Beim Umgang mit Technologie verhält sich der Mensch anders als beim Umgang mit der „realen“ Welt: Wo immer die Technologie auf eine menschliche Grundtendenz trifft, verstärkt und beschleunigt sie sie.
>> Sie können den Essay hier herunterladen
Das Präfix „Cyber“ steht für alles, was mit Computern und Computernetzwerken zu tun hat – allen voran das Internet. Als Cyber-Psychologin untersuche ich die Interaktion des Menschen mit der Technik, mit digitalen Medien, mit künstlicher Intelligenz sowie mit mobilen und vernetzten Geräten. Mein Schwerpunkt ist dabei die Internet-Psychologie: Ich untersuche, wie sich das Web, digitale Aktivitäten wie Gaming sowie die virtuelle Realität auf menschliches Verhalten auswirken, es beeinflussen und verändern.
In den letzten dreißig Jahren hat sich die Informationstechnologie stürmisch entwickelt. Heute verbringen wir einen beträchtlichen Teil unseres Lebens in einem „Raum“, den es zuvor gar nicht gab: dem Cyberspace. Wir alle kennen und schätzen die gewaltigen Vorteile des Internet als „Information-Superhighway“ des Cyberspace: Kostenfreiheit, Komfort, Vernetzung, Kreativität, selbstloser Einsatz für andere, Bildungs‑ und kultureller Austausch sowie nicht zuletzt eine neue Gründerkultur und neue Geschäftsmöglichkeiten. Gleichzeitig aber bringt die Besiedlung des Cyberspace Nachteile mit sich, die sich auch im „wirklichen Leben“ auswirken können. Forderungen nach der Unabhängigkeit des Cyberspace ... basieren auf einer falsch verstandenen Gegensätzlichkeit ... Das Physische und das Virtuelle sind keine Gegensätze; vielmehr wird das Physische durch das Virtuelle verkompliziert und umgekehrt. [1]
Mit anderen Worten: Was im Cyber-Ökosystem geschieht, kann sich auf die reale Welt auswirken und umgekehrt. Deshalb ist es so wichtig, diese neue Umgebung wissenschaftlich zu erforschen, um ihre Vorteile zu maximieren und potenzielle Risiken und Schäden zu vermeiden.
Eine Publikation der US-Streitkräfte mit dem Titel „Cyberspace Operations“ beschreibt drei Ebenen des Cyberspace [11]: Das physische Netzwerk – die Schicht, die aus geografischen Komponenten und physischen Netzwerkkomponenten gebildet wird; sodann das logische Netzwerk – die Schicht aus den Netzwerk- Elementen, die unabhängig vom physischen Netzwerk miteinander verbunden sind; und schließlich die Cyber-Persona-Schicht – das sind wir Menschen.
Während also das Militär mit einem vielschichtigen und strategischen Konzept des Cyberspace arbeitet, sieht ihn die Europäische Union lediglich als eine Art Infrastruktur, so wie eine Bahnstrecke oder Autobahn. Nun ist das Internet vieles, aber sicher nicht nur Infrastruktur – und es kann enorme Auswirkungen auf Einzelne wie auch die Gesellschaft insgesamt haben. Die technologische Revolution, die uns Vernetzung, Computer und den Cyberspace gebracht hat, war für unsere Spezies ein regelrechtes Erdbeben. Wir mussten uns weiterentwickeln und anpassen, um mit dem schnellen Wandel Schritt zu halten. Manche sehen die Gesellschaft als Puffer, der uns vor der Konfrontation mit unserer eigenen Verwundbarkeit und Sterblichkeit schützt. Der Mensch braucht andere Menschen zum Überleben, und im Laufe der Zeit haben wir einige grundlegende Verhaltensweisen entwickelt, die uns helfen, in Gruppen zu bestehen. Anders gesagt: Der Mensch hat gute Gründe, sich mit anderen Menschen zu vertragen – es erleichtert oder ermöglicht ihm das Überleben.
Der Cyber-Effekt
Derzeit versuchen wir Menschen verzweifelt, uns im Cyberspace anzupassen. Dabei haben wir als biologische Wesen unsere Schwierigkeiten, mit technischen Fortschritten mitzuhalten – frei nach Moore's Gesetz des menschlichen Verhaltens. Ein Beispiel sind der zunehmende Narzissmus und die schwindende Empathie, die sich online in einer verstärkten Entkoppelung von den Rechten und Gefühlen anderer zeigen – typische Erscheinungsformen sind extreme Belästigungen und bösartiges Trollverhalten. Begünstigt wird dieses Verhalten durch die Anonymität online, die Unsichtbarkeit als phantastische Superkraft und schließlich den sogenannten „Online-Enthemmungseffekt“: Er bewirkt, dass sich manche Menschen dreister und weniger gehemmt verhalten und dabei gleichzeitig ein beeinträchtigtes Urteilsvermögen an den Tag legen – fast wie im Rausch. Ein weiterer Faktor ist die Desensibilisierung, eine Folge der ständigen Konfrontation mit Gewalt und anderen extremen Inhalten, sowohl in den klassischen als auch in den Online-Medien. Das menschliche Verhalten wird daher online oft verstärkt und beschleunigt. Diesen Faktor nenne ich „Cyber-Effekt“. Ich halte ihn für einen fast berechenbaren mathematischen Multiplikator, quasi das E = mc2 unseres Jahrhunderts.
Mein jüngstes Buch zu diesem Phänomen, The Cyber Effect (dt.: Der Cyber-Effekt), wurde ausgiebig besprochen und fand ein positives Echo. [12] Besonders nachdenklich machte mich eine Rezension von Bob Woodward, einem der US-Journalisten, die für die Aufdeckung des Watergate-Skandals berühmt wurden: „So wie Rachel Carson mit ihrem Buch Silent Spring die Umweltbewegung des 20. Jahrhunderts ausgelöst hat, so legt Mary Aiken nun eine zutiefst verstörende, überaus eindringliche und gerade rechtzeitige Studie der Gefahren vor, die das größte unregulierte gesellschaftliche Experiment unserer Zeit mit sich bringt.“ [13]
Für diese Feststellung bin ich Woodward zutiefst dankbar. Rachel Carson, eine namhafte Autorin und ehemalige Wasserbiologin beim U.S. Fish and Wildlife Service, dokumentierte in ihrem Buch Silent Spring (dt.: Der stumme Frühling) 1962 minutiös, welche schädlichen Umweltwirkungen der unbedachte Einsatz von Pestiziden haben kann. Ihre Arbeit bewies stichhaltig, dass starke synthetische Insektizide wie DDT Gift in die Nahrungskette brachten und ein Insekten‑ und Vogelsterben verursachten.
Diese Spritz- und Bestäubungsmittel und Aerosole werden nun fast durchgängig in landwirtschaftlichen Betrieben, Gärten, Wäldern und auf privaten Flächen eingesetzt – nicht-selektive Chemikalien, die stark genug sind, jedes Insekt zu töten, die ‚guten’ wie die ‚schlechten’, und so den Gesang der Vögel zum Schweigen zu bringen, das Springen der Fische in den Flüssen zu stoppen, die Blätter mit einem tödlichen Film zu überziehen und in der Erde zu verbleiben – und all das, obgleich das eigentliche Ziel vielleicht nur ein paar Unkräuter oder Schädlinge sind.
Die Presse bezeichnete Carsons Buch als „eine der wirkungsvollsten Anklagen des Fehlverhaltens der Industrie, die je geschrieben wurden.“ [15] Von Seiten der Chemieunternehmen kam zwar heftige Gegenwehr, doch führte der öffentliche Aufschrei zum Verbot von DDT und zu umfassenden Gesetzesänderungen für einen besseren Schutz von Luft, Land und Wasser. Ihr leidenschaftlicher Appell für die Zukunft unseres Planeten fand weltweiten Widerhall. Das bekannteste und bewegendste Kapitel „A Fable for Tomorrow“ beschreibt eine amerikanische Kleinstadt, in der alles Leben „von Fischen und Vögeln über Apfelblüten bis hin zu Menschenkindern“ aufgrund der tückischen Wirkung von DDT erstorben ist. Carsons Arbeit trug entscheidend dazu bei, weltweit Umweltbewusstsein zu schaffen und die globale Umweltbewegung voranzubringen.
Etwa zur selben Zeit veröffentlichte der amerikanische Psychologe und Informatiker J.C.R. Licklider seine bahnbrechende Schrift „Man-Computer Symbiosis“. Er hatte die Vision, dass Mensch und Technologie zusammenwirken und gemeinsam Großes erreichen könnten. Licklider verglich das mit den symbiotischen Beziehungen in der Natur – wie etwa der Bestäubung eines Feigenbaums durch ein Insekt. [16] So unterschiedlich die beiden Organismen sind, so sind sie doch in hohem Maße voneinander abhängig – sie brauchen einander zum Überleben.
Die DSGVO ist ein gewaltiger Fortschritt in der Regulierung des Cyberspace, denn sie sorgt für den Schutz und die Kontrolle personenbezogener Daten. Die Verordnung verschärft die Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten für Unternehmen und andere Organisationen bei der Erhebung, der Nutzung und dem Schutz persönlicher Daten. Sie fordert von ihnen, die Art der Nutzung und die Maßnahmen zum Schutz solcher Daten offenzulegen. Im Grunde bringt sie einen Kulturwandel für Unternehmen, die in diesem Raum agieren: Sie müssen sich anpassen und für ihre Datenverarbeitungsaktivitäten die Verantwortung übernehmen. Dabei deckt die DSGVO nur einen von vielen Schutzbereichen ab. Es gibt viele weitere Problemfelder, die Kinder und Jugendliche betreffen und die dringend angegangen werden müssen. Zu nennen sind in erster Linie das zunehmende Cyber-Mobbing sowie die Konfrontation junger Menschen mit nicht altersgerechtem Online-Content – Darstellung von extremer Gewalt und Selbstbeschädigung sowie Pornographie. Mit dem wachsenden Zugriff von Kindern auf die aufregende neue Welt des Cyberspace müssen wir unsere Bemühungen verstärken, diese Themen anzugehen und sicherzustellen, dass wir – wie schon Rachel Carson schrieb – Kinder vor den toxischen Konsequenzen schützen.
Es ist Zeit innezuhalten, unsere Mobilgeräte aus der Hand zu legen, unsere Laptops zuzuklappen, tief durchzuatmen und dann etwas zu tun, was Menschen besonders gut können.
Wir müssen nachdenken. Gründlich nachdenken.
Unsere größten Probleme mit der Technologie betreffen meist das Design. Das Cyber-Terrain ist eine designte Welt: Wenn einzelne Aspekte nicht funktionieren, sollen sie eben umgestaltet werden. Ich frage mich bisweilen, wie das Internet wohl aussehen würde, wenn mehr Frauen an seiner Gestaltung mitgewirkt hätten. Laut Studien sind weibliche Führungskräfte „weniger eingeengt“ in ihren Problemlösungsfähigkeiten als männliche. Auch seien Frauen „von Natur aus wissbegieriger und sehen mehr Lösungsoptionen“ [18] - umso verblüffender finde ich, dass wir heute, 100 Jahre nach den Suffragetten und dem zähen Kampf für Frauenrechte, einen Cyberspace bevölkern, der fast ausschließlich von Männern gestaltet und entwickelt wird. Wir brauchen mehr Frauen, die sich durchsetzen und in diesem Raum Entscheidungen treffen und Probleme lösen.
Das Vorsorgeprinzip
Auf der Suche nach Lösungen können wir von Rachel Carson lernen: Sie schärfte das allgemeine Bewusstsein dafür, wie sehr der Mensch die Natur zerstören kann. In einem technikgeprägten Zeitalter müssen wir uns bewusst machen, dass wir uns selbst und unser Potenzial zerstören können. Wir bewohnen nun einen neuen Raum, den Cyberspace, aber wir pflegen ihn nicht, und vor allem bestehen wir nicht auf einem verantwortungsvollen Verhalten in diesem Raum.
Auf Facebook wurde 2017 ein schreckliches Video mit dem Titel „Easter day slaughter“ – Ostergemetzel – gepostet: Ein Mann filmte sich dabei, wie er ein offenbar zufällig ausgewähltes Opfer tötete. Er veröffentlichte also seine Tat in Echtzeit auf Facebook. Bis zur Löschung hatten bereits 150 000 Menschen auf die drastische Darstellung eines tatsächlichen Mordes zugegriffen – wie viele davon Kinder waren, wissen wir nicht. Später schrieb ich einen Artikel für das TIME-Magazin [19], in dem ich dieses Live-Streaming eines Mordes scharf verurteilte:
Tötungsdelikte wurden früher im Nachhinein durch die Nachrichten bekannt; ansonsten waren sie nur in den Untiefen des Web als so genannter Snuff-Content zu finden. Nun scheint das Morden zu einer Art Live-Show auf den Social Media geworden zu sein, produziert und verbreitet von pathologischen und kriminellen Cyber-Exhibitionisten.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht der Autoren wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
Essay herunterladen
© Europäische Investitionsbank 2018
Fotos: © Getty images, © Shutterstock. Alle Rechte vorbehalten.
Fußnoten
[1] Slane, Andrea (2007), „Democracy, social space and the Internet“, University of Toronto Law Journal, 57: 81 -104
[2] Aiken, Mary P. (2016), „The Cyber Effect“, New York, Random House, Spiegel & Grau
[3] Die Technologie von ARM ist das Herzstück einer Revolution in der Computertechnik und Vernetzung, die unsere Lebensweise und die Geschäftstätigkeit von Unternehmen tiefgreifend verändern wird. Die fortschrittlichen, energieeffizienten Prozessordesigns von ARM ermöglichen bis dato intelligente Datenverarbeitung in über 125 Milliarden Chips. Über 70 Prozent der Weltbevölkerung nutzen Technologie von ARM. Sie ist in unterschiedlichste Produkte eingebaut – vom Sensor über das Smartphone bis hin zum Supercomputer.
[5] No Slowing Down
[6] Aiken, Mary P. (2018), „Manipulating Fast, and Slow“, https://www.wilsoncenter.org/article/manipulating-fast-and-slow
[7] Die Cyber-Psychologie beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Technologie auf menschliches Verhalten. Derzeit entwickelt sie sich rapide von einem neuen zu einem etablierten Arbeitsfeld in der angewandten Psychologie. Angesichts eines unvermindert starken Wachstums der Internettechnologien sowie des allgegenwärtigen Einflusses des Internet auf den Menschen gehen Beobachter davon aus, dass dieses neue Arbeitsfeld in den nächsten Jahrzehnten exponentiell wachsen wird.
[8] Proshansky, Harold M. (1987), The field of environmental psychology: securing its future, in Handbook of Environmental Psychology, eds. Daniel Stokols und Irwing Altman, New York: John Wiley & Sons
[9] https://www.wsj.com/articles/nato-to-recognize-cyberspace-as-new-frontier-in-defense-1465908566
[9] http://www.jcs.mil/Portals/36/Documents/Doctrine/pubs/jp3_12.pdf?ver=2018-07-16-134954-150 (JP 3-12: V)
[11] http://www.jcs.mil/Portals/36/Documents/Doctrine/pubs/jp3_12.pdf?ver=2018-07-16-134954-150 (JP 3-12: I-3)
[12] Das englische Original „The Cyber Effect“ wurde 2016 von Nature zum Titel der Wahl im Bereich Wissenschaft und von der britischen Times zum Buch des Jahres in der Kategorie ‚Thought’ gekürt.
[13] http://www.maryaiken.com/cyber-effect/
[14] Carson, Rachel. (1962), Silent Spring, Boston, Houghton Mifflin
[15] https://www.theguardian.com/science/2012/may/27/rachel-carson-silent-spring-anniversary
[16] „Der Feigenbaum wird ausschließlich von dem Insekt Blastophaga grossorun bestäubt. Die Larve des Insekts lebt im Fruchtknoten des Baums und bezieht von dort ihre Nahrung. Baum und Insekt sind daher in hohem Maß voneinander abhängig: Der Baum ist ohne das Insekt unfähig zur Reproduktion – das Insekt hat ohne den Baum keine Nahrung. Zusammen bilden sie eine nicht nur lebensfähige, sondern auch produktive und erfolgreiche Partnerschaft. Dieses kooperative ‚Zusammenleben’ in einer engen Verbindung, oder sogar Einheit, zweier unterschiedlicher Organismen nennt man Symbiose.“
[17] The Story of Silent Spring
[18] Eröffnungsrede von Prof. Barry O’Sullivan MRIA und Adj. Assoc. Professor Mary Aiken beim Oireachtas Joint Committee on Children and Youth Affairs (Gesetzgebungskommission für Kinder- und Jugendbelange).
[19] http://business.financialpost.com/executive/executive-women/women-on-corporate-boards-better-decision-makers-than-male-directors-study