Ohne Zugang zu Kapital können Unternehmen nicht investieren – und die Wirtschaft kann nicht wachsen. Ein funktionsfähiger Markt für Unternehmensfinanzierungen ist ein Kernelement des geldpolitischen Transmissionsmechanismus.

Von Peter Praet


Am 28. und am 29. November veranstalten die Europäische Investitionsbank und die Europäische Zentralbank gemeinsam mit dem Massachusetts Institute of Technology, der Columbia University und dem European Monetary and Finance Forum SUERF eine hochrangige Konferenz zum Thema „Investitionen, technologischer Wandel und Kompetenzaufbau“.

In den Jahren 2011 und 2012 hatten Unternehmen erhebliche Schwierigkeiten, Fremdmittel aufzunehmen. Mit der Staatsschuldenkrise verschlechterten sich die Bedingungen für Finanzierungen sowohl über den Kapitalmarkt als auch über Banken – vor allem in den Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen waren. Unternehmen mussten für Anleihen höhere Zinsen bieten, und die Renditeabstände vergrößerten sich. Kreditanträge wurden öfter abgelehnt oder gar nicht erst gestellt. Da die Unternehmen schlechter an Kapital kamen, investierten sie weniger, was der Rezession und Disinflation im Euroraum Vorschub leistete.

Mit einem Bündel an geldpolitischen Sondermaßnahmen half die Europäische Zentralbank (EZB), Unternehmen den Zugang zu Finanzierungsmitteln wieder zu erleichtern. So schaffte sie beispielsweise mit den Bedingungen für die gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte Anreize für Banken, mehr Kredite an nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften zu vergeben. Weitere Maßnahmen der EZB, wie der negative Zinssatz für die Einlagefazilität oder das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten, wirkten sich ebenfalls positiv aus: Sie bewegten die Banken dazu, ihre Portfolios anzupassen und ihre Kreditvergabe auszuweiten.

Mit dem Programm zum Ankauf von Vermögenswerten des Unternehmenssektors (CSPP) verbesserten sich die Bedingungen für marktbasierte Finanzierungen, und zwar für alle Unternehmen – unabhängig davon, ob ihre Anleihen für die Ankäufe zugelassen waren. Das im März 2016 angekündigte Programm sah den Ankauf von Investment-Grade-Anleihen vor, die auf Euro lauten und von Unternehmen (außer Banken) begeben wurden. Analysen der EZB1 zeigen, dass sich mit dem CSPP die Bedingungen für marktbasierte Finanzierungen für Unternehmen im Euroraum verbesserten: Im Verlauf des Jahres nach der Ankündigung des Programms verringerten sich die Abstände zwischen den Zinssätzen für CSPP-zugelassene Unternehmensanleihen und den risikofreien Zinssätzen um 25 Basispunkte. Die Anleger passten ihre Portfolios an, und die Nachfrage nach anderen Unternehmensanleihen stieg. Dadurch sanken auch die Renditeabstände der nicht für das Programm zugelassenen Unternehmensanleihen um 20 Basispunkte. Das CSPP entschärfte also die Bedingungen für marktbasierte Finanzierungen über den Kreis der ankaufbaren Anleihen hinaus.

Mit der Lockerung der Bedingungen für marktbasierte Finanzierungen entspannte sich auch die Lage am Markt für Unternehmenskredite. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) kamen wieder leichter an Kredite. Infolge des CSPP ersetzten Unternehmen, die Zugang zu den Anleihemärkten hatten, Bankdarlehen durch neu emittierte Anleihen. Durch diese Verschiebung von Bankfinanzierungen zu marktbasierten Finanzierungen erhielten Banken mehr Spielraum in ihren Bilanzen und konnten ihre Kreditvergabe wieder ausweiten. Von dem größeren Kreditangebot profitierten vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen, die sich vorwiegend über Bankkredite finanzieren.

Die geldpolitischen Sondermaßnahmen der EZB trugen dazu bei, dass sich für KMU der Zugang zu Finanzierungen stetig verbesserte. Im Jahr 2009 nannten fast 20 Prozent der KMU im Euroraum den Zugang zu Finanzmitteln als ihr größtes Problem. Bis 2017 ging der Anteil dann stetig auf 8 Prozent zurück.2 An der Abbildung 1 lässt sich ablesen, dass sich die Finanzierungsbedingungen im gesamten Euroraum verbesserten, und zwar für Unternehmen jeder Größe.

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Abbildung 1: Zugang zu Finanzmitteln als größtes Problem ©EIB

Datenbasis: Alle Unternehmen. Daten beziehen sich auf die Umfragerunden 3 (März bis September 2010) bis 18 (Oktober 2017 bis März 2018).

Die linke Grafik zeigt die Ergebnisse nach Unternehmensgröße, die rechte Grafik zeigt die Ergebnisse nach Ländern

Quelle: SAFE, März 2018

In dem Maße, wie sich die Finanzierungsbedingungen verbesserten, investierten die Unternehmen wieder stärker in Anlagen sowie in neues Personal und in die Schulung ihrer Beschäftigten. Die Verbesserung der Finanzierungsbedingungen wirkte sich spürbar auf die Investitionsentscheidungen der Unternehmen aus. KMU nutzten den leichteren Zugang zu Finanzmitteln und investierten mehr in Sachanlagen (siehe Grafik 2). Ebenso stieg der Anteil der KMU, die in die Einstellung und Schulung von Personal investierten – von 9 Prozent im Jahr 2009 auf 20 Prozent im Jahr 2017. Demgegenüber blieb der Anteil der Unternehmen, die Mittel zur Rückzahlung oder Verlängerung bestehender Kredite nutzten, stabil. Der verbesserte Zugang zu Finanzierungen brachte die Unternehmen dazu, mehr in physisches Kapital und in Humankapital zu investieren. Dadurch entstanden wieder mehr Arbeitsplätze, und die Wirtschaft im Euroraum erholte sich.

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Abbildung 2: Verwendung von Finanzmitteln nach Angabe von Unternehmen im Euroraum ©EIB

Datenbasis: Alle Unternehmen. Daten beziehen sich auf die Umfragerunden 11 (April bis September 2014) bis 18 (Oktober 2017 bis März 2018).

Anmerkung: Die Daten basieren auf der neuen Frage, die in Runde 11 (April bis September 2014) eingeführt wurde.

Quelle: SAFE, März 2018

Über die Autoren

Peter Praet ist Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank

Fußnoten

  1. Roberto A. De Santis, André Geis, Aiste Juskaite und Lia Vaz Cruz: „Die Auswirkungen des Programms zum Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors auf die Märkte für Unternehmensanleihen und auf die Finanzierung nichtfinanzieller Kapitalgesellschaften im Euro-Währungsgebiet“, Wirtschaftsbericht, Ausgabe 3/2018.

  2. Die Daten basieren auf der Umfrage über den Zugang von Unternehmen zu Finanzmitteln (SAFE). Die Umfrage wird seit 2009 halbjährlich von der EZB durchgeführt und gibt Aufschluss über die Finanzierungsbedingungen für KMU im Vergleich zu Großunternehmen.