Wir bei Foster + Partners sind uns der Bedeutung des gemeinsamen Bodens bewusst. Durch seine Gestaltung können wir Menschen sinnstiftend zusammenbringen – unabhängig von ihrer Herkunft, Behinderungen oder Unterschieden. Wir können nachhaltige Räume schaffen im Bewusstsein, dass wir unsere Städte nicht nur von unseren Vorfahren erben, sondern auch für nachfolgende Generationen erhalten müssen.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht der Autoren wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
Dritte Orte
Vor zweitausend Jahren formulierte der römische Architekt Vitruv die drei meistzitierten Kriterien der Baukunst: firmitas, utilitas und venustas – Stabilität, Zweckmäßigkeit und Schönheit. Wie die römische Architektur haben auch diese Prinzipien die Zeit überdauert. Vitruv beschränkte sich allerdings auf die Anforderungen an gut geplante Gebäude. Er sagte nichts über die gemeinsame Verantwortung für den umgebenden öffentlichen Raum – den „gemeinsamen Boden“, der die Gebäude in das städtische Gefüge einwebt.
Der amerikanische Stadtsoziologe Ray Oldenburg sprach in diesem Zusammenhang von Dritten Orten. Das sind öffentliche Räume, in denen Menschen auf neutralem Boden zwanglos zusammenkommen: „öffentliche Plätze, die das regelmäßige, freiwillige und gesellige Zusammensein der Menschen außerhalb von Heim und Arbeit ermöglichen“. Heim, Arbeit und der Dritte Ort bilden eine Triade des städtischen Lebens. Dabei erfüllt der Dritte Ort die wichtige soziale Funktion, einen Ort der Begegnung anzubieten. Mit anderen Worten: Er ist ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Er vermittelt Identität und gibt den Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Sie kommen dorthin, um „zu sehen und gesehen zu werden“, und um in der realen Welt soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.
Ein Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die Bedürfnisse von Fußgängern und Autofahrern in Einklang zu bringen.
Nach diesem Prinzip haben wir den Trafalgar Square in London neugestaltet. Der Platz ist seit jeher das öffentliche Zentrum der Stadt. Doch der ununterbrochene Verkehrsfluss hatte die Nelsonsäule und die beiden Brunnen zu einer Verkehrsinsel verkommen lassen. Hinüber kam nur, wer bereit war, Leib und Leben zu riskieren. Und natürlich die Tauben. Allen war klar, dass sich etwas ändern musste. Wir befragten über 180 verschiedene Einrichtungen und Tausende Personen, analysierten akribisch, wie sich Fußgänger und Fahrzeuge auf dem Platz und um ihn herum bewegten, und fanden dann eine Lösung, die ihn der Öffentlichkeit wieder zurückgab: Die Nordseite wurde komplett für den Verkehr geschlossen. Vor der Nationalgalerie entstand eine breite Terrasse mit einer neuen Treppe hinunter auf den Platz. Unterhalb der Terrasse, die auch per Aufzug erreichbar ist, kann man jetzt in einem Café mit Tischen im Freien entspannt den Ausblick genießen.
Durch die gelungene Umgestaltung gewann der Trafalgar Square seinen Glanz und Charme zurück. Anschließende Studien zeigen, dass Autos seit der Schließung der North Terrace zwar etwas länger brauchen, die öffentlichen Verkehrsmittel jedoch deutlich zügiger vorankommen. Die Menschen haben mit den Füßen abgestimmt: Heute kommen dreizehn Mal so viele Fußgänger auf den Platz wie zuvor. Und die Nationalgalerie verzeichnete einen deutlichen Anstieg der Besucherzahlen. Auf dem Trafalgar Square finden inzwischen viele Veranstaltungen statt, kulturelle und religiöse Feste, aber auch Kundgebungen und kommerzielle Events. Diese Veranstaltungen sind so vielfältig wie die britische Hauptstadt selbst, die für ihre Offenheit und Toleranz bekannt ist.
In Marseille orientierte sich die Stadtplanung jahrzehntelang am Autoverkehr. Dadurch hatte sich der einst lebendige Kai am alten Hafen in einen riesigen Parkplatz verwandelt. In Vorbereitung auf 2013, als Marseille Kulturhauptstadt werden sollte, planten wir mit dem französischen Landschaftsarchitekten Michel Desvigne die Neugestaltung des Hafengeländes. Zuerst ließen wir bewegliche Poller aufstellen, sodass weniger Autos parken konnten und der Platz wieder den Fußgängern vorbehalten war. Außerdem wurden die Bootshäuser vom Rand des Hafens auf speziell angefertigte schwimmende Plattformen verlegt. Durch diese einfachen, aber wirkungsvollen Maßnahmen konnte der neu gepflasterte Kai wieder von der Öffentlichkeit genutzt werden. Ein graziler, hochglanzpolierter Stahlpavillon schützt vor der Mittelmeersonne und schafft eine Kulisse für Märkte oder spontane Auftritte von Straßenmusikern. An diesem symbolischen Ort trifft man sich auch, um der Opfer der Anschläge auf Charlie Hebdo zu gedenken – ein bewegender Beleg dafür, wie wichtig öffentliche Plätze sind, um auch gemeinsam zu trauern.
Aber nicht nur die Begegnungsorte in historisch gewachsenen Städten müssen wiederbelebt werden. Attraktive und lebenswerte Städte brauchen auch neue soziale Räume. Unsere Arbeit in Duisburg in den 1990er-Jahren zeigte, dass der Trend zu sauberen, ruhigen Wirtschaftsbranchen städtische Problemviertel neu beleben kann. So können nachhaltige, zukunftsfähige Räume entstehen, in denen Menschen leben, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Damit tritt im 21. Jahrhundert das urbane Konzept der Mischnutzung an die Stelle der nach Zonen und Funktionen gegliederten Stadt des 20. Jahrhunderts. In Duisburg sollte das städtische Leben wieder näher ans Wasser rücken. Entlang des Hafens wurden ausgewählte Gebäude saniert, und es entstanden Neubauten mit Wohnungen, Büros und Dienstleistungsflächen. Hinzu kamen soziale und kulturelle Einrichtungen unterschiedlicher Art. Das Konzept bot einen flexiblen Rahmen, in dem die einzelnen Elemente unabhängig voneinander nach und nach von verschiedenen Architekten entwickelt werden konnten. Vorrang hatten die neue Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen, um den Hafen zu einem attraktiven Wohn-, Arbeits- und Freizeitviertel zu machen. Am Ufer entstand eine von Bäumen gesäumte Promenade, und es wurden Grachten angelegt, an denen nun neue Wohnhäuser stehen. Von den Wohnungen der fünfgeschossigen Häuser geht der Blick über das Wasser oder zur Stadtseite hin auf öffentliche Gärten hinaus.
In besonders dicht besiedelten Städten wie Hongkong sind öffentliche Flächen generell knapp. In seinem Buch Cities Without Ground beschreibt Adam Frampton Hongkongs labyrinthartiges Geflecht aus Fußgängerbrücken, die benachbarte Gebäude miteinander verbinden, um den Menschen hoch über dem Verkehrschaos öffentlichen Raum zurückzugeben. In Hongkong sind Orte des öffentlichen Lebens besonders wichtig, weil Grundstücke astronomisch teuer sind und die Wohnungen immer kleiner werden. Ende der 1970er-Jahre gewannen wir den Wettbewerb für die neue Zentrale der Hongkong and Shanghai Bank im Finanz- und Geschäftszentrum von Hongkong. Uns war klar, wie wenig öffentliche Plätze es in der Stadtmitte gibt. Also beschlossen wir, das Gebäude anzuheben und ebenerdig einen Platz für die Öffentlichkeit zu schaffen. Hier findet seither jede Woche das größte Picknick der Stadt statt. Der Platz ist Treffpunkt für die Hausangestellten, die sich dort – zuverlässig vor Sonne und Regen geschützt – sonntags mit Freunden treffen. Seit fast dreißig Jahren können sie an diesem Ort der Ruhe und Geselligkeit essen, plaudern, singen und tanzen. Dies zeigt, dass auch Privatgebäude einen „gemeinsamen Boden“ bieten und dem Gemeinwohl dienen können.
Städte als Geflecht
Städte sind ein Geflecht aus öffentlichen und privaten Räumen. Der Nolli-Plan des italienischen Architekten und Kartographen Giambattista Nolli aus dem Jahr 1748 stellt dieses Geflecht als eine Art Fingerabdruck dar. Der öffentliche Raum umfasst dort nicht nur Straßen, Plätze, Höfe und Gassen, sondern auch städtische Gebäude wie Kirchen, Museen, Theater, Cafés, Hörsäle, Versammlungsräume und Stadien.
Um die Verwebung von öffentlichem Raum mit dem Gebäudeinneren ging es bei einem Projekt, das wir um die Jahrtausendwende in London umsetzten: Der Great Court im British Museum war lange Zeit kein öffentlicher Raum. Ursprünglich als offener Garten inmitten des Museums angelegt, war der Innenhof ab dem Baubeginn für den Runden Lesesaal mit seinen Bücherregalen für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Später, als die British Library an ihren jetzigen Standort an der Euston Road umzog, beschloss man, den Innenhof wieder zu öffnen. Die Aufgabe beschränkte sich nicht auf die Erweiterung und Umgestaltung des Museums, sondern reichte bis in die Stadtplanung hinein. Der frei zugängliche und abends lange geöffnete Great Court ist zu einem öffentlichen Platz geworden, mitten in einem städtischen Gebäude. Mit einer Fläche von zwei Hektar ist er in etwa so groß ist wie die meisten kleineren öffentlichen Plätze Londons. Überdacht von einer hohen Glaskonstruktion steht der Hof allen offen – ein öffentlicher Raum im Herzen eines internationalen Museums.
Heute dienen immer mehr Portiken von Bürogebäuden und Innenhöfe von Geschäftshäusern als öffentliche Plätze. Diese „POPS“ (Privately Owned Public Spaces), öffentliche Plätze in Privateigentum, sind auf dem Vormarsch und haben eine Diskussion über das Wesen und die Bedeutung von öffentlichem Boden angestoßen. Gewinnorientierte Bewirtschaftung und drastische Sicherheitsvorkehrungen können abschrecken, Funktionen einschränken und eine unnahbare Exklusivität schaffen. Andererseits lassen sich mit privaten Geldern für die Gestaltung und Pflege öffentlicher Plätze dringende Investitionen in die Verschönerung der Stadt stemmen, während die öffentlichen Kassen immer klammer werden. POPS mögen Vor- und Nachteile haben – sie bleiben aber wichtige Areale, die wir Architekten als öffentliche Plätze in modernen Städten mitgestalten können.
Ein gutes Beispiel aus jüngster Zeit ist die neue Europazentrale von Bloomberg in der Londoner City. Dort konnten wir unsere Vorstellungen für den öffentlichen Raum um das Gebäude herum einbringen. Mit den Bloomberg-Arkaden wurde ein verbauter Abschnitt der antiken Römerstraße Watling Street, die einst London und Wales miteinander verband, wieder geöffnet. Die Arkaden durchschneiden den Komplex in der Mitte, sodass viel mehr Fußgänger die engen alten Gassen rund um das Gebäude beleben. Gleichzeitig locken neue Restaurants und Cafés zum Besuch in die überdachte Kolonnade. Elegante Anlagen laden Berufstätige und Besucher ein, auf den öffentlichen Flächen um den Neubau zu verweilen – ganz im Sinne von Michael Bloomberg, der ein „guter Nachbar“ sein möchte. Cristina Iglesiasʼ Wasserskulptur Forgotten Streams ist eine Hommage an den Walbrook River, der einst dort floss: ein Ort der Ruhe inmitten des geschäftigen Kommens und Gehens in der Stadt.
Die maroden Bauwerke aus der Vorkriegszeit mussten dringend ersetzt werden, das gab den Anstoß für das Projekt. Die Stadt Stockholm nutzt die Gelegenheit, diesen wichtigen Teil der Hauptstadt zu einem neuen Anziehungspunkt zu machen, an dem Fahrzeuge und Fußgänger sich nicht ins Gehege kommen und öffentliche Flächen durch den direkten Zugang zum Wasser an Attraktivität gewinnen. Trotzdem soll die Stadt an diesem historischen Ort ihren Charakter bewahren. Das wurde bei der Dimensionierung und Detailplanung bewusst berücksichtigt. Die Herausforderung von Slussen bestand darin, ein Freizeitgelände an einem Ort zu schaffen, der fast zehn Jahre lang nur als unterirdischer Verkehrsknoten genutzt wurde. In Slussen wird nicht nur die Verkehrsinfrastruktur modernisiert und gegen den steigenden Meeresspiegel geschützt. Hier entsteht ein neuer, attraktiver Ort in der Stadt – mit mehr begehbaren Flächen, einem öffentlichen Park, Freiflächen am Ufer und einem besseren Hochwasserschutz.
Nachhaltigkeit bedeutet letztlich, Mensch und Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wir wollen Orte in Einklang mit der Natur gestalten, nicht gegen sie. Die meisten Städte sind heute von der Natur abgeschnitten. Gut gestaltete Freiflächen, inspiriert durch den biophilen Wunsch, die Natur in die Stadt zu holen, geben den Menschen wieder die Möglichkeit, Natur zu erleben. Das trägt nicht nur zum Wohlbefinden bei. Die Natur hat auch einen starken Einfluss auf die thermische Behaglichkeit – und dieser Effekt dürfte mit dem Klimawandel noch zunehmen. Zuvor entwickelte Areale wiederbegrünen und Viertel schaffen, in denen sich urbanes Leben und Parks, Fußgänger- und Fahrverkehr, Altes und Neues ausgewogen miteinander verbinden – das bestimmt unsere Herangehensweise bei der Gestaltung öffentlicher Räume.
Mailand beispielsweise ist von ehemaligen Industriegebieten umgeben, die umgestaltet und als nachhaltige Stadtviertel zu neuem Leben erweckt werden können. Wir entwickeln das Konzept zur Revitalisierung des Vororts Milano Santa Giulia, der von seiner Größe und Lage her und dank der hervorragenden Verkehrsanbindung beste Voraussetzungen dazu bietet. Der öffentliche Raum – nach den Bedürfnissen einer bunt gemischten Einwohnerschaft und vieler Besucher gestaltet – spielt dabei eine Hauptrolle. Deshalb soll mitten durch das neue Stadtviertel eine Promenade verlaufen, die mehrere öffentliche Plätze miteinander verbindet. Umweltschutz und Ökologie wurden konsequent auf allen Ebenen der Planung berücksichtigt – von den Grünflächen und der Ausrichtung der Gebäude über ihre flexible Nutzbarkeit und Lebensdauer bis hin zu den Baumaterialien und dem Energieverbrauch der Häuser. In Santa Giulia soll sich das lebhafte Stadtleben mit dem beruhigenden Einfluss der Natur verbinden und eine Umgebung schaffen, in der sich die Menschen zu Hause fühlen.
Grün-blaue Infrastruktur
Mit der sogenannten „grün-blauen Infrastruktur“ lassen sich naturnahe Lösungen einbinden. Das hilft, die Temperatur in Städten stabil zu halten, und schützt wirksam vor Überschwemmungen. Naturnahe Lösungen spielen auch eine wichtige Rolle für die biologische Vielfalt und für ökologische Korridore, in denen heimische Spezies einen Lebensraum finden. Und mit Blick auf die Ernährungskrise kann die urbane Landwirtschaft in Zukunft sogar einen Teil unserer Nahrungsmittel erzeugen.