Weltweit werden Plastikabfälle auf Straßen und Hinterhöfen, in Flüssen, an Stränden und in Küstengebieten „entsorgt“.
Von Juan Bofill
Die Meere sind durch vieles bedroht, unter anderem durch Plastikmüll. Aber Plastikmüll ist eine Gefahr, die wir eindämmen können, wenn wir uns wirklich anstrengen.
Jahr für Jahr gelangt mehr Plastik in die Meere – in vielen Ländern fast unkontrolliert, weil eine geeignete Abfallwirtschaft fehlt. Was als harmlose Wasserflasche im Regal beginnt, landet später auf der Straße oder im Park, bevor es nach einem langen Weg durch die Flüsse bis ins Meer gelangt. Covid-19 hat das Problem noch verschärft, weil Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken nicht ordnungsgemäß entsorgt wird.
Plastik ist eine erhebliche – aber zu bewältigende – Gefahr für die Umwelt. Wir arbeiten daran, Lösungen für dieses wachsende Problem zu finanzieren.
Die unsichtbare Gefahr
Ein großer Teil des Plastiks gelangt weltweit in Form von Partikeln mit einem Durchmesser von weniger als fünf Millimetern in die Meere. Solche Partikel finden sich häufig in Wassertieren, die das Mikroplastik mit der Nahrung aufnehmen. Das Thema ist noch nicht umfassend erforscht, aber klar ist: Mikroplastik stellt eine unmittelbare Gefahr für das Leben im Wasser dar und kann indirekt Organismen schädigen, die Meerestiere essen – also auch Menschen.
In der Europäischen Union gelangt Mikroplastik vielfach über das Regen- oder Abwasser in die Kanalisation und wird von dort zu Kläranlagen geleitet, die bis zu 99 Prozent der Kleinstpartikel herausfiltern. Das Mikroplastik verbleibt im Klärschlamm, und weil dieser Schlamm oft als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt wird, können die Partikel über den Oberflächenabfluss wieder ins Wasser geraten. Ein Teil des Mikroplastiks im Schlamm kann so also in die Wasserwege gelangen, obwohl es zuvor in Kläranlagen beseitigt wurde.
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Primäres Mikroplastik wird vielen Produkten gezielt zugesetzt, beispielsweise als Mikrokügelchen in Zahnpasta und Sonnencreme. Es entsteht aber auch durch Reifenabrieb auf der Straße oder wenn Kleidung in der Waschmaschine aneinander reibt. Von sekundärem Mikroplastik spricht man, wenn Kunststoff im Wasser in kleinere Teile zerfällt – etwa, wenn Fischnetze aus Nylon im Meer zurückbleiben. Außerdem gibt es noch den größeren Kunststoffmüll, wie Plastikflaschen. Dieses sogenannte Makroplastik ließe sich durch eine sachgemäße Abfallbewirtschaftung eindämmen. Mikroplastik dagegen ist eine fast unsichtbare Gefahr, die nicht leicht zu bannen ist. Viele Lösungen, um diese winzigen Partikel aus den Wasserwegen herauszuhalten, stecken noch in der Entwicklung.
Was ist so schlimm an ein bisschen Plastik?
Es gibt Hinweise darauf, dass Mikroplastik Wassertieren schadet. Fische verwechseln Kunststoffpartikel oft mit Nahrung. Das Plastik kann ihren Verdauungstrakt blockieren, sodass er falsche Signale zur Nahrungsaufnahme an das Gehirn der Tiere sendet. Eine Wasserschildkröte kann sterben, wenn sie eine Plastiktüte frisst, aber kleinere Partikel sammeln sich im Verdauungssystem an, ohne das Tier zu töten. Mikroplastik gelangt überdies in die Nahrungskette, wenn Menschen Fisch oder Meeresfrüchte essen.
Wenn weniger Mikroplastik in den Gewässern schwimmt, müssen weniger Meerestiere sterben, und sie können sich stärker vermehren. Das wäre gut für die Fischerei und die Aquakultur und käme auch der Gesundheit der Menschen zugute.
Wenn weniger Mikroplastik in den Gewässern schwimmt, müssen weniger Meerestiere sterben, und sie können sich stärker vermehren.
Das ist ein Anfang, aber wir müssen noch viel mehr tun und weitere Strategien entwickeln, wie wir Mikroplastik wieder einsammeln, wenn es bereits in die Umwelt gelangt ist. Moderne Kläranlagen können bis zu 99 Prozent, also fast das gesamte Mikroplastik (das hauptsächlich von Textilien stammt), aus dem Abwasser herausfiltern.
In der Europäischen Union werden bereits mindestens 90 Prozent der Abwässer auf diese Weise gereinigt. Das Mikroplastik wird herausgefiltert und verbleibt im Klärschlamm. Dieser Klärschlamm wird allerdings überwiegend als Dünger verwendet, verbrannt oder auf Deponien verbracht. Das entspricht nicht den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft und wird in Zukunft nicht mehr erlaubt sein.
Wenn das gesamte Regen- und Abwasser weltweit gesammelt würde und wir vermeiden, dass es in Gewässer gelangt, könnten wir das meiste Mikroplastik abfangen, bevor es die Meere erreicht. Eine Aktualisierung der EU-Vorschriften zum kommunalen Abwasser und Trinkwasser wird uns in dieser Hinsicht einen großen Schritt voranbringen.