Die Vergangenheit ist nie vorbei. Unsere Geschichte ist kein geschlossenes Buch. Und was gewesen ist, ist nicht vergangen.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht des Autors wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
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Die Coronavirus-Pandemie hat gezeigt, dass unerwartete Ereignisse von jetzt auf gleich unser Leben verändern können. In Zukunft könnten weitere Bedrohungen auf uns zukommen, die unsere Sicherheit, Gesundheit und Umwelt, aber auch unsere sozialen Strukturen, unsere Werte und unsere globale Wettbewerbsfähigkeit gefährden.
Deshalb müssen wir die europäische Idee neu denken und auf eine neue Grundlage stellen. Wir brauchen innovative, mutige Lösungen für eine bessere und nachhaltigere Zukunft. Nur dann kann Europa sein Versprechen einlösen.
Wir brauchen einen „New Deal für das Kulturerbe Europas“, eine kulturgeleitete Transformation unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt.
Wir sind so viel mehr als ein Bündel von Handelsabkommen, ein militärisches Bündnis oder ein Forschungskonsortium! Europa lässt sich nicht mit Entscheidungen über Wettbewerbsregeln, Verbraucher- und Datenschutz oder Arbeitsrecht fassen, so wichtig sie alle sind. Was Europa wirklich ausmacht, sind vor allem unsere Verbindungen, als Individuen und Gemeinschaften – jenseits von Voreingenommenheiten und Grenzen, Sprachen und Zeit. Diese Beziehungen bilden das Fundament unseres Europa, wie wir es heute kennen. Bei all ihren schlimmen Folgen bietet die Pandemie vielleicht auch die Chance, neu zu ergründen und zu bestimmen, was uns verbindet und was wir gemeinsam erreichen wollen.
EIN NEW DEAL FÜR DAS KULTURERBE EUROPAS
Wir brauchen einen New Deal für das Kulturerbe Europas. Unsere Städte und Landschaften, aber auch die vielen tausend Denkmäler und Kulturstätten, die unsere reichen und vielfältigen Kulturen, unsere Geschichte und universelle Werte, Ideen und Gesetze sowie die Kunst und Wissenschaft widerspiegeln, sind die idealen Bausteine, um ein so ehrgeiziges Ziel zu erreichen. Ich bin fest überzeugt: Ein New Deal für das Kulturerbe Europas ist nicht nur notwendig, sondern auch möglich – durch einen kulturgeleiteten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandel in Europa, der von der Zivilgesellschaft vorangetrieben und von lokalen, regionalen, nationalen und europäischen Organisationen und Einrichtungen unterstützt wird. Der große Erfolg des ersten Europäischen Kulturerbejahres 2018 zeigt, welches Potenzial in dieser Idee liegt. Viele Menschen nahmen die Gelegenheit wahr, das kulturelle Erbe Europas zu entdecken und sich darauf einzulassen. Sie konnten das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen europäischen Raum spüren. Über das Jahr verteilt gab es 23 000 Veranstaltungen in 37 Ländern. Erstmals beschloss die Europäische Kommission auch einen Europäischen Aktionsrahmen für das Kulturerbe, der eine umfassende und ganzheitliche Vision für den Erhalt, die Verwaltung und die Pflege des europäischen Kulturerbes formuliert.
Durch den gemeinsamen Einsatz für die vergessenen Bereiche in unserer Nachbarschaft, für die kleinen Dörfer, die um ihr Überleben kämpfen – und für die alten Industriestädte, die ihre Seele verloren haben. Erfolge wie die sanierten Industriegebiete im französischen Lille, im polnischen Kattowitz und im britischen Manchester können uns dabei als Vorbild dienen. Wir müssen außerdem den Massentourismus durch ein nachhaltigeres und verantwortungsvolleres Reisen ersetzen und auch weniger bekannte Ziele fördern, damit sich die Besucher gleichmäßiger auf Europa verteilen. Organisationen der Zivilgesellschaft, getragen von örtlichen Gruppen und der breiten Öffentlichkeit, sind bestens aufgestellt, um die Revitalisierung des europäischen Kulturerbes voranzubringen. Denn klar ist: Wir können nicht jede Kulturstätte und jedes Denkmal allein mit öffentlichen Geldern retten. Wir müssen dafür auch das Potenzial des Privatsektors nutzen.
Die von mir geleitete Organisation Europa Nostra [2] erforscht, bewahrt, würdigt und fördert seit über 55 Jahren europaweit das kulturelle Erbe. Im Pariser Manifest[3] vom 30. Oktober 2019 bekräftigten Akteure aus dem Kulturerbesektor mit Unterstützung von Europa Nostra, dass unser gemeinsames kulturelles Erbe im Mittelpunkt des europäischen Projekts stehen muss. Ohne dieses Erbe würde und könnte es Europa nicht geben. Es ist die Grundlage für das, was „europäisch sein“ bedeutet. Und es ist auch der Kern dessen, wofür Europa Nostra steht, unsere Raison d’Être.
Die Internationale Studienzentrale für die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut schreibt in ihrem kürzlich erschienenen Artikel What Constitutes a Good Life: [4] „Obwohl stillschweigend anerkannt wird, dass Kultur zum Wohlbefinden beiträgt, steckt dieser Aspekt politisch betrachtet noch in den Kinderschuhen. [...] Wenn Kultur als Freizeitvergnügen abgetan wird, wenn wir Kulturbewusstsein nicht als Lebensweise anerkennen, die Menschen eine Existenzgrundlage verschafft und zugleich Identität stiftet, dann vertun wir Chancen, unserem Leben einen Sinn und Wert zu geben.“ Am 9. Mai 2020, dem Europatag, veröffentlichte die European Heritage Alliance ein weiteres Manifest: Kulturerbe: Ein mächtiger Katalysator für die Zukunft Europas. [5] Es nennt sieben miteinander vernetzte Felder, auf denen kulturelles Erbe einen gesellschaftlichen Wandel zum Besseren bewirken kann: 1. Europa heilen; 2. Europa sein; 3. Europa digital transformieren; 4. Europa grün machen; 5. Europa erneuern; 6. Europa erleben; 7. Die Welt umarmen. Das Manifest ist Ausdruck der festen Überzeugung, dass wir in Europa auf die Covid-19-Pandemie mit einer längst überfälligen, weitreichenden Veränderung unserer Lebensweise reagieren müssen.
Zu lange schon prägen unterschiedliche Sichtweisen bis hin zu Misstrauen das Verhältnis der Menschen in Europa zu den europäischen Institutionen. Irgendwie haben wir uns aus den Augen verloren und scheinen einander manchmal nicht richtig zu verstehen. Für viele Menschen beschäftigt sich Europa immer noch zu sehr mit Zahlen, Vorschriften, Institutionen, Slogans und schnellen Scheinlösungen. Dies schadet unseren Empfindungen und Gedanken über das europäische Projekt und gefährdet bisweilen gar das Projekt an sich.
Heute sind die Institutionen der Europäischen Union eifrig bemüht, die Kluft zu überbrücken – durch weitsichtige Konzepte, die Antworten geben auf drängende gesellschaftliche Herausforderungen vom Klimawandel bis zum Gesundheitsnotstand, von der digitalen Transformation bis zu nachhaltiger Entwicklung, von sozialem Zusammenhalt bis zu Migration, von der Medienfreiheit bis zur Achtung der Rechtsstaatlichkeit. Als Reaktion auf verbreitete Sorgen und nach Konsultationen mit der Zivilgesellschaft rücken die Führungsspitzen Europas die europäischen Werte und die Förderung der europäischen Lebensweise wieder stärker in den Vordergrund. All dies bedeutet mehr Unterstützung für Kultur und Bildung als unverzichtbare Investition in das Humankapital Europas.
Diese Ambitionen, die überaus zu begrüßen sind, bekräftigte auch die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen am 16. September 2020 im Europäischen Parlament in ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union. [6] Sie forderte als Teil der Umsetzung des europäischen Grünen Deals ein „neues Kulturprojekt für Europa“ und ein „neues europäisches Bauhaus“[7] – einen Raum, in dem Architekten, Kunstschaffende, Studierende, Ingenieurinnen und Designer gemeinsam und kreativ an diesem Ziel arbeiten.
KULTURERBE: EUROPAS ZUKUNFTSPOTENZIAL
Unser gemeinsames Erbe ist ein Kernstück der DNA und der Identität Europas. Die Zukunft des europäischen Projekts hängt davon ab, ob die Bürgerinnen und Bürger mit dem Herzen und aus Überzeugung dahinterstehen. Die Eurobarometer-Ergebnisse [8] für das Europäische Kulturerbejahr sprechen für sich: 84 Prozent der Menschen in Europa finden das kulturelle Erbe für ihre Gemeinschaft und für sich persönlich wichtig. Überwältigende 91 Prozent finden es für ihr Land wichtig. Die Europäer sind sich in vielem uneins, aber ihre Unterstützung für das kulturelle Erbe ist unstreitig. Den meisten ist auch bewusst, dass ihr lokales Erbe in einem gesamteuropäischen Kontext steht, in dem unser Erbe und unsere Geschichte miteinander verwoben sind.
FÜR EINE KULTURGELEITETE TRANSFORMATION
Welch vielfachen Nutzen das kulturelle Erbe stiftet, ist nicht nur durch unabhängige Forschung belegt. Der Städtevergleich „Kultur und Kreativität“[11] der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission ergab: „Kulturelle Dynamik“ und ein förderliches „Kulturumfeld“ zahlen sich spürbar aus. Städte, die dies bieten, ziehen mehr Arbeitsplätze und Menschen an als andere. Im ländlichen Raum fördert die Wiederherstellung und Revitalisierung von Kultur- und Naturerbe ein nachhaltiges Wachstum und den ökologischen Wandel. Die von der Generaldirektion Forschung und Innovation der Europäischen Kommission eingesetzte Horizont-2020-Expertengruppe für das kulturelle Erbe kam zu dem Schluss, dass sich „relativ bescheidene Investitionen in das Kulturerbe erheblich lohnen können. Und zwar wirtschaftlich wie auch für die ökologische Nachhaltigkeit und den sozialen Zusammenhalt.“[12] Dies sollte für die Europäische Union Grund genug sein, in einen New Deal für das Kulturerbe Europas zu investieren und die verfügbaren Geldtöpfe dafür zu nutzen: die Strukturfonds der Europäischen Union, den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums, den Europäischen Sozialfonds und das Instrument für Heranführungshilfe sowie das kürzlich verabschiedete Aufbaupaket NextGenerationEU.
Wir sollten das Europäische Solidaritätskorps besser nutzen, damit junge Menschen als Freiwillige oder Berufstätige an Kulturerbestätten, in Naturparks oder auf Kulturfestivals arbeiten können.
Wir sollten ebenso aufhören, multikulturelle Hintergründe als Hindernis zu betrachten, und sie stattdessen als Bereicherung und Chance begreifen. Interkultureller Austausch und kreative Ideen beeinflussen in Verbindung mit neuen Technologien fortlaufend unser Leben. Unsere Kultur und unser Kulturerbe sind nicht statisch, sondern ständig in Bewegung. Das komplexe, vielschichtige „Thema mit Variationen“ der europäischen Kultur verändert und entwickelt sich, weil neue Stimmen, Instrumente und Melodien hinzukommen. Manchmal braucht es eine Weile, neue Harmonien zu finden. Aber wir alle sind Teil eines großen Chors und Orchesters. Wir alle zusammen schaffen diese eklektische Musik und lassen sie gemeinsam erklingen.
GEMEINSAM GEFÄHRDETES KULTURERBE RETTEN
Dank der Fähigkeiten und des Engagements von Millionen von Fachleuten und Freiwilligen können wir auch heute noch einen Großteil unseres europäischen Kulturerbes genießen. Viele Kulturerbestätten sind jedoch noch immer durch unkontrollierte Stadtentwicklung, fehlende Mittel und kurzsichtige politische Entscheidungen gefährdet. Das sollte allen Sorge bereiten, denn die Auswirkungen reichen weit über das Kulturerbe hinaus. Ein aktuelles Beispiel ist das albanische Nationaltheater in Tirana, das am 17. Mai 2020 abgerissen wurde. Das historische Gebäude kam 2020 auf die Liste der sieben am stärksten gefährdeten Kulturerbestätten in Europa. [13] Binnen eines Tages wurde das Theater, das sich in einer denkmalgeschützten Zone in der Altstadt von Tirana befand, nach zweijährigem Protest dem Erdboden gleichgemacht. Es geschah im Morgengrauen, kurz bevor die pandemiebedingten Einschränkungen aufgehoben wurden und trotz einer großen Bürgerbewegung, in der sich die Kunst, Presse und andere Initiativen zusammengeschlossen hatten. Die Regierung und die lokalen Behörden behaupten, das stark renovierungsbedürftige Theater sei nicht mehr zu retten gewesen. Es war ein trauriger Tag, nicht nur für das Kulturerbe, sondern auch für die Demokratie und den Rechtsstaat.
Wir müssen erkennen, dass wir gemeinsam die Verantwortung für unser gesamtes kulturelles Erbe in Europa tragen. Vor der Covid-19-Pandemie war der Massentourismus zu einer großen Belastung oder gar Gefahr für so manche historische Stadt sowie für unser Kultur- und Naturerbe und seine Schätze geworden. Die Auswirkungen sind dramatisch, vor allem in Verbindung mit den großen Risiken, die der Klimawandel mit sich bringt. Wir brauchen dringend eine europäische Strategie für einen nachhaltigeren und verantwortungsbewussteren Tourismus – mit geeigneten Maßnahmen, um diese Risiken zu verringern. Jetzt, wo der Tourismus pandemiebedingt eingebrochen ist, bietet sich die Chance dazu.
Wir müssen erkennen, dass wir gemeinsam die Verantwortung für unser gesamtes kulturelles Erbe in Europa tragen.
Ein weiteres Beispiel für die Fragilität unseres Kulturerbes ist der verheerende Brand, der am 15. April 2019 die Kathedrale Notre-Dame in Paris schwer beschädigte. Das Feuer zeigte, wie verwundbar selbst die bekanntesten und bestgeschützten Kulturstätten der Welt sein können. Die nachfolgende Welle der Unterstützung und Solidarität machte deutlich, wie sehr die Menschen in aller Welt instinktiv verstanden, dass Notre-Dame nicht nur eine Kathedrale der Pariser und Franzosen ist, sondern uns allen gehört. Nach dem Brand spürte man förmlich die gewaltige Bindekraft unseres gemeinsamen Erbes. Als Zeichen der tiefen Dankbarkeit und Bewunderung Europas wurden die Pariser Feuerwehrleute, die die Kathedrale vor dem Einsturz bewahrten, beim Europäischen Kulturerbegipfel 2019 in Paris mit einem Sonderpreis der Europäischen Union für das Kulturerbe/Europa-Nostra-Preis geehrt.
Die nachfolgende Welle der Unterstützung und Solidarität machte deutlich, wie sehr die Menschen in aller Welt instinktiv verstanden, dass Notre-Dame nicht nur eine Kathedrale der Pariser oder Franzosen ist, sondern uns allen gehört.
Kulturstätten sind auch durch politische und militärische Auseinandersetzungen bedroht, wie zum Beispiel die bewaffneten Konflikte auf dem Balkan in den 1990er-Jahren und die jüngsten Kämpfe in der Region Berg-Karabach im Kaukasus. Auch im Irak, in Syrien und im Jemen wurden zuletzt Kulturschätze vernichtet. Die Angriffe auf die antiken Städte Aleppo und Palmyra in Syrien, die Zerstörung des Museums und der Bibliothek von Mossul im Irak und der Luftangriff auf den Staudamm von Marib im Jemen sind nur einige Beispiele von vielen. Europa darf nicht darüber hinwegsehen, was im Rest der Welt geschieht. Wissen bedeutet auch Verantwortung. Wir sollten deshalb Solidarität zeigen und unser Know-how und unsere Best Practices weitergeben. Beispielsweise, indem wir Kulturerbeinstitutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen in anderen Teilen der Welt beim Kompetenzaufbau unterstützen. Vor allem in Afrika und im Nahen Osten sind Kulturerbestätten zunehmend durch unkontrollierte Entwicklungsprojekte, mangelnde personelle und finanzielle Ressourcen und das Fehlen einer verantwortungsvollen Führung bedroht. Katastrophen wie die gewaltige Explosion in Beirut am 4. August 2020 sind die tragische Folge davon.
Der vorgeschlagene New Deal für das Kulturerbe Europas kann nur funktionieren, wenn wir erkennen, dass alle unsere Kulturstätten – vom größten Palast oder Museum bis zur kleinsten Kapelle oder Farm – wichtige Symbole dessen sind, was uns verbindet, Symbole unserer Gemeinsamkeit. Aus diesem Grund rief Europa Nostra 2013 gemeinsam mit dem EIB-Institut das Programm 7 Most Endangered[14] ins Leben. Es sieht vor, die am stärksten gefährdeten Denkmäler, Kulturstätten und Kulturlandschaften in Europa zu identifizieren, um diese Schätze mit öffentlichen und privaten Partnern aller Ebenen zu bewahren. So wurde die Lagune von Venedig zur am stärksten gefährdeten Kulturerbestätte Europas erklärt, weil sie besonders komplexen Bedrohungen ausgesetzt ist, die auch mit dem Klimawandel zusammenhängen.
DAS PROGRAMM 7 MOST ENDANGERED
Die ermutigenden Ergebnisse des Programms 7 Most Endangered sind ein Grund, warum ich glaube, dass ein New Deal für das Kulturerbe Europas langfristige Veränderungen zum Besseren bewirken kann. Für das Kloster Jesu im portugiesischen Setúbal, das Bourla-Theater im belgischen Antwerpen und die Drehbrücke Pont Colbert im französischen Dieppe wurden bereits nachhaltige Lösungen gefunden. Das Programm zeigt jedoch auch, dass wir manchmal vor schwierigen Herausforderungen stehen: Das albanische Nationaltheater in Tirana wurde wie erwähnt rücksichtslos abgerissen, nachdem Europa Nostra und das EIB-Institut es zwei Monate zuvor auf die Liste 2020 der sieben am stärksten gefährdeten Kulturerbestätten genommen hatten. Auch der Y-Block in Oslo, der ebenfalls auf der 2020er-Liste steht, wird abgerissen. Hier konnten zumindest die Picasso-Fresken gerettet werden, aber unsere Expertengruppe hatte keine Gelegenheit, vor Ort mit allen Beteiligten zu sprechen und Vorschläge für den Erhalt der Kulturstätte zu unterbreiten – was wir zutiefst bedauern.
Ein weiteres Beispiel für die komplexen Herausforderungen ist die Pufferzone in Nikosia auf Zypern, der letzten geteilten Hauptstadt Europas. Sie wurde im ersten Programmjahr auf die Liste der sieben am stärksten gefährdeten Kulturerbestätten gesetzt. [15] Europa Nostra konnte die Zone besuchen und aus erster Hand erfahren, wie unermüdlich sich Menschen auf der türkisch-zyprischen und auf der griechisch-zyprischen Seite für eine respektvolle und nachhaltige Erneuerung des gesamten Gebiets einsetzen. Dabei gab es über die Jahre immer wieder Enttäuschungen. Viele hochrangige Verhandlungen und Gespräche scheiterten. Doch ganz gleich, wie groß die Unterschiede sind: Eine nachhaltige Lösung für die Pufferzone muss und wird gefunden werden. Wenn wir immer wieder die gleichen Fehler machen, wenn wir unseren Kindern beibringen, nach dem zu suchen, was Völker und Menschen voneinander trennt, dann werden wir nie vorankommen. Europa hat eine lange und schwierige Vergangenheit, aber wir müssen als Kontinent auch in unseren dunkelsten Kapiteln die Hoffnung und das Licht sehen. Die Pufferzone in Nikosia zeigt, dass wir unsere Augen und Herzen öffnen müssen, bevor sich unser Denken verändern kann.
Für das Kloster Jesu in Setúbal, das Bourlai-Theater in Antwerpen und die Drehbrücke Pont Colbert in Dieppe wurden bereits nachhaltige Lösungen gefunden.
Sie ist nur eines von vielen Beispielen für gefährdetes Kulturerbe in Europa. Tausende weniger bekannte Kulturstätten sind ebenfalls unmittelbar bedroht. Mit jedem Stück unseres materiellen oder immateriellen Erbes, das verschwindet, wird das Fundament unseres europäischen Hauses ein bisschen schwächer. Mit jeder verlorenen Kulturerbestätte geht ein weiterer Baustein des europäischen Projekts verloren. Wir können nicht riskieren, noch viel mehr davon zu verlieren.
Wenn wir ein blühendes Europa wollen, das besser zusammenhält, und gleichzeitig unser kollektives und individuelles Gedächtnis und unser kulturelles Erbe verstehen und bewahren wollen, dann brauchen wir einen New Deal für das Kulturerbe Europas. Dann brauchen wir eine ehrgeizige, kulturgeleitete Transformation des europäischen Projekts, die vom Bewusstsein der Menschen für ihre kulturelle und historische Zugehörigkeit ausgeht. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Idee Eingang finden kann in die weitreichenden Pläne zum Aufbau der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft nach der globalen Pandemie mit ihren verheerenden Folgen für unser Leben und die Lebensgrundlage vieler Menschen. Ganz im Sinne des Manifests Kulturerbe: Ein mächtiger Katalysator für die Zukunft Europas zum Europatag 2020, das deutlich macht: Diese beispiellose Krise eröffnet neue Horizonte und Wege zu einem faireren, grüneren und besseren Europa auf der Grundlage internationaler Solidarität und der gebotenen Pflege unseres gemeinsamen Kulturerbes und unserer Werte.
Die Pufferzone in Nikosia zeigt, dass wir unsere Augen und Herzen öffnen müssen, bevor sich unser Denken verändern kann.
- Hermann Parzinger
- Europa Nostra wurde 1963 in Paris gegründet und vereint 340 Mitglieds- und angeschlossene Organisationen, darunter Nichtregierungsorganisationen und Fachverbände, Stiftungen, Museen, öffentliche Einrichtungen, Universitäten, historische Städte und Dörfer sowie fast 1 000 Privatpersonen in über 40 Ländern.
- Pariser Manifest “Relançons l’Europe par la culture et le patrimoine culturel!” (2019)
- https://www.iccrom.org/projects/heritage-and-wellbeing-what-constitutes-good-life
- Manifest der European Heritage Alliance, „Kulturerbe: Ein mächtiger Katalysator für die Zukunft Europas“ (2020)
- 20200509_EUROPE-DAY-MANIFESTO.pdf (europanostra.org)
- https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/SPEECH_20_165
- https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/SPEECH_20_1655
- https://europa.eu/cultural-heritage/toolkits/special-eurobarometer-europeans-and-cultural-heritage_en.html
- Cultural Heritage Counts For Europe Report (2015) Bericht erstellt von Europa Nostra, ENCATC, Heritage Europe, der Heritage Alliance, dem International Cultural Centre und dem Raymond Lemaire International Centre for Conservation der Universität Löwen
- https://www.europarl.europa.eu/factsheets/en/sheet/126/tourism
- Der Städtevergleich „Kultur und Kreativität“ zeigt, wie gut 168 ausgewählte Städte in 30 europäischen Ländern bei verschiedenen Indikatoren abschneiden, die anhand quantitativer und qualitativer Daten die „Kulturelle Dynamik“, die „Kreativwirtschaft“ und das „Kulturumfeld“ einer Stadt erfassen.
- Getting cultural heritage to work for Europe, Bericht der Horizont-2020-Expertengruppe für das kulturelle Erbe, GD Forschung und Innovation 2015
- https://www.europanostra.org/europe-7-most-endangered-heritage-sites-2020-announced/
- Das Programm 7 Most Endangered wurde eingerichtet, um gefährdete Denkmäler und Kulturstätten in Europa zu identifizieren und auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene Partner für ihren Erhalt zu gewinnen. 7MostEndangered.eu