Vor der Küste der Normandie liegt die Straße von Alderney – eine natürliche Engstelle, durch die das Meer alle sechs Stunden mit gewaltiger Kraft strömt. Ebbe und Flut wirken hier wie durch einen Trichter. Genau an diesem Ort plant ein französisches Unternehmen, beraten durch die Europäische Investitionsbank, eine kleine Revolution für saubere Energie.
Die Kraft bändigen
Gezeitenkraft nutzt den steten Wechsel von Ebbe und Flut, um Strom zu erzeugen. Anders als Wind oder Sonne machen die Gezeiten keine Pause. Angetrieben von der Anziehungskraft des Mondes erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 22 Kilometern pro Stunde und wechseln alle sechs Stunden die Richtung. Wasser ist rund 800 Mal dichter als Luft. Sein Energiepotenzial ist gewaltig – und genau vorhersagbar.
Doch diese Kraft zu bändigen, ist alles andere als einfach. Die Turbinen müssen Tag und Nacht Millionen Kubikmeter bewegten Salzwassers aushalten. Gleichzeitig gilt es, das Meeresleben zu schützen, chemische und akustische Belastungen zu vermeiden – und zu verhindern, dass Fische oder Meeressäuger wie Orcas sich verletzen. Und letztendlich muss sich eine solche Anlage trotz hoher Wartungskosten auch wirtschaftlich tragen.
Das französische Unternehmen Normandie Hydroliennes will 2028 in der Straße von Alderney ein Pilotkraftwerk in Betrieb nehmen. Vier riesige Turbinen mit jeweils 24 Metern Durchmesser sollen dort an der flachsten Stelle in 38 Metern Tiefe verankert werden.
Der Durchbruch? Dank ihrer horizontalen Achse können die Turbinen die Strömungsenergie in beide Richtungen nutzen. Hinzu kommen kostensparende Innovationen, etwa ein Unterwasser‑Knoten, der den Strom aus allen Turbinen bündelt und über ein einziges Kabel an Land leitet. Das senkt die Kosten und macht den Weg zur industriellen Nutzung frei.
Laufen künftig alle vier Turbinen auf Volllast, liefern sie Strom für rund 15 000 Menschen. Das entspricht einer Stadt wie Le Bourget.
Erfahrung investieren
Im März 2025 erhielt das Pilotprojekt einen Zuschuss von 31,3 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds der Europäischen Kommission. Ergänzend unterstützte die EIB die Projektentwicklung mit Beratung unter dem Innovationsfonds.
Mit dieser Beratung fördert sie Projekte für neue Technologien, die den Ausstoß von Treibhausgasen senken. Seit 2021 hat die Bank bereits Dutzende Innovationen in weniger als vier Jahren bis zur Marktreife begleitet.
Für Normandie Hydroliennes bildete die EIB ein Team aus internen Fachleuten für erneuerbare Energien und Finanzen, unterstützt von externen Beratern. Über vier bis sechs Monate arbeiteten sie gemeinsam an Finanzmodellen, einer unabhängigen Technikprüfung sowie an Markt‑ und Machbarkeitsstudien.