachweisen, dass Sie die Weidefläche für die Wildtiere vergrößern konnten, dann können Sie die übrigen 150 Tiere für weitere fünf Jahre als Darlehen behalten. Nach diesen fünf Jahren dürfte die Herde erneut gewachsen sein, und es geht wieder von vorne los.

Von diesen Tieren müssen Sie natürlich diejenigen abziehen, die von den Wölfen in den Rhodopen erlegt und dann von der – hoffentlich – wachsenden Kolonie der Geier gefressen werden. Was die Touristen aus ihren Beobachtungsverstecken, die Rewilding Europe mit Unterstützung der EIB instandgesetzt hat, wiederum fotografieren. Und damit schließt sich der Kreis.

(P.S.: Anders als die Darlehen der European Wildlife Bank soll das Darlehen der EIB an Rewilding Europe Capital in Euro zurückgezahlt werden und nicht in Form von Tieren, wie uns Beteiligungsreferentin Jane Feehan glaubhaft bestätigte.)