Gleichzeitig hat das Wachstum in den Schwellenländern wesentlich dazu beigetragen, extreme Armut zu verringern und das Leben von Millionen Menschen zu verbessern.
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Zeit für neues Denken in der Wirtschaft
Von 1900 bis 2000 ist der materielle Wohlstand in den am weitesten entwickelten Volkswirtschaften beispiellos gewachsen: Das globale Bruttoinlandsprodukt stieg um das 20-Fache. Dadurch können sich immer mehr Menschen Konsumgüter leisten. Gleichzeitig hat das Wachstum in den Schwellenländern wesentlich dazu beigetragen, extreme Armut zu verringern und das Leben von Millionen Menschen zu verbessern. Allerdings basierte dieser Fortschritt auf dem Prinzip der sogenannten Linearwirtschaft – „produzieren, konsumieren und wegwerfen“. Das heißt: Der Mensch baut Rohstoffe ab, stellt daraus Produkte her und wirft sie nach Gebrauch weg.
Fit für die Zukunft
Die Kreislaufwirtschaft – der Gegenentwurf zum verschwenderischen Umgang der Linearwirtschaft mit Ressourcen – hat in den letzten Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. Zusammen mit der Energiewende kann sie eine ökonomische Entwicklung anstoßen, die Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt gleichermaßen nützt. Dabei wird die Wertschöpfung schrittweise vom Verbrauch endlicher Ressourcen entkoppelt. Die Kreislaufwirtschaft bietet kleinen und großen, lokalen und globalen, privaten und öffentlichen Organisationen neue Chancen. Daraus kann eine vernetzte, vielfältige Wirtschaft entstehen, an der alle teilhaben.
Städte – Ballungsräume für Ressourcen
In Städten konzentrieren sich Ressourcen, Kapital, Daten und Talente. Mit der weltweiten Urbanisierung wird der Anteil der Städte am wirtschaftlichen Wohlstand immer größer. Folglich spielen sie auch eine zentrale Rolle bei der Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft.
Stadtplaner und andere Entscheidungsträger können die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft nutzen, um ein regeneratives urbanes System zu schaffen. Beim Bauen kann mit vorgefertigten Elementen und neuen Technologien wie dem 3D-Druck der Bauabfall erheblich reduziert werden. Dank digitaler Plattformen lassen sich Gebäude zeitlich gestaffelt besser auslasten (selbst in den Kernarbeitszeiten sind Büros in Europa im Durchschnitt nur zu 40 Prozent belegt). Wenn Gebäude modular geplant und leicht demontierbar sind, können sie problemlos wiederverwendet oder als Materialbanken genutzt werden. Für eine bessere Mobilität können Städte ihre Verkehrssysteme bedarfsgerecht und emissionsfrei gestalten. Gemeinsam genutzte Fahrzeuge werden in den öffentlichen Verkehr integriert. Dadurch werden weniger Privatfahrzeuge benötigt, die insgesamt ohnehin viel zu wenig ausgelastet sind (in Europa stehen Autos im Durchschnitt zu 92 Prozent auf dem Parkplatz).
Besserer Service für weniger Geld
Die Geschäftsmodelle der Kreislaufwirtschaft ermöglichen es, Ressourcen effektiv zu nutzen. Sie stärken die Kundenbeziehungen, weil sie besseren Service für weniger Geld bieten. Im Stadtbild allgegenwärtige Produkte wie Autos und Fahrräder können so gebaut werden, dass sie langlebig sind und sich leicht warten, reparieren, wiederaufbereiten und recyceln lassen. Über digitale Peer-to-Peer-Plattformen können sie von vielen Menschen gemeinsam genutzt werden.
Beschleuniger des Wandels
Die Vorteile der Kreislaufwirtschaft werden immer deutlicher. Vier Bereiche sind wichtig, damit sie richtig Fahrt aufnehmen kann.
Digitale Innovation
Neue digitale Technologien sind ein Schlüssel für die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft. Durch sie lässt sich die Frage nach dem Ursprung wertvoller Produkte und Materialien leichter beantworten, und sie lassen sich in Echtzeit nachverfolgen. Geschäftsmodelle der Kreislaufwirtschaft basieren zunehmend auf Cloud Computing, Data Mining, Machine-to-Machine- Kommunikation und der Blockchain-Technologie.
Beispiel Internet der Dinge, kurz IoT: Der multinationale IT-Konzern Hewlett Packard bietet mit seiner Anwendung Instant Ink Privatpersonen und kleinen Unternehmen ein Abonnementmodell für Tintenpatronen an. Geht die Tinte im vernetzten Drucker allmählich zur Neige, schickt HP seinen Kunden Ersatzkartuschen und vorfrankierte Umschläge für die Rücksendung der leeren Patronen. So kann der Verbraucherelektronik-Hersteller sein Produkt zurückholen und immer wieder verwenden.
Geeignete Rahmenbedingungen
Behörden auf allen Ebenen können die Umstellung erleichtern, indem sie förderliche Rahmenbedingungen schaffen. Dazu sind entsprechende Richtlinien, eine geeignete Infrastruktur und transparente Prozesse nötig. In Europa hat die Europäische Kommission mit der Verabschiedung des Pakets zur Kreislaufwirtschaft im Dezember 2015 die Führung übernommen. Das Paket soll in der Industrie neue Entwicklungen anstoßen, die mit Umweltzielen in Einklang stehen. Seither haben mehrere nationale Regierungen Strategien für die Kreislaufwirtschaft verabschiedet. Länder wie Finnland, Frankreich, Slowenien und Italien haben kürzlich nationale Roadmaps vorgelegt. Auch Städte sind mit von der Partie: Amsterdam, Paris, London und Brüssel haben Strategien für die Kreislaufwirtschaft entwickelt, die den Schwerpunkt auf Unternehmensinnovationen legen. Europa ist mit diesen Bemühungen längst nicht allein. China hat Anfang der 2000er-Jahre Strategien für die Kreislaufwirtschaft verabschiedet. In seinem jüngsten Strategieportfolio 2017 stellt das Land Lösungen zur Designpolitik und für eine erweiterte Herstellerverantwortung vor.
Viel mehr Zusammenarbeit
Selbst mit den besten Absichten werden die meisten Unternehmen und Regierungen wenig erreichen, wenn sie die Kreislaufwirtschaft allein verfolgen. Unternehmen müssen überdenken, wie sie zusammenarbeiten, denn Veränderungen auf Systemebene lassen sich nur gemeinsam erreichen. So müssen beispielsweise Konstrukteure und Hersteller eng mit Entsorgern, Stadtplanern und Regierungen kooperieren. Zusammen stellen sie die erforderlichen Infrastrukturen und Mechanismen sicher, die benötigt werden, um ihre Produkte wiederzuverwenden. Ein gutes Beispiel dafür wäre die Entwicklung eines neuen Systems für Einweg-Kunststoffverpackungen.
Ein gutes Beispiel dafür wäre die Entwicklung eines neuen Systems für Einweg-Kunststoffverpackungen. Die Industrie muss einen gemeinsamen Weg für die Produktentwicklung (Materialien und Formate) und Entsorgung (Sammeln, Sortieren und Wiederverarbeiten) finden. Nur so werden Wiederverwendung und Recycling letztlich wirtschaftlicher als Deponierung oder Verbrennung sein.
Eine vorwettbewerbliche Zusammenarbeit ist vor allem bei globalen und komplexen Materialströmen wie bei Kunststoffen, Textilien und Lebensmitteln dringend erforderlich. Alle, die Einfluss darauf haben, wie Materialien verwendet werden, müssen eine gemeinsame Vision verfolgen und sich dafür engagieren. Nur dann werden Kreisläufe entstehen. Ein erfreulicher Schritt auf diesem Weg ist getan: Im Oktober 2018 verpflichteten sich 250 Organisationen dazu, Plastikmüll zu vermeiden und die Verschmutzung mit Kunststoffen einzudämmen. Damit sind wir einer Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe ein kleines Stückchen näher gerückt. Unter den Unterzeichnern befinden sich viele der weltweit größten Verpackungsproduzenten, Marken, Einzelhändler und Recycler sowie Regierungen und NGOs. Auf die beteiligten Unternehmen entfallen 20 Prozent der weltweit produzierten Plastikverpackungen.
Zugang zu Kapital
Mit dem Ausbau solcher Lösungen für die Kreislaufwirtschaft werden sich viele neue Investitionsmöglichkeiten eröffnen. Wie Studien zeigen, müssten in Europa weitere 320 Milliarden Euro in drei große Themenbereiche investiert werden, um die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Vorteile der Kreislaufwirtschaft auszuschöpfen. Beim Bauen könnten 115 Milliarden Euro in die Planung von Mehrzweck-Modulgebäuden, in eine bessere Wiederverwendung von Bauabfällen und in die Stadtplanung investiert werden. 135 Milliarden Euro könnten investiert werden, um gemeinsam genutzte Fahrzeuge in den öffentlichen Verkehr einzubinden, um emissionsfreie Autos herzustellen, die sich für eine Refabrikation eignen, und um eine Rücknahmelogistik für Fahrzeuge aufzubauen. Die Lebensmittelbranche könnte mit 70 Milliarden Euro regenerative landwirtschaftliche Methoden einführen, Nährstoffkreisläufe schaffen, neue Technologien wie Aquaponik vorantreiben und neue Proteinquellen erschließen. Für diese Investitionen reichen schon bescheidene Reformen in der Politik oder Maßnahmen der Industrie aus. Aber sie würden enorm wichtige Innovationen der Kreislaufwirtschaft ermöglichen.
Nach und nach drehen die Kapitalgeber den Geldhahn auf. Im September kündigte die italienische Bankengruppe Intesa Sanpaolo an, mit bis zu fünf Milliarden Euro im Zeitraum 2018–2021 Unternehmen zu unterstützen, die innovative Ideen für die Kreislaufwirtschaft haben. Die niederländische Bankengruppe ING veröffentlicht Analysen über die finanziellen Vorteile der Kreislaufwirtschaft, entwickelt mit Kunden Geschäftsideen und -pläne und schafft eine Marktnachfrage für entsprechende Produkte. Auch öffentliche Mittel stehen zur Verfügung. Die EU will die Forschung und Innovation für die Kreislaufwirtschaft mit 650 Millionen Euro aus dem Programm „Horizont 2020“ und die Abfallwirtschaft mit 5,5 Milliarden Euro aus den Struktur- und Investitionsfonds unterstützen. Die Europäische Investitionsbank hat in den letzten fünf Jahren in den EU-Mitgliedstaaten 2,4 Milliarden Euro an Kofinanzierungen für Kreislaufprojekte bereitgestellt und neben Krediten und anderen Instrumenten auch finanzielle und technische Beratung angeboten.
Wie lässt sich weiteres Kapital von der Linearwirtschaft in die Kreislaufwirtschaft umlenken? Eine Möglichkeit wäre, Geschäftsideen auf ihre „Kreislauffähigkeit“ zu überprüfen. Wenn solche Prüfungen robust und einfach sind, werden Investoren sie vielleicht auf breiter Ebene anwenden, weil sie dann potenziell lukrative Chancen leichter erkennen können. Eine andere Möglichkeit: Geldgeber werden damit gelockt, dass der Kreislaufgedanke von Anfang an in Projekte eingebunden wird. Der Wiederverwendungswert der Produkte oder Anlagen würde steigen, das Risiko einer teuren Stilllegung abnehmen. Das ließe sich auch auf Energieinfrastruktur, Immobilien und Schiffe übertragen. Außerdem müsste der kurzfristige Finanzierungsbedarf von Geschäftsmodellen der Kreislaufwirtschaft überdacht werden. Bei Produkten, die auf Tagesbasis genutzt werden, wird beispielsweise mehr Betriebskapital benötigt, da es mitunter Jahre dauern kann, bis die Produktionskosten gedeckt sind. Dadurch steigt zwar das Kreditrisiko des Kunden, gleichzeitig nimmt jedoch das Rohstoffpreisrisiko ab. Eventuell lässt sich ja der größere Vorteil niedrigerer künftiger Produktionskosten über ein Leasingmodell auf Nutzer, Hersteller und Finanzierer verteilen. Die Finanzierung der Kreislaufwirtschaft steckt noch in den Kinderschuhen. Neue Ideen müssen her.
Ausblick
Der Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft hat begonnen. Unternehmen, Regierungen, NGOs und Investoren marschieren bereits in diese Richtung. Wir sehen das immer deutlicher an den Lieferketten. Immer mehr Länder entwickeln eine Strategie für die Kreislaufwirtschaft. In den Städten schießen Makerspaces, Sharing-Plattformen und Peer-to-Peer-Initiativen aus dem Boden. Was besonders hervorzuheben ist: Es kommt allmählich in den Köpfen an, dass die Kreislaufwirtschaft jede Menge Geschäftschancen bietet und gleichzeitig zu den ökologischen und sozialen UN-Nachhaltigkeitszielen beitragen kann. Jetzt müssen sich alle mit ganzer Kraft für eine wirklich regenerative Wirtschaft einsetzen – eine Wirtschaft, die langfristig funktioniert.
Der nachfolgende Text gibt die Ansicht der Autoren wieder, die nicht unbedingt der Sichtweise der Europäischen Investitionsbank entspricht.
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Fußnoten
[1] Ellen MacArthur Foundation, The New Plastics Economy: Rethinking the Future of Plastics, 2016
[2] Ellen MacArthur Foundation, SUN, McKinsey Center for Business and Environment, Growth Within: A Circular Economy Vision for a Competitive Europe, 2015
[3] Ellen MacArthur Foundation, The Circular Economy Opportunity for Urban & Industrial Innovation in China, 2018
[4] Ellen MacArthur Foundation, SUN, and McKinsey Center for Business and Environment, Growth Within: A Circular Economy Vision for a Competitive Europe, 2015
Quellenangaben
- ABN AMRO, ING, Rabobank: Circular Economy Finance Guidelines, Amsterdam, 2018
- Benyus, J., Biomimicry: Innovation Inspired by Nature; Harper Collins: New York, 2002
- Braungart, M. und McDonough, W., Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things, North Point Press, New York, 2002
- Ellen MacArthur Foundation: A New Textiles Economy: Redesigning fashion’s future, 2017
- Ellen MacArthur Foundation: Circular Economy in India: Rethinking Growth for Long-Term Prosperity, 2016
- Ellen MacArthur Foundation: The Circular Economy Opportunity for Urban and Industrial Innovation in China, 2018
- Ellen MacArthur Foundation: The New Plastics Economy: Rethinking the Future of Plastics, 2016
- Ellen MacArthur Foundation: Towards a Circular Economy Vol. 1, 2012
- Ellen MacArthur Foundation: Towards a Circular Economy Vol. 2: Opportunities for the Consumer Goods Sector, 2013
- Ellen MacArthur Foundation: Towards a Circular Economy Vol. 3: Accelerating the Scale-up Across Global Supply Chains, 2014
- Europäische Investitionsbank: Access to Finance for a Circular Economy
- Europäische Investitionsbank: Circular Economy Guide
- Heck, S. und Rogers, M.: Resource Revolution: How to Capture the Biggest Business Opportunity in a Century, 2014
- ING Economics Department: Rethinking Finance in a Circular Economy: Financial Implications for Business Models, 2015
- Stahel, W.H. Nature. 2016, 531, 435–438- SYSTEMIQ, in Zusammenarbeit mit der Ellen MacArthur Foundation und unterstützt von SUN, Achieving Growth Within, London, 2017
- Working Group FinanCE: Money Makes the World Go Round (And Will It Help to Make the Economy Circular As Well?), 2016