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©ESA–Pierre Carril, 2015
  • Europa verliert gegenüber den USA und neuen privaten Wettbewerbern an Boden, da Technologieführern in der EU privates Kapital fehlt
  • Europa muss private Investitionen für die Raumfahrt mobilisieren und seine bisherigen Erfolge und seinen technologischen Vorsprung nutzen
  • Neues „Forum für Raumfahrtfinanzierung“ könnte zur Entwicklung neuer Angebote führen

Ambroise Fayolle, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB), und Elżbieta Bieńkowska, EU-Kommissarin für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU haben heute anlässlich der 11. Konferenz zur Europäischen Raumfahrtpolitik einen neuen Bericht über „Die Zukunft des europäischen Raumfahrtsektors“ vorgestellt. Der Bericht wurde von InnovFin – Beratung der EIB und von der Europäischen Plattform für Investitionsberatung erstellt. Dabei handelt es sich um zwei gemeinsame Initiativen der Europäischen Kommission und der EIB im Rahmen des Programms Horizont 2020 bzw. der Investitionsoffensive für Europa. Im Bericht werden das aktuelle Investitionsumfeld in der Raumfahrtindustrie analysiert, Lücken im Finanzierungsangebot ermittelt und wichtige Empfehlungen und Lösungsvorschläge zur Verbesserung des Status Quo gemacht.

EIB-Vizepräsident Ambroise Fayolle, der die Aufsicht über Finanzierungen im Bereich Innovation hat: „Der jüngste Bericht der EIB über die Finanzierung technologischer Fortschritte zeigt, welche disruptiven Kräfte den Raumfahrtsektor umwälzen und alte und neue Akteure gleichermaßen herausfordern. Er enthält einen klaren Fahrplan dafür, wie wir dringend benötigtes privates Kapital mit unseren vorhandenen nationalen und EU-weiten öffentlichen Förderprogrammen mobilisieren können.“

EU-Kommissarin Elżbieta Bieńkowska: „Der fehlende Zugang zu Finanzierungsmitteln bremst die europäischen Raumfahrtunternehmen nach wie vor dabei aus, innerhalb und außerhalb Europas ihr volles Potenzial zu entfalten. In der Weltraumstrategie für Europa 2016 kennzeichnete die Kommission den Zugang zu Finanzierungen deswegen als strategischen Bereich. Wir haben somit dem Thema Finanzierungen im EU-Weltraumprogramm für den nächsten Haushaltszeitraum von 2021 bis 2027 einen besonderen Stellenwert eingeräumt. Im Zusammenspiel mit den Programmen Horizont Europa und InvestEU wird das EU-Weltraumprogramm einheitlichen, aufeinander abgestimmten Finanzierungsinstrumenten, die eigens für europäische Raumfahrtunternehmen gedacht sind, den Weg ebnen. Wir müssen von der Idee bis hin zur Geschäftsentwicklung nahtlos zusammenarbeiten, um das Raumfahrt-Ökosystem zu stärken. Mithilfe der Erkenntnisse aus dem Bericht werden wir intelligente Finanzierungslösungen entwickeln und anbieten und so die Investitionen in den europäischen Raumfahrtsektor ankurbeln können. Dies ist ein wichtiger Schritt, damit Europa einen eigenen Ansatz für die „New-Space“-Industrie entwickeln kann.“

Finanzierungsmittel für den europäischen Raumfahrtsektor

Dem Bericht zufolge hat der europäische Raumfahrtsektor mit ähnlichen Finanzierungshürden zu kämpfen wie andere Technologiesektoren auch. Dies betrifft besonders die Wachstums- und die Kommerzialisierungsphase. Europäische Raumfahrtunternehmen benötigen vor allem für FuE-Aktivitäten sowie für die Produktentwicklung Geld – am liebsten in Form von Risikokapital oder Private Equity. Nach Ansicht der Unternehmen mangelt es jedoch an Geldquellen, da es nur eine begrenzte Zahl von europäischen Raumfahrtfonds gibt. Deswegen halten sie Ausschau nach Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb der EU. Besonders in den USA sind die Finanzierungsrunden größer und Investoren mit höherer Risikobereitschaft ziehen europäische Unternehmen an. Das mangelnde Expansionskapital in Europa ist ein schweres Handicap, das Fachkräfte und ganze Unternehmen oft dazu bringt, abzuwandern.

Im Vergleich zum privaten Sektor ist die öffentliche Förderlandschaft in Europa recht gut ausgeprägt. Europäische Raumfahrtunternehmen betonen, welch wichtige Rolle öffentliche Innovationsinstrumente spielen. 40 Prozent der befragten Unternehmen wollen mithilfe öffentlicher Mittel private Investitionen mobilisieren. Den Unternehmen fällt es jedoch schwer, sich in den verschiedenen Finanzierungsangeboten zurechtzufinden – es fehlt an einheitlichen, aufeinander abgestimmten Finanzierungsinstrumenten eigens für Raumfahrtunternehmen.

Laut dem Bericht ist das Investitionsumfeld in Europa insgesamt suboptimal und erschwert die Kommerzialisierung von Raumfahrttechnologien. Gleichzeitig wird auf den bereits getätigten FuE-Investitionen nicht aufgebaut.

Lesen Sie hier den vollständigen Bericht.

Wichtigste Empfehlungen zur Ankurbelung des europäischen Raumfahrtsektors

Der Bericht enthält die Empfehlung, die öffentliche Förderung des europäischen Raumfahrtökosystems flexibler zu gestalten und besser auf die Kommerzialisierung auszurichten. Die EU-Institutionen sollten sich deshalb darauf konzentrieren, den Zugang zu Risikokapital zu verbessern und zusätzliche private Investitionen zu mobilisieren. Dabei sollten sie auf den Erfahrungen mit dem Europäischen Fonds für strategische Investitionen (EFSI) aufbauen, der in den vergangenen dreieinhalb Jahren mehr als 370 Milliarden Euro für Investitionen in strategische und innovative Projekte in Europa anstieß.

Zudem wird die Einrichtung eines „Forums für Raumfahrtfinanzierung“ empfohlen. Darin sollen Vertreterinnen und Vertreter der Gebergemeinschaft, der Wissenschaft, der Politik und der Industrie gemeinsam innovative Finanzierungslösungen entwickeln, da Raumfahrt und Finanzwelt jeweils nur über einseitiges Know-how verfügen. Ein regelmäßiges Forum könnte Informationslücken schließen, indem es wichtige Anspruchsgruppen zusammenbringt, konkreten Bedarf ermittelt und mögliche neue Finanzierungsmodelle und (gemeinsame) Finanzierungslösungen beleuchtet.

Warum die Raumfahrt wichtig ist

Die globale Raumfahrtindustrie hatte 2017 ein Volumen von 309 Milliarden Euro, nachdem sie zwischen 2005 und 2017 um durchschnittlich 6,7 Prozent pro Jahr gewachsen war. Damit wuchs sie fast zweimal so stark wie die globale Wirtschaft, deren Volumen jährlich um durchschnittlich 3,5 Prozent zunahm. Dieses Wachstum ist maßgeblich auf den weltweiten „New Space“-Trend zurückzuführen. Dahinter verbergen sich eine Reihe von innovativen Technologien und Geschäftsmodellen, die die Kosten drastisch gesenkt, neue Produkte und Dienstleistungen hervorgebracht und dadurch auch den Kundenkreis erweitert haben.

Europa war in der Vergangenheit ein Vorreiter in der Raumfahrt und hat massiv in die Raumfahrtinfrastruktur investiert, z. B. durch die Programme „Copernicus“ und „Galileo“. Es zeichnet sich nach wie vor durch akademische und wissenschaftliche Exzellenz aus. Der EIB-Bericht unterstreicht aber, dass Europa bei der nächsten Welle der Raumfahrtinnovationen den Anschluss verpassen könnte, wenn es nicht mehr Investitionen in den New-Space-Sektor ankurbelt.

Der europäische Raumfahrtsektor ist jedoch nicht nur enorm gewachsen, sondern hat auch den Alltag in vielfacher Hinsicht verbessert:

  • Hilfe bei Naturkatastrophen: 2017 konnten Rettungsteams mithilfe von Copernicus-Karten z. B. das Ausmaß und die Schwere von Waldbränden (Italien, Spanien, Griechenland und Portugal), Erdbeben (Mexiko), Hurrikans (Länder, die von den Hurrikans Harvey, Irma und Maria heimgesucht wurden) und Überschwemmungen (Irland, Deutschland) erkennen.
  • Seenotrettungen: Copernicus unterstützt die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache bei ihren Missionen im Mittelmeer und hilft ihr, unsichere Schiffe aufzuspüren und Menschen zu retten. Galileo kann weltweit in allen Handelsschiffen eingesetzt werden und ermöglicht eine größere Genauigkeit und eine stabilere Ortung und damit eine sicherere Navigation.
  • Such- und Rettungsdienst: Mithilfe eines neuen Galileo-Diensts kann eine Person, die mit einem Notfallsender ausgerüstet ist, an den verschiedensten Orten – im Meer, in den Bergen, in der Wüste oder in der Stadt – innerhalb von maximal zehn Minuten aufgespürt werden.
  • Überwachung von Ölverschmutzungen: Die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) nutzt Copernicus-Daten, um auslaufendes Öl und Schiffe zu überwachen.
  • Flugzeuglandungen: 350 Flughäfen in fast allen EU-Ländern nutzen EGNOS, die Europäische Erweiterung des geostationären Navigationssystems, das die Landung bei schwierigen Wetterbedingungen sicherer macht. Dadurch werden Verspätungen und Umleitungen vermieden.
  • Verkehrssicherheit: Seit April 2018 wird Galileo in alle neuen Automodelle integriert, die in Europa verkauft werden, und unterstützt das Notfallsystem eCall. Ab 2019 wird es in die digitalen Fahrtenschreiber von Lkw eingebaut, um dafür zu sorgen, dass Lenk- und Ruhezeiten eingehalten und die Sicherheit auf der Straße verbessert werden.
  • Landwirtschaft: 80 Prozent aller Landwirtinnen und Landwirte, die die Satellitennavigation für die Präzisionslandwirtschaft nutzen, sind EGNOS-Nutzer. Copernicus-Daten werden für die Überwachung von Kulturen und für die Erntevorausschätzung herangezogen.

Hintergrundinformationen

Die Europäische Kommission und die EIB-Gruppe (EIB und EIF) haben für das EU-Forschungs- und Innovationsprogramm „Horizont 2020“ (2014–2020) eine neue Generation von Finanzierungsinstrumenten und Beratungsdiensten entwickelt, um innovativen Unternehmen den Zugang zu Krediten zu erleichtern. Durch die maßgeschneiderten Produkte von InnovFin – EU-Mittel für Innovationen werden mehr als 15 Milliarden Euro für Forschung und Innovation (FuI) bereitgestellt. Die Finanzierungen sind für kleine, mittlere und große Unternehmen bestimmt sowie für Projektträger, die in Forschungsinfrastruktur investieren. Es wird erwartet, dass diese Mittel FuI-Investitionen von bis zu 48 Milliarden Euro anstoßen.

InnovFin – Beratung ist eine gemeinsame Initiative der Europäische Kommission und der EIB im Rahmen des Programms Horizont 2020: Sie soll dazu beitragen, dass Projekte mit einem hohen langfristigen Finanzierungsbedarf die Voraussetzungen für eine Bankfinanzierung erfüllen und für Investoren interessant werden. Das Produkt soll helfen, risikoreiche FuI-Vorhaben leichter zu finanzieren und themenspezifische Investitionsplattformen einzurichten. Die Kunden werden in erster Linie Träger von FuI-Projekten sein, die in Horizont 2020 genannte „Gesellschaftliche Herausforderungen“ angehen. InnovFin – Beratung bietet eine breite Palette sektorübergreifender Aktivitäten. Vielen innovativen Unternehmen wurde dadurch schon der Zugang zu Finanzierungen der EIB und/oder anderer Geldgeber erleichtert.

Die Europäische Plattform für Investitionsberatung wurde als gemeinsame Initiative der Europäischen Kommission und der Europäischen Investitionsbank im Rahmen der Investitionsoffensive für Europa eingerichtet. Sie bietet Zugang zu Programmen und Initiativen für technische Hilfe und Beratung und greift dabei auch auf ihr Netzwerk von Partnerinstituten zurück. Projektträger, Behörden und private Unternehmen bekommen hier technische Hilfe, um ihre Vorhaben auf den Weg zu bringen und für Investoren attraktiv zu machen. Sie erhalten Informationen über geeignete Finanzierungsquellen und Zugang zu einer einzigartigen Bandbreite von technischem und finanziellem Know-how.