Was wir brauchen, ist eine weniger ressourcenintensive, produktivere und gleichzeitig nachhaltigere Landwirtschaft.
>> Die Reihe „Klimalösungen“ ist auch als Podcast und E-Book erhältlich.
Von Janel Siemplenski Lefort, Arnold Verbeek, Surya Fackelmann und Brendan McDonagh
Die Ernährung der Menschheit ist schon immer auf Kosten unseres Planeten gegangen. Über Jahrtausende haben wir die Natur zurückgedrängt, um Platz für Nutzpflanzen und Weidetiere zu schaffen.
In den letzten 5 000 Jahren wurde die Hälfte der Waldflächen auf der Erde gerodet. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gingen in den Tropen jedes Jahr sieben Millionen Hektar Wald verloren, hauptsächlich an die Landwirtschaft.
Wir müssen 7,6 Milliarden Menschen auf der Welt ernähren – das schädigt Ökosysteme, zehrt an Wasserressourcen und treibt den Klimawandel voran. Die Landwirtschaft trägt mit der Produktion von Lebensmitteln und Erzeugnissen wie Leder mehr als ein Drittel zu den globalen Treibhausgasemissionen bei und ist für rund ein Drittel des globalen Energieverbrauchs verantwortlich. Der Großteil dieser Energie stammt aus nicht erneuerbaren Quellen. Neben der Lebensmittelproduktion hat auch die Rodung von Wäldern einen großen Anteil am CO2-Ausstoß, weil dadurch Kohlenstoffsenken verschwinden.
Die Weltbevölkerung soll bis 2100 auf elf Milliarden wachsen. Wenn wir alle diese Menschen ernähren wollen, ohne auch noch unsere letzten natürlichen Ressourcen zu vernichten, muss die Landwirtschaft einen Weg zur Koexistenz mit Mutter Natur finden. Wir müssen die Landwirtschaft durch Innovation effizienter machen, wir müssen aufhören, 30 Prozent unserer Lebensmittel zu verschwenden, und wir müssen überdenken, was und wie wir essen.
Wie groß ist der ökologische Fußabdruck der Landwirtschaft?
Die Landwirtschaft trägt mit der Produktion von Lebensmitteln und Erzeugnissen wie Leder mehr als 30 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei und ist für rund 30 Prozent des globalen Energieverbrauchs verantwortlich. Der Großteil dieser Energie stammt aus nicht erneuerbaren Quellen. Neben der Lebensmittelproduktion hat auch die Rodung von Wäldern einen großen Anteil am CO2-Ausstoß, weil dadurch Kohlenstoffsenken verschwinden.
Die Rolle Europas
Die Europäische Union ist der weltweit größte Handelspartner für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Ihr kommt insofern eine wichtige Rolle bei der Neuausrichtung der Landwirtschaft zu.
Landwirtschaftliche Betriebe sind nicht nur eine bedeutende Exportquelle, sondern auch wichtige Arbeitgeber in Europa. Die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie trägt neun Prozent zum Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union bei und beschäftigt rund 15,4 Millionen Arbeitskräfte. In benachteiligten Regionen ist sie oft der größte Arbeitgeber.
Trotz ihrer Größe und Bedeutung ist die Landwirtschaft in Europa aber nicht so produktiv, wie sie sein könnte. Kleinbäuerliche Betriebe sind die Regel – 73 Prozent aller Bauernhöfe sind Familienbetriebe. Sie kommen oft nur schwer an Kredite, um Investitionen in innovative Technologien zu finanzieren. Hochmoderne Maschinen beispielsweise sind teuer und zahlen sich für kleine Höfe kaum aus. Außerdem sind Landwirte normalerweise vorsichtig und scheuen das Risiko, neue Methoden auszuprobieren. Diese Innovationsferne bremst die Produktivität in der Landwirtschaft. Die Arbeitsproduktivität im europäischen Agrarlebensmittelsektor liegt bei etwa 67 Prozent des Wertes in der Automobilindustrie und bei 71 Prozent der Produktivität im Maschinenbau.
Ein Grund dafür sind fehlende Investitionen. Nach Analysen der Europäischen Investitionsbank investieren Agrarlebensmittelbetriebe in der Europäischen Union nur 0,2 Prozent des Jahresumsatzes in Innovation. In den Vereinigten Staaten sind es 0,44 Prozent, in Japan 0,65 Prozent.
Zum Teil liegt das niedrige Investitionsniveau an mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten in Europa, vor allem an fehlendem Risikokapital für Start-ups und innovative Projekte. In den Vereinigten Staaten wird insgesamt viermal so viel Risikokapital investiert wie in der Europäischen Union.
Diese Lücke muss Europa schließen, wenn wir künftig auf nachhaltige Weise mehr Nahrungsmittel produzieren wollen.
Wie viele Lebensmittel werden weltweit weggeworfen?
Rund 25–30 Prozent der weltweit erzeugten Lebensmittel landen im Müll. Lebensmittelabfälle verursachten in den Jahren 2010–2016 acht bis zehn Prozent der Treibhausgasemissionen (CO2, Methan, Stickstoffoxid und Fluorgase).
Apps gegen Lebensmittelverschwendung
In den letzten Jahren sind viele Apps auf den Markt gekommen, die beim Kampf gegen Lebensmittelverschwendung helfen sollen. Manche davon, wie FoodCloud, bringen Restaurants und andere Unternehmen, bei denen Lebensmittel übrigbleiben, in Kontakt mit örtlichen Wohltätigkeitsorganisationen. Andere, wie Karma und OptiMiam, helfen Restaurants, Cafés und Supermärkten, überschüssiges Essen an Privatpersonen zu verkaufen.
Und einige, wie Too Good To Go, sind regelrechte „Abfallkrieger“. Too Good To Go setzt an vier Stellen an: Haushalte, Unternehmen, Bildung und Politik. Für jeden dieser Bereiche verfolgt das Unternehmen mit seiner App individuelle Kommunikationsziele. Die Idee stammt ursprünglich von einer niederländischen Lebensmittel-App. Too Good To Go stellt Listen mit Lebensmittelangeboten örtlicher Geschäfte und Restaurants online. Privatpersonen können dort bestellen und die Ware zu einer vereinbarten Zeit abholen. Das rasch expandierende Unternehmen hat mittlerweile 350 Beschäftigte und viele offene Stellen in Europa zu besetzen. Too Good To Go ist derzeit in zwölf europäischen Ländern vertreten.
Apps gegen Lebensmittelverschwendung
In den letzten Jahren sind eine Reihe von Apps auf den Markt gekommen, die Privatpersonen und Unternehmen im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung helfen sollen. Einige bieten übriggebliebene Speisen von Restaurants zu reduzierten Preisen an, andere helfen Menschen, ihre Küche besser zu organisieren, damit nichts in der Speisekammer vergammelt.
Beispiele für Apps gegen Lebensmittelverschwendung:
- FoodCloud bringt Restaurants und andere Unternehmen, bei denen Lebensmittel übrigbleiben, in Kontakt mit örtlichen Wohltätigkeitsorganisationen.
- OptiMiam hilft Restaurants, Cafés und Supermärkten, Lebensmittelreste an Privatpersonen zu verkaufen.
- Too Good To Go stellt Listen mit Lebensmittelangeboten örtlicher Geschäfte und Restaurants online, die Privatpersonen bestellen und zu einer bestimmten Zeit abholen können.
- Olio bringt lokale Unternehmen und Nachbarn miteinander in Kontakt, damit gute Lebensmittel nicht weggeworfen werden – ob Gemüse aus dem Garten oder Lebensmittel, die noch im Kühlschrank liegen, wenn jemand in den Urlaub fährt.
- Magic Fridge bietet Rezepte zur Verwertung von vorhandenen Zutaten in der Küche an, damit weniger im Abfall landet.
- Über Karma können Verbraucher übriggebliebene Lebensmittel von Restaurants, Cafés und Supermärkten zum kleinen Preis kaufen. Das 2016 in Stockholm gegründete Unternehmen ist heute in 150 schwedischen Städten sowie in London und Paris vertreten.
- Zéro Gachis (Null Abfall) ist eine weitere App, über die Produkte aus Supermärkten, deren Haltbarkeit bald abläuft, Abnehmer in der näheren Umgebung finden können.
- A Consommer (Zum Verzehr) bietet die Möglichkeit, zu Hause gelagerte Lebensmittel zu registrieren und eine Benachrichtigung zu erhalten, bevor deren Haltbarkeit abläuft. Dazu ist nur anzugeben, um welche Produkte es sich handelt, wo sie gelagert werden und bis wann sie haltbar sind (geschätztes Datum bei frischem Obst und Gemüse).
- Save Eat erfasst die Vorräte im Kühlschrank und in der Speisekammer und schickt eine Benachrichtigung vor Ablauf ihrer Haltbarkeit. Außerdem liefert die App Rezeptvorschläge für die vorhandenen Lebensmittel.
Arnold Verbeek ist Senior Adviser, Surya Fackelmann ist Analystin im Bereich Beratung für Innovationsfinanzierungen der Europäischen Investitionsbank. Brendan McDonagh ist Berater bei der Europäischen Plattform für Investitionsberatung. Sein Beitrag gründet auf seiner vorherigen Tätigkeit bei Innovation Finance.
>> Die Reihe „Klimalösungen“ ist auch als Podcast und E-Book erhältlich.
1. Kritikos, 2017
2. Blockchain: Eine Blockchain erfasst Daten in einem Peer-to-Peer-Netzwerk. Alle Mitglieder des Netzwerks können die Daten sehen und anhand von Konsensalgorithmen bestätigen oder ablehnen. Bestätigte Daten werden als eine Sammlung von „Blöcken“ im Hauptbuch erfasst und in einer unveränderlichen chronologischen „Kette“ gespeichert (SAP, 2018).
3. Blockchain, 2018