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    Carsten Jensen

    IN KREATIVEM LICHT: GESCHICHTEN AUS OUARZAZATE
    Autorentexte für die Europäische Investitionsbank, gefördert durch die Nachbarschaftsinvestitionsfazilität der Europäischen Union


    Noor ist eine Lobpreisung der Sonne, nicht als Göttin, sondern als Partnerin.

    Ich hätte nie geglaubt, dass ich die Industrie einmal mit Offenbarungen in Verbindung bringen würde. Und schon gar nicht Kraftwerke.

    Und doch. Ich bin hingerissen, als ich in der Nähe von Ouarzazate im Süden Marokkos in die Wüste fahre. Etwas weiter entfernt wird der Horizont durch das Atlas-Gebirge begrenzt, ansonsten breitet sich die Wüste wie ein steiniger, ausgetrockneter Meeresboden aus – die Lokalbevölkerung behauptet im Übrigen, dass die weißen Salzflecken, die hier und da in den grauen und schwarzgrauen Basaltsteinen aufleuchten, Reste des Meeres sind, das einstmals dieses Gebiet bedeckte. Ich bin hier auf Einladung der Europäischen Investitionsbank, die über dreihundert Millionen Euro in eine Anlage investiert hat, die einmal das weltweit größte Solarkraftwerk werden soll. Eine Million Menschen werden mit Strom versorgt, und der gefährdeten Atmosphäre der Erde wird eine Emission von siebenhundertfünfzigtausend Tonnen Kohlendioxid erspart.

    »Schau dich um. Schreib, was du willst«, lautet die Einladung des Sprechers der Investitionsbank, des britischen Schriftstellers Matthew Rees.

    Hier wachsen keine Pflanzen, sondern Licht.

    Ich sehe mich um. Sonnenfelder! Hier wachsen keine Pflanzen, sondern Licht. Hier wächst die Sonne. Noor heißt die Anlage. Es bedeutet »Licht« auf Arabisch. Tausende vier Meter hohe, konkave Spiegel in achtzig Meter langen Reihen gehorchen dem Kommando der Sonne und drehen sich in großen, blendenden Blitzen nach ihrem Taktstock. Lastwagen mit Wassertanks fahren zwischen den Spiegeln umher und reinigen sie mit Hochdruckschläuchen und Bürsten. Die Anlage ist ein gigantisches Selfie für die Sonne, kein Auge kann direkt in sie hineinsehen, ohne Schaden zu nehmen. Hier werden nicht wir gespiegelt, sondern unsere Zukunft.

    Ich gestehe es. Ich habe eine Offenbarung, als ich im südlichen Marokko in der Wüste vor dem weltweit größten Solarkraftwerk stehe.

    Ich gestehe es. Ich habe eine Offenbarung, als ich im südlichen Marokko in der Wüste vor dem weltweit größten Solarkraftwerk stehe. Meine Offenbarung ist nicht religiöser Natur, zweifellos aber hat sie etwas mit dem undefinierbaren und nicht so recht fassbaren Begriff Glauben zu tun. Es ist ein Glaube an die Menschheit, an deren unerschöpflichen Erfindungsreichtum und Überlebenswillen; allerdings nicht an einen Überlebenswille wie in der brutalen Epoche des Industrialismus, der sich in Metaphern ausdrückte, die dem Krieg entsprangen, sondern an einen Überlebenswille aus der Sphäre des Zusammenlebens und der Gemeinschaft. Denn was ist ein Sonnenspiegel anderes als eine Zusammenarbeit mit der Sonne?

    Im Gymnasium las ich ein Gedicht des englischen Dichters Stephen Spender, The Pylons, geschrieben in den dreißiger Jahren als provokante Huldigung an die verunstaltenden Hochspannungsmasten, die den Fortschritt repräsentierten – auf hohen Stahlbeinen durchkreuzen sie die Landschaft und zergliedern die Wege, niedrige Steinhäuser und Kastanienbäume, die mit der arroganten Höhe der Masten konfrontiert werden, wirken zwergenhaft. Heute ist Spender ein vergessener Dichter. Damals begründete er eine Schule und gab einer ganzen Gruppe von Dichtern ihren Namen, The Pylon-Poets. Ich mochte das Gedicht nicht. Der Romantiker in mir wehrte sich gegen diese höhnische, herablassende Sicht auf die Natur, die von einem Fortschritt besiegt wird, den Spender mit »zornigen Peitschenhieben / mit der Gefährlichkeit des Blitzes« vergleicht. Auch die poetische Vision von zukünftigen Städten mit so hohen Gebäuden, dass die Wolken ihre schwanenweißen Hälse daran lehnen können, konnte mich nicht versöhnen.

    Es mag sein, dass romantische Teenager wie ich, inspiriert von der Naturschwärmerei der Hippie-Zeit, nicht auf Stephen Spenders Seite waren, der Fortschritt jedoch war es, und vielleicht liegt es daran, dass Spender heute vergessen ist. Ein Dichter darf nicht zu sehr mit dem Zeitgeist harmonieren, wenn er in Erinnerung bleiben will.

    Ein Dichter darf nicht zu sehr mit dem Zeitgeist harmonieren, wenn er in Erinnerung bleiben will.

    Der Vormarsch der Hochspannungsmasten hielt an. Aber den Planeten bedecken sie noch immer nicht. Große Teile des afrikanischen Kontinents sind ohne Elektrizität. Es gab dreißigtausend schwer bewaffnete ausländische Soldaten in der dünn besiedelten Provinz Helmand in Afghanistan, aber sie hinterließen nicht einen einzigen Hochspannungsmast. Ein afghanischer Dichter hätte sich Stephen Spenders Pylon-Poets anschließen können, aber die marschierenden Stahlmasten des Fortschritts wären achtzig Jahre später noch immer ein Traum, unrealistischer als die poetischste Vision.

    Das heruntergekommene Wasserkraftwerk in Helmands Handelszentrum Gereskh, dem Standort der dänischen Truppen, erhielt in den fünfzehn Jahren Krieg und Besatzung nie die neuen Turbinen, die man bestellt hatte. Als ich bei fünfundvierzig Grad Hitze, unter einer Sonne, die unbarmherzig die Flüsse der Gegend austrocknete und die umliegende Steinwüste versengte, mit Eng Nasrullah-Qani, dem Direktor der Helmand Electricity Company sprach, räumte er ein, dass er noch immer keine Firma gefunden hätte, die die Hochspannungsmasten errichten könnte, die irgendwann in einer unbestimmten Zukunft den Strom zur Bevölkerung bringen sollten.

    Unterdessen nahmen die Menschen die Sache selbst in die Hand. Während meines ersten Besuches in Helmand im Jahr 2009 hörte ich, wie ein dänischer Oberst erklärte, auf dänische Initiative seien Solarpanels installiert worden, die den Strom für die Straßenbeleuchtung von Gereskh liefern sollten, und ich dachte, es sei eine hohle Geste, ein Ausdruck der gleichen Unwissenheit, mit der man einem Analphabeten einen Computer schenkt, ein utopisches, unangebrachtes Wohlwollen, das nichts mit der qualvollen Realität Afghanistans zu tun hat. Sonnenpanels standen vermutlich ganz unten auf der Wunschliste einer unterernährten, vom Krieg heimgesuchten Bevölkerung mit einem kaum existierenden Gesundheitswesen und einer erschütternd niedrigen durchschnittlichen Lebenserwartung.

    Als ich 2016, sieben Jahre später, mit dem norwegischen Dokumentaristen Anders Hammer nach Helmand zurückkehrte, sah ich ein, dass ich mich geirrt hatte. Ich hatte die Afghanen unterschätzt. Die Straßenbeleuchtung in Gereskh, die die Dänen so fürsorglich installiert hatten, war in der Tat verschwunden. Die Rahmen, in denen die Sonnenpanels befestigt waren, hingen entlang der dunklen Straßen leer an den Laternenpfählen. Die Bevölkerung hatte die Energieversorgung selbst übernommen und die Panels gestohlen. Sie saßen nun auf den Dächern der improvisierten Buden, die sich an der Durchgangsstraße quer durch die Stadt entlangziehen. Das war jedoch nicht das Einzige. Die effektiven Sonnenpanels waren ausgesprochen gefragt, sie wurden jetzt überall zum Kauf angeboten. In dem großen Vakuum der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung nach bald vierzig Jahre Krieg handelt die afghanische Bevölkerung eigenständig, und die einzige Spur, die die dänischen Soldaten nach einem teuren und vergeblichen Kriegseinsatz in Helmand hinterlassen haben, ist die Inspiration, die die gestohlenen Sonnenpanels vermitteln.

    Ich war schon immer begeistert von dem Wort Sonnenkollektor. Ich weiß nicht, was der Unterschied zwischen einem Sonnenkollektor und Solarzellen ist, aber das Internet belehrt mich, dass Solarzellen Strom produzieren, während Sonnenkollektoren Wasser erwärmen. Ich finde, das Wort Sonnenkollektor sollte beides umfassen. Ich denke an ein Schmetterlingsnetz, dieses leichte Hilfsmittel, um eines der Wunder der Natur einzufangen, eine flatternde Blume, die mit dem Muster ihrer Flügel beweist, welch große Designerin die Natur ist. Ein Schmetterlingsnetz ist keine Mausefalle, wo denjenigen, die sich anlocken lassen, der Hals gebrochen wird. Der Industrialismus ist die Mausefalle, wenn es um die Natur geht. Die Sonnenenergie ist das Schmetterlingsnetz, das den Schmetterling weiterhin glücklich flattern lässt.

    Wenn der Industrialismus in seinem Verhältnis zur Natur beschrieben werden soll, stammen sämtliche Metaphern aus der Welt des Krieges. Wir beschreiben uns selbst als Herren der Natur: Wir haben die Natur besiegt, wir haben sie uns unterworfen, oder wir nutzen sie aus. Die Natur ist ein überwundener Feind oder ein rechtloser Sklave, der sämtliche Schläge erträgt – die Narben der Kohle- und Kupferbergwerke in der Landschaft, die unsichtbare Vergewaltigung der Erdatmosphäre durch fossile Brennstoffe, die Ausrottung einer steigenden Anzahl von Arten.

    Zu spät wurde uns unter der Bedrohung des Klimawandels klar, dass die Naturwissenschaft nur halbe und stets nutzenbestimmte Einsichten hervorbringt, mit unserem lärmenden, kurzsichtigen Denken haben wir schlummernde Ungeheuer geweckt, Naturgesetze, deren Konsequenzen wir nie verstanden haben. Unsere eigene Zukunft kehrt sich nun gegen uns. Wenn wir Kohlebergwerke und Ölfelder immer tiefer in die Erde treiben, sind wir unsere eigenen Totengräber. Sonnenkollektoren sind das genaue Gegenteil von all dem, wir arbeiten mit der Natur zusammen, als Winterkinder, die endlich der Dunkelheit entkommen wollen, nehmen wir das Geschenk des Sonnenscheins entgegen.

    Trotz der Wüste ist das Gebiet um Ouarzazate eine historisch reiche Gegend. Nicht weit von der avancierten Hochtechnologie wohnen Bauern noch immer in Lehmhäusern, aus deren getrockneten Lehmblöcken, die als Mauersteine verwendet wurden, Stroh herausragt. Einige Dörfer sind umgeben von Ruinen, reich ornamentierten Türmen und Gebäuden, die aus einer nicht allzu fernen Vergangenheit stammen, als hier noch Juden lebten. Marokko ist das Produkt einer Mischkultur aus Arabern, Berbern, Juden und Europäern. Welchen Sinn hat es, nach der Kultur dieser enormen Sonnenenergie-Anlage zu fragen, die auf einem Areal von dreitausend Hektar heranwächst? Marokkanische Initiative, europäisches Geld, saudi-arabische Unternehmen, spanische Technologie, chinesische Arbeitskraft. Welche Summe ergibt das? Ein multikulturelles Unternehmen? Oder eher etwas, das mit dem Alles-oder-nichts-Begriff Globalisierung versehen werden muss, eine neue Hybridkultur, die mal ein Schimpfwort, mal eine unmissverständlich weltverändernde Kraft ist, und manchmal beides zur gleichen Zeit?

    Wenn wir schon ein Kulturetikett anheften wollen, dann ist eine Sonnenenergie-Anlage doch eher eine Kultur, die sich von der Zeit- und Ortsgebundenheit gelöst hat und stattdessen einen universell menschlichen Zug ausdrückt, unsere Erfindungsgabe. Ist es nicht die Kultur des Erfindungsreichtums, die den Rhythmus der Weltgeschichte bestimmt, ihre Rückschläge und ihren Fortschritt? Mal verursachen wir Katastrophen mit unserer Erfindungsgabe, mal retten wir uns dadurch wieder aus ihnen. Und mit jeder neuen Rettung belasten wir unseren Planeten mehr, obwohl wir – im Gesamtzusammenhang gesehen – nicht größer als Ameisen sind. Unsere Atemzüge werden die Atemzüge des Planeten. Wir haben die Erdatmosphäre in einen geschlossen Raum verwandelt, in dem das Kohlendioxid mehr und mehr zunimmt und es immer weniger Sauerstoff gibt. Wir haben stets unsere Gemeinschaft mit allen lebenden Arten verleugnet. Doch nun ist es offensichtlich, dass wir ein gemeinsames Schicksal teilen. Ihr Leben und Tod hängt von uns ab. Wenn wir als Art unabsichtlich Selbstmord begehen, reißen wir andere Arten mit uns. Man muss nur mal an einem Sommertag aufs Land fahren und horchen. Das Summen der Insekten ist verschwunden. Der Vogelgesang, einst ein Chor, ist jetzt ein paar übriggebliebenen Solostimmen vorbehalten. Das Aussterben der Arten spielt sich bereits vor unseren Augen und Ohren ab.

    Die tote Wüste war niemals tot. In Gängen unter dem glühend heißen Sand wimmelt es vor Leben. Und mitten im Sand hat sich auch schon immer etwas anderes abgespielt. Schon immer war die Wüste Inspiration für Fantasten und Fanatiker. Jesus fastete vierzig Tage in der Wüste und wurde von Satan in Versuchung gebracht. Simeon der Säulenheilige saß mitten in der nordsyrischen Wüste auf seiner Säule. Die vor Hitze flimmernde Luft gebiert Fata Morganas, nicht nur am wabernden Horizont der Wüste, sondern auch im Kopf dessen, der sich ungeschützt den Hammerschlägen der Sonne aussetzt. Gehirnerschütterung nennen wir es, wenn die empfindliche Hirnschale einem allzu harten Stoß oder Schlag ausgesetzt ist. Aber sind Visionen nicht auch eine Art Gehirnerschütterung? Historisch gesehen waren die durch die Wüste verursachten Gehirnerschütterungen meist religiöser Art. Mitten in der unfruchtbaren, vor Hitze flimmernden Wüste entstand der Traum vom fruchtbaren Garten des Paradieses.

    Kann die Wüste auch zu praktischen Gehirnerschütterungen führen, zu Erscheinungen, erträumt von Fantasten, die ihre Hände zu gebrauchen wissen, und einer Vision, die nicht nur vom Paradies handelt, sondern mindestens ebenso sehr von dem Weg dorthin?

    Ich will hier keine Idylle schaffen. König Mohammed VI., der Marokko seit 1999 regiert, ist kein Demokrat. Er hat mit politischem Druck vermieden, dass der Frühjahrssturm, der sich in den arabischen Ländern und im Nahen Osten unter den optimistischen Namen »Arabischer Frühling« erhob, verheerende Konsequenzen hatte. Es passierten keine Katastrophen in Marokko. An Weitsicht fehlt es Mohammed VI. jedoch nicht. Er hat geplant, dass 52 % des Stromverbrauchs Marokkos im Jahr 2030 auf erneuerbarer Energie beruhen soll. Deshalb erhebt sich Noor aus der Wüste.

    Die saudi-arabische Unternehmensgesellschaft ACWA Power, die in Zusammenarbeit mit der zum Teil staatlichen marokkanischen Gesellschaft Masen für den Bau der Solarenergie-Anlage verantwortlich ist, ist hier nur wegen des Geldes und des Profits. Daran lässt der Sprecher der Gesellschaft Deon Du Toit, ein massiv gebauter Südafrikaner, keinen Zweifel. »Geld«, sagt er. »Investitionen. Finanzielle Vorteile!«

    »Ich habe früher in der Ölindustrie gearbeitet«, erzählt der Ingenieur Tarik Bourquouquou, der mich auf der Anlage herumführt. »Aber die Ölindustrie ist ein sinkendes Schiff. Jetzt bin ich hier.«

    Die dreitausend chinesischen Vertragsarbeiter, die in einem erschöpfenden Dreischichtensystem am Bau des Kraftwerks arbeiten, sehen nicht aus, als wären sie an erneuerbarer Energie interessiert. Träge und unwillig schleichen sie aus den Bussen, die sie von den Schlafbaracken zu der Anlage bringen. Ohne Privatleben, mit einer Familie, die zehntausende Kilometer entfernt auf den mageren Lohn wartet, sind sie die Tagelöhner des Planeten, ein rechtloses Proletariat, das ohne Anerkennung die Globalisierung auf ihren hängenden Schultern trägt. Große Schilder teilen mit, wie viele Millionen Arbeitsstunden bisher geleistet wurden, andere informieren über die Arbeitszeit, die aufgrund von Unfällen verloren gegangen ist. Auf Noor 2, dessen Bau vierhundertdreiundneunzig Tage gedauert hat, entfielen 4.464.794 Arbeitsstunden. Noor 3 liegt bei sechshundertsiebenunddreißig Tagen und insgesamt 4.920.475 Arbeitsstunden. Aufgeregte Mao-rote Transparente bellen auf Chinesisch das Kommando, Arbeitsunfälle zu vermeiden, nicht weil dabei Leben verloren gehen, sondern weil Unfälle die Produktivität senken. »Sicherheit bei der Arbeit erhöht die Produktivität!« Nein, der Mensch steht an diesem Arbeitsplatz nicht im Zentrum.

    Ich verstehe nicht viel von der Technik, aber ich mache mir Notizen aus Respekt vor dem Erfindungsreichtum, dessen Zeuge ich hier bin. Die Energie, die beim Zusammentreffen der Spiegel mit der Sonne entsteht, wird in synthetisches Öl überführt, das unter dem Namen »Heat Transfer Fluid« bei einer Temperatur von ungefähr vierhundert Grad in großen Tanks mit geschmolzenem Salz endet, dessen Temperatur ebenso so hoch oder noch höher ist. Ich verstehe, dass die Salztanks der große technologische Fortschritt sind. Jetzt kann Sonnenenergie bewahrt werden und auch nach Einbruch der Dunkelheit noch Strom liefern, wenn die Lichter in den Städten eingeschaltet werden.

    Die Spiegelreihen in Noor 1 und 2 beeindrucken nicht durch ihre Höhe. Dennoch wirken sie, aufgehängt in ihren Stahlstativen, gigantisch, sogar im Vergleich mit den schweren Lastwagen, die sich zwischen ihnen in dem ausgefahrenen Kies des enormen Bauplatzes bewegen. Die Größenverhältnisse sind überwältigend. Aber nicht so überwältigend wie der Gedanke, dass diese Glasflächen, die zusammen zehntausende Tonnen wiegen, lichtempfindlich sind und sich ihre Bewegungen bis in die kleinste Veränderung von etwas so Unkörperlichem wie den Einfallswinkeln der Sonnenstrahlen diktieren lassen.

    Die Größenverhältnisse sind überwältigend. Aber nicht so überwältigend wie der Gedanke, dass diese Glasflächen, die zusammen zehntausende Tonnen wiegen, lichtempfindlich sind und sich ihre Bewegungen bis in die kleinste Veränderung von etwas so Unkörperlichem wie den Einfallswinkeln der Sonnenstrahlen diktieren lassen.

    Noor 3 ist ganz anders gebaut. Hier sind die Spiegel waagerecht auf einer Plattform angebracht, die auf einer zehn Meter hohen Säule ruht. Die Plattformen, die ungefähr die Größe eines Tennisplatzes haben, orientieren sich ebenfalls am Licht und senden es in einem konzentrierten Strahl zu einem zweihundertfünfzig Meter hohen sogenannten Solarturm, dessen transparente Spitze es in einem weißglühenden Widerschein speichert. Ich habe nicht die Fantasie, mir vorzustellen, wie es aussehen wird, wenn die Anlage fertiggestellt ist und der Solarturm anfängt zu glühen. Aber auf der Fahrt unter den siebentausendneunhundert Plattformen habe ich das Gefühl, als befände ich mich in einem magischen Wald aus Pilzen, in dem ich selbst auf die Größe eines Käfers geschrumpft bin. Und wenn ich an all diese Plattformen denke, die sich auf denselben Punkt auf dem riesigen Turm konzentrieren, der Afrikas höchster Turm wird, sehe ich Hofdamen vor mir, die ihren Knicks vor dem Sonnenkönig am französischen Hof machen. Die gesamte Anlage ist von einer seltsamen Anmut, als sähe man die brutale Epoche des Industrialismus als Ballett wiederaufgeführt. Noor ist eine Lobpreisung der Sonne, nicht als Göttin, sondern als Partnerin.

    Noor ist eine Lobpreisung der Sonne, nicht als Göttin, sondern als Partnerin.

    Ein Archäologe aus dem äußeren All würde seinen Fund hier mitten in der südmarokkanischen Wüstenebene als Ausdruck von Kunst oder einer religiösen Handlung interpretieren, wenn es denn Religion oder Kunst im All gibt. Und doch ist es nichts anderes als eine praktische Maßnahme, die unser Überleben auf diesem Planeten sichern soll. Noor ist Ausdruck eines allmählich wachsenden Verständnisses, dass wir nicht die Herren der Schöpfung sind – und das ist ganz entscheidend. Wir haben diesen Planeten nur geliehen, daher ist es so wichtig, dass wir nicht allzu große Spuren hinterlassen. Kleine Fußabdrücke am Strand, keine zerstörten Landschaften und ökologische Ungleichgewichte.

    Ja, hinterlassen wir Noor, andere Solarenergie-Anlagen und die Parade der Windmühlen zukünftigen Archäologen aus dem All, Hauptsache, die gesamte Erde wird nicht in Meeresböden und evakuierte Städte transformiert, deren leere Gebäude wie dröhnende Fragezeichen über den Sinn und Zweck unseres Aufenthalts auf diesem Planeten zurückbleiben, während die unbeteiligten Wolken ihre schwanenweißen Hälse dagegen lehnen.

    Nicht weit von Noor entfernt liegt die uralte befestigte Stadt Ksar Ait Benhaddou, die mit steilen Treppengassen einen Berg hinaufkriecht. Wie die Solarenergie-Anlage ist sie ein Ort, der weniger mit der ihn umgebenden Landschaft verbunden ist, sondern eher mit universellen Verbindungslinien. Ksar Ait Benhaddou war nicht nur eine wichtige Stadt auf der Handelsroute, die acht Jahrhunderte lang das Afrika südlich der Sahara mit der nordafrikanischen Küste, Europa und dem Nahen Osten verband, die Stadt hatte auch einmal eine jüdische Königin. Eine Synagoge ist noch erhalten, und in der Wüste am Fuß des Berges liegt, geschützt hinter Mauern, ein jüdischer Friedhof. Aber was noch wichtiger ist: Eines der größten Filmstudios der Welt, das Atlas Film Studio, liegt gleich in der Nähe, und Ksar Ait Benhaddou, das vor fünfhundert Jahren seinen Ruf als Handelsstadt verlor, ist die am häufigsten benutzte Kulisse der Filmgeschichte geworden.

    Es gibt keinen Filmliebhaber auf der Welt, der sich nicht irgendwann einmal in der Wüste und in den Bergen rund um Ksar Ait Benhaddou aufgehalten hat, egal, ob sie oder er vor über fünfzig Jahren als Zuschauer von Lawrence von Arabien in der Dunkelheit eines Kinos gesessen hat, oder heute daheim auf dem Sofa sitzt und Game of Thrones streamt. Die Einwohner dieser uralten Handelsstadt haben als Statisten in allen historischen Epochen gelebt, in vielen Kulturen und auf vielen Kontinenten, sie haben das Ägypten der Pharaonen gesehen, Jesus in Jerusalem, die ersten wie die letzten Tage des Römischen Reichs, die Kreuzzüge im Nahen Osten, Napoleons Feldzug in Ägypten, die großen Kriege des 20. Jahrhunderts. Die Wüste war schon immer eine der großen Schlachtfelder der Menschheit und eine Inspiration für Fantasten, ob sie nun auf einer Säule hockten oder hinter einer Filmkamera standen, und die Einwohner von Ksar Ait Benhaddou sind vor der Kamera wahre Weltbürger geworden.

    Ich verlasse Ksar Ait Benhaddou mit einem Gefühl, dass wir alle Einwohner dieser Berg- und Handelsstadt im Süden Marokkos geworden sind. Noor ist weder marokkanisch, noch europäisch oder saudi-arabisch, sondern ein Ausdruck eines gemeinsamen menschlichen Strebens, ein Schlachtfeld, auf dem unsere Zukunft entschieden wird, nicht im Krieg miteinander, Zivilisation gegen Zivilisation, oder gegen die Natur, sondern in einem letzten Versuch, unseren Untergang abzuwehren, in einer Zusammenarbeit mit der Natur, die wir misshandelt haben.

    Darf ich einen Schritt weiter gehen? Während ich mich in Ksar Ait Benhaddou aufhalte, höre ich den Muezzin vom Minarett den Gesang anstimmen. Ich sage absichtlich »den Gesang anstimmen«, denn seine Stimme ist so anders als die der Muezzins, die ich bei anderen Gelegenheiten gehört habe. Sie hat nichts Kommandierendes, Mahnendes oder Gebieterisches, keine Forderung nach Unterwerfung unter einen unergründlichen oder rachsüchtigen Gott. Stattdessen preist die Stimme in der schönsten, melodischsten Tonlage Gottes Schöpfung, und ich erlebe dies, als ob die Wüste, die sie umgebenden Berge, der Fluss, der am Fuße der Stadt fließt, alle Pflanzen und Früchte des Feldes, und die Menschen, die sie pflanzen und ernten, durch den Muezzin eine Stimme bekommen und in den Lobgesang einstimmen.

    Nein, ich bin nicht religiös, ich glaube nicht, dass Gott die Welt erschaffen hat, weder in sechs Tagen noch in über vier Milliarden Jahren. Das ist in diesem Moment jedoch gleichgültig. Die Stimme des Muezzins lädt mich in die Schöpfung ein. Ich denke an Noors Ingenieur Tarik Bourquouquou, der mir die Technik hinter der Solarenergie-Anlage erklärt, und ich fühle, dass der Ingenieur und der Muezzin über dasselbe sprechen und singen.

    Durch einen Zufall bin ich ein paar Wochen später in Spanien, in Granada, wo ich die Alhambra besuche. Der Palast repräsentiert die letzten Reste des maurischen Einflusses, bevor Juden und Moslems im gleichen Jahr, in dem Kolumbus Amerika entdeckte, von Königin Isabella aus ihrem katholischen Mutterland vertrieben wurden. Die Schönheit der Alhambra wurde so oft gepriesen, dass ich es hier nicht noch einmal wiederholen muss. Aber in den Sälen des Nasridenpalasts stellt sich ein ähnliches Gefühl ein wie in Noor. Die Kuppeln der beiden Säle, Sala de las dos Hermanas und Sala des los Abencerrajos, sind wie ein schwindelnder Blick hinauf in den Kosmos, geometrische Muster einer feinen und tiefsinnigen Schönheit, bei der mir der Gedanke durch den Kopf geht, dass die Mathematik die anspruchsvollste Geisteswissenschaft ist.

    Im physischen Sinn gibt es nichts Großartiges an dem Nasridenpalast. Eher drückt sich in der freiwilligen Beschränkung des Raums die »Ästhetik des Kleinen« aus, der Garcia Lorca, der Dichter aus Granada, Hunderte von Jahren später in seinen Schriften huldigt – inspiriert von der Alhambra. Diese Ästhetik, die nie irgendwelche architektonischen Nachfolger gefunden hat, entspringt dem Geisteszustand von Menschen, die sich als belagert empfanden und wussten, dass ihre Tage gezählt waren. Die Mauren waren in ganz Spanien auf dem Rückzug, als der Nasridenpalast seine endgültige Form fand. Die Alhambra war eine überlebende Enklave. Nicht aus Herrschsucht und Expansionsdrang wurde diese einzigartige Kultur geschaffen, sondern aus der lebensklugen Einsicht in die Endlichkeit aller Dinge, dadurch wurde das Kleine zur Ästhetik und führte zur letzten Blüte einer einzigartigen Kultur.

    Unter der Bedrohung des Klimawandels sind wir als globale Zivilisation im Belagerungszustand. Die Zeiten der Herrschsucht sind vorbei. Lasst uns die Abdankung der Herrscher der Schöpfung feiern, statt sie zu beweinen. Wenn wir uns klug verhalten, erleben wir nicht den Untergang unserer Zivilisation, sondern den Beginn einer neuen, einer Gemeinschaft, die vereint anstatt zu trennen, und die nicht anmaßende Größe, sondern die Schönheit des Kleinen pflegt.

    Wir können mit Spiegeln beginnen, die sich wie die Sonnenblumen auf den Feld nach der Sonne drehen.

    Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg