Das Sozialunternehmen Speak hilft Neuankömmlingen und Zuwanderern, Anschluss zu finden und die Sprache ihrer neuen Heimat zu lernen.

Von Chris Welsch

Hochsommer in Lissabon. Ein paar Dutzend Menschen aus ganz Europa sitzen an einem lauen Abend im Hof eines ehemaligen Klosters. Sie sprechen Portugiesisch, Englisch und Italienisch – und erfahren gleichzeitig, wie ein Leben ohne Abfall funktionieren kann.

Organisator des Abends ist Speak, ein Sozialunternehmen, das Migranten und Flüchtlingen hilft, in ihrer neuen Umgebung Fuß zu fassen.

Die Veranstaltung ist Teil des Konzepts, mit dem Speak Grenzen überwindet, die entstehen, wenn wir Menschen in „die“ und „wir“ einteilen. Wer daran teilnimmt, kann sich in einer neuen Sprache üben und erfährt gleichzeitig etwas über Recycling, kompostierbare Zahnbürsten und ethischen Konsum.

„Wir sind keine Sprachschule“, sagt Speak-Gründer Hugo Menino Aguiar, der seinen Job als Informatiker bei Google aufgab, um sich ganz der Hilfe für Zuwanderer zu widmen. „Wir bieten gemeinsame Erlebnisse und bringen damit Menschen zusammen.“

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Khuloud Kalthoum kam 2014 aus Damaskus nach Portugal und engagiert sich dort für Speak. ©Chris Welsch

Zuwanderer in ihr neues Umfeld aufnehmen

Das Geschäftsmodell ist im Grunde einfach: Speak organisiert Veranstaltungen wie die „Zero Waste Night“ und bietet damit einen Rahmen, in dem Neuankömmlinge gemeinsam lernen und sich in einer neuen Sprache austauschen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Unternehmen, von staatlichen Stellen oder auf eigene Initiative. Für zwölf Einheiten nimmt Speak eine Gebühr von 30 Euro. Freiwillige, die sogenannten „Buddies“, bieten Spielabende und andere gemeinsame Aktivitäten an, die auch dem Sprachtraining dienen. Für die Organisation können sie die Planungsdienste von Speak nutzen. Die Wortwahl ist Aguiar wichtig: „Es heißt Buddy, nicht Lehrer, und Session statt Kurs“, erklärt er. „Wir verstehen uns als eine Gemeinschaft, von der alle Mitglieder profitieren.“

Speak gehört zu den Gewinnern des Wettbewerbs für Soziale Innovation. Damit zeichnet das EIB-Institut jedes Jahr europäische Unternehmen aus, die sich für soziale, ethische oder ökologische Belange einsetzen.

Letztendlich will Speak Zuwanderer und Einheimische zusammenbringen, sodass Freundschaften entstehen, die von Dauer sind – weil das im Leben viel mehr hilft als ein einfacher Sprachkurs.

Khuloud Kalthoum kam 2014 aus Damaskus nach Portugal. Nach ihrem Masterstudium in Elektrotechnik zog die Syrerin von Porto in die Großstadt Braga, wo sie eine Stelle gefunden hatte. Bald darauf erfuhr die 30-Jährige von Speak und beschloss, sich dort zu engagieren. Kalthoum gründete das Team in Braga, nahm an Sprach-Sessions in Portugiesisch teil und half als Buddy anderen, Arabisch und Englisch zu lernen. Mittlerweile ist die Ortsgruppe auf über 700 Mitglieder gewachsen, innerhalb von nur einem Jahr.

„Speak ist für mich wie tanzen“, sagt Kalthoum. „Mal führst du, mal lässt du dich führen. Du lernst immer etwas dazu und andere lernen von dir.“

Mariana Brilhante kam 2016 als Mitgründerin zu Speak und brachte ihre Kompetenz im Bereich Wirtschaft und soziales Unternehmertum ein. Sie hatte zuvor im Ausland studiert und gearbeitet, deshalb fand sie das Konzept faszinierend.

„Ich weiß, wie schwierig es ist, eine neue Sprache zu lernen und Leute kennenzulernen, wenn man neu in der Stadt ist“, erzählt sie. „Alles ist fremd, damit muss man erst einmal klarkommen. Deshalb identifiziere ich mich voll und ganz mit dem Konzept von Speak.“

Anschluss finden ist das Wichtigste

Speak-Gründer Aguiar stammt selbst aus einer Migrantenfamilie, was ihn auf die Idee für das Unternehmen brachte. Sein Vater ist Portugiese, wuchs aber in Simbabwe auf und kam erst als Erwachsener nach Portugal. Seine Mutter, ebenfalls Portugiesin, wuchs in Frankreich auf. Von den Eltern erfuhr Aguiar, wie schwierig es für Zugewanderte ist, sich an eine andere Kultur anzupassen und Anschluss zu finden.

Nur wer das schafft, kann sich wirklich integrieren.

„Wir haben letztes Jahr Bilanz gezogen“, erklärt der Unternehmer. „Nach zwölf Wochen bei Speak sind die Zugewanderten nicht mehr isoliert. Dann finden sie neue Freunde, die ihnen helfen, einen Lebenslauf zu schreiben, einen Job zu finden, die Kinder zu betreuen, wichtige Dokumente zu übersetzen und Arzttermine zu vereinbaren – das ist ein großer Schritt nach vorne.“

Direkte Hilfe für Tausende Menschen

Speak besteht seit 2014 in seiner heutigen Form und ist seither stetig gewachsen. Der portugiesische Staat stützt sich bei der Integration von Zuwanderern in erster Linie auf das Angebot von Speak. Einige Unternehmen nutzen es auch für neue Beschäftigte, damit sie sich schneller einleben. Das Angebot wächst zudem über das Franchise-Modell: Lokale Partner bauen in ihrer Stadt eine Ortsgruppe auf und schaffen damit auch Arbeitsplätze für sich selbst.

Im letzten Jahr nutzten 3 000 Menschen Speak für mindestens 18 Stunden. Dieses Jahr könnten es 6 000 werden, hofft das Unternehmen. Das Programm wird derzeit in 20 Städten in sieben Ländern angeboten.

Im italienischen Turin, im niederländischen Utrecht und in anderen Städten hat sich Speak mittlerweile gut etabliert. Nun will das Unternehmen sein 18-Stunden-Programm ausweiten und weiterwachsen.

„Es ist schön zu sehen, wie Speak Menschen zusammenbringt – in Zeiten, da man in den Nachrichten immer wieder von politischen Spannungen wegen der Zuwanderung hört“, findet Aguiar. „Wir nutzen die Motivation der Neuankömmlinge, die Sprache zu lernen, und helfen ihnen, dauerhafte Beziehungen zu Menschen in ihrer Umgebung aufzubauen.“

Und dann berichtet er noch von einer Gruppenübung in einer der Sprach-Sessions. Die Teilnehmer tragen in kleinen Gruppen zwei Minuten lang zusammen, was sie sich besonders wünschen. „Wenn wir dann wieder alle zusammenkommen, stellt sich heraus: Diese Menschen, egal woher sie kommen, welche Hautfarbe sie haben und welcher Religion sie angehören, wünschen sich letztlich alle das Gleiche: eine Familie und reisen können. Wir haben so viel gemeinsam.“ 

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Hugo Menino Aguiar (links) im Gespräch mit Speak-Mitgründerin Mariana Brilhante auf einer Veranstaltung in Lissabon ©Chris Welsch