Im Rahmen der Frühjahrstagung 2026 von IWF und Weltbank in Washington spricht die Präsidentin der EIB-Gruppe Nadia Calviño in der Brookings Institution zum Thema „Investing in a shared future“.
Vielen Dank, dass Sie heute Nachmittag hier sind. Vielen Dank auch an die Brookings Institution für die Organisation dieser Veranstaltung und dafür, dass sie uns ein Forum bietet, um zu debattieren und uns darüber auszutauschen, wie wir eine bessere, solidere und friedlichere Zukunft für alle aufbauen können. Es ist mir eine große Freude, mit diesem Gedankenaustausch eine Woche intensiver Treffen zu eröffnen.
Wir kommen zu einer Zeit zusammen, in der sehr deutlich wird, dass sich die tektonischen Platten unserer Weltordnung der letzten 80 Jahre verschieben. Diese Verschiebungen sind tiefgreifend und schnell. In manchen Regionen verursachen sie Konflikte, in anderen reißen sie Lücken auf. Die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten, geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit – all das sind Realitäten, die unsere Welt prägen und uns jeden Tag erneut erschüttern. Und ich denke, in einer solchen Zeit ist es wichtiger denn je, einen anderen Weg zu konzipieren und den Menschen zu signalisieren, dass es ihn gibt.
Das ist meine erste Botschaft an Sie: Es gibt einen anderen Weg. Es gibt einen Weg, der nicht auf Konflikt und Konfrontation setzt, sondern auf Zusammenarbeit. Einen Weg, bei dem wir mit unseren Partnern zusammenarbeiten. Denn gemeinsam können wir deutlich mehr erreichen als allein. Und ich denke, das trifft die allgemeine Stimmung hier auf der Frühjahrstagung.
Ich weiß, dass Präsident Stubb gerade zu Ihnen gesprochen hat, Finnlands Präsident und ehemaliger Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, die ich derzeit – mit großer Ehre – leite. Und ich bin sicher, dass auch er diese Botschaft vermittelt hat: Wir brauchen eine neue Weltordnung, die auf Zusammenarbeit und gegenseitigem Respekt basiert. Dazu müssen wir alle in dieselbe Richtung ziehen.
Was ich hier auch wahrnehme, ist Entschlossenheit. Entschlossenheit, unsere Kräfte zu bündeln – alle multilateralen Entwicklungsbanken, die als System zusammenarbeiten und entschlossen Brücken bauen und Wege finden, um respektvoll und konstruktiv miteinander zu reden. Denn die Frühjahrstagung von IWF und Weltbankgruppe gibt uns eine großartige Gelegenheit, noch enger zusammenzurücken und das globale Sicherheitsnetz zu stärken. Wenn wir unsere Stärken bündeln und als System in großem Maßstab handeln, können wir dort für finanzielle Stabilität und Resilienz sorgen, wo dies besonders dringend gebraucht wird. Und das wollen wir nicht nur. Das tun wir bereits.
In den vergangenen Jahren haben die multilateralen Institutionen ihre Synergien besser genutzt und ihre Arbeit besser koordiniert. Dadurch sind wir effizienter und können wir weltweit mehr bewirken. Wir haben die Forderung nach Reformen gehört – ein weiteres Thema, über das wir diese Woche hier in Washington sicher intensiv diskutieren werden. Und wir stimmen unsere Strategien immer besser aufeinander ab, teilen Risiken, vertrauen gegenseitig auf unsere Standards und Beschaffungssysteme und mobilisieren privates Kapital in großem Maßstab.
Durch diese Zusammenarbeit können wir schon heute schneller handeln, Doppelarbeit und Überschneidungen vermeiden und die positive Wirkung für unsere Partnerländer maximieren. Heute Morgen hatte ich ein Treffen mit Ajay Banga. Da haben wir genau darüber gesprochen. Und auch im Gespräch mit Kristalina Georgieva ging es exakt darum: Wie können wir noch mehr Wirkung erzielen? Wie können wir als System noch besser zusammenarbeiten? Und am Ende dieser Woche, am Freitag, werden wir mit allen multilateralen Entwicklungsinstitutionen überlegen, wie wir diesen Ansatz auf die nächste Stufe heben können.
Deshalb lautet meine zentrale Botschaft an Sie: Mit starken Partnerschaften bauen wir eine positivere Zukunft für alle.
Lassen Sie mich diese Zusammenarbeit veranschaulichen. Diese Woche unterzeichnen wir eine Reihe von Vereinbarungen für Wasser. Die Europäische Investitionsbank schließt sich unter anderem der „Water Forward“-Initiative an. Damit wollen wir die Wassersicherheit für 300 Millionen Menschen herstellen. So leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Ziel, bis 2030 eine Milliarde Menschen zu erreichen.
Die globale Gesundheit gehört ebenfalls zu den Top-Prioritäten der EIB-Gruppe. Wir unterstützen weltweit Investitionen in Gesundheitsinfrastruktur, Biowissenschaften und die Impfstoffproduktion. Diese Woche unterzeichnen wir mit unseren Partnern einen Finanzierungsvertrag für ein wirklich wegweisendes Projekt: den weltweit ersten Standort für die End-to-End-Herstellung mehrerer Impfstoffe in Südafrika. Damit knüpfen wir an vorherige Vereinbarungen für die Impfstoffproduktion in Senegal, Ghana und Ruanda an.
Das ist ein Musterbeispiel für Zusammenarbeit. Dabei arbeiten wir mit der Weltbankgruppe zusammen. Ebenfalls im Boot sind der Privatsektor, die Impfallianz und die Weltgesundheitsorganisation.
Mit diesem Beispiel will ich verdeutlichen: Wir lassen Worten Taten folgen. Diese Woche unterzeichnen wir hier in Washington Vereinbarungen, die zeigen, dass multilaterale Institutionen weltweit maßgeblich zu Wachstum und Wohlstand beitragen.
Damit komme ich zu meiner zweiten Botschaft: Zusammenarbeit muss sich in großer systemischer Wirkung niederschlagen. Zusammenarbeit klingt gut. Aber sie bringt nur etwas, wenn sie auch Ergebnisse liefert – und zwar schnell und in großem Umfang. In einer Welt, die sich so schnell verändert, brauchen wir Systeme, die effizient funktionieren. Und dafür reichen öffentliche Mittel allein nicht aus.
Deshalb diskutieren wir diese Woche und auch in den kommenden Monaten intensiv darüber, wie wir privates Kapital mobilisieren können, damit auch der Privatsektor zu diesen gemeinsamen Zielen beiträgt, zu diesen öffentlichen Gütern, die die Welt von morgen prägen sollen.
Dabei geht es um Geld, aber auch um Daten und Informationen.
Im heutigen Gespräch mit Ajay Banga ging es auch um die Bedeutung der Global Emerging Markets Database. Die GEMs bündelt Schwellenländer-Daten der letzten 40 Jahre von allen multilateralen Institutionen und von einigen nationalen Förderbanken. Ihre umfangreichen Informationen sind ein wichtiger Input für Ratingagenturen und private Investoren. Und diese Datenbank ist sehr aufschlussreich. Die Ausfallquoten in Schwellenländern sind nämlich durchaus mit denen fortgeschrittener Volkswirtschaften vergleichbar, und die Erlösquoten sind oft sogar höher. Das ist eine sehr wichtige Info für private Geldgeber. So lassen sich weltweit private Investitionen für Entwicklung und Fortschritt mobilisieren.
Wir sind sehr stolz darauf, zur Familie der multilateralen Entwicklungsbanken zu gehören. Dabei finanzieren und kofinanzieren wir nicht nur einzelne Projekte, sondern tragen auch mit Sachkenntnis und Informationen dazu bei, weltweit privates Kapital zu mobilisieren.
Nächstes Jahr übernimmt die Europäische Investitionsbank-Gruppe den Vorsitz der Familie der multilateralen Entwicklungsbanken. Das ist eine Verantwortung, die wir sehr ernst nehmen, vor allem im aktuellen geopolitischen Kontext.
Diese Woche besprechen wir, welche Prioritäten wir setzen wollen. Die Mobilisierung von privatem Kapital gehört ganz sicher dazu. Auch Wasser und Nachhaltigkeit und natürlich globale Gesundheit und Humankapital. Mit Kristalina haben wir heute auch über die Bedeutung künstlicher Intelligenz gesprochen, über ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Und natürlich auch über kritische Rohstoffe, die für die strategische Autonomie unserer Volkswirtschaften immer wichtiger werden.
Damit komme ich zu meinem dritten und letzten Punkt: die Kraft der Werte. Die Europäische Investitionsbank befindet sich heute in gewisser Weise in einer ganz besonderen Position. Unsere Anteilseigner sind die 27 EU-Mitgliedstaaten, nicht mehr und nicht weniger.
Und die haben unsere strategische Ausrichtung einstimmig gebilligt – für unsere Aktivitäten innerhalb der EU und auch weltweit, wo wir rund 10 Prozent unseres jährlichen Finanzierungsvolumens vergeben. Letztes Jahr hatten wir ein Gesamtvolumen von 100 Milliarden Euro.
Bei unseren Aktivitäten außerhalb der EU geht es uns auch immer um Win-win-Lösungen und um Entwicklung und Wohlstand. Dabei orientieren wir uns an den Prioritäten und Werten der EU, und wir lassen unseren Worten Taten folgen. Jedes Projekt, das wir finanzieren, unterstreicht dieses Engagement. Jede Schule, die in der Ukraine wiederaufgebaut wird, jedes Mädchen, das in Angola gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft wird, jede Frau, die Zugang zu Verhütungsmitteln erhält und dadurch selbstbestimmt leben kann. Jeder Tropfen Trinkwasser in Bangladesch, in Gambia oder in Jordanien, jede U-Bahn-Linie, die die Europäische Investitionsbank in Vietnam oder Indien finanziert, jedes Grünstromprojekt in Ägypten oder in Mittelamerika. Ebenso Kredite an Landwirtinnen und Landwirte in Côte d’Ivoire und Sierra Leone, und auch Projekte in entlegenen Regionen in Kamerun. Wir sind überzeugt: Jedes dieser Projekte schafft mehr Wohlstand und steht für unsere gemeinsamen europäischen Werte.
Mit diesen Projekten leisten wir einen konkreten Beitrag zu Frieden, Wachstum, Stabilität und Sicherheit in der Welt. Lassen Sie mich meine einleitenden Bemerkungen hier schließen. Ich bin sicher, wir haben anschließend zusammen mit dem Publikum einen intensiven und interessanten Austausch. Ich möchte dabei noch einmal das klare Bekenntnis der Europäischen Investitionsbank als Finanzierungseinrichtung der Europäischen Union unterstreichen:
Wir wollen weiter Win-win-Partnerschaften aufbauen. Das möchte ich ganz besonders betonen: Partnerschaften, bei denen alle gewinnen und keiner verliert. Partnerschaften, die auf gegenseitigem Respekt, auf Demokratie und auf Frieden beruhen. Das ist nicht nur richtig, sondern auch klug. Denn Investitionen in einen offenen, regelbasierten Handel, in Wachstum, in ökologisch nachhaltigen Wohlstand, in faire und stabile Gesellschaften weltweit – vor allem in Europas Nachbarschaft –, Investitionen in die Diversifizierung von Lieferketten, in mehr Sicherheit, den globalen Gesundheitsschutz, die Erschließung neuer Märkte und die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze bedeuten letztlich eines: Wir investieren in unsere Zukunft. Wir schaffen dauerhaften und – ganz nach dem Motto dieser Woche – gemeinsamen Wohlstand.
Damit möchte ich schließen. Vielen Dank.