Suche starten DE menü Kundenportal der EIB-Gruppe
Suche starten
Ergebnisse
Top-5-Suchergebnisse Alle Ergebnisse anzeigen Erweiterte Suche
Häufigste Suchbegriffe
Meistbesuchte Seiten

Worum geht es?

Wie die Energiewende Europa gegen Gas- und Ölpreisschocks wappnet, die durch den Konflikt im Nahen Osten bedingt sind.

Warum ist das so wichtig?

Seit der Energiekrise 2022 stärkt die EU mit massiven Investitionen in Erneuerbare ihre Energiesicherheit. Damit senkt sie Importkosten und federt die wirtschaftlichen Folgen volatiler Öl- und Gaspreise ab.

Die Geschichte in Zahlen

Erneuerbare lieferten 2024 und 2025 rund die Hälfte des Stroms in der EU und reduzierten damit drastisch Europas Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten.

Irans Blockade der Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent der globalen Öl- und Flüssigerdgaslieferungen fließen, hat die Energiemärkte erschüttert. Das droht weltweit das Wirtschaftswachstum zu bremsen.

Die letzte Energiekrise traf die europäische Wirtschaft 2022 mit voller Wucht, als Russlands Angriff auf die Ukraine die Öl- und Gaspreise explodieren ließ. Als Reaktion investierten die EU‑Staaten Hunderte Milliarden Euro in saubere Energien – in der Hoffnung, sich besser gegen künftige Schocks zu schützen. Doch wie erfolgreich war diese Wende wirklich? Hat sich Europa aus der Abhängigkeit von volatilen fossilen Energiemärkten gelöst?

Die Antwort ist komplex. Der Umstieg auf saubere Energie schützt Europas Haushalte und Unternehmen bis zu einem gewissen Grad. Seit der Energiekrise von 2022 investiert Europa massiv in Erneuerbare wie Wind- und Solarkraft. 2024 und 2025 deckten diese Anlagen rund die Hälfte des Strombedarfs. Wind und Sonne allein reichten aus, um alle Haushalte in der EU mit Strom zu versorgen.

Doch die europäische Wirtschaft bleibt anfällig für Ölpreisschwankungen – besonders im Verkehrssektor. Zudem wurde sie abhängig von Flüssigerdgas (LNG), als die russischen Gaslieferungen während des Schocks 2022 versiegten. Erdgas ist eine wichtige Heizenergiequelle. Nach einem relativ kalten Winter muss Europa nun seine LNG-Vorräte wieder auffüllen – möglicherweise zu 70 Prozent höheren Preisen, sollte der Konflikt andauern.

„Das ist der Preis, den wir für den Import von Öl und Gas zahlen. Die Frage ist nicht, ob der Krieg die Versorgung stört, sondern wie lange er die Preise hochhält“, sagt Fotios Kalantzis, Senior Economist bei der Europäischen Investitionsbank und Experte für Klima und Energiewende. „Die einzige langfristige Lösung ist der Ausbau sauberer Infrastruktur und die Abkehr von fossiler Energie.“

Hier erfahren Sie anhand von fünf Grafiken aus dem Investitionsbericht 2025/2026 der EIB (Chapter 6: Securing Europe’s green and competitive future), wie Europa bei der Energiewende vorankommt, welche aktuellen Hürden bestehen und wie der Weg in die Zukunft aussehen kann.

EU-Investitionen in saubere Energie legen kräftig zu

Getragen wurde dieser Investitionsschub von weitreichenden politischen Reformen nach der Energiekrise von 2022. Sie verdeutlichten Europas Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten und verstärkten den politischen Rückhalt von Erneuerbaren und Energieeffizienz. Gleichzeitig gingen die Investitionen in fossile Energien im Zeitraum 2015–2020 von 46 Milliarden Euro auf 27 Milliarden Euro zurück. Lediglich die kurzfristigen Investitionen in die Erdgasförderung und -speicherung legten moderat zu.

Fazit

  • Die Investitionen in saubere Energie haben sich mehr als verdoppelt, von 185 Milliarden Euro in 2015 auf 418 Milliarden Euro in 2025.
  • Europa investiert mittlerweile mehr als zehnmal so viel in saubere Energie wie in Öl und Gas.

Erneuerbare liefern mehr Energie als fossile Quellen

Windkraft hat Erdgas offiziell überholt und ist nun nach Kernkraft die zweitgrößte Energiequelle. Solarenergie deckte 2024 bereits elf Prozent des EU-Strombedarfs und ließ damit erstmals die Kohle hinter sich. Initiativen wie der europäische Grüne Deal haben diesen rasanten Ausbau sauberer Energie vorangetrieben.

Der Umstieg auf saubere Energien reduziert europaweit die CO₂-Emissionen. Sie sollen bis 2030 um 47 Prozent sinken, so das derzeitige Ziel. Zusätzliche geplante Maßnahmen könnten die Emissionen sogar um 54 Prozent senken. Damit würde das EU‑Ziel, die Emissionen bis 2030 gegenüber dem Niveau von 1990 um 55 Prozent zu reduzieren, fast erreicht.

Fazit

  • Die EU hat von 2021 bis 2024 die Stromerzeugungskapazität aus Photovoltaik um beeindruckende 144 Gigawatt (d. h. um 90 Prozent) ausgebaut.
  • Im gleichen Zeitraum kamen 43 Gigawatt an Windkraftkapazität hinzu, ein Anstieg von 23 Prozent.

Saubere Energie wappnet Europa gegen Schocks

Erneuerbare ersetzen bei der Stromerzeugung nach und nach teures importiertes Erdgas. Dennoch bleiben die Strom- und Erdgaspreise weiterhin hoch. Laut Investitionsumfrage sehen inzwischen rund 40 Prozent der EU‑Firmen die Energiekosten als wesentliches Investitionshemmnis. Besonders betroffen sind das verarbeitende Gewerbe und andere energieintensive Branchen.

Hohe Energiepreise beeinträchtigen Europas Wettbewerbsfähigkeit. So zahlen EU-Unternehmen für Strom im Schnitt etwa doppelt so viel wie Firmen in den USA (2024 in Europa durchschnittlich 226 Euro/MWh, in den USA 139 Euro/MWh). Und Gas war in der EU 2024 drei- bis fünfmal teurer als in den USA.

Fazit

  • Dank des hohen Anteils Erneuerbarer konnten die EU-Länder 2022 71 Milliarden Euro an Öl- und Gasimporten einsparen und 2023 – auf dem Höhepunkt der jüngsten Energiekrise – weitere 29 Milliarden Euro.
  • Seit 2010 hat die wachsende Stromerzeugung aus Windkraft schätzungsweise 115 Milliarden Euro an fossilen Importen ersetzt.

Weniger Gas

Die Gasimporte sind zurückgegangen. Grund sind eine geringere Nachfrage, umfassendere Energieeffizienz-Maßnahmen sowie der rasche Ausbau von LNG‑Terminals und schwimmenden Regasifizierungsanlagen. 2024 erreichten die LNG‑Importe ein Rekordvolumen von 76 Millionen Tonnen – etwa die Hälfte des europäischen Gasbedarfs. Ein erheblicher Teil dieser Lieferungen kommt aus den USA und aus Norwegen.

Seit 2022 sind die EU‑Länder verpflichtet, ihre Gasspeicher vor Beginn des Winters zu 80 bis 90 Prozent aufzufüllen. Am 1. März 2026 lagen die Speicherstände der EU jedoch unter denen der Vorjahre. Das 80‑Prozent‑Ziel bis kommenden November zu erreichen, dürfte daher schwieriger und – je nach Verlauf des Iran‑Konflikts – auch kostspieliger sein als bisher.

Durch die Diversifizierung der Lieferquellen und eine flexible Gasinfrastruktur ist Europa nun deutlich besser für aktuelle und künftige Versorgungsschocks gewappnet. Dennoch steht die Energiewende vor einer kritischen technischen Hürde: den Grenzen der Infrastruktur. Der Zubau dezentraler Anlagen für Erneuerbare schreitet schneller voran als die Modernisierung der europäischen Energiesysteme, vor allem der Stromnetze.

Fazit

  • Die Erdgasnachfrage der EU ging im Zeitraum 2022–2025 deutlich zurück – um etwa 19 Prozent gegenüber dem historischen Durchschnitt.
  • Russlands Anteil an der Gasversorgung der EU fiel bis August 2025 auf 12 Prozent, nach 45 Prozent im Jahr 2021.

Netzengpässe bremsen die grüne Wende

Die Folgen von Netzengpässen und fehlenden Großspeichern sind bereits sichtbar. In einigen Regionen müssen Betreiber von Erneuerbaren deshalb bereits die Produktion drosseln, damit die Großhandelspreise für Strom nicht ins Minus rutschen.

Die Engpässe bremsen auch die Elektrifizierung von Industrie und Haushalten. Die Zahl der Netzanschluss-Anträge von Unternehmen und Haushalten hat sich seit 2021 mehr als verdoppelt und lag 2024 bei über 450 000. Ohne umgehende Investitionen in flexible Netze und Speicher droht Europas grüne Wende ins Stocken zu geraten.

Fazit

  • Die Investitionen in Verteilnetze dürften 2025 bei 43 Milliarden Euro liegen – zu wenig, um Europas Netze auszubauen und zu modernisieren.
  • Schätzungen zufolge müssten jährlich zusätzlich 24 Milliarden Euro in Verteilnetze investiert werden.

Der Weg nach vorn: Stärkerer Fokus auf den EU‑Binnenmarkt

Um Europas Potenzial voll auszuschöpfen und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern, braucht es nun einen systematischen, integrierten Ansatz. Dabei gilt es, den Ausbau der Erneuerbaren mit einer schnellen Netzmodernisierung, besseren Energiespeichern, umfassenden Energiemarkt-Reformen und mehr Energieeffizienz zu verknüpfen.

Durch eine stärkere Integration der europäischen Energiesysteme könnte günstiger Grünstrom aus einer Region in andere Teile Europas fließen. Das würde die Investitionskosten zudem auf verschiedene Regionen verteilen und die Stromerzeugung insgesamt günstiger machen. Beispiel: Wenn eine Region ein Solar- oder Gaskraftwerk baut, könnte sich eine andere Region an den Kosten beteiligen, wenn sie später von dort Energie bezieht.

  • Eine Analyse des Investitionsberichts zeigt: Ein Anstieg des grenzüberschreitenden Energiehandels zwischen EU‑Ländern um 10 Prozentpunkte senkt die Preise um 1,5 Prozentpunkte.

Wenn Europa die Infrastruktur-Engpässe mit derselben Dringlichkeit angeht wie den Ausbau der Erneuerbaren, kann es seine eigene Energiezukunft gestalten – nachhaltig, widerstandsfähig gegen globale Schocks und mit niedrigeren Preisen für Haushalte und Unternehmen.

„Am Ende entscheidet die Stromrechnung über Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit“, sagt Kalantzis. „Der Iran-Konflikt führt uns das eindrücklich vor Augen.“

„Am Ende entscheidet die Stromrechnung über Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit. Der Iran-Konflikt führt uns das eindrücklich vor Augen.“
Fotios Kalantzis

Senior Economist bei der Europäischen Investitionsbank